{"id":7245,"date":"2019-04-01T08:35:08","date_gmt":"2019-04-01T06:35:08","guid":{"rendered":"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/?p=7245"},"modified":"2026-02-11T14:52:52","modified_gmt":"2026-02-11T13:52:52","slug":"wieso-legen-kunden-ihr-geld-eigentlich-noch-aufs-sparkonto","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wieso-legen-kunden-ihr-geld-eigentlich-noch-aufs-sparkonto\/","title":{"rendered":"Wieso legen Kunden ihr Geld eigentlich noch aufs Sparkonto?"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>In- und ausl\u00e4ndische Bankkunden haben bei Schweizer Bankinstituten heute rund 1.8 Billionen CHF an Einlagen deponiert (siehe Abbildung 1). Davon werden rund die H\u00e4lfte der Gelder auf Sicht gehalten, das heisst auf Konten ohne R\u00fcckzugfristen (z.B. Privatkonten). Ein Drittel der Kundeneinlagen sind hingegen auf Konten deponiert, die von Banken mit R\u00fcckzugsbeschr\u00e4nkungen versehen sind (z.B. Sparkonten). Der Anteil dieser k\u00fcndbaren Sparkapitalien hat sich \u00fcber die vergangenen Jahre nur unwesentlich ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v3-Abb-1-spar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"385\" height=\"411\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v3-Abb-1-spar.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7250\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v3-Abb-1-spar.jpg 385w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v3-Abb-1-spar-281x300.jpg 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/a><figcaption><em>Abbildung 1: Kundeneinlagen bei Schweizer Banken (per Dezember 2018, in Klammern Betrag in Mrd. CHF, Quelle: SNB Datenportal)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Neue Liquidit\u00e4tsvorschriften f\u00fchren zu strengeren R\u00fcckzugsbeschr\u00e4nkungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt sich die Frage, welchen Anreiz Kunden eigentlich haben, ihre Gelder nicht auf Sicht, sondern auf Konten mit R\u00fcckzugsbeschr\u00e4nkungen zu deponieren. Konkret interessiert die Frage, wie gross der Zinsvorteil von Sparkonten heute eigentlich noch ist und welchen R\u00fcckzugsfristen Kunden im Gegenzug ausgesetzt sind. Die Fragen sind relevant, denn die Banken sind durch die Einf\u00fchrung der Liquidity Coverage Ratio (LCR) und der baldigen Einf\u00fchrung der Net Stable Funding Ratio (NSFR) versch\u00e4rften Liquidit\u00e4tsvorschriften ausgesetzt. Um die Auswirkungen dieser neuen Liquidit\u00e4tsvorgaben auf Schweizer Retail Banken vertieft zu analysieren, haben wir am IFZ 2016 ein Forschungsprojekt lanciert, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterst\u00fctzt wird. Das Ziel ist es, die Auswirkungen der neuen quantitativen Liquidit\u00e4tsvorschriften auf die Bilanzstruktur, die Rentabilit\u00e4t und die Produktpalette der Schweizer Retail Banken zu untersuchen.<br>Ein wesentliches Steuerungsinstrument in den heutigen Liquidit\u00e4tsvorschriften ist die 2015 eingef\u00fchrte LCR. Die Kennzahl misst die Widerstandsf\u00e4higkeit einer Bank bei kurzfristigen Abfl\u00fcssen von Kundeneinlagen. Der Mindeststandard hat zum Zweck, dass Banken \u00fcber ausreichend sichere und liquide Aktiva (sog. High Quality Liquid Assets, HQLA) verf\u00fcgen, um den Liquidit\u00e4tsbedarf ihrer Kunden in einem Stressszenario w\u00e4hrend 30 Tagen jederzeit decken zu k\u00f6nnen. Banken m\u00fcssen also f\u00fcr Konten, bei denen Kunden innerhalb von 30 Tagen ihre Einlagen ohne K\u00fcndigungsfrist abziehen k\u00f6nnen, Liquidit\u00e4tsreserven halten. F\u00fchren Banken hingegen K\u00fcndigungsfristen von mindestens 31 Tagen bei ihren Konten ein und setzen die gesetzlich verlangte Nichtk\u00fcndigungskommission (NKK) von mindestens 2 Prozent bei Nichteinhaltung der Frist durch, so k\u00f6nnen diese Liquidit\u00e4tshaltungskosten reduziert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Schweizer Banken haben derzeit welche R\u00fcckzugsbedingungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zusammenhang mit dem genannten SNF-Projekt haben wir analysiert, wie 64 Schweizer Retail Banken bisher ihre Kontobedingungen angepasst haben, um mit den Mindestvorgaben der LCR