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Gegenstimmen – Video als Widerstandsform  

Ein besetzter Hügel im Waadtland wurde geräumt. Fünf Aktivist:innen lassen ihre Erinnerungen aufleben. Wie fühlt es sich an, im Namen von Kapital und Staat der Willkür der Polizei ausgeliefert zu sein? Wie kann der Widerstand dennoch gehalten werden? Schicht um Schicht tragen die Bagger das Gestein ab, doch die Erinnerungen bleiben. 

Lara Schroeter, wie entstand dein Film C PAS FINI? 

Der Film ist daraus entstanden, dass ich während des Studiums die Räumung eines besetzten Waldes miterlebt habe und anderthalb Jahre später während der Produktion des Abschlussfilms eine Dringlichkeit verspürte, mich mit diesem Thema nochmals auseinanderzusetzen und eine neue Form des Umgangs damit zu finden.  

Auf was wolltest du dich im Film fokussieren?  

Ich habe mich stark politisiert während dieser Besetzungserfahrung und bin mit unglaublich vielen Themen in Berührung gekommen. Was mich besonders interessierte, waren die Kollektivmechanismen und wie die Gruppe auch nach der Räumung weiter miteinander interagiert, in Kontakt bleibt und ein internationales Netzwerk spannt. Zudem waren die Traumata von der Räumung und der Repressionserfahrung noch immer sehr aktuell. Es gab so viele Aspekte, die ich ansprechen wollte. Den Fokus fanden wir letztendlich im Schnittprozess.  

ZAD steht für «zone à défendre» und ist ein in Frankreich und Deutschland verbreitetes Modell des zivilen Ungehorsams bzw. militanten Aktivismus, indem Aktivist:innen der Ausbeutung oder Zerstörung eines Ortes ihre physische Präsenz entgegenstellen. Die «ZAD de la Colline» entstand auf dem waadtländischen Mormont-Hügel, wo der Baustoffkonzern HOLCIM seit rund 70 Jahren Kalkgestein abträgt und in der Fabrik am Fusse des Hügels in einem höchst energieaufwändigen Verfahren zu Zement weiterverarbeitet. Die Herstellung von Zement verursacht weltweit dreimal mehr CO2-Emissionen als der Flugverkehr. Die Besetzung 2020 erfolgte in Reaktion auf HOLCIMs Vorhaben, den Steinbruch in den kommenden zehn Jahren massiv auszuweiten. Mehrere Verbände schalteten sich ein, die Bürger:inneninitiative «Sauvons le Mormont» wurde gegründet und die Abbaubewilligung wurde erneut vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt. Nach heutigem Stand darf HOLCIM den Steinbruch erweitern, jedoch unter strengeren Auflagen seit im Juni 2025 der Schutz des Mormonts in der waadtländischen Verfassung verankert wurde. Dies ist ein kleiner politischer Sieg, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen soll, dass das Ökosystem auf dem Mormont stirbt, zumal das Grundwasser durch die klaffende Grube ausläuft. Dies wird nicht mehr aufzuhalten sein, selbst wenn HOLCIM, wie verlangt, das Loch nach Abschluss der Arbeiten wieder auffüllt. 

Wie liessen sich diese Interessen filmisch umsetzen? 

Mich hat die Arbeit mit den Stimmen interessiert. Oft werden Aktivist:innen medial als «extremistisch» dargestellt. Das kollidiert total mit unserer Wahrnehmung, wenn wir ihren Stimmen und Worten zuhören, die ganz anders daherkommen. Die Tonebene bot auch die Gelegenheit, ein Gegennarrativ aufzubauen, welches die Anonymität meiner Protagonist:innen schützt und sie nicht weiterer Repression aussetzt. Ich wollte die vulnerablen und nahbaren Stimmen ins Zentrum stellen und mich nochmals in den Diskurs einschalten: Was ist wirklich die Gefahr und woher kommt die Gewalt? Es sollten die Menschen sprechen dürfen, deren Stimmen medial oftmals nicht hörbar werden.  

Wie verlief der Drehprozess? 

