{"id":5737,"date":"2018-10-02T08:14:54","date_gmt":"2018-10-02T06:14:54","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/?p=5737"},"modified":"2026-02-11T14:52:51","modified_gmt":"2026-02-11T13:52:51","slug":"die-ubs-und-die-blockchain-warum-we-trade-funktionieren-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/die-ubs-und-die-blockchain-warum-we-trade-funktionieren-kann\/","title":{"rendered":"Die UBS und die Blockchain: Warum we.trade funktionieren kann"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p><strong>Warum die Blockchain-Technologie pr\u00e4destiniert ist f\u00fcr Trade Finance<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die st\u00e4ndig fortschreitende Spezialisierung und Arbeitsteilung f\u00fchrt zu zunehmend fragmentierten Wertsch\u00f6pfungsketten und einem \u2013 gegen\u00fcber dem weltweiten BIP \u2013 \u00fcberproportional stark wachsenden internationalen Handelsgesch\u00e4ft. Die Prozesse im internationalen Handel halten mit diesen Entwicklungen bislang aber nicht mit. Sie sind noch immer sehr aufw\u00e4ndig, meistens stark sequenziell, durch den Einbezug vieler verschiedener Parteien komplex, nur wenig automatisiert und stark papierlastig. So braucht es beispielsweise f\u00fcr einen Letter of Credit (Akkreditiv-Gesch\u00e4ft) mehr als 30 verschiedene Papierdokumente, welche oftmals von mehr als 20 Parteien (z.B. Importeur, Exporteur, Bank von Importeur, Bank von Exporteur, Versicherungs-Gesellschaft, Zoll- und Steuerbeh\u00f6rden, Logistikunternehmen, Transporteure, etc.) verarbeitet werden m\u00fcssen, damit der Versand eines Produkts funktioniert. Die Prozesskosten f\u00fcr die verschiedenen beteiligten Unternehmen sind dabei sehr hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Trade-Finance-Bereich scheint daher aus verschiedenen Gr\u00fcnden sehr gut geeignet f\u00fcr die Anwendung der Blockchain-Technologie:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Die Wertsch\u00f6pfungskette ist komplex, da viele Parteien involviert sind, die sich nicht per se \u00abvertrauen\u00bb k\u00f6nnen. Dank der Blockchain werden die Transaktionen transparent und das Vertrauen h\u00f6her.<\/li><li>Trade Finance ist ein klassisches Zug-um-Zug-Gesch\u00e4ft. Dadurch wird der Prozess durch die vielen beteiligten Partien im klassischen Prozess stark verlangsamt. Die Transaktionsdauer kann durch die Verwendung von Blockchain um sch\u00e4tzungsweise 90 Prozent reduziert werden (Erh\u00f6hung Geschwindigkeit).<\/li><li>Der Prozess ist papierlastig und wenig automatisiert, was die Kosten erh\u00f6ht. Der Automatisierungsgrad kann durch die Blockchain stark erh\u00f6ht werden. Alle Vertragsbestandteile wie die Bestellung, die Rechnungsstellung oder die Zollunterlagen werden \u00fcber die Blockchain abgebildet. Eine papierbasierte Dokumentation f\u00fcr die Absicherung und Finanzierung des Handelsgesch\u00e4fts ist dann nicht mehr n\u00f6tig.<\/li><li>Die verschiedenen Parteien m\u00fcssen immer in etwa die gleichen Daten und Informationen zur Verf\u00fcgung haben. Der Zugriff aller am Handel beteiligten Parteien auf eine dezentrale Datenbank der Blockchain hilft, dieses Problem zu l\u00f6sen. Ebenso scheint aus diesem Grund (Stichwort: Datenschutz) ein Anwendungsfall im B2B Bereich besser geeignet zu sein, als ein B2C-Prozess.<\/li><li>Die Geschwindigkeit in Bezug auf die Umsetzung der verschiedenen Aktivit\u00e4ten ist nicht auf die Sekunde genau entscheidend. Die Blockchain-Technologie ist zumindest derzeit f\u00fcr schnelle Abwicklungen wenig geeignet. F\u00fcr eine Transaktion im Bereich Trade Finance ist die Geschwindigkeit hingegen mehr als ausreichend.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Vereinfacht gesagt k\u00f6nnen also durch den Einsatz der Blockchain Technologie die Risiken bei internationalen Handelsgesch\u00e4ften minimiert und die Handelsprozesse vereinfacht und beschleunigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/4hxFYDjHliA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Die UBS hat den Ablauf von Trade Finance in einem vereinfachten Film hier abgebildet.