{"id":10454,"date":"2017-11-04T08:00:57","date_gmt":"2017-11-04T07:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/ikm-hslu.ch\/ikm-blog\/?p=10454"},"modified":"2026-02-11T14:53:05","modified_gmt":"2026-02-11T13:53:05","slug":"coliving-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/ikm\/2017\/11\/04\/coliving-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Coliving in der Schweiz &#8211; eine Wohnform der Zukunft?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"is-style-lead\"><em> Ein Einblick in die Weiterentwicklung des gemeinschaftlichen Wohnens, welche in den n\u00e4chsten Jahren auch auf die Schweiz zukomm<\/em>t.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Basierend auf den Erkenntnissen, welche im Rahmen einer Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern Wirtschaft gewonnen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Nordwesten von London, etwa 20 Minuten vom Zentrum entfernt, steht ein mehrst\u00f6ckiges, graues Geb\u00e4ude. Eigent\u00fcmerin ist die Immobilienfirma The Collective, welche im Jahr 2010 an der LSE University in London gegr\u00fcndet wurde. Mit der <a href=\"https:\/\/www.thecollective.co.uk\/coliving\/old-oak\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Liegenschaft Old Oak<\/a> bietet sie seit 2016 \u00fcber 500 Personen ein Zuhause in einem sogenannten Coliving. Das Wort Coliving l\u00e4sst an Coworking denken \u2013 Arbeiten in der Gemeinschaft. Doch anstelle von Arbeitspl\u00e4tzen wird in einem Coliving zus\u00e4tzlich Wohnraum geteilt. Wie dies aussehen kann, zeigt sich in London.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wohnen wie im Hotel<\/h2>\n\n\n\n<p>Im grossz\u00fcgigen Entree des Old Oak befindet sich eine Reception, dazu Sessel und Sofas, auf denen vereinzelt Menschen mit Laptops auf den Knien sitzen und konzentriert auf ihre Bildschirme starren. Das Restaurant auf der gleichen Etage ist sowohl f\u00fcr Mieterinnen und Mieter als auch f\u00fcr auswertige G\u00e4ste aus der Gegend ge\u00f6ffnet und soll einen Austausch zwischen den beiden Gruppen erm\u00f6glichen. Im Unterschied zu anderen Wohnungen, welche The Collective in London anbietet, beinhaltet das Coliving Old Oak Annehmlichkeiten, die an ein Hotel erinnern. So bewohnen die Menschen komplett m\u00f6blierte Zimmer, je nach Preiskategorie mit eigenem Bad und\/oder kleiner Teek\u00fcche. Die Mietkosten beinhalten den Reinigungsservice sowie die Mitbenutzung s\u00e4mtlicher Gemeinschaftsr\u00e4ume. Um nur einige davon aufzuz\u00e4hlen: Es gibt eine Bibliothek, eine Dachterrasse, voll ausgestattete Gemeinschaftsk\u00fcchen, ein Spa und Gym, einen Yogaraum und sogar einen Kino- und Spielraum. Weiter ist ein sogenannter Community Manager Tag und Nacht f\u00fcr die G\u00e4ste verf\u00fcgbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu einem Hotel wird in einem Coliving wie dem Old Oak die Community, die Gemeinschaft, grossgeschrieben. W\u00e4hrend in einem Hotel der Austausch zu anderen G\u00e4sten auf ein Mini-mum reduziert wird, wird er in einem Coliving &#8211; beispielsweise durch den Community Manager &#8211; aktiv gef\u00f6rdert. Zudem wird das Arbeiten vor Ort durch den Coworking Space erm\u00f6glicht, der sich abends in eine Eventlocation verwandeln l\u00e4sst. Ein weiterer Unterschied im Vergleich zu einem Hotel ist die lange Mietdauer \u2013 so unterzeichnen Mieterinnen und Mieter des Old Oak einen Vertrag \u00fcber 12 Monate. Diese Massnahme soll bei der Bildung der Gemeinschaft f\u00f6rderlich sein, da eine solche bei \u00fcber 500 Personen gar nicht so einfach zu formen und zu pflegen ist. Die Zielgruppe von Old Oak l\u00e4sst sich schwer auf einen bestimmten Typ runterbrechen. Auffallend ist aber, dass etwa 75 Prozent der Mieterinnen und Mieter zwischen 25 und 35 Jahren alt sind, folglich handelt es sich um ein relativ junges Publikum.