Do you get it?

8. Juli 2021

Zeichnen zwischen Meinungsfreiheit, Political Correctness und Cancel Culture

Neue Folge zum Thema:
Der Podcast über Comics und Zensur
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Selbst die Mütze, die Martin Rowson trägt, ist eine kleine Provokation. Als Cartoonist gehört es zu seinem Beruf, Menschen mit Witz und Übertreibung herauszufordern. Dass sich jemand davon angegriffen fühlt, wird nicht nur in Kauf genommen. Es gehört zum Programm. Immer häufiger kommt es aber vor, dass das Publikum auch wieder zurückschlägt.

Martin Rowson und Patrick Chapatte – ebenfalls Cartoonist – eröffnen im Frühling 2021 das Symposium, zu dem unser Bachelor Illustration und Fumetto eingeladen hatten. Das Thema ist Zensur. Das lässt an totalitäre Staaten denken. Aber der Titel des ersten Programmpunkts zeigt in eine andere Richtung: «Self-censorship and cancel culture at the NY Times». Rowson bestätigt, nicht die britische Regierung zensiere heute die britischen Zeitungen. Die britischen Zeitungen tun das selbst. In westlichen Demokratien, wo Meinungsäusserungsfreiheit mehr oder weniger zum Standard geworden ist, steht eine ganz andere Form der Zensur im Vordergrund: die Selbstzensur angetrieben durch öffentlichen Druck und die Drohungen und Attacken des Internet-Mobs.

Marcy Goldberg, Patrick Chapatte, Martin Rowson (unten)

Chapatte und Rowson führen eine Reihe von Zeitungen ins Feld, die aufgrund ihrer Zeichnungen in die Defensive geraten sind oder Karikaturen sogar ganz aus dem Programm genommen haben. Chapatte selbst ist betroffen. Die New York Times stoppte die Veröffentlichung von politischen Cartoons in der internationalen Ausgabe und entliess die beiden Cartoonisten, darunter Chapatte. Cartoonisten äussern eine pointierte Meinung und setzen sich damit einem Risiko aus. In einer Zeit, in der Menschen erfreulicherweise immer mehr Rechte geniessen, kommen Satiriker auch immer schneller an den Punkt, an dem sie eine Grenze überschreiten. Witze werden nicht mehr als solche verstanden. Vor allem wenn sie im Internet völlig aus ihrem Kontext herausgerissen werden. Rowson: «The number of people who are offended by our work is breathtaking.» Hat das Publikum den Sinn für Humor verloren? Oder liegt der Fehler beim Cartoon? Zur Schlichtung hält Chappatte augenzwinkernd ein Warnschild in die Kamera: «Satire can hurt your feelings.» Das ist wohl ernster gemeint, als ihm selbst lieb ist.

Mehr zum Symposium in der neuen Folge aus der Podcast-Serie «Neuntens» des Cartoonmuseums Basel, der Hochschule Luzern – Design & Kunst, BA Illustration und Eric Facon
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