{"id":2499,"date":"2022-10-05T11:53:11","date_gmt":"2022-10-05T09:53:11","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/?p=2499"},"modified":"2026-02-05T15:08:12","modified_gmt":"2026-02-05T14:08:12","slug":"kompetenzbasiertes-recruiting-im-digitalen-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/2022\/10\/05\/kompetenzbasiertes-recruiting-im-digitalen-zeitalter\/","title":{"rendered":"Skills statt Abschlussnoten"},"content":{"rendered":"\n<p>Einerseits bieten heute Online-Jobportale, Online-Ausgaben von Zeitungen, Facebook, Instagram, LinkedIn oder XING eine gut sortierte Vorauswahl an Jobangeboten und andererseits versprechen immer mehr Job-Matching-Apps den \u00abPerfect Match\u00bb \u2013 die ideale Passung \u2013 zwischen Bewerber:innen und Job (Kaudela-Baum 2022).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Der Einfluss der digitalen Transformation auf unsere Kommunikation wirkt sich immer st\u00e4rker auf die Bewerbungsprozesse aus, die fr\u00fcher von einer gewissen Sorgfalt und Seri\u00f6sit\u00e4t\/klaren Standards gepr\u00e4gt waren. Im Einklang mit den allt\u00e4glichen Gewohnheiten, die vor allem junge Fachkr\u00e4fte pflegen, k\u00f6nnen Bewerbungen heute mit wenigen Klicks, digitalen Kurzbiographien, Kompetenz-Hashtags und Links zu Social Media Profilen (mit mehr oder weniger validierten Kompetenzbekundungen) eingereicht werden. In sehr vielen Branchen herrscht Fachkr\u00e4ftemangel. Qualifizierte Talente sind rar. Daher akzeptieren viele Organisationen Kurzversionen von Bewerbungen, unvollst\u00e4ndigen Unterlagen und Motivationsschreiben via Mail.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Optimierter Social-Media-Auftritt ist von hoher Bedeutung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die fortschreitende Digitalisierung durchdringt s\u00e4mtliche Aktivit\u00e4ten des Recruitings. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Augenmerk von Recruitern auf Stellenanzeigen und gestapelten Bewerbungsmappen lag. Um das Unternehmen auch f\u00fcr gesuchte Talente attraktiv zu gestalten, ist ein optimierter Web- und Social-Media-Auftritt von hoher Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Je simpler die Bewerbung abl\u00e4uft, desto eher sind gerade junge Fachkr\u00e4fte motiviert, ihre Bewerbung abzuschicken. One-Click-Bewerbungen erm\u00f6glichen es, das eigene Xing- oder LinkedIn-Profil direkt an die Personalabteilung des neuen Arbeitgebers zu \u00fcbermitteln. Die App Monster erlaubt es Kandidatinnen und Kandidaten z.B., sich sogar per Tinder-Prinzip zu bewerben. Auch das Unternehmen Jobeagle (ein Start-up von Studierenden der Hochschule Luzern) bietet eine Vermittlung a la Tinder an. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Kompetenzen sind DIE Basis f\u00fcr die digitale Jobsuche und das digitale Recruiting.<\/p>\n<cite>Stephanie Kaudela-Baum<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Mittels Facebook und Instagram k\u00f6nnen Stellenanzeigen inzwischen genau auf die beabsichtigte Zielgruppe abgestimmt und geographische Gesichtspunkte oder berufliche Interessen ber\u00fccksichtigt werden. Doch gerade das berufliche Interesse von Bewerber:innen sollte eigentlich gar nicht mehr so eine grosse Rolle spielen. Es ist doch viel zeitgem\u00e4sser, \u00fcber ein intelligentes Matching von Kompetenzen und Kompetenzanforderungen nachzudenken und sich auch die Frage zu stellen, wie man mit HR Tech L\u00f6sungen Hidden Talents besser aufsp\u00fcren und dem Talentmarkt zug\u00e4nglich machen kann. Die W\u00e4hrung in diesem zunehmend relevanten Matching-Markt: Kompetenzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was versteht man unter Kompetenzen? Wie h\u00e4ngen die Konzepte Wissen, Skills und Arbeitswerte zusammen?