{"id":12337,"date":"2021-05-20T11:28:01","date_gmt":"2021-05-20T09:28:01","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/informatik\/?p=12337"},"modified":"2026-02-11T14:52:35","modified_gmt":"2026-02-11T13:52:35","slug":"studieren-mit-asperger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/informatik\/studieren-mit-asperger\/","title":{"rendered":"Studieren mit Asperger: \u00abMeine \u2039Schw\u00e4che\u203a hat mir schon viel gebracht\u00bb"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Luca, was dachtest du, als du die Diagnose Asperger erhalten hast?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Luca: Ich war noch im Kindergarten, als ich die Diagnose erhielt. Mich st\u00f6rte sie nicht, aber meine Eltern waren froh, dass sie wussten, was mit mir nicht stimmte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was hast du getan, um damit umzugehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kindergarten hatte ich vor der Diagnose eigentlich keine Probleme gehabt. Es war eher so, dass die anderen Kinder unter mir gelitten hatten. Mir wurde ein Verhaltenstraining empfohlen. Ein solches absolvierte ich auch, aber es war mir nicht wirklich n\u00fctzlich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum haben denn die anderen Kinder unter dir gelitten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte einfach in Ruhe gelassen werden und wurde grob, wenn mich jemand st\u00f6rte. Ich war auch laut und habe mit meiner unruhigen Art den Unterricht gest\u00f6rt.<\/p>\n\n\n<div class=\"blue-box\">\n\t<div class=\"row\">\n\t\t<div class=\"col-md-12\">\n\t\t\t<p><strong><em data-rich-text-format-boundary=\"true\">Asperger \u2013 was ist das eigentlich?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em data-rich-text-format-boundary=\"true\">Das <\/em><a href=\"https:\/\/autismus-kultur.de\/autismus\/asperger.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Asperger-Syndrom<\/em><\/a><em> ist eine Form von Autismus. Das Gehirn von Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung funktioniert anders, was mit spezifischen St\u00e4rken und Schw\u00e4chen verbunden ist. F\u00fcr Betroffene ist es schwierig, Mimik und K\u00f6rpersprache zu verstehen, darauf zu reagieren und sie selbst einzusetzen. Daf\u00fcr haben sie oft ein ausgepr\u00e4gtes logisches Denken<\/em> <em>und wissen genau, was sie interessiert. Mit \u00c4nderungen im allt\u00e4glichen Leben k\u00f6nnen sie nicht gut umgehen, ein geregelter Tagesablauf ist wichtig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Viele sprechen von <\/em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neurodiversit%C3%A4t\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Neurodiversit\u00e4t<\/em><\/a><em> und davon, dass sie eine andere Art der Wahrnehmung haben. Auch Greta Thunberg oder Elon Musk haben das Asperger-Syndrom.<\/em><\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ein bekanntes Vorurteil \u00fcber Menschen mit Autismus ist, dass sie genau w\u00fcssten, was sie interessiert. Wie war das bei dir mit der Studienwahl? Was interessiert und fasziniert dich?<br><br><\/strong>Bei mir war es genauso: Mich hat es schon immer interessiert, Dinge zu bauen und auseinanderzunehmen. Als Kind habe ich jeden Tag eine andere Eisenbahn aufgestellt und ganz viele Maschinen erfunden. Zum Beispiel einen Drucker mit Filzstiften oder eine Art Magnetschwebebahn aus Permanentmagneten. Auch Elektronik faszinierte mich. Ich habe die Spielsachen immer auseinandergeschraubt, anstatt damit zu spielen. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Als Kind habe ich jeden Tag eine andere Eisenbahn aufgestellt und ganz viele Maschinen erfunden.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Als dann der Computer ein Thema wurde, wusste ich sofort, dass er meine Zukunft wird. Nachdem ich die ersten Codezeilen geschrieben hatte, war mir klar, dass ich dies zu meinem Beruf machen wollte. Ich kannte niemanden mit Programmiererfahrung und lernte alles mit B\u00fcchern und sp\u00e4ter durch das Internet. Bereits in der 5. Primarklasse programmierte ich ein Lernprogramm f\u00fcr meine Klasse in BlitzBasic. Es hatte \u00fcber 10&#8217;000 Zeilen Code, 20 Aufgaben und eine grafisch animierte Story.