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verschiedene Initiativen <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben einigen Startup-Initiativen gab es lange Zeit vor allem drei interessante von Banken getriebene Initiativen im Bereich der Blockchain-Plattformen f\u00fcr Handelsfinanzierung. Der von der UBS gemeinsam mit IBM im Jahr 2016 lancierten Trade-Finance-Blockchain-Initiative Batavia waren im vergangenen Herbst die Commerzbank, die \u00f6sterreichische Erste Group, die spanische Caixa Bank sowie die kanadische Bank of Montreal beigetreten. Ein erster Meilenstein war die Pilottransaktion mit zwei Firmenkunden (u.a. Audi). Eine zweite Initiative \u2013 mit einer \u00e4hnlichen Vision \u2013 wurde unter dem Namen we.trade von einem anderen Banken-Konsortium (Deutsche Bank, HSBC, KBC, Natixis, Nordea, Rabobank, Santander, Soci\u00e9te G\u00e9n\u00e9rale, UniCredit) initiiert. Des Weiteren testet eine dritte Gruppe von Banken (z.B. BNP Paribas, Commerzbank und ING) zusammen mit dem Technologiespezialisten TradeIX und dem Fintech R3 eine Trade-Finance-L\u00f6sung auf Basis der Blockchain namens Marco Polo.<br>Heute wurde bekanntgegeben, dass Batavia und we.trade zuk\u00fcnftig gemeinsam auftreten und unter dem Brand \u00abwe.trade\u00bb agieren werden. Die Initiative beinhaltet neu 12 grosse europ\u00e4ische Banken (Caixabank, Deutsche Bank, Erste Group, HSBC, KBC, Natixis, Nordea, Rabobank, Santander, Soci\u00e9t\u00e9 G\u00e9n\u00e9rale, UBS, UniCredit). Aus Schweizer Sicht ist bislang einzig die UBS mit von der Partie.<br>Welche L\u00f6sung wird sich langfristig durchsetzen? Grunds\u00e4tzlich kann ich mir vorstellen, dass einige (wenige) L\u00f6sungen nebeneinander bestehen k\u00f6nnen. F\u00fcr allzu viele Initiativen hat es hingegen nicht Platz. Insofern ist dieser Schritt und die B\u00fcndelung der Ressourcen zu begr\u00fcssen und als sinnvoll zu betrachten. Auch finanziell ergibt dies durchaus Sinn. Durch die verschiedenen beteiligten Banken k\u00f6nnen die hohen Kosten geteilt und dadurch auf ein angemessenes Niveau reduziert werden. Langfristig ist auch vorstellbar, dass sich verschiedene Trade Finance Blockchain-Netzwerke zusammenschliessen oder zumindest interoperabel sein werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>we.trade: Modell und Perspektiven <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer beim Aufbau eines \u00d6kosystems stellt sich die Huhn-Ei-Frage. Auch bei diesem Projekt wird eine Teilnahme am \u00d6kosystem attraktiver, je mehr Firmen und Teilnehmer bereits auf der Plattform sind. In einem ersten Schritt finden sich viele grosse europ\u00e4ische Banken auf der Plattform. In einem n\u00e4chsten Schritt gilt es, die komplette Wertsch\u00f6pfungskette inklusive Logistik-Unternehmen, Zollbeh\u00f6rden, Versicherungsunternehmen, Frachtunternehmen und Handelsunternehmen einzubinden. Es k\u00f6nnen sowohl international agierende Grosskonzerne als auch mittelgrosse und kleinere Unternehmen der Plattform beitreten. Ebenso sollen weitere Banken eingebunden werden. All diese potenziellen Teilnehmer m\u00fcssen aber zuerst von den Vorteilen dieser L\u00f6sung \u00fcberzeugt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zentral in der ganzen Projekt-Logik sind die Smart Contracts. Diese erm\u00f6glichen beispielsweise das automatische Versenden von Zahlungsanweisungen, sobald die per Vertrag vereinbarten Vorbedingungen erf\u00fcllt wurden. Die M\u00f6glichkeiten, Smart Contracts in dieses System einzubinden, gehen aber noch weit \u00fcber diesen einfachen Fall hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Fakten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der Rollout f\u00fcr we.trade in der Schweiz ist in Q1 2019 geplant.<\/li><li>we.trade ist \u2013 durch das Konsortium der Banken \u2013 eine private Blockchain-Initiative. Es basiert auf Hyperledger.<\/li><li>we.trade ist in einem ersten Schritt vor allem auf Europa ausgelegt. Die Expansion in weitere Regionen ist aber bereits in Planung.<\/li><li>Erste Pilottransaktionen haben gezeigt, dass dank der Abbildung auf der Blockchain, die Dauer der Transaktion statt zwei Wochen nur noch ca. 48 Stunden betr\u00e4gt.<\/li><li>Die internen Prozess-Aufw\u00e4nde werden aus Kundensicht viel geringer sein als jetzt. Des Weiteren sollen die Kosten, beispielsweise f\u00fcr einen Letter of Credit,\u2013 abh\u00e4ngig vom Fall \u2013 durch we.trade von rund CHF 1&#8217;000 auf einen Zehntel reduziert werden k\u00f6nnen.<\/li><li>Mit der L\u00f6sung erhofft man sich einerseits, neue M\u00e4rkte zu erschliessen. Einzelne Open Account-Kunden (\u00abKauf gegen Rechnung) k\u00f6nnten m\u00f6glicherweise dazu gebracht werden, auf die Blockchain-L\u00f6sung zu wechseln. Gleichzeitig bietet sich die L\u00f6sung auch als Ersatz f\u00fcr gewisse Letter of Credits an. Hier k\u00e4me es zumindest teilweise zu einer gewissen Kannibalisierung. Aus Bankensicht sind aber in diesen F\u00e4llen nicht nur die Ertr\u00e4ge geringer, sondern auch die Kosten tiefer.