Zuerst galt es, Vertrauen aufzubauen. Ich konnte auf Beziehungen zurückgreifen, die unabhängig vom Film entstanden waren, und wählte Protagonist:innen aus, mit denen ich bereits in der Vergangenheit ähnliche Gespräche geführt hatte. Die Vertrautheit übertrug sich auch auf das Filmteam mit Arlind Sermaxhaj (Ton) und Sara Furrer (Kamera), was wiederum der Herstellung eines natürlichen Gesprächssettings half. Die Gespräche dauerten jeweils mindestens eine Stunde, wobei wir uns dank den digitalen Aufnahmemöglichkeiten keine Sorgen um den Speicherplatz machen mussten und Kamera und Ton-Recorder einfach laufen lassen konnten.  

Wie ging es weiter? 

Für die Aufnahme der Bilder im Steinbruch half es sicher, dass ich das Gebiet und die Infrastruktur bereits sehr gut kannte. Was das Equipment angeht, waren wir eher leicht unterwegs, so dass wir mobil blieben und uns voll auf die Suche nach Überbleibseln der ehemaligen Besetzung begeben konnten. Insgesamt sammelten wir etwa 15 bis 20 Stunden Material. Für meine Arbeitsweise war es sehr wichtig, dass ich mich da nicht weiter beschränken musste und Morgane Frund und ich in der Montage mit diesen Bildern rumprobieren konnten, bis wir ein Gefühl für den verlorenen Ort hergestellt hatten.  

Gab es sonstige Herausforderungen? 

Bei den Tanzszenen war es schwierig, den Ton der Schritte im Kies sauber aufzunehmen, da wir teilweise gleichzeitig Musik laufen liessen. Also hat Arlind die Tanzsequenzen nachsynchronisiert, indem er Würfel auf einen Tisch fallen liess und den entstehenden Ton aufnahm. Diese Klänge hat er zusätzlich stilisiert, was dabei half, die Szenen noch eindringlicher wirken zu lassen. Filme zu machen ist durch die digitalen Tools generell niederschwelliger geworden. Bei meiner Herangehensweise an ein Projekt macht es auf jeden Fall etwas mit mir, zu wissen, dass ich mich nicht in erster Linie auf technische Fragen in der Umsetzung fokussieren muss, sondern mich dem Inhalt widmen kann.  

Worin siehst du die Stärken von filmischen Erzählungen? 

Film ist eine der zugänglicheren Medienformen. Der emotionale Zugang ist sehr leicht und direkt. Ich denke, Filme sind deshalb schon ein extrem wichtiges Mittel, um Geschichten zu erzählen, die dann schliesslich die Realität formen. Es war aber auch sehr toll zu sehen, wie viele weitere kreative Ausdrucksformen gefunden wurden, um den Protest nach der Räumung weiterzutragen: Es gab ein kollektiv verfasstes Poesie-und Fotobuch, eigenständige Fotoprojekte, Theatervorführungen und Performances, um nur einige Beispiele zu nennen.  

Wohin wurde dein Film nach der Fertigstellung getragen?  

C PAS FINI ist bis in die USA (Miami) und nach Indien (Ahmedabad) gekommen. Die digitalen Dateien reisen dabei einiges leichter als ich selbst. In Indien und in den USA konnte ich deshalb nicht an den Screenings teilnehmen. Es ist schon sehr spannend, wie der Film je nach Vorstellungsort anders wahrgenommen wird und das Publikum anders darüber spricht. Zum Beispiel musste ich an Diskussionen bei grösseren Festivals eher die im Film formulierte Staats- und Polizeikritik verteidigen, während wir uns an kleinen, selbstorganisierten Vorführungen im aktivistischen Bereich über Umweltkämpfe oder Repressionserfahrungen und -mechanismen am jeweiligen Ort austauschten. Einmal wurde der Film auch auf dem ehemals besetzten Hügel selbst gezeigt. Das hat mir das Gefühl gegeben, der Film sei jetzt am richtigen Ort. Der Widerstand ist noch nicht zu Ende.  

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