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Neu: Chapeau! Preis für die beste schriftliche Arbeit

24. Juni 2020

Was für ein Hut?

Die Hochschule Luzern – Design & Kunst prämiert 2020 zum ersten Mal die „besten“ schriftlichen Abschlussarbeiten. Es wird ein Hut gezogen vor jener Arbeit, die Theorie und Praxis besonders gut zu verbinden weiss. Die ein gewisses Plus, ein gewisses Etwas hat. Dieses gewisse Etwas wurde durch strenge Kriterien und unzählige Diskussionen und Erörterungen und Berichte ermittelt. Bereits hinter den fünf Nominierten steht eine Qual der Wahl, denn in Frage kamen rund 20 Arbeiten, die durch exzellente Gutachten empfohlen waren. 

Um was aber geht es? Nicht einfach um einen Preis mehr. Chapeau! soll sichtbar werden lassen und würdigen, wie in den schriftlichen Arbeiten neue Modelle der Verbindung von Theorie und Praxis entwickelt werden. Modelle, die einen anderen Weg nehmen als universitär-wissenschaftliche Arbeiten und die im Sinne einer eigenen Praxistheorie der spezifischen Kreativität der Ausbildungsgänge in Design, Film und Kunst gerecht werden. Manche dieser Arbeiten sind Seismographen für zukünftige Themen und Forschungsfelder. Chapeau! bedeutet in diesem Sinn ein deutliches Mehr als das Erfüllen von Standards. Es wird ein Preis von je Fr. 500.– für eine Arbeit aus dem Bachelor und eine Masterarbeit verliehen, die über den Standard hinausgehen und vor der wir den Hut ziehen wollen.

Die Gewinnerinnen wurde am 27. Juni bekanntgegeben:
Lea Kuslev für ihre Theoriearbeit zu Frauenbildern in Horror-Games
und Carmen Blättler, die sich mit der ländlichen Bevölkerung im westafrikanischen Togo auseinandersetzt.

Die fünf Nominierten

Still aus Jonas Bienz‘ Abschlussprojekt BODDYSSEY

Jonas Bienz (BA Animation):
Nachahmung des Unbekannten.
Die Bedeutung des Zufalls in der Kunst

«Nachahmung des Unbekannten ist eine sehr ungewöhnliche, sehr eigenständige Arbeit – ein Essay über den Zufall in der Kunst, der seinerseits, bis zu einem gewissen Grad zumindest, auch vom Zufall geleitet wird. Das Thema ist sehr brisant und hochaktuell – in einer Zeit, in der Softwares immer mehr Aufgaben vom Menschen übernehmen. Es ist das Versprechen (oder, je nach Standpunkt, die Drohung), dass der Zufall ausgemerzt wird – und damit all das Unberechenbare (und nicht selten sehr Produktive), das nur Zufälle möglich machen, verschwinden wird. Deshalb ist der Bezug dieses Textes zur Praxis trotz seiner Intellektualität sehr hoch: Über die Reflexion soll ergründet werden, wie die künstlerische Praxis auch in Zukunft auf den Zufall angewiesen bleiben soll/kann/muss.»

 – Christian Gasser

Jonas Bienz in der wwwerkschau

Frauen aus dem Horror-Game Silent Hill.

Lea Kuslev (BA Digital Ideation)
Horror und Gender.
Die Frauen aus Bloodborne und Silent Hill 

«Lea Kuslev untersucht in ihrer Theoriearbeit weibliche Figuren in Videospielen des Horrorgenres. Ihr Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch Ästhetik und Character-Design eine problematische sexualisierte Darstellung, aber auch die Darstellung von Gleichberechtigung und Stärke möglich ist. Die Spieleauswahl aus zwei verschiedenen Jahrzehnten ist interessant, da Kuslev daraus eine gesellschaftliche Entwicklung in Mainstream-Games abliest. Das Thema der Arbeit ist gesellschaftlich hochaktuell und relevant. Mit dem aus der Filmtheorie heraus entwickelten innovativen Instrumentarium geht sie bei der Analyse der Spieletitel stets reflektiert und fokussiert vor. Dabei erkennt sie auch die Grenzen einer analogen Übertragung vom linearen ins interaktive Medium. – Die Ergebnisse sind beeindruckend vielschichtig.»

– Sebastian Hollstein

Lea Kuslev in der wwwerkschau

Links: Selbstbildnis des Buchmalers Rufillus in einer R-Initiale, Cod. Bodmer 127 (Weißenauer Passional), Fondation Martin Bodmer,  fol. 244r, 12.Jh., 
Rechts: Ausschnitt aus der Abschlussarbeit von Anna Vogel

Anna Vogel (BA Illustration Nonfiction)
«Drei Finger Schreiben …».
Kritische Betrachtung mittelalterlicher und moderner Skriptoriumsdarstellungen

«Durch geradezu detektivische Bildbetrachtung und vergleichende Analyse von verschiedenen mittelalterlichen Schreiberselbstbildnissen gewinnt die Studentin an Sicherheit darüber, was für heutige Rekonstruktionen von Skriptorien relevant ist, d.h. so nahe an den überlieferten Fakten wie möglich. So vermag sie auch die zeitgenössischen Rekonstruktionen kritisch zu betrachten und «Fehler» bzw. Ungereimtheiten aufzudecken (Requisiten, Fingerhaltung, Ausstattung bis hin zur Lichtführung). Gesamthaft ist der Erkenntnisgewinn nicht nur für die Studentin, sondern auch für die Lesenden hoch, der Theorie-Praxis-Transfer ist optimal. Eine ausgezeichnete Arbeit.»