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie reagieren Mitmenschen, wenn sie von deiner Andersartigkeit erfahren?<br><br><\/strong>Sie nehmen es zur Kenntnis. Ich habe immer alle informiert, und das wurde gut aufgenommen. Diese Strategie hat f\u00fcr mich funktioniert. Viele finden mich anders mit allen Vor- und Nachteilen, aber mein Umfeld kann sehr gut mit mir umgehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist in deinem Studienalltag anders als bei Nichtbetroffenen?<br><br><\/strong>Ich brauche f\u00fcr alles viel mehr Zeit. Deswegen habe ich kaum Freizeit. Zudem bin ich sehr perfektionistisch. F\u00e4cher, die eine enge Zusammenarbeit erfordern, sind schwierig f\u00fcr mich. Ich rege mich auf, wenn andere ihren Teil nicht so gut machen wie ich meinen. Manchmal darf ich allein arbeiten. So konnte ich zum Beispiel statt in den Produktentwicklungs-Modulen, welche interdisziplin\u00e4re Teamarbeit erfordern, an einem erfolgreichen Forschungsprojekt \u00fcber Quantenkryptographie mitarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was gibt es f\u00fcr Herausforderungen?<br><\/strong><br>Ich werde w\u00e4hrend der Lektion oft nicht fertig mit den gestellten Aufgaben. Das stresst mich. Ausserdem kann ich mir Namen nicht merken und das \u00abdu\u00bb und \u00abSie\u00bb ist f\u00fcr mich schwierig.<br>In der Kommunikation habe ich allgemein Schwierigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die anderen Studierenden haben ein Leben neben der Schule, ich bin auf die Schule fokussiert.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Wie \u00e4ussern sich diese?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich rede oft drauflos und meine Erwartungen an mein Gegen\u00fcber sind anders. Zudem schaue ich den Menschen oft nicht in die Augen und kann nicht verstehen, wenn jemand eine Ausrede bringt. Ich merke, dass meine Mitmenschen oft andere Wertvorstellungen haben als ich. Die anderen Studierenden haben ein Leben neben der Schule, ich bin auf die Schule fokussiert. Ich habe kaum freiwillige Kontakte zu Mitstudierenden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Worauf achtest du bei Gespr\u00e4chen?<br><br><\/strong>Dass ich m\u00f6glichst viel Zeit f\u00fcr mich beanspruche. Solange ich rede, kann ich das Gespr\u00e4ch kontrollieren und muss nicht deuten, was die anderen mir sagen m\u00f6chten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Unterst\u00fctzung erh\u00e4ltst du im Studium?<br><\/strong><br>Die Hochschule unterst\u00fctzt mich mit den <a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/campus\/beratung\/barrierefrei-studieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Nachteilsausgleich<\/a>. Dadurch erhalte ich mehr Zeit f\u00fcr Pr\u00fcfungen. Pr\u00fcfungen schreibe ich alleine in einem separaten Raum, damit ich nicht so schnell abgelenkt werde. Zudem bin ich froh, wenn ich gewisse Arbeiten alleine statt wie vorgesehen als Gruppenarbeit ausf\u00fchren kann; leider braucht das dann noch mehr Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was ist das Positive an deinem Asperger-Syndrom?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine St\u00e4rke ist, dass ich sehr gut programmieren kann und bereits viele erfolgreiche Open-Source-Projekte gemacht habe. Ich erhielt auch einen Preis f\u00fcr die beste Matura-Arbeit des Kantons Zug. Meine \u00abSchw\u00e4che\u00bb hat mir schon sehr viel gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die \u00dcberflutung mit \u00e4usseren Eindr\u00fccken ist f\u00fcr Menschen mit Asperger oft ein Problem. Wie spielt sich das bei dir ab?<\/strong><br><br>Situationen mit der Gefahr von Reiz\u00fcberflutungen vermeide ich nach M\u00f6glichkeit und suche mir Orte mit wenig Personen und Einfl\u00fcssen. Falls ich doch einmal an einem hektischen Ort bin wie zum Beispiel am Bahnhof, dann beeile ich mich und renne. Ich gehe nie einkaufen oder an ein \u00f6ffentliches Fest. Am meisten st\u00f6rt mich, dass ich dann versuche, mehreren Gespr\u00e4chen gleichzeitig zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Menschen im Autismus-Spektrum verf\u00fcgen \u00fcber viele Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. <\/strong><strong>Gerade in Berufen, wo das L\u00f6sen von Problemen wichtig ist, sind sie \u00fcberdurchschnittlich vertreten. Bist du der ideale Informatiker?