kompatibel zu sein. Dazu haben wir unter anderem auch die R\u00fcckzugsbedingungen von Privat- und Sparkonten untersucht. Wir k\u00f6nnen folgende erste Resultate pr\u00e4sentieren:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sparkonten:<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>67 Prozent der untersuchten Banken (= 43 Institute) verf\u00fcgen heute \u00fcber LCR-konforme Sparkonten<em>. <\/em>Bei 86 Prozent dieser Sparkonten k\u00f6nnen Kunden nur noch 30&#8217;000 CHF oder weniger innerhalb von 30 Tagen abheben. F\u00fcr gr\u00f6ssere Betr\u00e4ge haben 74 Prozent der Banken eine K\u00fcndigungsfrist von 3 Monaten definiert. S\u00e4mtliche dieser Banken haben die gesetzlich festgeschriebene NKK von 2 Prozent eingef\u00fchrt.<\/li><li>Etwas \u00fcberraschend verf\u00fcgen hingegen 33 Prozent der Banken (=21 Banken) heute noch nicht \u00fcber LCR-konforme Sparkonten<em>.<\/em> Obschon mit einer Ausnahme s\u00e4mtliche Institute maximale Bezugslimiten definiert haben, sind die K\u00fcndigungsfristen entweder k\u00fcrzer als 31 Tage oder die NKK liegt unterhalb der gesetzlich festgeschriebenen 2 Prozent. Lediglich bei einem Institut k\u00f6nnen die Sparkapitalien jederzeit und ohne K\u00fcndigungsfrist abgehoben werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Anders sieht das Bild (noch) bei den <strong><em>Privatkonten<\/em><\/strong> aus:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>92 Prozent der Banken (=58 Institute) haben Privatkonten, die nicht LCR-konform sind und \u00fcber sehr lockere bis keine R\u00fcckzugslimiten verf\u00fcgen. 35 Banken habe keine R\u00fcckzugskonditionen definiert, 23 Banken definieren zwar R\u00fcckzugslimiten und K\u00fcndigungsfristen, diese sind allerdings nicht LCR-konform.<\/li><li>8 Prozent der Banken (=5 Institute) verf\u00fcgen hingegen auch bei ihren Privatkonten \u00fcber LCR-konforme R\u00fcckzugskonditionen. Die R\u00fcckzugslimiten variieren hier aber zwischen CHF 100&#8217;000 bis CHF 750&#8217;000 und die K\u00fcndigungsfristen liegen zwischen 31 Tagen bis 3 Monaten.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Gibt es eine Zinspr\u00e4mie auf Sparkonten f\u00fcr den Flexibilit\u00e4tsverlust?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen also feststellen, dass die untersuchten Banken ihre R\u00fcckzugskonditionen vor allem bei den Sparkonten versch\u00e4rft haben. Beim Grossteil der Konten k\u00f6nnen Kunden nur noch maximal 30&#8217;000 CHF oder weniger sofort beziehen. Der Bezug von gr\u00f6sseren Betr\u00e4gen unterliegt bei der Mehrheit der Banken einer K\u00fcndigungsfrist von 3 Monaten. Wird die K\u00fcndigungsdauer nicht eingehalten, kommt die NKK von 2 Prozent zum Tragen. Bei den Privatkonten hingegen k\u00f6nnen bei einer Mehrheit der untersuchten Banken Einlagen auf Privatkonten nach wie vor jederzeit und in grosser H\u00f6he bezogen werden. Entsprechend k\u00f6nnte man erwarten, dass die Kunden f\u00fcr diesen Flexibilit\u00e4tsverlust in Form eines (deutlich) h\u00f6heren Zinssatzes auf Sparkonten entsch\u00e4digt werden.<br>Ist das aber wirklich so?<br>Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Zinsdifferenz zwischen Spar- und Privatkonten bei Schweizer Banken derzeit auf einem Tiefpunkt von 0.038 Prozent \u2013 oder 3.8 Basispunkten \u2013 angelangt ist (siehe Abbildung 2). Diese Zinsdifferenz hatte Ende 2008 noch 70 Basispunkte betragen. Damals hatten Kunden noch einen deutlich gr\u00f6sseren finanziellen Anreiz, ihr Kapital nicht auf dem Privatkonto zu deponieren, sondern es aus Zinsgr\u00fcnden auf das Sparkonto zu transferieren. Obwohl die Zinsdifferenz also immer kleiner geworden ist \u2013 und heute praktisch Null ist \u2013 haben die Kunden darauf noch nicht reagiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"385\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar-1024x385.