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Coliving Old Oak in London ist nur eines von vielen Colivings, die in den letzten Jahren in Europa entstanden sind. Im Rahmen einer Bachelorarbeit zu diesem Thema wurden zehn verschiedene Colivings genauer auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersucht. Danach war es m\u00f6glich, eine Definition aufzustellen, um ein Coliving etwas besser zu kategorisieren:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Ein Coliving ist ein Heim auf Zeit, voll m\u00f6bliert, mit hotel\u00e4hnlichen Annehmlichkeiten wie Reinigungs- oder W\u00e4scheservice. Die Zielgruppe besteht aus meist jungen, flexibel arbeitenden Menschen, die Wert auf Gesellschaft und Austausch legen und dennoch unabh\u00e4ngig sein m\u00f6chten. Gleichzeitig eignen sich Colivings auch f\u00fcr \u00abRetreats\u00bb, welche an Teams gerichtet sind. Eine Mindestaufenthaltsdauer ist meist vorgegeben und erm\u00f6glicht das Entstehen einer Community. Besonders in st\u00e4dtischen Colivings betr\u00e4gt die Mindestmietdauer einen Monat oder, wie im The Collective Old Oak, sogar zw\u00f6lf Monate. Gemeinschaftsr\u00e4ume erm\u00f6glichen es den Bewohnenden, gemeinsam zu kochen, zu essen und anderweitig Zeit miteinander zu verbringen. Die n\u00f6tige Privatsph\u00e4re wird durch kleine Mikro-Apartments oder, je nach Standard, auch durch Mehrbettzimmer gew\u00e4hrleistet. Gut ausgestattete Coworking Spaces sind vorhanden und regelm\u00e4ssig stattfindende Events erm\u00f6glichen den Bewohnenden Knowhow-Austausch sowie Netzwerken.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Besonders auff\u00e4llig bei der Betrachtung der verschiedenen Colivings waren die Unterschiede zwischen st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Angeboten. Sie unterscheiden sich vor allem in Bezug auf die Aufenthaltsdauer (welche in st\u00e4dtischen Colivings meist auf ein Minimum von einem Monat fest-gelegt ist) sowie auf die Ausstattung der R\u00e4umlichkeiten. L\u00e4ndliche Colivings werden meist f\u00fcr k\u00fcr-zere Zeit besucht und eignen sich besonders f\u00fcr sogenannte \u00abRetreats\u00bb (ein R\u00fcckzug von der ge-wohnten Umgebung f\u00fcr eine bestimmte Zeitdauer) oder \u00ab(Co)workations\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abCowor\u2026\u00bb \u2013 was?<\/h2>\n\n\n\n<p>Coworkation setzt sich zusammen aus den englischen Worten \u00abCoworking\u00bb und \u00abVacation\u00bb, also Urlaub. Eine Coworkation ist folglich die Vermischung von Urlaub und Arbeit, wie Nectarconectar, ein Colivingangebot, beschreibt:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201cA workation is a new concept of remote working. It&#8217;s all about getting stuff done from inspiring places. And meeting like-minded people, who are curious about, or already living a locationindependent life\u201d (Nectarconectar, online).<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Zielgruppe f\u00fcr (Co)workation sind sogenannte \u00ablocation independent professionals\u00bb, also Menschen, die ortsungebunden arbeiten k\u00f6nnen. In letzter Zeit wird diese Zielgruppe vermehrt mit dem Begriff \u00abdigital Nomads\u00bb beschrieben. Die in der Beschreibung erw\u00e4hnten abgeschiedenen und inspirierenden Orte sind beispielsweise Bali oder Thailand \u2013 oder aber: die Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ist f\u00fcr diese neue Wohnform in der Schweiz ein Markt vorhanden?