Zwischen Knochen, Maschinen und Code
Knochen bewegen sich über den Boden. Manche drehen sich langsam im Kreis, andere bleiben kurz hängen, bevor sie sich wieder lösen und weitergleiten. Die Installation wirkt lebendig, als hätte sie ein eigenes Verhalten entwickelt. Mit seinem Projekt Heimlicher Aufmarsch untersucht Tobit Schreiii, Student im Studiengang Kunst & Vermittlung, wie sich Körper, Arbeit und Technologie im digitalen Zeitalter verändern.

Mehrere 3D-gedruckte Knochenobjekte bewegen sich autonom durch den Raum und reagieren unvorhersehbar auf ihre Umgebung.
Es handelt sich um mehrere 3D-gedruckte Knochenformen aus PLA-Kunststoff, die mithilfe eines Arduino-Boards und kleiner Motoren gesteuert werden. Entscheidend ist die Bewegung. Da sich die einzelnen Elemente nicht immer gleich verhalten, entstehen unvorhersehbare Abläufe, die eine unmittelbare Beziehung zwischen Objekt und Publikum schaffen.
Wenn Objekte Empathie auslösen
«Mir war wichtig, dass es ein bewegtes Werk wird», sagt Schreiii, «denn sobald sich etwas bewegt, entwickelt man automatisch eine gewisse Empathie dafür.»
Während der Arbeit am Heimlichen Aufmarsch entstand auch zwischen ihm selbst und den Objekten eine unerwartete Nähe. «Wenn sich die Knochen ineinander verhaken, muss ich sie wieder auseinandernehmen, ich sorge mich gewissermassen um sie», sagt er lachend. «Man entwickelt fast ein Mitgefühl für sie.»
Inhaltlich beschäftigt sich die Installation mit Abnutzung – mit historischen ebenso wie mit modernen Formen körperlicher Belastung. Während früher vorwiegend körperliche Arbeit Spuren an Zähnen und Gelenken hinterliess, entstehen heute durch Büroarbeit, Bildschirmzeit und Stress neue gesundheitliche Belastungen. «Insbesondere der Nacken und das Becken leiden, vom vielen Sitzen und davon, dass wir ständig nach unten auf unsere Bildschirme schauen», sagt Schreiii.
Für Schreiii deutet diese Entwicklung auf einen grundlegenden Wandel hin: «Ich habe das Gefühl, wir bewegen uns auf eine neue Körperrevolution zu.» Damit meint er eine historische Verschiebung in der Beziehung zwischen Körper, Arbeit und Gesellschaft. Beim Wandel von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung wurde der menschliche Körper zunehmend als Produktionsmittel organisiert und an industrielle Arbeitsprozesse angepasst. Im heutigen digitalen Zeitalter erkennt Schreiii eine ähnliche Transformation: Körperliche Arbeit verschwindet vielerorts, während neue Formen der Belastung entstehen – durch Bildschirmarbeit, permanente Vernetzung und digitale Technologien.


