{"id":917,"date":"2021-01-11T07:58:47","date_gmt":"2021-01-11T07:58:47","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/business-psychology\/?p=917"},"modified":"2026-01-28T14:53:11","modified_gmt":"2026-01-28T13:53:11","slug":"marshmallow-experiment-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/business-psychology\/marshmallow-experiment-1\/","title":{"rendered":"Wer warten kann hat&#8217;s drauf? Inwiefern Marshmallows als Indikator f\u00fcr unseren Erfolg dienen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\">Lesezeit 7&#8242; Minuten \/\/ Ein Beitrag von <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/pia-aeberhard-62365a165\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pia Aeberhard<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Klassiker der experimentellen Psychologie: Was wurde im Experiment von Walter Mischel untersucht?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Beim Marshmallow-Test wird die F\u00e4higkeit von Kindern, die eigenen&nbsp;<strong>Impulse zu steuern<\/strong>&nbsp;und&nbsp;<strong>sich selbst zu kontrollieren,<\/strong>&nbsp;auf eine harte Probe gestellt: Die Kleinen haben bei diesem Experiment die Wahl zwischen&nbsp;<em>einem<\/em>&nbsp;Marshmallow, das sie sofort essen d\u00fcrfen, oder&nbsp;<em>zwei<\/em>&nbsp;Marshmallows, wobei sie das zweite erst nach einer Wartezeit von 15 Minuten bekommen und nur unter der Voraussetzung, dass das erste in der Zwischenzeit nicht bereits verputzt wurde. Hierbei soll untersucht werden, wie gut den Kindern der sogenannte&nbsp;<strong>\u00abBelohnungsaufschub\u00bb<\/strong>&nbsp;gelingt, also zugunsten einer sp\u00e4teren, gr\u00f6sseren Belohnung auf die sofortige Belohnung zu verzichten. Letztlich wird damit die&nbsp;<strong>Willensst\u00e4rke<\/strong>&nbsp;gepr\u00fcft, gegenw\u00e4rtigen Impulsen zu widerstehen, um ein ferneres, \u00fcbergeordnetes Ziel zu verfolgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Marshmallow Test mit Kindern!\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Y7kjsb7iyms?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Originalexperiment wurde zudem ein weiterer entscheidender Aspekt mitber\u00fccksichtigt: das&nbsp;<strong>Vertrauen<\/strong>. Um die wichtige Grundlage des Vertrauens zu schaffen, erhielten die Kinder bereits von Beginn an einen Teller mit der gesamten Menge an S\u00fcssigkeiten, also&nbsp;<em>beiden<\/em>&nbsp;Marshmallows. Damit sollte verhindert werden, dass sie sich aufgrund mangelnden Vertrauens gegen einen Belohnungsaufschub entscheiden k\u00f6nnten. Sollten die Kinder n\u00e4mlich daran zweifeln, dass sie die gr\u00f6ssere Belohnung denn auch tats\u00e4chlich bekommen, w\u00e4re es nur logisch, sich f\u00fcr die weniger gewinnbringende, aber sichere Variante zu entscheiden. So konnte der St\u00f6rfaktor fehlenden Vertrauens ausgeschaltet werden. Auch sonst gab es kaum ablenkende Reize im Raum, Kind und Marshmallow waren also ganz sich selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Forscher nahmen ebenso unter die Lupe, mit welchen&nbsp;<strong>Strategien<\/strong>&nbsp;sich die Kinder die m\u00fchselige Wartezeit ertr\u00e4glich machten und konnten verschiedenste Vorgehensweisen beobachten \u2013 beispielsweise sangen sie sich selbst etwas vor oder zogen sich die Schuhe aus und spielten auf den eigenen Zehen Klavier. Die vielseitigen Methoden zur \u00dcberbr\u00fcckung der 15 Minuten hatten allerdings eines gemeinsam: \u00abKinder wandeln die \u00e4usserst schwierige Aufgabe des Wartens in etwas um, das weniger anstrengend ist\u00bb, so Walter Mischel \u00fcber die Erkenntnisse aus seinen Studien. Die Kinder scheinen sich die Zielerreichung demnach instinktiv zu erleichtern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie sich in den zahlreichen Durchf\u00fchrungen des Marshmallow-Tests gezeigt hat, schaffen es ca. 30% der Kinder, die ganzen 15 Minuten abzuwarten, w\u00e4hrend 25% bereits nach weniger als einer Minute nicht mehr widerstehen k\u00f6nnen und sich f\u00fcr den Genuss des einen Marshmallows entscheiden. 45% liegen irgendwo im Bereich dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was sagt uns dies nun?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Es besteht eine Korrelation zwischen Belohnungsaufschub und Erfolg<\/strong>!