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Aus Sicht des Kunden sieht die Plattform derzeit so aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01-1024x576.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5741\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01-1024x576.png 1024w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01-300x169.png 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01-768x432.png 768w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/we.trade_screen_01.png 1500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"427\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2-1024x427.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5740\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2-1024x427.png 1024w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2-300x125.png 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2-768x321.png 768w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2018\/10\/Wetrade-2.png 1248w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Abbildung 1: Screenshots we.trade aus Kundensicht<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die derzeitige L\u00f6sung von we.trade eignet sich im Moment nicht f\u00fcr den Rohstoffsektor. Ebenso ist derzeit noch keine Einbindung in das ERP-System der Kunden m\u00f6glich. F\u00fcr gr\u00f6ssere Unternehmen k\u00f6nnte dies aber zentral sein. Das \u00abProblem\u00bb ist technisch l\u00f6sbar und wird gem\u00e4ss Aussagen von UBS-Experten bald umgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich pers\u00f6nlich halte dieses Projekt f\u00fcr sehr spannend. Einerseits scheint der Trade Finance Markt pr\u00e4destiniert zu sein, die Blockchain-Technologie zu nutzen und ein wirkliches Business-Problem mithilfe der Technologie zu l\u00f6sen. Der Markt sollte dadurch effizienter und risikoarmer werden. Auf der anderen Seite ist der vorliegende Fall ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie sich das Thema der Plattform-\u00d6konomie immer st\u00e4rker entwickelt. Die gr\u00f6sste Herausforderung f\u00fcr we.trade besteht im Aufbau des \u00d6kosystems. Dieser Aufbau d\u00fcrfte gerade in Anbetracht der insgesamt wohl nur m\u00e4ssig agilen \u00d6kosystem-Teilnehmer nur langsam vonstatten gehen und aufw\u00e4ndig sein. Durch die neue L\u00f6sung m\u00fcssen zahlreiche Handels-, Logistik- und Transportunternehmen sowie die Zollbeh\u00f6rden ihre Prozesse anpassen und sich auf diese neue L\u00f6sung onboarden. Die Erfahrung zeigt, dass Unternehmen in der Regel nur tr\u00e4ge auf neue Angebote reagieren und das Onboarding Zeit ben\u00f6tigt. Geduld scheint also geboten. Die Vorteile der neuen L\u00f6sung in Bezug auf Kosten, Einfachheit und Geschwindigkeit sind aber wohl dermassen \u00fcberzeugend, dass sich die Prozesse der Firmen mittel- bis langfristig daran anpassen werden. In nicht allzu ferner Zukunft erwarte ich daher, dass sich Blockchain-L\u00f6sungen als sinnvolle L\u00f6sungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr die Durchf\u00fchrung von standardisierten Abl\u00e4ufen im Bereich Trade Finance etablieren werden. Ebenso ist zu erwarten, dass rund um diese L\u00f6sung und in der Logik der Plattform-\u00d6konomie neue Gesch\u00e4ftsmodelle entstehen, die heute noch niemand auf der Rechnung hat. Zum Beispiel k\u00f6nnte die Zollbeh\u00f6rde ihre Prozesse vereinfachen, da die Transparenz mit dieser L\u00f6sung auch f\u00fcr sie stark steigt.<br>Aus meiner Sicht haben Banken f\u00fcr eine solche L\u00f6sung die klar bessere Position als Startups. Einerseits geniessen sie das Vertrauen innerhalb des \u00d6kosystems. Andererseits haben sie gr\u00f6ssere finanzielle Ressourcen, das Produkt so lange am Leben zu halten, bis es sich durchgesetzt hat. Erfreulich aus Schweizer Sicht ist, dass die UBS an vorderster Front aktiv ist und (auch) im Thema Blockchain bald eine erste L\u00f6sung pr\u00e4sentieren wird, die \u00fcber eine Beta-Version oder einen \u00abShow-Case\u00bb hinausgeht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hype rund um die Blockchain-Technologie scheint sich endlich etwas zu legen. Stattdessen wird mit der zunehmenden Entwicklung der Technologie klar(er), f\u00fcr welche konkreten Anwendungsf\u00e4lle sich die Technologie eignet und wie sich die Finanzindustrie diese Technologie zu Nutze machen kann. Insbesondere im Bereich Trade Finance (Handelsfinanzierungs-Gesch\u00e4ft) scheint die Blockchain aus verschiedenen Gr\u00fcnden das Potenzial zu haben, sich zum Branchenstandard zu entwickeln. Die UBS hat dies fr\u00fch erkannt und bereits im Jahr 2016 ein Projekt gestartet. 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