{"id":762,"date":"2019-01-28T18:10:27","date_gmt":"2019-01-28T17:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/management-and-law\/?p=762"},"modified":"2026-02-11T14:53:43","modified_gmt":"2026-02-11T13:53:43","slug":"sind-euroloehne-zulaessig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/management-and-law\/2019\/01\/28\/sind-euroloehne-zulaessig\/","title":{"rendered":"Sind Eurol\u00f6hne zul\u00e4ssig?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Die beiden Gerichtsf\u00e4lle gehen auf die bekannte Euro-Krise um 2010 zur\u00fcck.&nbsp;Damals standen gerade exportorientierte Schweizer Unternehmen aufgrund der Aufwertung des Schweizer Frankens vor massiven wirtschaftlichen Problemen. Um Kosten zu sparen, gingen einzelne Arbeitgeber, unter ihnen die zwei beklagten Unternehmen aus dem Kanton Jura und dem Kanton Schaffhausen, dazu \u00fcber, die L\u00f6hne von Grenzg\u00e4ngern fortan in Euro statt in Franken zu zahlen. Beide Unternehmen hatten, nachdem sie im Jahr 2011 die Zustimmung ihrer ausl\u00e4ndischen Mitarbeitenden zu einer entsprechenden Vertrags\u00e4nderung eingeholt hatten, w\u00e4hrend mehreren Jahren s\u00e4mtliche Grenzg\u00e4ngerl\u00f6hne in Euro ausgerichtet.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kantonale Instanzen bejahten eine Diskriminierung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n\n\n<p>Gegen diese Praxis wehrten sich im Jahr 2015 bzw. 2016 ein franz\u00f6sischer und ein deutscher Grenzg\u00e4nger. Sie f\u00fchlten sich gegen\u00fcber ihren Schweizer Arbeitskollegen benachteiligt und forderten die Nachzahlung des jeweiligen Differenzbetrags, den sie in der fraglichen Zeit mehr verdient h\u00e4tten, wenn ihr Lohn weiterhin in Franken ausbezahlt worden w\u00e4re. Konkret ging es in beiden F\u00e4lle um rund 20&#8217;000 Franken. Die kantonalen Gerichte gaben den Grenzg\u00e4ngern Recht und erblickten in der Umstellung auf Eurol\u00f6hne einen unzul\u00e4ssigen Verstoss gegen das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen mit der EU.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die gesetzlichen&nbsp; Regelungen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n\n\n<p>Art. 323b Abs. 1 OR besagt, dass der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer den Lohn w\u00e4hrend der Arbeitszeit in gesetzlicher W\u00e4hrung auszurichten und eine schriftliche Abrechnung zu \u00fcbergeben hat. Damit ist der Lohn grunds\u00e4tzlich in Schweizer Franken zu bezahlen, wobei eine abweichende Vereinbarung oder \u00dcbung m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4ss Art. 2 des Freiz\u00fcgigkeitsabkommens zwischen der Schweiz und der EU (FZA) d\u00fcrfen Staatsangeh\u00f6rige einer Vertragspartei, die sich rechtm\u00e4ssig im Hoheitsgebiet einer anderen Vertragspartei aufhalten, nicht aufgrund ihrer Staatsangeh\u00f6rigkeit diskriminiert werden, wobei insbesondere eine unterschiedliche Entl\u00f6hnung von ausl\u00e4ndischen und inl\u00e4ndischen Arbeitnehmern verboten ist (Art. 9 Anhang I zum FZA). Nicht abschliessend gekl\u00e4rt war allerdings bisher, ob das Verbot der Arbeitnehmerdiskriminierung auf private Arbeitgeber anwendbar ist oder nicht. Die beiden kantonalen Gerichte hatten eine solche direkte Drittwirkung in ihren Urteilen zugunsten der Grenzg\u00e4nger bejaht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bundesgericht erachtet Nachforderung als rechtsmissbr\u00e4uchlich und l\u00e4sst Diskriminierungsfrage offen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n\n\n<p>Das Bundesgericht hiess nun in seiner \u00f6ffentlichen Beratung vom 15. Januar 2019 die gegen die kantonalen Urteile erhobenen Beschwerden der beiden Arbeitgeber gut (4A_230\/2018 und 4A_215\/2017). Dabei diskutierten die Bundesrichter zwar, ob das Verbot der unterschiedlichen Entl\u00f6hnung nach Art. 9 Anhang I zum FZA auch f\u00fcr private Arbeitgeber gilt und ob in den betreffenden F\u00e4llen eine unzul\u00e4ssige Diskriminierung der beiden Grenzg\u00e4nger vorlag. Allerdings liessen sie diese Fragen in der Folge offen. Das Richtergremium befand n\u00e4mlich mit drei zu zwei Stimmen, dass die Forderungen der beiden Grenzg\u00e4nger nach Lohnnachzahlung rechtsmissbr\u00e4uchlich seien, nachdem diese 2011 in eine Vertrags\u00e4nderung zur Auszahlung ihres Sal\u00e4rs in Euro eingewilligt h\u00e4tten. Dabei seien ihnen die speziellen Umst\u00e4nde der Lohnmassnahme und insbesondere die gravierenden wirtschaftlichen Probleme ihres jeweiligen Arbeitgebers ebenso bewusst gewesen wie die Tatsache, dass ein in Schweizer Franken ausbezahlter Lohn angesichts des tats\u00e4chlichen Wechselkurses einen h\u00f6heren Eurobetrag ergeben h\u00e4tte. Unter Ber\u00fccksichtigung dieser besonderen Sachlage war die Mehrheit der Bundesrichter der Meinung, die Arbeitnehmer m\u00fcssten sich auf ihre Einwilligung behaften lassen und k\u00f6nnten sich nicht Jahre sp\u00e4ter nachtr\u00e4glich darauf berufen, dass eine unzul\u00e4ssige Abw\u00e4lzung des W\u00e4hrungsrisikos vorgelegen habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit bleibt die grunds\u00e4tzliche Frage, ob Eurol\u00f6hne f\u00fcr Grenzg\u00e4nger zul\u00e4ssig sind oder aber eine verbotene Diskriminierung im Sinne des FZA darstellen, weiterhin offen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Weiterf\u00fchrende Informationen und Links<\/strong>:<\/h4>\n\n\n\n\n\n<p>Sobald die Urteilsbegr\u00fcndungen zu den Entscheiden 4A_215\/2017 und 4A_230\/2018 vorliegen, k\u00f6nnen diese unter <a href=\"http:\/\/www.bger.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">www.bger.ch<\/a> abgerufen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Medienmitteilung des Bundesgerichts vom 15. Januar 2019 finden Sie <a href=\"https:\/\/www.bger.ch\/files\/live\/sites\/bger\/files\/pdf\/de\/4A_215_2017_yyyy_mm_dd_T_d_13_27_23.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich hatte sich das Bundesgericht mit der Frage zu besch\u00e4ftigen, ob die Entl\u00f6hnung von Grenzg\u00e4ngern in Euro rechtlich zul\u00e4ssig ist oder gegen das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen mit der EU verst\u00f6sst. In zwei \u00f6ffentlich beratenen Urteilen vom 15. Januar 2019 beurteilte es die Klagen eines franz\u00f6sischen und eines deutschen Arbeitnehmers gegen ihren jeweiligen Schweizer Arbeitgeber als rechtsmissbr\u00e4uchlich. 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