Diese schriftlichen Abschlussarbeiten verdienen einen Hut

Mit dem Chapeau! Preis prämiert die Hochschule Luzern – Design Film Kunst herausragende schriftliche Abschlussarbeiten. Chapeau! soll sichtbar werden lassen und würdigen, wie in den schriftlichen Arbeiten neue Modelle der Verbindung von Theorie und Praxis entwickelt werden. Modelle, die im Sinne einer eigenen Praxistheorie der Ausbildungsgänge in Design, Film und Kunst gerecht werden. Chapeau! bedeutet ein deutliches Mehr als das Erfüllen von Standards – es sind Arbeiten, vor denen wir den Hut ziehen.
Die diesjährigen Nominierungen bewegen sich an den Rändern des Sichtbaren und Sagbaren: Sie fragen, was verborgen bleibt, wer ausgebeutet wird, wessen Erschöpfung als selbstverständlich gilt – und wie Kunst, Design und Film diese Verhältnisse nicht nur benennen, sondern in ihrer eigenen Form zur Rechenschaft ziehen können. Von der Gewalt algorithmischer Bildproduktion über die politische Ökonomie unsichtbarer Datenarbeit bis hin zum Bett als feministischem Erkenntnisobjekt, vom mehr-als-menschlichen Dialog mit der Brennnessel bis zur vielstimmigen Kartographie der Stadt: Die fünf nominierten Arbeiten vereint eine kritische Haltung, die sich nicht mit der Beschreibung bestehender Verhältnisse begnügt, sondern nach neuen Formen des Denkens, Zeigens und Erfahrens sucht.
Die Nominierten

Sofie Berz: Rest as Resistance (BA Camera Arts)
Physische und psychische Erschöpfung als Folge der Rollen, die Frauen in unserer Gesellschaft aufgezwungen werden, gerät erst jüngst in den Blick der Öffentlichkeit. Diesem Problem widmet sich Sofie Berz in ihrer schriftlichen BA-Arbeit. Sie arbeitet die Folgen der Verschränkung von Kapitalismus und Patriarchat für unser Alltagslebens auf; in einer sehr eigenständigen Herangehensweise verknüpft sie dieses Wissen mit einer persönlichen Lektüre von Bildzeugnissen aus verschiedenen Zeiten und Bereichen der Kultur. Das Bett bildet dabei den eigentlichen Untersuchungsgegenstand, von seinen Gebrauchsweisen und seiner Rolle für die Repräsentation von Menschen leitet Sofie ihre Reflexionen ab. Der Verfasserin Hinweis auf die ambivalente Positionierung des Betts als Ort von Intimität und Ruhe einerseits, von Zurschaustellung und Ausbeutung andererseits verhilft zu einem aufschlussreichen Blick auf ein scheinbar gleichgültiges Möbelstück; hervorzuheben ist aber vor allem die einfallsreiche Ausgestaltung der gesamten Untersuchung als Wochenkalender, der an vielen Orten zur Bewusstseinsbildung beitragen könnte. Die zugrundeliegende Rechercheleistung ist beeindruckend.
– Text: Wolfgang Brückle

