{"id":1052,"date":"2026-06-19T18:26:10","date_gmt":"2026-06-19T16:26:10","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/mpg\/?p=1052"},"modified":"2026-06-19T18:26:11","modified_gmt":"2026-06-19T16:26:11","slug":"ki-in-der-spitex-entlastung-oder-noch-mehr-stress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/mpg\/ki-in-der-spitex-entlastung-oder-noch-mehr-stress\/","title":{"rendered":"KI in der Spitex: Entlastung oder noch mehr Stress?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die ambulante Pflege hat sich in den letzten Jahrzehnten stark ver\u00e4ndert. Heute \u00fcbernimmt sie Aufgaben, die fr\u00fcher h\u00e4ufig im station\u00e4ren Bereich angesiedelt waren. Gleichzeitig w\u00e4chst der Druck aufgrund einer alternden und multimorbiden Bev\u00f6lkerung, steigenden Fallzahlen und komplexeren Pflegebed\u00fcrfnissen, dem vermehrten Wunsch, m\u00f6glichst lange zuhause zu bleiben und einem anhaltenden Fachkr\u00e4ftemangel.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u00fcber 300&#8217;000 betreuten Klientinnen und Klienten j\u00e4hrlich und mehreren Millionen geleisteten Pflegestunden ist die Spitex zu einer tragenden S\u00e4ule des Gesundheitssystems geworden (<a href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home.assetdetail.36215976.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bundesamt f\u00fcr Statistik, 2025<\/a>). Doch diese Leistung wird unter zunehmend schwierigen Bedingungen erbracht. Ein zentrales Problem: Ein grosser Teil der Arbeit bleibt unsichtbar. Koordination, Dokumentation, Kommunikation und Wegzeiten sind unverzichtbar, aber oft nicht oder nur teilweise abrechenbar. Diese \u00abunsichtbare Arbeit\u00bb verdichtet den Pfelgealltag zus\u00e4tzlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere qualitative Untersuchung mittels Frageb\u00f6gen, Interviews und Workshops bei drei Spitex-Organisationen identifiziert vier zentrale Muster, die den Arbeitsalltag von Pflegefachpersonen pr\u00e4gen und die gleichzeitig zentrale Ansatzpunkte f\u00fcr technologische L\u00f6sungen darstellen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Informationsflut und kognitive Belastung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Pflegefachpersonen m\u00fcssen t\u00e4glich grosse Mengen an Informationen verarbeiten. Dokumentationen sind h\u00e4ufig un\u00fcbersichtlich, historisch gewachsen und von unterschiedlichen Personen erstellt. Das erschwert es, schnell ein klares Bild vom Zustand der Patientinnen und Patienten zu erhalten. Das Resultat ist ein hoher Zeitaufwand und steigende mentale Belastung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Dokumentation als Daueraufgabe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Dokumentation ist essenziell f\u00fcr die Qualit\u00e4t der Pflege, aber gleichzeitig eine der gr\u00f6ssten Herausforderungen im Alltag. Oft gelingt es nicht, sie direkt w\u00e4hrend des Einsatzes zu erledigen. Stattdessen wird sie auf sp\u00e4ter verschoben. Die Folge ist ein erh\u00f6htes Fehlerrisiko aufgrund der sinkenden Konzentration am Tagesende und eine erh\u00f6hte Frustration durch administrative \u00dcberlastung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Emotionale Verantwortung und moralischer Stress<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ambulante Pflege findet im privaten Umfeld statt \u2013 und ist damit nicht nur fachlich, sondern auch emotional anspruchsvoll. Pflegefachpersonen werden oft zu zentralen Bezugspersonen f\u00fcr isolierte oder belastete Menschen. Das f\u00fchrt zu einer hohen emotionalen Beanspruchung, moralischem Stress und einer schwierigen Abgrenzung zwischen professioneller und pers\u00f6nlicher Rolle.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Instabile Einsatzplanung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Alltag in der Spitex ist gepr\u00e4gt von Unvorhersehbarkeit. Kurzfristige \u00c4nderungen, gesundheitliche Verschlechterungen oder fehlende Informationen f\u00fchren zu st\u00e4ndigen Anpassungen. Die Konsequenzen sind ein permanenter Zeitdruck, eine hohe organisatorische Komplexit\u00e4t und ein Gef\u00fchl von Kontrollverlust.