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Kompetenzbegriff: Wissen, Skills, Values<\/strong> \u201eKompetenzen sind die bei Individuen verf\u00fcgbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu l\u00f6sen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und F\u00e4higkeiten, um die Probleml\u00f6sungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu k\u00f6nnen\u201c (Weinert, 2001, S. 27). Kompetenzen sind demnach f\u00fcr die Aus\u00fcbung einer beruflichen Funktion relevant und umfassen Wissen (Knowledge), F\u00e4higkeiten (Skills) sowie Denkweisen (Work Values). Ein Kompetenzmodell umfasst eine Reihe von Kompetenzen, die f\u00fcr eine effektive Erf\u00fcllung einer bestimmten Rolle oder Position erforderlich sind (Lang et al. 2018).<\/p>\n\n\n\n<p>So kann beispielsweise Kommunikationsf\u00e4higkeit als eine Kompetenz bezeichnet werden, die sich auf die Sprachkenntnisse einer Person, ihre praktischen IT-F\u00e4higkeiten und ihre Einstellung zu den Gespr\u00e4chspartnern auswirken kann (OECD 2005). Kompetenzen sind Voraussetzungen f\u00fcr das Handeln und h\u00e4ngen vom jeweiligen Kontext ab. In Tabelle 1 wird das hier zugrunde gelegte Kompetenzkonzept zusammenfassend pr\u00e4sentiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><strong>Kompetenzelement<\/strong><\/td><td><strong>Definition<\/strong><\/td><td><strong>Beispiele<\/strong><\/td><\/tr><tr><td><strong>Wissen<\/strong><\/td><td>Wissen bezieht sich auf das Verst\u00e4ndnis von Kompetenztr\u00e4gern f\u00fcr ein Konzept (Ruben 2009) und wird durch Verfahren, Prinzipien oder spezifische Ereignisse beschrieben, die Dom\u00e4nenwissen darstellen (El Asame &amp; Wakrim 2018).<\/td><td>Arbeitsrechtliche Grundlagen verstehen <br>Innovationsprozesse verstehen<\/td><\/tr><tr><td><strong>F\u00e4higkeiten\/<br>Skills<\/strong><\/td><td>Skills (oder F\u00e4higkeiten) beziehen sich auf den Erfolg von Kompetenztr\u00e4gern bei der effektiven Anwendung dieses Wissens (Ruben, 2009) und beschreiben die Prozesse, die auf Dom\u00e4nenwissen angewendet werden k\u00f6nnen, damit es wahrgenommen, erinnert, assimiliert, analysiert und bewertet werden kann (El Asame &amp; Wakrim 2018).<\/td><td>Die Interpretation und kritische Diskussion arbeitsrechtlicher GrundlagenInnovationsprozesse anwenden und auf die Kontextbedingungen anpassen<\/td><\/tr><tr><td><strong>Denkweise\/<br>Arbeitswerte<\/strong><\/td><td>Eine Denkweise ist definiert als eine mentale Einstellung oder Neigung. Nach Thum (2012) ist ein Mindset die Summe des individuellen Wissens, einschlie\u00dflich der \u00dcberzeugungen und Gedanken \u00fcber die Welt. Sie ist der individuelle Filter f\u00fcr Informationen und bestimmt somit, wie Menschen Informationen aufnehmen und auf sie reagieren. Die Denkweise kann zwar durch ein bewusstes Bewusstsein geformt werden, sie wird aber auch weitgehend durch unsere Erfahrungen und das, was wir (absichtlich oder unabsichtlich) erfahren, bestimmt (Bosman &amp; Fernhaber 2018).<\/td><td>Gewissenhaftigkeit<br>Offenheit und Vertrauensw\u00fcrdigkeit &nbsp;<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><figcaption class=\"wp-element-caption\">Tabelle 1: Kompetenzkonzept (Quelle: Eigene Darstellung)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Rodrigues et al. (2021) haben einen Vorschlag f\u00fcr eine einheitliche Terminologie zur Differenzierung von Kompetenzen, Kompetenzbereichen und Fertigkeiten ausgearbeitet (vgl. Abbildung 2). Dabei wird unterschieden zwischen Job-basierten Kompetenzen, Aufgabenbereich-basierten Kompetenzbereichen und Aufgabenorientierten Fertigkeiten. Die Betrachtung der Terminologie aus Nachfrage- und Angebots-Seite ist wichtig, wenn es um die Entwicklung von HR Tech L\u00f6sungen f\u00fcr das Job-Matching geht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"945\" height=\"362\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/10\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2500\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/10\/image.png 945w, https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/10\/image-300x115.png 