19. Juni 2026

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KI in der Spitex: Entlastung oder noch mehr Stress?

KI gilt als Hoffnungsträger für die Pflege, doch der Praxisalltag zeigt: Die Technologie allein löst keine Probleme. Eine aktuelle Untersuchung in drei Spitex-Organisationen macht deutlich, warum Wirkung nur dann entsteht, wenn Pflegefachpersonen in jeden Schritt aktiv eingebunden werden und was das für die Zukunft der Versorgung bedeutet.

Von Larissa Sundermann, Christoph Buerkli und Michèle Schatzmann

KI in der Spitex: Entlastung oder noch mehr Stress?

Die ambulante Pflege hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Heute übernimmt sie Aufgaben, die früher häufig im stationären Bereich angesiedelt waren. Gleichzeitig wächst der Druck aufgrund einer alternden und multimorbiden Bevölkerung, steigenden Fallzahlen und komplexeren Pflegebedürfnissen, dem vermehrten Wunsch, möglichst lange zuhause zu bleiben und einem anhaltenden Fachkräftemangel.

Mit über 300’000 betreuten Klientinnen und Klienten jährlich und mehreren Millionen geleisteten Pflegestunden ist die Spitex zu einer tragenden Säule des Gesundheitssystems geworden (Bundesamt für Statistik, 2025). Doch diese Leistung wird unter zunehmend schwierigen Bedingungen erbracht. Ein zentrales Problem: Ein grosser Teil der Arbeit bleibt unsichtbar. Koordination, Dokumentation, Kommunikation und Wegzeiten sind unverzichtbar, aber oft nicht oder nur teilweise abrechenbar. Diese «unsichtbare Arbeit» verdichtet den Pfelgealltag zusätzlich.

Unsere qualitative Untersuchung mittels Fragebögen, Interviews und Workshops bei drei Spitex-Organisationen identifiziert vier zentrale Muster, die den Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen prägen und die gleichzeitig zentrale Ansatzpunkte für technologische Lösungen darstellen.

1. Informationsflut und kognitive Belastung

Pflegefachpersonen müssen täglich grosse Mengen an Informationen verarbeiten. Dokumentationen sind häufig unübersichtlich, historisch gewachsen und von unterschiedlichen Personen erstellt. Das erschwert es, schnell ein klares Bild vom Zustand der Patientinnen und Patienten zu erhalten. Das Resultat ist ein hoher Zeitaufwand und steigende mentale Belastung.

2. Dokumentation als Daueraufgabe

Dokumentation ist essenziell für die Qualität der Pflege, aber gleichzeitig eine der grössten Herausforderungen im Alltag. Oft gelingt es nicht, sie direkt während des Einsatzes zu erledigen. Stattdessen wird sie auf später verschoben. Die Folge ist ein erhöhtes Fehlerrisiko aufgrund der sinkenden Konzentration am Tagesende und eine erhöhte Frustration durch administrative Überlastung.

3. Emotionale Verantwortung und moralischer Stress

Ambulante Pflege findet im privaten Umfeld statt – und ist damit nicht nur fachlich, sondern auch emotional anspruchsvoll. Pflegefachpersonen werden oft zu zentralen Bezugspersonen für isolierte oder belastete Menschen. Das führt zu einer hohen emotionalen Beanspruchung, moralischem Stress und einer schwierigen Abgrenzung zwischen professioneller und persönlicher Rolle.

4. Instabile Einsatzplanung

Der Alltag in der Spitex ist geprägt von Unvorhersehbarkeit. Kurzfristige Änderungen, gesundheitliche Verschlechterungen oder fehlende Informationen führen zu ständigen Anpassungen. Die Konsequenzen sind ein permanenter Zeitdruck, eine hohe organisatorische Komplexität und ein Gefühl von Kontrollverlust.

KI als Lösung? Nur unter bestimmten Bedingungen

Vor diesem Hintergrund erscheint KI als vielversprechender Ansatz und es existieren auch zahlreiche sinnvolle Einsatzbereiche: Automatische Zusammenfassungen von Patientendossiers, Unterstützung bei der Dokumentation, Optimierung der Einsatzplanung und digitale Assistenzsysteme für Entscheidungsprozesse. Doch eine zentrale Erkenntnis lautet: Der Nutzen von KI hängt weniger von der Technologie als von ihrer Einbettung in den Arbeitsalltag ab.

Und genau hier liegt das Problem. Die Untersuchung zeigte, dass die Perspektiven von Management und Pflegepraxis unterschiedlich sind. Das Management fokussiert auf Effizienzsteigerung und das Erreichen von strategischen Zielen wohingegen Pflegefachpersonen eine konkrete Entlastung im Alltag erwarten. Eine technisch ausgereifte Lösung, die auf dem Papier effizient wirkt, kann scheitern, wenn sie in der Praxis zu mehr Aufwand statt Entlastung führt.

Wenn somit KI-Lösungen entwickelt werden sollen, welche den Pflegefachpersonen in ihrem Alltag eine wirkliche Entlastung bieten, müssen sie in den Entwicklungsprozess integriert werden. Konkret heisst das, dass Pflegefachpersonen in die Anforderungsdefinition mit eingebunden, ihre Erfahrungen aus dem Alltag ernst genommen und Lösungen iterativ getestet und angepasst werden müssen. Die Partizipation der Anwenderinnen und Anwender ist kein «Nice-to-have», sondern eine Voraussetzung für Erfolg.

Was bedeutet das für die Zukunft der Pflege?

Die Einführung von KI ist letztlich keine rein technische, sondern eine organisationale Aufgabe und muss Teil einer umfassenden Strategie sein. Eine erfolgreiche Implementierung erfordert klare Prozesse und Verantwortlichkeiten, die Integration in bestehende Systeme, Schulungen und Kompetenzaufbau sowie Veränderungsbereitschaft auf allen Ebenen. KI hat das Potenzial, die Pflege nachhaltig zu verändern. Doch dieses Potenzial wird nur dann ausgeschöpft, wenn der Fokus auf Wirkung liegt und nicht auf technologischer Machbarkeit. Die Ergebnisse unserer Untersuchung zeigen, dass Digitalisierung in der Pflege neu gedacht werden muss. Folgende vier Leitsätze geben dabei Orientierung:

  1. Technologie muss sich am Alltag orientieren – nicht umgekehrt.
  2. Pflegekompetenz ist zentral für erfolgreiche Innovation.
  3. Entlastung entsteht durch Prozessoptimierung, nicht durch Tools allein.
  4. Interdisziplinäre Zusammenarbeit wird wichtiger denn je.

So verstanden, kann KI – klug implementiert – dazu beitragen, administrative Lasten zu reduzieren und damit wieder mehr Raum für das Wesentliche zu schaffen: Zeit für den Menschen.


Im Rahmen eines intern finanzierten Forschungsprojekts untersuchte das Projektteam bestehend aus Larissa Sundermann, Christoph Bürkli, Petra Müller-Csernetzky, Kaisa Ruoranen und Aygul Zagidullina den Einsatz von generativer Künstlicher Intelligenz in ambulanten Pflegediensten exemplarisch anhand der Spitex Stadt Luzern. Mehr Informationen dazu finden Sie auf der Projekthomepage.

Lesen Sie den ganzen Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift für Verbands- und Nonprofit-Management VM:

Bürkli, C., Sundermann, L. & Schatzmann, M. (2026). Wirkung statt Hype: Erfolgsfaktoren für KI in der Spitex. VM Fachzeitschrift für Verbands- und Nonprofit-Management. 2026 (1), 42-49.

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