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7251\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar-1024x385.jpg 1024w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar-300x113.jpg 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar-768x289.jpg 768w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-2-Spar.jpg 1036w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption><em>Abbildung 2: Zinsdifferenz zwischen Spar- und Privatkonten bei Schweizer Banken (per Dezember 2018, Mittelwert, Privatkonten = Privatkonten ohne R\u00fcckzugsbeschr\u00e4nkungen, Quelle: SNB Datenportal)<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Abbildung 3 visualisiert die Zinsdifferenz zwischen Privat- und Sparkonten bei den von uns untersuchten 64 Schweizer Retail Banken per 31. Januar 2019 auf Einzelinstituts-Ebene. Ausgehend von einem Sparbetrag von CHF 100&#8217;000, errechnen wir einen durchschnittlichen Zinsunterschied zwischen Privat- und Sparkonten von 3.6 Basispunkten (=0.036 Prozent). Auf einen Sparbetrag von CHF 100&#8217;000 sind das umgerechnet 36 Franken pro Jahr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-3-Spar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"961\" height=\"495\" src=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-3-Spar.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7252\" srcset=\"https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-3-Spar.jpg 961w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-3-Spar-300x155.jpg 300w, https:\/\/hub.hslu.ch\/retailbanking\/wp-content\/uploads\/sites\/7\/2019\/03\/v2-Abb-3-Spar-768x396.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 961px) 100vw, 961px\" \/><\/a><figcaption><em>Abbildung 3: Zinsdifferenz zwischen Privat- und Sparkonto (in Basispunkten, Sparbetrag = CHF 100&#8217;000, per 30.01.2019, Quelle: IFZ<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Zinsdifferenz zwischen Privat- und Sparkonten bei den von uns untersuchten 64 Schweizer Retail Banken ist vernachl\u00e4ssigbar. Mit Ausnahme der Alternativen Bank Schweiz \u2013 sie stellt mit 25 Basispunkten einen Ausreisser dar \u2013 liegen s\u00e4mtliche Zinsdifferenzen zwischen den beiden Kontoarten zwischen 0 und 5 Basispunkten. Dies ist aus Bankensicht und in Anbetracht der derzeitigen Zinssituation nachvollziehbar. Der finanzielle Anreiz, Einlagen auf ein Sparkonto zu verschieben, anstelle es auf dem Privatkonto zu belassen, sind f\u00fcr Kunden dadurch aber verschwindend klein geworden. In Anbetracht der versch\u00e4rften R\u00fcckzugskonditionen und der nur sehr geringen Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Flexibilit\u00e4tsverlust m\u00fcsste man entsprechend den Kunden empfehlen, ihr Geld auf das Privatkonto umzuschichten.<br>Wieso haben Bankkunden ihre Sparkapitalien aber bislang noch nicht umgeschichtet? Eine Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte sein, dass viele Bankkunden noch die Vorteile von Sparkonten aus der Vergangenheit in Erinnerung haben und sich der neuen Zinssituation und vor allem der neuen R\u00fcckzugsbedingungen noch zu wenig bewusst sind. Eine zweite Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte sein, dass die meisten Kunden monatliche R\u00fcckz\u00fcge in der H\u00f6he von CHF 30&#8217;000 als ausreichend betrachten. Egal, von welcher Seite man es betrachtet: Die eingeschr\u00e4nkte Flexibilit\u00e4t wird derzeit mit durchschnittlich CHF 36 pro Jahr (bei Spargeldern von CHF 100&#8217;000) aber sicherlich nur unzureichend entsch\u00e4digt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit verschiedenen Kontoarten wollen Banken die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse ihrer Kunden bedienen. W\u00e4hrend das Privatkonto auf den t\u00e4glichen Gebrauch ausgerichtet ist, k\u00f6nnen auf dem Sparkonto R\u00fccklagen mit einem l\u00e4ngeren Horizont deponiert werden. 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W\u00e4hrend das Privatkonto auf den t\u00e4glichen Gebrauch ausgerichtet ist, k\u00f6nnen auf dem Sparkonto R\u00fccklagen mit einem l\u00e4ngeren Horizont deponiert werden. Aufgrund der beschr\u00e4nkten Verf\u00fcgbarkeit von Sparkapitalien erhalten Sparer von ihrer Bank in der Regel einen h\u00f6heren Zinssatz. Wer also f\u00fcr ein Auto, die Hochzeit oder ein Eigenheim spart, deponiert sein Geld besser auf einem Sparkonto, das lohnt sich. Wirklich? Was lange richtig war, hat sich zu einem Irrglauben entwickelt. 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