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/10\/image-768x294.png 768w, https:\/\/hub.hslu.ch\/leadership\/wp-content\/uploads\/sites\/18\/2022\/10\/image-928x355.png 928w\" sizes=\"auto, (max-width: 945px) 100vw, 945px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine an Kompetenzen orientierte Personalauswahl erm\u00f6glicht eine feine und aktuelle Abstimmung zwischen Nachfrage und Angebot. Berufsinteressen und Berufsbilder als statische Gr\u00f6ssen treten in den Hintergrund. Die technische Umsetzung ist aber nicht trivial, wie das nachfolgende Kapitel belegt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Skills-Taxonomien und Skill Tech<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Skills-Taxonomien sind systematische Darstellungen von Skills bzw. F\u00e4higkeiten, die h\u00e4ufig hierarchisch strukturiert sind. Mithilfe aktueller technologischer Entwicklungen kann man aus der fortlaufenden Analyse von beispielsweise Arbeitsmarktdaten und publizierten Stellenanzeigen automatisiert umfangreiche Datenbanken bzw. Skills-Taxonomien erstellen. Solche Skills-Taxonomien k\u00f6nnen (tages-)aktuell tausende von Skills und deren Beziehungen zueinander darstellen. Ein bekanntes Beispiel ist gem\u00e4ss Meier (2022) die Skills-Taxonomie von EMSI BurningGlass, die mehr als 30\u2019000 Skills umfasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Kompetenzmodelle und Skills-Taxonomien sind zentral f\u00fcr die Karriere- und Laufbahnberatung, weil sie folgendes leisten k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>sie k\u00f6nnen aufzeigen, welche Kompetenzen sich gut in andere Aufgaben- bzw. Berufsfelder oder Branchen transferieren lassen (Beispiel: vom Qualit\u00e4ts- zum Innovationsmanagement);<\/li>\n\n\n\n<li>sie k\u00f6nnen Karriere-\u00dcberg\u00e4nge zwischen Berufsfeldern und Branchen erleichtern, bei denen \u00e4hnliche Kompetenzen gefragt sind (Beispiel: von der P\u00e4dagogin zur HR Mitarbeiterin);<\/li>\n\n\n\n<li>sie k\u00f6nnen Kompetenz-L\u00fccken aufzeigen, die einer lateralen oder vertikalen Bewegung hin zu einer neuen Rolle oder Stelle im Weg stehen und die eine spezifische Weiterbildung erfordern (Beispiel: von der Employer Branding Expertin zur Marketingleiterin);<\/li>\n\n\n\n<li>und sie k\u00f6nnen Kompetenz-L\u00fccken aufzeigen, die sich aus ver\u00e4nderten Anforderungen an bestehende berufliche Aufgaben ergeben (Beispiel: Neue Programmiersprache erlernen aufgrund eines Systemwechsels).<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Josh Bersin (2021) bezeichnet technische Plattformen, die solche und \u00e4hnliche Analysen erm\u00f6glichen als \u201eSkillsTech\u201c. Diese L\u00f6sungen werden die schon seit einiger Zeit beobachtbare Bewegung von angebots- bzw. rollenbasierter Personalentwicklung (\u201epush\u201c) zu Nachfrage- bzw. individualisierter und kompetenzbasierter Personalentwicklung (\u201epull\u201c) weiter verst\u00e4rken. Die Eigenverantwortung f\u00fcr die eigene Laufbahn nimmt zu und darauf muss man gerade junge Talente vorbereiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den aktuellen Anbieter auf dem Skill Tech Markt z\u00e4hlen People Analytix, Sky Hive Technologies, Edcast (SkillsDNATM), Huneety, Linkedin Learning Hub, eightfold.ai, Skills Base, fuel50, docebo, Visier, phenom people oder auch Workday.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Skillshifts und Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Kompetenzerfordernisse f\u00fcr die Arbeitswelt ver\u00e4ndern sich dynamisch. Die digitale Transformation und nicht zuletzt die COVID-Pandemie sind wichtige Treiber (Meier 2022). Diese ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen haben auch Konsequenzen f\u00fcr die Arbeit von Personalentwicklern und Bildungsexpert:innen: In den letzten 50 Jahren haben sich die F\u00e4higkeiten, die in verschiedenen Berufen ben\u00f6tigt werden, grundlegend ver\u00e4ndert &#8211; auch wenn die Berufe selbst weiterhin