<\/h4>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, welche&nbsp;<strong>Eigenschaft<\/strong>&nbsp;einem Kind am wirkungsvollsten zu seinem sp\u00e4teren Gl\u00fcck zu verhelfen vermag, besch\u00e4ftigt Eltern, P\u00e4dagogen und Psychologen wohl gleichermassen. Auch Walter Mischel sah sich durch seine drei kleinen T\u00f6chter zu diesem Experiment inspiriert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u00a0\u00abDiese sogenannten Marshmallow-Experimente, die wir mit allen m\u00f6glichen Dingen durchf\u00fchrten, welche sich das jeweilige Kind w\u00fcnschte, drehten sich darum, herauszufinden, was im Kopf eines Kindes vorgeht, was es bef\u00e4higt, von der Impulssteuerung zur Selbstkontrolle \u00fcberzugehen\u00bb.<\/em><\/p>\n<cite>Walter Mischel<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im Rahmen mehrerer&nbsp;<strong>L\u00e4ngsschnittstudien<\/strong>&nbsp;zeigte sich schliesslich ein Zusammenhang zwischen der F\u00e4higkeit zum Belohnungsaufschub und sp\u00e4terem Erfolg. Auch zu weiteren positiven Pers\u00f6nlichkeitsmerkmalen besteht offenbar eine Verbindung. So haben die Geduldigen in vielerlei Hinsicht die besseren Karten: In Bezug auf Selbstwertgef\u00fchl, Kritikf\u00e4higkeit und Frustrationstoleranz sind sie vergleichsweise grossz\u00fcgiger ausgestattet. Sp\u00e4tere Beziehungen sind stabiler, das Niveau der Bildungsabschl\u00fcsse h\u00f6her, die Risiken f\u00fcr eine Borderline-Erkrankung oder Drogenabh\u00e4ngigkeit dagegen geringer. Geht man also nach den Ergebnissen, welche diese Studien zutage brachten, d\u00fcrfte sich das Warten zweifellos lohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei L\u00e4ngsschnittstudien wird jeweils bei denselben Personen in zeitlichen Abst\u00e4nden das interessierende Merkmal untersucht und die Ver\u00e4nderung \u00fcber die Zeit verfolgt. Im vorliegenden Fall wurden die Personen erstmals zehn Jahre nach dem Experiment und ein weiteres Mal vierzig Jahre nach dem Experiment befragt und getestet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kritik am Marshmallow-Test: Gelten die gefundenen Korrelationen nur f\u00fcr Elite-Nachwuchs?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Originalexperiment fand im Kindergarten der renommierten&nbsp;<strong>Stanford Universit\u00e4t<\/strong>&nbsp;statt. Beim Nachwuchs der dort unterrichtenden Professoren handelte es sich um eine gewissermassen elit\u00e4re Gruppe, die als Stichprobe diente. Alle Kinder stammten aus wohlsituierten Familien, in denen Bildung eine priorit\u00e4re Stellung genoss, sie wuchsen in gut strukturierten und geordneten Verh\u00e4ltnissen auf und die Aussicht auf Erfolg schien ihnen quasi in die Wiege gelegt. Dass dies auf einen eher privilegierten Status schliessen l\u00e4sst und nicht sonderlich repr\u00e4sentativ f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung sein d\u00fcrfte, liegt auf der Hand. Darin lag auch einer der Hauptkritikpunkte jener Forscher, welche die Studie neu aufrollten. Sie zweifelten an der Verallgemeinerbarkeit von Mischels Ergebnissen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/folio.nzz.ch\/sites\/default\/files\/images\/gallery\/1583103600\/issue-Fol4-20200302-picture-2086856334.jpg\" alt=\"\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Challenge accepted: Ein Junge beim Marshmallow-Test<\/em> (Quelle: <a href=\"https:\/\/folio.nzz.ch\/sites\/default\/files\/images\/gallery\/1583103600\/issue-Fol4-20200302-picture-2086856334.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">NZZ<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Walter Mischel war sich dieser Problematik bewusst und wies gar selbst darauf hin. Er f\u00fchrte das Experiment in der Folge vielfach in der&nbsp;<strong>South Bronx<\/strong>, einem Armenviertel in New York, und in Gruppen, die sich ganz grundlegend von der urspr\u00fcnglichen Stichprobe an der Stanford Universit\u00e4t unterschieden, durch. Besonders erstaunlich: Trotz der scheinbaren Sonderstellung der Stanford-Kinder unterschieden sich diese hinsichtlich der gezeigten Selbstkontrolle nicht signifikant von anderen Gruppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichtsdestotrotz wurde die L\u00e4ngsschnittstudie abermals durchgef\u00fchrt und die&nbsp;<strong>neuen Ergebnisse<\/strong>&nbsp;2018 publiziert. F\u00fcr