<\/h2>\n\n\n\n<p>In der Schweiz existiert bisher ein l\u00e4ndliches Coliving, das <a href=\"https:\/\/www.swissescape.co\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Swiss Escape<\/a> in Grimentz, im Kanton Wallis. Die Betreiber des Swiss Escape konzentrieren sich gleich auf zwei Zielgruppen: So wird das Swiss Escape im Winter von Individualg\u00e4sten bewohnt, die einen Monat oder l\u00e4nger bleiben. Die Betreiber beschreiben diese Zielgruppe als Menschen, die ortsungebunden arbeiten und \u00fcber ein hohes Einkommen verf\u00fcgen. Im Sommer betr\u00e4gt die Aufenthaltsdauer hingegen meist nur eine Woche und die Zielgruppe besteht aus Firmen. Diese verbringen mit ihren Teams im Rahmen eines Retreats oder einer Coworkation eine Woche in den Bergen und hoffen auf Inspiration und gest\u00e4rkten Teamgeist, abseits der t\u00e4glichen Routine.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Coliving wie das oben beschriebene Old Oak existiert in der Schweiz (bisher) nicht. Es gibt aber Entwicklungen, welche in diese Richtung gehen. So sind in den letzten Jahren einige Genossenschaften entstanden, welche sich mit unterschiedlichen Wohnmodellen auseinandersetzen. Die <a href=\"https:\/\/www.mehralswohnen.ch\/hunziker-areal\/quartierteil\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Genossenschaft Hunziker Areal<\/a> im Norden von Z\u00fcrich etwa, welche ihren 1300 Bewohnerinnen und Bewohnern eine grosse Auswahl an Wohnm\u00f6glichkeiten bietet: vom Studio \u00fcber Mehrzimmerwohnungen, Wohnateliers und Satellitenwohnungen. Das Entstehen einer Gemeinschaft wird beim Hunziker Areal auch durch mehrere Allmendr\u00e4ume (R\u00e4ume, welche alle Bewohnerinnen und Bewohner kostenlos nutzen d\u00fcrfen) gef\u00f6rdert. Partizipation und Inklusion, etwa durch das Engagement in verschiedenen Quartiergruppen oder den Gemeinschaftsg\u00e4rten, wird grossgeschrieben. Das Areal bietet zudem Gewerber\u00e4umlichkeiten an, die teilweise von Bewohnenden gemietet werden. Diejenigen Menschen, die im Hunziker Areal wohnen und arbeiten, leben also bereits eine Art von Coliving. Zudem wird mit grossen Clusterwohnungen mit 12.5 Zimmern auf einen Trend reagiert, welcher sich in den letzten Jahren in Schweizer St\u00e4dten abgezeichnet hat: dem Trend zu \u00abSingle Living\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Single Living in der Gross \u2013 WG<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ikm-hslu.ch\/ikm-blog\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/Coliving_Social-Community.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"702\" height=\"234\" src=\"http:\/\/ikm-hslu.ch\/ikm-blog\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/Coliving_Social-Community-702x234.jpg\" alt=\"Coliving_Social-Community\" class=\"wp-image-10463\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/ikm\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/sites\/8\/Coliving_Social-Community-702x234.jpg 702w, https:\/\/hub.hslu.ch\/ikm\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/sites\/8\/Coliving_Social-Community-300x100.jpg 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/ikm\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/sites\/8\/Coliving_Social-Community-768x256.jpg 768w, https:\/\/hub.hslu.ch\/ikm\/wp-content\/blogs.dir\/489\/files\/sites\/8\/Coliving_Social-Community.