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Leben mit dem Schmerz

Aufklärung per Zeichentrick: Melanie Gerber will mit dem 2D-Animationsfilm «Diagnosis» die Krankheit Endometriose bekannter machen.

Endometriose ist die zweithäufigste gynäkologische Erkrankung, vier bis zwölf Prozent aller Frauen erkranken daran; genauer weiss man es nicht. Überhaupt weiss man noch sehr wenig über die Krankheit, bei der sich an den Organen in der Bauchhöhle Zysten bilden, die sich entsprechend dem Zyklus verändern und dann grosse Schmerzen verursachen können. Dieser Schmerz wird trotz seiner Intensität von vielen Erkrankten und Ärzten als normaler Menstruationsschmerz eingestuft, weshalb Frauen in der Schweiz durchschnittlich fünf Ärzte in acht Jahren aufsuchen müssen, bevor sie die richtige Diagnose erhalten. 

Bei Melanie Gerber dauerte es sogar zehn Jahre. Damals, sie ist gerade im 1. Semester ihres Bachelor-Studiums in Animation, versteht sie die Bedeutung des Befundes zunächst nicht recht. Sie ist froh, endlich zu wissen, woher diese Schmerzen kommen, die so stark sein können, dass sie erbrechen muss, nicht mehr laufen kann oder ohnmächtig wird. Um sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen, fängt sie an, ihre Gefühle und ihre Gedanken zu zeichnen. 

Auf die Phase der Erleichterung folgte eine, in der Gerber die Krankheit einfach ignoriert. Sie erinnert sich daran, dass sie sich eine Tasse Tee kochte, also etwas ganz Banales tat, als sie mit voller Wucht die Erkenntnis überfiel: Du musst von jetzt an in einem chronisch kranken Körper leben. «Es war wie eine Depression», sagt die 25-Jährige aus Ruggisberg BE, «ich fühlte mich, als würden Wut und Angst den ganzen Raum einnehmen». Nach der Rebellion kam Phase Vier: «Heute kann ich die Krankheit als einen Teil von mir akzeptieren, wende mich nicht mehr wütend gegen mich selbst, sondern nehme das an.» 

Für ihren Abschlussfilm in Animation hat Melanie Gerber ihre Zeichnungen genutzt, um ihr Alter Ego Alma diesen Prozess, der ein klassischer Trauerprozess ist, durchleben zu lassen. Sie will mit dem Zeichentrickfilm «Diagnosis» vor allem Verständnis schaffen. «Es ist megawichtig, dass sich die Betroffenen verstanden fühlen und dass die Diagnosen schneller gestellt werden. Bis jetzt werden die Menschen oft nicht ernst genommen. » 

Nach ihrem Studium will Melanie Gerber als Motion Designerin arbeiten, also Gestaltungselemente animieren, die dann in der Werbung oder in der Kommunikation allgemein genutzt werden. Ein Praktikum in England, Frankreich oder Deutschland ist das Nah-, eine Festanstellung und damit ein wenig finanzielle Sicherheit, das Fernziel. 

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