{"id":1376,"date":"2021-01-13T15:10:30","date_gmt":"2021-01-13T14:10:30","guid":{"rendered":"https:\/\/hslu-soziale-arbeit.test\/?p=1376"},"modified":"2026-02-11T14:53:58","modified_gmt":"2026-02-11T13:53:58","slug":"die-corona-situation-in-der-schweiz-1-3-die-raeder-spulen-im-leeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/soziale-arbeit\/die-corona-situation-in-der-schweiz-1-3-die-raeder-spulen-im-leeren\/","title":{"rendered":"Die Corona-Situation in der Schweiz (1\/3): Die R\u00e4der spulen im Leeren"},"content":{"rendered":"\n<p> Doch dann wurde erneut reiner Distanz- statt Pr\u00e4senz-Unterricht verordnet, Sitzungen fanden fast nur noch online statt, die Fallzahlen sahen immer schlechter aus und&nbsp;<em>R-Wert<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>Positivit\u00e4tsrate<\/em>&nbsp;wurden zu allt\u00e4glichen Begriffen. Es gab Ansteckungen bei den Studierenden, pl\u00f6tzlich kannte jede und jeder eine erkrankte Person. Quarant\u00e4ne und Selbstisolation betrafen uns nun direkt. Jean-Claude Gillet, ein&nbsp;<a href=\"https:\/\/blog.hslu.ch\/soziokultur\/2020\/12\/07\/ein-doyen-der-soziokultur-ist-an-corona-gestorben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Doyen der Soziokultur<\/a>, starb an Covid-19. \u00dcber den Jahreswechsel waren soziale Pausen statt Feuerwerk und gemeinsames Feiern angesagt. An ein \u00abneues Normal\u00bb ist zurzeit nicht zu denken. Deshalb sieht die Serie nun etwas anders aus: Sie nimmt die aktuelle Schweizer Politik in den Blick, das Handeln der Menschen und das Lernen und Lehren in und nach der Pandemie \u2013 stets nat\u00fcrlich auch mit der Frage, was dies f\u00fcr die Soziokultur bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1\/3 Die Corona-Situation in der Schweiz: Politik<\/strong><br>Als der Bundesrat im Fr\u00fchling den Lockdown verf\u00fcgte, wurde dies noch relativ breit akzeptiert. Ab Sommer und erst recht im Herbst setzte dann \u2013 im Angesicht der steigenden Fallzahlen und des drohenden Kollaps\u2019 des Gesundheitssystems \u2013 ein immer hektischeres und zunehmend auch geh\u00e4ssiges Spiel von sich gegenseitig widersprechenden&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/wir-haben-viel-grund-zur-hoffnung-525835612990\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Prognosen<\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/es-braucht-jetzt-einen-effekt-wie-damals-beim-lockdown-318639377723\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bef\u00fcrchtungen<\/a>&nbsp;ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitglieder der Taskforce und andere Expertinnen und Experten, Politikerinnen und Politiker \u2013 in erster Linie auf Ebene der Kantone und des Bundes \u2013 und&nbsp;<a href=\"https:\/\/srf.ch\/play\/tv\/redirect\/detail\/dcc8c34e-7863-48e7-8309-128bf3ec44c8?startTime=204\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">unterschiedliche Gesichter aus dem Bundesamt f\u00fcr Gesundheit<\/a>&nbsp;versorgen die Menschen mit Informationen zur aktuellen Corona-Situation. Eine Vielzahl von Stimmen zu h\u00f6ren, ist grunds\u00e4tzlich gut und sogar wichtig, denn das Abw\u00e4gen und Diskutieren unterschiedlicher Ebenen, Gewichtungen und Interessen ist der eigentliche Inhalt von Politik. Dass in einer Pandemie-Situation vieles revidiert, korrigiert und adaptiert werden muss, ist ebenso normal und richtig. Verwirrend, erm\u00fcdend und letztlich potentiell kontraproduktiv ist jedoch das politische Gez\u00e4nke der letzten Monate und Wochen zum Umgang mit der SARS-CoV-2 Pandemie. Da sind Rufe nicht weit, in der Krise tauge halt der F\u00f6deralismus, ja die Demokratie nicht viel. Doch meiner Meinung nach ist nichts so falsch wie diese Kapitulation. Im Gegenteil, eine Krisensituation wie die SARS-CoV-2 Pandemie zeigt gerade, wie der f\u00f6deralistische, demokratische Bundesstaat tats\u00e4chlich unser Fundament bildet \u2013 wenn dieses auch nicht perfekt ist. Aber dazu braucht