Wenn wenige über viele entscheiden
Volksabstimmungen gelten als Herzstück der Schweizer Demokratie. Doch wer entscheidet tatsächlich – und wie gross ist der Anteil der Bevölkerung, der an diesen Entscheidungen beteiligt ist? Mit seiner Bachelorarbeit «Urnengang» im Studiengang Data Design + Art macht Timo Baumann Antworten anhand historischer Abstimmungsdaten sichtbar.

Die interaktive Installation verarbeitet sämtliche nationalen Volksabstimmungen der Schweiz seit 1848 und macht politische Entwicklungen visuell erfahrbar.
Die Installation verarbeitet die Daten sämtlicher nationaler Volksabstimmungen seit 1848. Grundlage bildet ein öffentlicher Datensatz, der von Swissvote aus offiziellen Bundesstatistiken zusammengetragen wurde. Für Baumann war entscheidend, mit verlässlichen Quellen zu arbeiten. «Die Daten müssen exakt sein und die Quellen gut dokumentiert.»
Wenngleich diese Daten öffentlich sind: Sie bleiben für viele Menschen schwer verständlich und kaum lesbar. Genau hier setzt Baumanns Arbeit an: Sie versucht einen niederschwelligen Einstieg in einen komplexen Datensatz zu schaffen, mithilfe einer visuellen Übersetzung der historischen Sammlung.
Abstimmungen als visuelle Struktur
Baumann geht chronologisch vor und zeigt die Abstimmungen als fortlaufende Visualisierung. Ausgangspunkt ist die gesamte Wohnbevölkerung der Schweiz, wobei mehrere Ebenen sichtbar werden: die Anzahl der Stimmberechtigten, die abgegebenen Stimmen, Ja- und Nein-Anteile sowie ungültige und leere Stimmen, ergänzt durch kantonale Resultate und Parteiparolen. Die Projektion läuft automatisch ab, Besucher:innen können sie jederzeit anhalten und Informationen zu einzelnen Abstimmungen genauer erfassen.
Technisch basiert die Arbeit nicht auf vorproduzierten Bildern. «Es ist kein Video, es ist Code», erklärt Baumann. «Der Code zeichnet das Bild anhand der Daten.» Die Visualisierung entsteht also direkt aus dem Datensatz und durch die Interaktionen des Publikums: Proportionen und Flächen werden aus den historischen Zahlen berechnet und bei jeder Darstellung neu generiert. Dabei werden sowohl einzelne Abstimmungsergebnisse gezeigt, als auch Entwicklungen über längere Zeiträume hinweg sichtbar gemacht.


Jede Darstellung wird direkt aus dem Datensatz generiert. So entstehen neue Perspektiven auf Stimmbeteiligung, Volksmehr und politische Teilhabe.
Das Volksmehr als Minderheit
Baumanns Entscheidung, Abstimmungsresultate nicht nur auf die Stimmberechtigten zu beziehen, sondern auf die gesamte Wohnbevölkerung, ist zentral: Dadurch wird klar, wie klein der Anteil der Bevölkerung tatsächlich ist, der an politischen Entscheidungen beteiligt ist. «Man sieht, wie niedrig Stimmberechtigung und Stimmbeteiligung im Vergleich zur gesamten Wohnbevölkerung sind.» Diese Perspektive verändert die Interpretation der Ergebnisse. Ein sogenanntes Volksmehr entspricht nie einer Mehrheit der ständigen Wohnbevölkerung. «Wir schliessen viele Menschen aus, etwa Jugendliche oder Ausländer:innen. Und wenn man dann noch die Gegenstimmen und die nicht abgegebenen Stimmen einbezieht, wird deutlich: Das Volksmehr hat eigentlich keine Chance, wirklich die Mehrheit der Bevölkerung abzubilden.»
Historische Veränderungen werden visuell erfahrbar: Mit der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 steigt die Zahl der Stimmberechtigten sprunghaft an, ebenso 1991 mit der Herabsetzung des Stimmrechtsalters auf 18 Jahre. Obwohl diese historischen Ereignisse bekannt sind, wird ihre Bedeutung dank der Visualisierung unterstrichen, ein sichtbarer Bruch im Datensatz, der zeigt, wie stark sich politische Teilhabe innerhalb kurzer Zeit verändert hat.
Demokratie im digitalen Kontext
Im Interview spricht Baumann auch über die Rolle digitaler Technologien für demokratische Prozesse. «Potenzial sehe ich zum Beispiel darin, durch digitale Abstimmungen die Teilnahme zu vereinfachen und so mehr Menschen zu motivieren, sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen», sagt er. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass digitale Systeme neue Herausforderungen mit sich bringen. So können digitale Beteiligungsformen wiederum bestimmte Gruppen ausschliessen und neue Fragen der Sicherheit und Manipulation aufwerfen.
Nebst dem Abstimmungsprozess selbst sieht Baumann vor allem in der digitalen Aufbereitung politischer Daten weiteres Potenzial: Visualisierungen können helfen, Datensätze zugänglicher zu machen und politische Zusammenhänge und Missstände aufzuklären.

Per Controller können Besucher:innen die Projektion anhalten und einzelne Volksabstimmungen sowie deren Daten genauer erkunden.
Zwischen Forschung und Gestaltung
Baumann versteht seine Arbeit sowohl als analytisches Werkzeug als auch als gestalterisches Projekt. «Ich weiss immer noch nicht, ob es eher ein Einsteiger-Research-Tool ist oder eine künstlerische Arbeit. Es schwebt ein bisschen dazwischen», sagt er.
Die Installation reduziert komplexe Datensätze auf eine visuelle Struktur, ohne die zugrunde liegenden Zahlen zu verändern. Ziel ist nicht eine vollständige Analyse, sondern eine Darstellung, die Orientierung schafft und neue Fragen ermöglicht. «Wenn sich jemand interessiert und sieht, dass diese Daten existieren, ist der nächste Schritt nicht mehr so weit», ist Baumann überzeugt. Die Visualisierung kann damit als Ausgangspunkt für eigene Recherchen dienen.
Am Ende verweist die Arbeit auf eine grundlegende Voraussetzung demokratischer Prozesse: «Die Stimmbeteiligung muss einfach hoch sein. Sonst bleibt Demokratie eine Utopie.»
Text: Louis Hosali
Projekttitel: Urnengang
Student: Timo Baumann
Studienrichtung: BA Data Design + Art
Jahr: 2025
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