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 702px) 100vw, 702px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Gerade in Zentren mit hohen Mietpreisen und tiefer Leerwohnungsquote, wo g\u00fcnstige Wohnungen also Mangelware sind, bieten sich sogenannte Clusterwohnungen an. In einer Clusterwohnung verf\u00fcgen die Bewohnenden \u00fcber kleine Einzelapartments, welche meist eine eigene Kochnische und Nasszelle aufweisen, und teilen sich Gemeinschaftsr\u00e4umlichkeiten wie K\u00fcche, Wohnzimmer, Dachterrasse oder Hobbyraum. Die Bewohnenden haben somit die Gelegenheit, mit ihren Mitbewohnern zu kommunizieren und interagieren, k\u00f6nnen sich aber gleichzeitig bei Bedarf in ihre eigenen R\u00e4umlichkeiten zur\u00fcckziehen. Die Satellitenwohnungen unterscheiden sich aber immer noch stark von Coliving, wie es im Rahmen der Bachelorarbeit definiert wurde: So sind in einem Coliving die Zimmer bereits m\u00f6bliert und die Mietdauer ist zeitlich begrenzt. Zudem spielt in einem Coliving die M\u00f6glichkeit, vor Ort zu arbeiten, eine weitere wichtige Rolle. Aktivit\u00e4ten und Events sind stark darauf ausgerichtet, das berufliche Netzwerk der Bewohnerinnen und Bewohner zu vertiefen. Gemeinsam ist dem Coliving und der Clusterwohnung aber der Community-Aspekt und das Teilen von Raum und Gegenst\u00e4nden.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Beruflich profitieren durch Coliving<\/h2>\n\n\n\n<p>Clusterwohnungen sprechen heute nicht nur Studenten an, sondern verschiedenste Altersklassen. So gibt es im Hunziker Areal Mehrgenerationenwohnungen, bei denen gerade der Austausch zwischen Alt und Jung als sehr wertvoll empfunden wird. Das Teilen von Raum hat in den letzten Jahren folglich bei unterschiedlichsten Menschen an Akzeptanz gewonnen und wird als spannendes Zukunftsmodell betrachtet. Es ist eine Reaktion auf den demografischen Wandel in unserem Land, aber auch eine logische Konsequenz der <a href=\"http:\/\/ikm-hslu.ch\/ikm-blog\/tag\/sharing-economy\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sharing Economy<\/a>-Bewegung, welche das Teilen von G\u00fctern und Dienstleistungen salonf\u00e4hig gemacht hat. Unternehmen wie Airbnb haben diese Bewegung noch weiterentwickelt und erm\u00f6glichen seit einigen Jahren das Teilen von Wohnraum. Aus dem grossen internationalen Erfolg der Firma l\u00e4sst sich schliessen, dass das Teilen von Wohnraum in der Bev\u00f6lkerung auf immer mehr Akzeptanz st\u00f6sst, besonders in den St\u00e4dten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Das Teilen wird so zum Symbol einer nachhaltigen Wohn- und Lebensweise.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein Coliving in der Gr\u00f6sse des Old Oak wird in der Schweiz in n\u00e4chster Zeit wohl nicht entstehen. Dies, weil es mit vielen Auflagen und sehr hohen Investitionen verbunden w\u00e4re, ohne dabei auf Erfahrungswerte bauen zu k\u00f6nnen. Wahrscheinlicher ist hingegen, dass hier und da kleine Coliving-Angebote entstehen werden, etwa in Form von Wohngemeinschaften, die ein oder zwei m\u00f6blierte Zimmer an Interessierte vermieten. Dabei k\u00f6nnten themenspezifische Events organisiert werden, von denen alle Bewohnenden profitieren. Dies ist vermutlich am ehesten der Fall, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner \u00e4hnliche berufliche Hintergr\u00fcnde aufweisen. Dies ist gar nicht so abwegig, wenn man die Entwicklungen im Coworking-Bereich betrachtet. Auch dort ist eine Ver\u00e4nderung in Richtung themen- bzw. berufsspezifischer Coworking Spaces zu beobachten. Dies leuchtet ein, da man als Mitglied eines Coworking Spaces mehr von Menschen aus einer verwandten Branche profitieren kann. Diese Idee auch in den Wohnbereich zu \u00fcbertragen und somit die Etablierung von Coliving zu f\u00f6rdern, ist durchaus vorstellbar. Die Gefahr, dabei eine Art Bubble zu kreieren, in der die berufliche T\u00e4tigkeit auch bestimmt, mit wem man wohnt und sich austauscht, sollte dabei nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend \u00abColiving\u00bb in der Schweiz noch in den Kinderschuhen steckt, w\u00e4chst das Angebot im Ausland rasant. 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