– Agnès Laube

«Annas Eigenständigkeit war ein Phänomen auf ganzer Linie. Zwar hat sie selbst ihren Ansatz meist zögerlich vertreten, skeptisch benannt, zugleich aber wusste sie stets bis in äusserste Detail, was Sache ist. Sie hat ihr Material wo immer möglich per Autopsie studiert. Man muss genau lesen und die Quellenlage quasi en passant konsultieren, um zu realisieren, wieviel Handwerkswissen in Annas Bildbetrachtungen steckt.»

– Hans ten Doornkaat

Anna Vogel in der wwwerkschau

Entwicklungszusammenarbeit in Donomadé (Togo)

Carmen Blättler (MA Design)
Design Meets Development Cooperation.
An investigation of the potential of design for knowledge transfer, empowerment and organization in rural regions of African developing countries

«Carmen setzte sich in ihrer Theoriearbeit mit den spezifischen Bedingungen und Herausforderungen der ländlichen Bevölkerung im westafrikanischen Togo auseinander. Mit Methoden und Modellen des Social Design und des Human-Centered Design untersuchte sie vor Ort auf dem genossenschaftlichen Modellbauernhof in der Nähe des Dorfes Donomadé exemplarisch das Potenzial für Wissenstransfer, Empowerment und Partizipation der Landbevölkerung. Zentral war hierfür ein sogenanntes «Verständnis zweiter Ordnung» zu erreichen, nämlich die Fähigkeiten, Erfahrungen und Denkweisen der betroffenen Menschen als Forschende genauer zu eruieren, zu verstehen, um darauf die praktische Projektarbeit aufzubauen. Denn bekanntlich scheitern Entwicklungsprojekte häufig am Unwissen, mit dem in anderen Kulturen agiert wird. So entwickelte Carmen in ihrer theoretischen Arbeit zunächst gemeinsam mit lokalen Stakeholdern ein Verständnis für den togolesischen Kontext. Sie entwickelte im Kontakt und Austausch mit der Bevölkerung spielerische Werkzeuge, um die Interaktion, das gegenseitige Verständnis, das Lernen und die Zusammenarbeit im Rahmen der lokal etablierten Strukturen zu stärken. Basierend auf diesen Erfahrungen entstanden schliesslich eine Reihe von ethnologischen Ansätzen und Instrumenten, auf die Designer*innen zukünftig bei der Durchführung von partizipativer Forschung und Projekten in einem interkulturellen Kontext zurückgreifen können.»

– Dagmar Steffen, Jan Eckert

Carmen Blättler in der wwwerkschau

Malin Widén Buch «Die Idee kommt beim Zeichnen»

Malin Widen (MA Kunst)
Die Idee kommt Beim Zeichnen.
Ein experimentell-wissenschaftliches Cahier über das Öffnen von Gedankenräumen durch das Zeichnen

«Dass die Zeichnung nicht nur etwas zeigt, sondern zugleich darüber nachdenkt, wie sie etwas zeigt, ist eine zentrale Erkenntnis, die Malin Widen von Pierre Thomé übernimmt und weiterführt. Sie ist insofern erkenntniskritisch, als sie pädagogische Modelle des schulischen Zeichenunterrichtes als normativ und steril enttarnt. In Bezug auf das eigene Unterfangen, sich theoretische Texte zeichnerisch anzueignen, heisst das, wir sehen auch, wie die Verfasserin denkt. Aber können wir es lesen? Das ist die Herausforderung dieser Masterarbeit an ihre Leser*innen. Die Aufarbeitung der Literatur zum Zusammenhang von Zeichnen und Denken muss fragmentarisch bleiben – zu gross und weit erforscht ist das Gebiet. Überaus lohnend ist deshalb die Konzentration auf die Kinderzeichnung als Denkraum. Was überhaupt ist ein Gedankenraum – visuell gedacht? Könnte man das sagen oder muss man es immer – zeigen? Durch diese Metareflexivität erreicht die Arbeit – und das ist ihre «Genialität» – genau durch die Konkretion auch wieder eine bestimmte Abstraktion. Denn sie löst eine Aufgabe (nämlich das Verständnis theoretischer Texte durch Illustration) und gibt dem Leser und der Leserin damit erneut viele neue Rätsel auf. Dass Zeichnen nicht nur illustrativ und erklärend ist, erfahren wir im Verlauf der Masterthesis also in ebenso vielen Reflexionen wie auch in den visuellen Dimensionen einer Schau-Lektüre, deren Varietät beeindruckend ist. Der ausgestellte Text in Fragmenten und Zitaten ist eine besondere Form der Aneignung von Texten, die auch im Hinblick auf die ganze Frage der Wissensereignung in den Nachbardisziplinen des BG interessant sein könnte. Zusammengehalten wird die Masterthesis auch von einem Strich, einer zeichnerischen Geste, die ganz auf die «Handschrift» der Verfasserin verweist und der die Arbeit selber zu einem visuellen Ereignis macht, ohne das Diskursive ausser Kraft zu setzen. Insofern: Chapeau! Eine ausgezeichnete Arbeit.»

– Silvia Henke

Malin Widén in der wwwerkschau

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