das Experiment wurden nun Kinder mit den unterschiedlichsten famili\u00e4ren Hintergr\u00fcnden ausgew\u00e4hlt. Insbesondere in puncto Einkommensklasse, Hautfarbe und privatem Lernumfeld (etwa, ob es im elterlichen Haushalt viele B\u00fccher gab) war die Stichprobe bewusst breit aufgestellt. Es wurde gar ein besonderer Fokus auf Kinder gelegt, deren M\u00fctter das College&nbsp;<em>nicht<\/em>&nbsp;abgeschlossen hatten. Wieder lagen gut zehn Jahre zwischen den ersten beiden Untersuchungszeitpunkten. Als nun Herkunft und Umgebung der Kinder in der Auswertung der Ergebnisse ber\u00fccksichtigt wurden, zeigten sich die zuvor best\u00e4tigten Korrelationen nicht mehr. Oder einfacher ausgedr\u00fcckt: der sp\u00e4tere schulische Erfolg h\u00e4ngt m\u00f6glicherweise st\u00e4rker vom Lernumfeld der Kinder ab als von der im Marshmallow-Test gemessenen Willensst\u00e4rke.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4ss Walter Mischel liegt die wahre&nbsp;<strong>Quintessenz<\/strong>&nbsp;der Marshmallow-Experimente und aus den weiteren f\u00fcnfzig Jahren psychologischer Forschung seit deren Beginn aber ohnehin weniger in der statistischen Signifikanz der gefundenen Korrelationen, als vielmehr in der Erkenntnis, dass Strategien zur Entwicklung von Willenskraft und Selbstkontrolle gelehrt und gelernt werden k\u00f6nnen \u2013 und sollten. Denn nach Mischels Auffassung schaffen wir uns durch Selbstkontrolle die Freiheit, selbst zu entscheiden und uns nicht fremdbestimmen zu lassen. Entscheidend ist also letztlich, dass wir die Marshmallows unter Kontrolle haben und nicht etwa umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Mischel, W. (2015).\u00a0<em>Der Marshmallow-Test: Willensst\u00e4rke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit<\/em>. Siedler.<\/li>\n\n\n\n<li>Semi \/\/ (2009, 16. September).\u00a0<em>Marshmallow Test mit Kindern!<\/em>\u00a0[Video]. YouTube. https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Y7kjsb7iyms<\/li>\n\n\n\n<li>Simmank, J. (2018).\u00a0<em>Der Marshmallow, entmachtet?<\/em>. Zeit Online. Abgerufen am 8.6.2020 von https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/2018-06\/selbstkontrolle-marshmallow-test-psychologie-experiment-selbstbeherrschung<\/li>\n\n\n\n<li>SRF Kultur (2015, 23. M\u00e4rz).\u00a0<em>Der Marshmallow-Test &amp; der Weg zum Gl\u00fcck mit Walter Mischel | Sternstunde Philosophie | SRF Kultur\u00a0<\/em>[Video].\u00a0YouTube. https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gdQ1S8Djgxk<\/li>\n\n\n\n<li>Watts, T., Duncan, G. &amp; Quan, H. (2018). Revisiting the Marshmallow Test: A Conceptual Replication Investigating Links Between Early Delay of Gratification and Later Outcomes.\u00a0<em>Psychological Science<\/em>, <em>29(7)<\/em>, 1159-1177. https:\/\/doi.org\/10.1177\/0956797618761661<\/li>\n\n\n\n<li>Wikipedia (2020).\u00a0<em>Belohnungsaufschub<\/em>. Abgerufen am 22.11.20 von https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Belohnungsaufschub<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Informationen zur Autorschaft:&nbsp;<\/strong><em>Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Moduls \u201cKommunikationskompetenz: Mit Bildern und Texten informieren\u201d. <em><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/pia-aeberhard-62365a165\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pia Aeberhard<\/a> ist Studentin im 3. Semester des Studiengangs BSc in Business Psychology an der Hochschule Luzern &#8211; Wirtschaft. Sie lebt in Z\u00fcrich und ist im Bereich Kommunikation t\u00e4tig.<\/em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erfahren Sie mehr \u00fcber den Klassiker der experimentellen Psychologie von Walter Mischel: das Marshmallow Experiment.<\/p>\n","protected":false},"author":89,"featured_media":919,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"3388,3342,3365,3140,3099,3090","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[16],"tags":[85,83,84,82,86],"class_list":["post-917","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aop","tag-belohnungsaufschub","tag-impulskontrolle","tag-impulssteuerung","tag-marshmallow-experiment","tag-willensstaerke"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wer warten kann hat&#039;s drauf? 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