<br><\/strong><br>Ja, weil es mich nicht st\u00f6rt, \u00fcber Stunden auf ein einziges Problem fixiert zu sein. Ich kann mir Programme im Kopf vorstellen, das k\u00f6nnen andere nicht.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Mich st\u00f6rt es nicht \u00fcber Stunden auf ein einziges Problem fixiert zu sein.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Worauf bist du stolz?<\/strong><br><br>Ich habe den Weg: Primarschule \u2013 Sonderschule \u2013 Primarschule, dann an die Kanti, an die ETH und an die Hochschule Luzern \u2013 Informatik geschafft. Das zeigt, dass nach einem schwierigen Start immer noch alles m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>*Name ge\u00e4ndert<\/p>\n\n\n\n<p>Aktualisiert: 3. August 2023; ver\u00f6ffentlicht: 20. Mai 2021 <br>Von: Yasmin Billeter<\/p>\n\n\n<div class=\"blue-box\">\n\t<div class=\"row\">\n\t\t<div class=\"col-md-12\">\n\t\t\t<p><a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/campus\/beratung\/barrierefrei-studieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Barrierefrei studieren:<\/strong><\/a> <strong>Die Kontaktstelle \u00abbarrierefrei\u00bb <\/strong>ber\u00e4t Studieninteressierte, Studierende und Mitarbeitende, wenn es um Fragen rund ums Studium mit Beeintr\u00e4chtigungen und chronischen Erkrankungen geht. Ihr Ziel ist es, Benachteiligungen von Studierenden mit Beeintr\u00e4chtigungen zu mildern. Der Nachteilsausgleich sichert dabei die Gleichstellung von Studierenden bez\u00fcglich ihrer Chancen auf ein erfolgreiches und diskriminierungsfreies Studium. Ein Forschungsteam der Hochschule Luzern und der Interkantonalen Hochschule f\u00fcr Heilp\u00e4dagogik Z\u00fcrich hat die Wirkung dieses Instruments untersucht und herausgefunden: <a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/soziale-arbeit\/ueber-uns\/aktuell\/2020\/08\/25\/nachteilsausgleich-in-berufs-und-mittelschulen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Es funktioniert<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Vielfalt ist ein Gewinn: <\/strong><a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/informatik\/ueber-uns\/diversity-departement-informatik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die Fachstelle Diversity<\/a> setzt sich mit Fragen der Vielfalt, der Chancengleichheit und des respektvollen Umgangs auseinander. Sie setzt die Diversity-Policy um, koordiniert verschiedene Projekte und Veranstaltungen und erbringt ausgew\u00e4hlte Dienstleistungen.<\/p>\n<p><strong>Diversity-Beauftragte:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/ueber-uns\/personensuche\/profile\/?pid=3555\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ladan Pooyan-Weihs<\/a> ist Forscherin, Studienleiterin und Dozentin an der Hochschule Luzern \u2013 Informatik. Sie ber\u00e4t Studierende, Mitarbeitende und Dozierende bei allen Fragen, die Diversity betreffen. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel Gleichstellungsfragen, die Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie oder Fragen zur kulturellen Vielfalt.<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4llt Ihnen unser Informatik-Blog? <\/strong>Hier erhalten Sie Tipps und lesen \u00fcber Trends aus der Welt der Informatik. Wir bieten Einsichten in unser Departement und Portr\u00e4ts von IT-Vordenkerinnen, Vision\u00e4ren und spannenden Menschen: <a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/informatik\/#newsletter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Abonnieren Sie jetzt unseren Blog<\/a>!<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Luca Koch* hat Asperger und studiert Informatik. Er kann sich ganze Computerprogramme im Kopf vorstellen und liebt es, sich zu fokussieren. 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