24. März 2026
Betriebliches Gesundheitsmanagement,
Der Ständerat diskutiert strengere Regeln im Kampf gegen häusliche Gewalt. Der politische Vorstoss zeigt: Das Thema erhält zunehmend Aufmerksamkeit. Und das ist dringend nötig. Denn häusliche Gewalt ist kein Randphänomen. Sie betrifft auch die Arbeitswelt. Mitarbeitende bringen ihre Sorgen, Ängste und Belastungen mit zur Arbeit. Diese wirken sich unmittelbar auf die Gesundheit, die Leistungsfähigkeit und das gesamte betriebliche Umfeld aus. Für Unternehmen hat das Folgen, die über das Private hinausgehen.
Das Jahr 2025 endete mit einer erschreckenden Zahl: 27 Femizide in der Schweiz. Das ist die höchste Zahl seit Jahren. Im Durchschnitt stirbt damit etwa alle zwei Wochen eine Person infolge häuslicher Gewalt in der Schweiz. Rund 75 % der Opfer sind Frauen und Mädchen. Besonders häufig betroffen sind auch ältere Menschen sowie Menschen mit Behinderungen. Wie alltagsnah das Problem ist, zeigen Polizeidaten: In Zürich rückte die Polizei im Jahr 2023 durchschnittlich 20-mal pro Tag wegen familiärer Streitereien oder häuslicher Gewalt aus.
Diese Zahlen machen deutlich: In praktisch jedem Unternehmen arbeiten Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Häufig ohne, dass Kolleginnen und Kollegen oder Führungskräfte davon wissen.
Die gesundheitlichen Folgen häuslicher Gewalt sind oft schwerwiegend. Neben körperlichen Verletzungen leiden Betroffene häufig unter Angst, Depressionen oder posttraumatischen Belastungen – was sich unmittelbar auf den Arbeitsalltag auswirkt. Studien zeigen erhöhte Absenzen, reduzierte Arbeitsfähigkeit, Leistungseinbussen und eine stärkere emotionale Belastung am Arbeitsplatz. In manchen Fällen endet die Gewalt nicht einmal an der Bürotür. Mehr als die Hälfte der Betroffenen einer Studie berichtet, dass sich Gewalt auch am Arbeitsplatz oder in der Nähe fortsetzt, etwa durch Drohanrufe, Nachrichten oder Stalking. Damit wird deutlich: Häusliche Gewalt bleibt selten ein rein privates Problem.
Die Auswirkungen häuslicher Gewalt zeigen sich nicht nur individuell, sondern auch wirtschaftlich. Eine Studie im Auftrag des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann schätzt die jährlichen Folgekosten von Gewalt in Paarbeziehungen in der Schweiz auf rund 164 bis 287 Millionen Franken. Diese Berechnungen basieren jedoch auf älteren Daten und berücksichtigen nicht alle Kostenbereiche vollständig. Es ist deshalb davon auszugehen, dass die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten deutlich höher liegen.
Für Unternehmen entstehen zusätzliche indirekte Effekte: häufige Absenzen, erhöhte Fluktuation, Belastungen im Team, organisatorische Herausforderungen oder Sicherheitsfragen. Häusliche Gewalt ist damit nicht nur ein gesellschaftliches und gesundheitliches Problem, sondern auch ein Thema der Arbeitswelt.
Gleichzeitig bietet der Arbeitsplatz den Betroffenen oft einen notwendigen Rückzugsraum und eine wichtige Stabilität im Alltag. Auch zeigen Studien, dass Betroffene häufiger im Erwerbsleben bleiben, wenn sie Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen oder Vorgesetzte erfahren. Eine verständnisvolle Führungskraft, ein offenes Gespräch oder der Hinweis auf Beratungsstellen können entscheidend sein.
Für viele Betroffene bedeutet eine stabile Erwerbstätigkeit auch finanzielle Unabhängigkeit und damit die Möglichkeit, sich aus einer Gewaltsituation zu lösen. Der Arbeitsplatz ist oft einer der wenigen Orte ausserhalb des privaten Umfelds, an denen Betroffene regelmässig Kontakt zu anderen Menschen haben. Genau hier liegt die wichtige Rolle für Unternehmen: als Ort der Sensibilisierung, Unterstützung und Stabilität.
Viele Unternehmen möchten unterstützen, wissen jedoch nicht genau, wie sie das Thema konkret angehen sollen. Der Anspruch ist nicht, dass Unternehmen häusliche Gewalt selbst lösen müssen. Sie können jedoch Rahmenbedingungen schaffen, die Betroffene unterstützen. Dazu gehören beispielsweise:
Solche Massnahmen können Betroffenen helfen und gleichzeitig Fehlzeiten, Fluktuation und Belastungen im Team reduzieren.
Kontaktliste für Opfer von Gewalt: Stop Femizid – Kontaktliste
Organisationen gesucht: Aktuell wird ein Forschungsprojekt vorbereitet, das sich mit dem Umgang von Unternehmen mit häuslicher Gewalt im Arbeitskontext beschäftigt. Ziel ist es, gemeinsam mit Unternehmen praxisnahe Instrumente und Handlungsempfehlungen zu entwickeln, etwa in Form einer betrieblichen Workplace Policy. Es werden Organisationen gesucht, die grundsätzlich Interesse hätten, sich als Praxispartner oder Modellunternehmen einzubringen. Interessensbekundungen oder ein unverbindlicher Austausch sind jederzeit willkommen. Melden Sie sich gerne bei der Projektleitung Dr. Larissa M. Sundermann: larissa.sundermann@hslu.ch
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