Minako Bisang: Don’t You Want to See Her Naked? (BA Camera Arts)
AI-Pornographie geht uns alle an; wir müssen dafür nicht erst zur Zielgruppe gehören. Gerichtsfälle machen uns damit vertraut, dass mit ihr ein neuer Stand in der Möglichkeit, Mitmenschen ohne ihr Wissen sexuell auszubeuten und herabzuwürdigen erreicht ist. Mit dieser Entwicklung, deren gesellschaftliche Folgen noch kaum abzuschätzen sind, beschäftigt sich Minako Bisang in einer als Video-Essay gestalteten BA-Theorie-Arbeit. Schon der Titel Don’t You Want to See Her Naked? verdeutlicht, dass Minako ein grosses Publikum anspricht, und die vielleicht grösste Stärke ihres Reflexionsprozesses besteht in der Offenheit, mit der sie eigene Empörung und eigenes Begehren miteinander vermittelt. Ergebnis ist eine ungewöhnlich gut gelungene Verbindung von Selbstentblössung und kulturkritischer Abstraktion vom Ich. Der Video-Essay ist lebendig geschrieben und enthält bis zum Schluss ebenso viele gut durchdachte Argumente wie überraschende Wendungen. Die Bildsprache ist zugleich einfallsreich und hilfreich in der Herstellung von Evidenz, indem Minako die eigene Person zur Veranschaulichung der Entstehungweise von AI-Pornographie nutzt.
– Text: Wolfgang Brückle
Hanna Risberg: AI Colonialism and the Hidden Workers. Making the Human Cost of Autonomous Systems Tangible (BA Data Design + Art)
Wie autonom ist Künstliche Intelligenz wirklich? Hinter den digitalen Diensten und Anwendungen, die zunehmend unseren Alltag prägen, stehen Millionen von Menschen, die Daten annotieren, Inhalte moderieren und Datensätze bereinigen – häufig unter prekären Bedingungen und fern jener Orte, an denen die ökonomischen Gewinne der grossen Technologieunternehmen anfallen.
Hanna Risberg rückt diese zentrale, im Innovationsdiskurs jedoch meist marginalisierte Dimension gegenwärtiger KI-Entwicklung ins Zentrum ihrer Arbeit. Anknüpfend an Debatten um KI-Kolonialismus zeichnet sie nach, wie sich globale Ungleichheiten und Ausbeutungsverhältnisse in den Arbeitswelten der KI-Industrie fortschreiben und neu formieren. Hierfür verbindet sie theoretische Perspektiven aus den Colonial Studies, der Infrastrukturforschung und dem Data Feminism mit der empirischen Analyse internationaler Datenarbeitsplattformen sowie von Erfahrungsberichten von Datenarbeiter*innen im globalen Süden.
Besonders überzeugend ist die methodische Anlage der Arbeit. Quantitative Kartierungen globaler Plattformökonomien treffen auf qualitative Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelten jener Menschen, die als Hidden Workers eine zentrale Rolle für das Funktionieren heutiger KI-Systeme spielen. So entsteht ein vielschichtiges Bild einer Industrie, deren Erfolg wesentlich auf menschlicher Arbeit im globalen Süden beruht. Zugleich treten die sozialen Voraussetzungen und asymmetrischen Machtverhältnisse hinter diesem Erfolg mit besonderer Deutlichkeit hervor.
Die Erkenntnisse ihrer empirischen Analyse übersetzt Hanna Risberg schliesslich in das Konzept einer immersiven, begehbaren Projektionsinstallation. Darin werden abstrakte Datenstrukturen mit den individuellen Stimmen und Erfahrungen von Hidden Workers verknüpft, um globale Machtverhältnisse nicht nur sichtbar, sondern auch räumlich und körperlich erfahrbar zu machen. Gerade in dieser Verbindung von Analyse und Gestaltung verdichtet sich die zentrale Leistung der Arbeit: Kritische Perspektiven, methodische Gegenstandsangemessenheit und datengetriebene Gestaltung greifen auf bemerkenswerte Weise ineinander und zeigen beispielhaft, wie Data Design und Data Art dort Erkenntnis ermöglichen können, wo Zahlen allein abstrakt bleiben.
– Text: Sebastian W. Hoggenmüller

Max Grünig: Raconte-moi ton histoire (MA Kunst)
«Raconte-moi ton histoire» von Max Grünig wagt sich an eine Beschreibung von Stadt, welche sehr unterschiedliche Blickwinkel und Beobachter:innen einbezieht. Die Arbeit versteht sich als Kritik an einer durchökonomisierten und auf Effizienz getrimmten städtischen Kommunität. Die Bildebene, eine Fotoserie aus eigenen Stadtbeobachtungen, fügt sich in die Folge von sehr unterschiedlichen «Flughöhen» des Blickes auf Stadt: in die Eingeweide, in die Planungsebene, in soziologische und theatrale Settings. Speziell gelobt wurde die feinfühlige Gestaltung für ein mögliches Querlesen des Artist Books, was wiederum unterschiedliche Annäherungen selbst ermöglicht.
– Text: Sabine Gebhardt Fink

Regula Schläppi: We Are Not Alone. We Are Not Alone. We Are Not Alone… (MA Kunst)
In der Masterarbeit «We Are Not Alone. We Are Not Alone. We Are Not Alone…» setzt sich Regula Schläppi mit der Brennnessel als Mitgestalterin einer mehr-als-menschlichen Wahrnehmungspraxis auseinander und verknüpft aktuelle pflanzenphilosophische Positionen zu einem eigenständigen theoretischen Resonanzraum. Statt Theorie illustrativ auf die eigene Praxis anzuwenden, lässt sie Zitate und eigene Beobachtungen in einen offenen Dialog treten, in dem das eigene Nichtverstehen der Pflanze nicht überwunden, sondern als produktive Erkenntnisform stehen gelassen wird. Diese Haltung findet ihren Ausdruck auch in der wunderschön gestalteten Arbeit: Diese wird von Spielkarten begleitet, die durch praktische Übungen zu einem sinnlichen Austausch mit der Pflanze auffordern, eine Geste, die die verhandelte Idee von Beziehung statt Hierarchie unmittelbar erfahrbar macht.
– Text: Elisabeth Nold Schwartz
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