Die Knochen gleiten, verhaken sich und lösen sich wieder – jede Bewegung entsteht in Echtzeit und folgt keinem festen Ablauf.
Inspiration zwischen Psychoanalyse und Kapitalismuskritik
Eine wichtige Inspirationsquelle für Schreiiis Überlegungen ist die feministische Historikerin Silvia Federici. In ihrem Buch Caliban und die Hexe von 2017 beschreibt sie den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus als tiefgreifende Veränderung gesellschaftlicher Strukturen und des menschlichen Körpers. Neben Federicis Arbeiten prägen auch theoretische Ansätze aus Psychoanalyse und kritischer Gesellschaftstheorie seine künstlerische Praxis. Schreiii beschäftigt sich mit Denker:innen wie Freud und Jessica Benjamin sowie mit Theoretikern der Frankfurter Schule wie Adorno und Horkheimer.
Diese analysierten, wie industrielle Produktionsweisen Kultur, Wahrnehmung und Kunst verändern. Kunst dürfe ihrer Ansicht nach nicht einfach bestehende gesellschaftliche Verhältnisse reproduzieren, sondern müsse kritisches Denken ermöglichen und neue Perspektiven eröffnen.
Dieser Anspruch ist auch für Schreiii zentral. Für ihn muss Kunst mehr leisten als reine Darstellung. «Kunst muss etwas auslösen», sagt er. «Sie sollte neue Ideen haben und dich zum Nachdenken bringen.» Dabei gehe es nicht unbedingt darum, eine Utopie zu entwerfen. Wichtiger sei, Fragen aufzuwerfen und den Blick auf die bestehende Welt zu verschieben. «Wenn mir jemand bloss zeigt, wie die Welt ist, hätte ich auch googeln können.»
Informationsflut und digitale Überforderung
Die Auswirkungen digitaler Medien beschäftigen Schreiii deshalb nicht nur in technologischer, sondern besonders auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Das Internet ermöglicht globale Vernetzung und neue Formen des Austauschs zum Beispiel von Wissen, gleichzeitig führt der permanente Informationsfluss zu einem Gefühl der Überforderung und Orientierungslosigkeit. Es entstehen ständig neue Themen, Krisen und Inhalte, sodass oft unklar bleibt, wo man überhaupt ansetzen kann oder wie man handeln soll.
«Ich denke nicht, dass es uns guttut, ständig alles mitzubekommen», sagt er. Nachrichten von internationalen Konflikten, Social-Media-Inhalte und KI-generierte Bilder vermischen sich zu einer Flut an Informationen, die kaum mehr zu verarbeiten sei. Viele Menschen hätten dadurch das Gefühl, mit Problemen konfrontiert zu sein, auf die sie keinen Einfluss haben. «Man fühlt sich schnell machtlos», sagt Schreiii.
Gerade deshalb plädiert er dafür, den Blick wieder stärker auf das unmittelbare Umfeld zu richten: «Wenn man im Kleinen etwas macht, erreicht man oft mehr, als wenn man versucht, die ganze Welt auf einmal zu verändern.» Das bedeute vor allem, wieder näher bei den Menschen um sich herum zu sein: zuzuhören, miteinander zu sprechen und konkrete Probleme gemeinsam anzugehen. Erst aus solchen Beziehungen könne echte Solidarität entstehen.
Den digitalen Raum demokratisieren
Diese Überlegungen führen für Schreiii zu einer grundlegenden Frage: Wie sind digitale Räume organisiert? Für ihn lassen sich die digitale und die physische Welt längst nicht mehr voneinander trennen. Beide beeinflussen sich gegenseitig so stark, dass sie gesellschaftlich gemeinsam gedacht werden müssten.

Motoren und Mikrocontroller verleihen den Knochen ein scheinbar eigenes Verhalten und schaffen unerwartete Begegnungen mit dem Publikum.
Gleichzeitig gehört ein grosser Teil der digitalen Infrastruktur wenigen Unternehmen. «Ich sehe es kritisch, dass digitale Räume mehrheitlich privat gesteuert werden, und nicht von einer Gesellschaft», sagt er. «Wir brauchen auch im digitalen Raum mehr Demokratie.» Für Schreiii hängt das damit zusammen, wie digitale Technologien heute organisiert sind. Viele Systeme basieren auf zentralen Strukturen, auf die Nutzer:innen keinen direkten Einfluss haben.
Eine mögliche Alternative sieht er in dezentralen Technologien und Netzwerken, bei denen Geräte stärker direkt miteinander kommunizieren, statt über grosse zentrale Datencenter zu laufen. Solche Modelle könnten Fragen von Macht und Kontrolle neu stellen. Denn letztlich gehe es darum, wer über die Technologien entscheidet und wer von ihnen profitiert.
Kunst als Möglichkeit, anders zu denken
Gerade weil diese Entwicklungen oft abstrakt und schwer greifbar sind, sieht Schreiii hier eine wichtige Rolle für die Kunst. Sie könne helfen, gesellschaftliche Strukturen und Prozesse sichtbar zu machen und neue Perspektiven zu eröffnen. Wenn ein Werk dazu führe, dass man danach anders über die Welt nachdenke, habe es seinen Zweck erfüllt.
Mit seiner Installation Heimlicher Aufmarsch versucht Schreiii genau dies: Zwischen Knochen, Maschinen und Code stellt die Arbeit Fragen nach Körper, Technologie und Arbeit – und lädt dazu ein, unsere Beziehung zu diesen Systemen neu zu betrachten.
Text: Louis Hosali
Projekttitel: Heimlicher Aufmarsch
Student: Tobit Schreii
Studienrichtung: BA Kunst und Vermittlung
Jahr: 2025
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