florieren. Ob Automechaniker, Bergleute, \u00c4rzte oder Bankangestellte, alle Berufe haben einen enormen Skill-Shift durchlaufen. Schwere k\u00f6rperliche Arbeiten und repetitive Arbeiten werden h\u00e4ufig von Maschinen, Automaten und Software ersetzt, die heute \u00fcberwacht, gesteuert und programmiert werden m\u00fcssen. In vielen Berufen rufen Technologiespr\u00fcnge in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden Skill-Shifts hervor. Hier stellt sich aktuell auch die Frage nach den Auswirkungen von KI und den neuesten Automatisierungstechnologien auf verschiedene Qualifikationsstufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Qualifikationsverschiebungen in der Erwerbsbev\u00f6lkerung sind nicht neu; tats\u00e4chlich ver\u00e4ndern sich die Qualifikationsanforderungen bereits seit in der ersten industriellen Revolution die Rollen von Maschinen und Arbeitern neu definiert wurden. Unternehmen in vielen L\u00e4ndern klagen dar\u00fcber, dass sie Schwierigkeiten haben, die ben\u00f6tigten Talente zu finden und Arbeitnehmer beklagen sich oft dar\u00fcber, dass sie \u00fcber- oder unterqualifiziert sind. So gibt es immer mehr Belege f\u00fcr ein Missverh\u00e4ltnis zwischen den Qualifikationen der Arbeitskr\u00e4fte und den von den Arbeitgebern geforderten Qualifikationen. Die OECD beispielsweise stellt fest, dass sowohl die Qualifikationen der Menschen als auch ihre Bildungsabschl\u00fcsse nicht mit dem \u00fcbereinstimmen, was die Unternehmen ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Qualifikationsdefizite und Ungleichgewichte haben negative Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Sie k\u00f6nnen zu h\u00f6heren Arbeitskosten, Produktionsausf\u00e4llen aufgrund unbesetzter Stellen, einer langsameren \u00dcbernahme neuer Technologien sowie impliziten und expliziten Kosten h\u00f6herer Arbeitslosenquoten f\u00fchren. Umgekehrt k\u00f6nnen angemessene Qualifikationen das Wirtschaftswachstum ankurbeln: Eine Studie, die versucht hat, diesen Zusammenhang zu quantifizieren, kommt zu dem Ergebnis, dass eine Steigerung des Bildungsniveaus um 50 Punkte bei den PISA-Sch\u00fclertests der OECD zu einer h\u00f6heren langfristigen Wachstumsrate f\u00fchrt (Bughin et al. 2018).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Anzeichen f\u00fcr Skill Mismatches, Verschwendung von Bildungsressourcen, Unentdeckte Talente&nbsp;<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Auch in der Europ\u00e4ischen Union gibt es Belege f\u00fcr eine seit langem bestehende Diskrepanz zwischen Qualifikationen und Anforderungen, wobei mehr als 20 Prozent der Arbeitnehmer entweder eine h\u00f6here oder eine tiefere formale Bildung erhalten haben, als f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit erforderlich w\u00e4re. Noch ausgepr\u00e4gter ist die Diskrepanz bei den F\u00e4higkeiten der Arbeitskr\u00e4fte. In einer 2015 durchgef\u00fchrten Umfrage unter LinkedIn-Nutzern gaben 37 Prozent der Befragten an, dass sie in ihrem derzeitigen Arbeitsplatz ihre F\u00e4higkeiten nicht voll ausnutzen k\u00f6nnen. Die OECD stellt fest, dass der Prozentsatz an Arbeitskr\u00e4ften, die einen Qualifikationsmismatch melden, in allen 34 untersuchten L\u00e4nder \u00fcber 30 Prozent liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Parallel dazu berichten viele Arbeitgeber, dass sie aufgrund des Fachkr\u00e4ftemangels Probleme bei der Personalbeschaffung haben. Einer Umfrage zufolge dauerte es 2016 deutlich l\u00e4nger, eine freie Stelle zu besetzen als 2005 &#8211; 28 Tage gegen\u00fcber 20 Tagen -, obwohl die Arbeitslosenquote in beiden Jahren mit rund 5 Prozent vergleichbar war.