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>KI als L\u00f6sung? Nur unter bestimmten Bedingungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund erscheint KI als vielversprechender Ansatz und es existieren auch zahlreiche sinnvolle Einsatzbereiche: Automatische Zusammenfassungen von Patientendossiers, Unterst\u00fctzung bei der Dokumentation, Optimierung der Einsatzplanung und digitale Assistenzsysteme f\u00fcr Entscheidungsprozesse. Doch eine zentrale Erkenntnis lautet: Der Nutzen von KI h\u00e4ngt weniger von der Technologie als von ihrer Einbettung in den Arbeitsalltag ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und genau hier liegt das Problem. Die Untersuchung zeigte, dass die Perspektiven von Management und Pflegepraxis unterschiedlich sind. Das Management fokussiert auf Effizienzsteigerung und das Erreichen von strategischen Zielen wohingegen Pflegefachpersonen eine konkrete Entlastung im Alltag erwarten. Eine technisch ausgereifte L\u00f6sung, die auf dem Papier effizient wirkt, kann scheitern, wenn sie in der Praxis zu mehr Aufwand statt Entlastung f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn somit KI-L\u00f6sungen entwickelt werden sollen, welche den Pflegefachpersonen in ihrem Alltag eine wirkliche Entlastung bieten, m\u00fcssen sie in den Entwicklungsprozess integriert werden. Konkret heisst das, dass Pflegefachpersonen in die Anforderungsdefinition mit eingebunden, ihre Erfahrungen aus dem Alltag ernst genommen und L\u00f6sungen iterativ getestet und angepasst werden m\u00fcssen. Die Partizipation der Anwenderinnen und Anwender ist kein \u00abNice-to-have\u00bb, sondern eine Voraussetzung f\u00fcr Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet das f\u00fcr die Zukunft der Pflege?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Einf\u00fchrung von KI ist letztlich keine rein technische, sondern eine organisationale Aufgabe und muss Teil einer umfassenden Strategie sein. Eine erfolgreiche Implementierung erfordert klare Prozesse und Verantwortlichkeiten, die <a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/mpg\/digital-health-warum-technologie-allein-nicht-genuegt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Integration in bestehende Systeme<\/a>, Schulungen und Kompetenzaufbau sowie Ver\u00e4nderungsbereitschaft auf allen Ebenen. KI hat das Potenzial, die Pflege nachhaltig zu ver\u00e4ndern. Doch dieses Potenzial wird nur dann ausgesch\u00f6pft, wenn der Fokus auf Wirkung liegt und nicht auf technologischer Machbarkeit. Die Ergebnisse unserer Untersuchung zeigen, dass Digitalisierung in der Pflege neu gedacht werden muss. Folgende vier Leits\u00e4tze geben dabei Orientierung:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Technologie muss sich am Alltag orientieren \u2013 nicht umgekehrt.<\/li>\n\n\n\n<li>Pflegekompetenz ist zentral f\u00fcr erfolgreiche Innovation.<\/li>\n\n\n\n<li>Entlastung entsteht durch Prozessoptimierung, nicht durch Tools allein.<\/li>\n\n\n\n<li>Interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit wird wichtiger denn je.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>So verstanden, kann KI \u2013 klug implementiert \u2013 dazu beitragen, administrative Lasten zu reduzieren und damit wieder mehr Raum f\u00fcr das Wesentliche zu schaffen: Zeit f\u00fcr den Menschen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\" \/>\n\n\n<div class=\"blue-box\">\n\t<div class=\"row\">\n\t\t<div class=\"col-md-12\">\n\t\t\t<p>Im Rahmen eines intern finanzierten Forschungsprojekts untersuchte das Projektteam bestehend aus Larissa Sundermann, Christoph B\u00fcrkli, Petra M\u00fcller-Csernetzky, Kaisa Ruoranen und Aygul Zagidullina den Einsatz von generativer K\u00fcnstlicher Intelligenz in ambulanten Pflegediensten exemplarisch anhand der Spitex Stadt Luzern. Mehr Informationen dazu finden Sie auf der <a href=\"https:\/\/www.hslu.ch\/de-ch\/hochschule-luzern\/forschung\/projekte\/detail\/?pid=6687\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Projekthomepage<\/a>.<\/p>\n<p>Lesen Sie den ganzen Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift f\u00fcr Verbands- und Nonprofit-Management VM:<\/p>\n<p>B\u00fcrkli, C., Sundermann, L. &amp; Schatzmann, M. (2026). <a href=\"https:\/\/vmiallink-live-13da3867fbf64dfd99d0faa9-140386b.divio-media.org\/filer_public\/33\/64\/3364678f-eb00-456c-9187-9d87fce1e523\/vm_1_26.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wirkung statt Hype: Erfolgsfaktoren f\u00fcr KI in der Spitex<\/a>. <em>VM Fachzeitschrift f\u00fcr Verbands- und Nonprofit-Management. 2026 (1), <\/em>42-49<em>.<\/em><\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KI gilt als Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr die Pflege, doch der Praxisalltag zeigt: Die Technologie allein l\u00f6st keine Probleme. 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