<\/p>\n\n\n\n<p>Verschiedene Studien zeigen, dass eine Inad\u00e4quanz zwischen Ausbildung und Erwerbst\u00e4tigkeit negative Auswirkungen auf das Einkommen (Vertical und Skill Mismatch), die Arbeitszufriedenheit und den Wunsch nach einem Jobwechsel haben (Horinzontal und Skill Mismatch). So sind inad\u00e4quat Erwerbst\u00e4tige in den Aspekten Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, Einkommen und Verantwortungsniveau deutlich unzufriedener als ad\u00e4quat Erwerbst\u00e4tige. Arbeitnehmende, die in ihrer Position von einem Mismatch betroffen sind, k\u00f6nnen diesem z.B. durch einen Arbeitsplatzwechsel entgegenwirken. Je leichter dies m\u00f6glich ist, desto besser.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hidden Talents durch Skillmatches entdecken<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Durch die Zunahme an interdisziplin\u00e4ren Studieng\u00e4ngen einerseits und die oft nicht explizit kommunizierten Kompetenzmodelle, die hinter Berufsdiplomen, Studieng\u00e4ngen etc. stecken andererseits, f\u00e4llt es Berufseinsteiger:innen zusehends schwer, eine ad\u00e4quate Stelle zu finden. Die Abschlussdiplome (und evtl. erste Praxisstationen) von Berufseinsteiger:innen lassen meist nur sehr vage Schlussfolgerungen in Bezug auf potenzielle Kompetenz-Matches mit den ausgeschriebenen Positionen zu. Gleichzeitig versch\u00e4rft sich der Fachkr\u00e4ftemangel in den Organisationen. Daher haben Arbeitgeber ein grosses Interesse daran, passende Kompetenztr\u00e4ger:innen zu rekrutieren und auch diejenigen Talente zu entdecken, die aufgrund ihres CV m\u00f6glicherweise nicht auf den ersten Blick passen w\u00fcrden, jedoch \u00fcber ein breites Set an zukunftsgerichteten Kompetenzen und St\u00e4rken verf\u00fcgen. Diese L\u00fccke an Fachkr\u00e4ften mit sogenannten \u00abhidden talents\u00bb zu schliessen, erscheint also naheliegend.<\/p>\n\n\n\n<p>Hidden Talents sind Personen mit besonderen F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten in einem bestimmten Bereich oder einer bestimmten Funktion, die bisher nicht entdeckt oder entwickelt wurden, bzw. ihr Potenzial an der bisherigen Position nicht voll aussch\u00f6pfen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschwerend hinzu kommt, dass Rekrutierungsprozesse oft so gestaltet sind, dass kurzfristige Ausgaben m\u00f6glichst geringgehalten und versteckte Kosten nicht ber\u00fccksichtigt werden (Fluktuation, Dauer der Einarbeitungszeit, Aufstiegsrate etc.). Damit werden sie jedoch neusten Entwicklungen wie der Digitalisierung oder der demografischen Entwicklung der Gesellschaft nicht gerecht. So schliessen beispielsweise Rekrutierungssoftware Kandidaten automatisch aus, welche die vordefinierten Kriterien nicht vollst\u00e4ndig erf\u00fcllen \u2013 und damit auch diejenigen Kandidaten, welche mit entsprechendem Training dennoch ein hohes Leistungsniveau erreichen w\u00fcrden. Interessant dabei ist, dass dies den meisten Firmen bewusst ist, sie jedoch um kurzfristig Zeit zu sparen, die Software dennoch auf diese Weise anwenden, da sie so selbst weniger Kandidaten ausselektieren m\u00fcssen (Fuller et al., 2021).<\/p>\n\n\n\n<p>Tipps, um Hidden Talente zu erkennen: (1) Jobprofile \u00fcberarbeiten, hin zu einer limitierten Liste von Must-have-Kriterien sowie Erfahrungen, die mit der Leistung in der Rolle korrelieren. (2) In Rekrutierungssoftware sollten die Filter so gesetzt werden, dass sie, anstatt Personen auszuschliessen weil sie gewisse Kriterien nicht erf\u00fcllen, sie auf Personen aufmerksam machen, die spezifische Erfahrungen und F\u00e4higkeiten aufweisen. (3) Andere Massst\u00e4be f\u00fcr die Talentakquisition verwenden: Anstatt eine Minimierung der Ausgaben (kurzfristig) sollten Parameter wie ben\u00f6tigte Einarbeitungszeit, Fluktuationsrate und Aufstiegsrate gemessen werden (Fuller et al., 2021). (4) Potenzialorientierte Selektion und Rekrutierung, d.h. weniger darauf Wert zu legen, was Bewerber:innen (heute) k\u00f6nnen, sondern vielmehr herauszufinden, was sich diese Menschen in m\u00f6glichst kurzer Zeit aneignen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Bersin, J. (2021). Understanding SkillsTech, one of the biggest markets in business. Quelle: JoshBersin.com (Zugriff 28.9.2022).<\/p>\n\n\n\n<p>Bosman, L. &amp; Fernhaber, S. (2018). Defining the entrepreneurial mindset. In L. Bosman &amp; S. Fernhaber (Hrsg.), Teaching the Entrepreneurial Mindset to Engineers, Cham: Springer.<\/p>\n\n\n\n<p>Bughin, J., Hazan, E., Lund, S., Dahlstr\u00f6m, P. &amp; Wiesinger, A. (2018).&nbsp; Skill shift automation and the future of workforce. McKinsey Global Institute. Discussion Paper Mai 2018. Online: <a href=\"https:\/\/www.mckinsey.com\/featured-insights\/future-of-work\/skill-shift-automation-and-the-future-of-the-workforce\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.mckinsey.com\/featured-insights\/future-of-work\/skill-shift-automation-and-the-future-of-the-workforce<\/a> Zugriff: 05.10.2022<\/p>\n\n\n\n<p>El Asame, M. &amp; Wakrim, M. (2019). Towards a competency model: A review of the literature and the competency standards. <em>Education and Information Technologies<\/em>, 23, 1 (2018): 225-236.<\/p>\n\n\n\n<p>Fuller, J. B., Raman, M., Sage-Gavin, E., &amp; Hines, K. (2021). Hidden Workers: Untapped Talent. Harvard Business School Project on Managing the Future of Work and Accenture. Online: <a href=\"https:\/\/www.hbs.edu\/ris\/Publication%20Files\/hiddenworkers09032021_Fuller_white_paper_33a2047f-41dd-47b1-9a8d-bd08cf3bfa94.pdf\">https:\/\/www.hbs.edu\/ris\/Publication%20Files\/hiddenworkers09032021_Fuller_white_paper_33a2047f-41dd-47b1-9a8d-bd08cf3bfa94.pdf<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Kaudela-Baum, S. (2022). Personal rekrutieren. In S. Kaudela-Baum, S. Meldau &amp; M. Brasser (Hrsg.), Leadership und People Management (S. 499-513). Springer Gabler, Wiesbaden. (Link zum Buch)<\/p>\n\n\n\n<p>Lang, D., Handley, M. &amp; Jablokow, K. (2018). The competencies of innovation leaders. In D.G. Gliddon and W.J. Rothwell (Hrsg.), Innovation Leadership. London: Routledge.<\/p>\n\n\n\n<p>Meier, Ch. (2022). Kompetenz- bzw. Skills-basierte Personalentwicklung: Orientierung und Praxisberichte. Online: <a href=\"https:\/\/www.scil.ch\/2022\/03\/05\/kompetenz-bzw-skills-basierte-personalentwicklung-orientierung-und-praxisberichte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.scil.ch\/2022\/03\/05\/kompetenz-bzw-skills-basierte-personalentwicklung-orientierung-und-praxisberichte\/<\/a> Zugriff am 27.06.22<\/p>\n\n\n\n<p>OECD (2005). The definition and selection of key competencies: Executive summary. Paris: OECD. <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/pisa\/35070367.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.oecd.org\/pisa\/35070367.pdf<\/a> (6.5.22)<\/p>\n\n\n\n<p>Rodrigues, M., Fern\u00e1ndez-Macias, E., &amp; Sostero, M. (2021). A unified conceptual framework of tasks, skills and competences: JRC Technical Report. JCR Working Papers Series on Labour, Education and Technology. JRC \/ Europe.eu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kompetenzbasiertes Recruiting im digitalen Zeitalter<\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":2504,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"2469,2450,2415,2361,2208,2198","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[88,9,98],"tags":[112,109,108,111,106,41,107,105,104,110],"class_list":["post-2499","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-business-transformation-management","category-leading-experts","category-people-management","tag-arbeitsproben","tag-assessment-center","tag-assessments","tag-eignungsdiagnostik","tag-interviews","tag-people-analytics","tag-personalauswahl","tag-rekrutierung","tag-selektion","tag-stellenprofil"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Kompetenzbasiertes Recruiting im digitalen Zeitalter<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Kompetenzbasiertes Recruiting im digitalen Zeitalter Der Einfluss der digitalen Transformation auf unsere Kommunikation wirkt sich immer st\u00e4rker auf die Bewerbungsprozesse aus. 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