es neben der Politik und der Verwaltung auch m\u00fcndige B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u2013 und den Dialog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00f6deralismus in der Krisensituation der SARS-CoV-2 Pandemie<\/strong><br>Es ist verst\u00e4ndlich, dass die Kantone, welche ja unter anderem f\u00fcr die Bildung und die Gesundheit zust\u00e4ndig sind, bei der Festlegung von Einschr\u00e4nkungen mitreden wollen, die zur Eind\u00e4mmung der Pandemie ergriffen werden. Schliesslich sind die Kantone sowohl f\u00fcr die Kosten ihrer Spit\u00e4ler als auch f\u00fcr die Durchf\u00fchrung der nun endlich anlaufenden Corona-Impfungen verantwortlich. Allerdings w\u00e4ren im Vergleich zur Realit\u00e4t mindestens drei andere Entwicklungen w\u00fcnschenswert gewesen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Schnelleres Tempo<\/li><li>Einheitliches Handeln<\/li><li>Ernstzunehmender demokratischer Dialog.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><strong>In der Ruhe liegt die Kraft \u2013 aber in der Krise sind kurze Wege gefragt<\/strong><br>Politische Diskussion, Interessenabw\u00e4gungen, Meinungsbildung, Entscheidungsfindung, das alles braucht Zeit. In den Kantonen, beim Bund, zwischen den Kantonen und zwischen Bund und Kantonen. Schon in normalen Zeiten werden die Schwerf\u00e4lligkeit und die Langsamkeit der politischen Prozesse gerne beklagt. Allerdings stehen ihnen dann solide Prozesse der Vernehmlassung gegen\u00fcber, welche im Idealfall einen echten Konsens, auf jeden Fall aber einen politisch lebbaren Kompromiss wiedergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun zur\u00fcck zu Corona: Es steht ausser Zweifel, dass Politikerinnen und Politiker sowie Verwaltungsangestellte \u2013 jedenfalls die meisten unter ihnen \u2013 ihre Arbeit ernst nehmen und sich engagieren. Allerdings ist in der \u00abzweiten Welle\u00bb der Corona-Krise nun wiederholt ein unkoordinierter Eindruck entstanden, der den so n\u00f6tigen Goodwill der Menschen in diesem Land arg strapazierte. Selbstverst\u00e4ndlich befolgt man die Schutzmassnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Pandemie nicht aus Goodwill, sondern aus \u00dcberzeugung oder doch Vernunft. Aber das Zusammenstehen, das Gef\u00fchl, dass sich alle anstrengen, gemeinsam; dass jede und jeder das tut, was m\u00f6glich ist, das ist hier mit Goodwill gemeint. Die rasant schnelle Entwicklung von (verschiedenen!) Impfstoffen hat gezeigt, dass \u2013 mit grossem Ressourceneinsatz und auch mit Gl\u00fcck \u2013 ein geregelter und sicherer Prozess eingehalten werden kann, auch wenn alles viel schneller gehen muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kant\u00f6nli-Geist ist hinderlich \u2013 bei der Corona-Impfung wie bei den Lockdown-Massnahmen<\/strong><br>Das Beispiel des kantonalen Vorgehens bei der Corona-Impfung und die kantonalen Unterschiede bei den beschlossenen Einschr\u00e4nkungen zeigen eine kantonale \u00abAutonomie\u00bb, die dem Zweck der Pandemie-Kontrolle nicht unbedingt dienlich ist. Partielle IT-L\u00f6sungen, von Tag zu Tag \u2013 wenn nicht gar von Stunde zu Stunde \u2013 wechselnde Regelungen, wer wann wo geimpft werden soll, \u00fcberhaupt das territoriale kantonale Denken sorgen f\u00fcr Ratlosigkeit und sind ein Beispiel f\u00fcr schlechte Ressourcenallokation. Wenn Menschen sich zur Impfung anmelden sollen, dies auch tun wollen, es aber \u2013 auch l\u00e4ngerfristig \u2013 nicht tun k\u00f6nnen, l\u00e4uft etwas falsch. Dass das&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/zuerich\/coronavirus-in-zuerich-riesiger-andrang-auf-erste-impfungen-ld.1594373\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Anmeldesystem bei einem grossen Ansturm zusammenbreche<\/a>, k\u00f6nne man weder voraussehen noch verhindern \u2013 echt jetzt?<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Vorgehen wurde mit einem technokratischen Denken entwickelt, ohne dass man genug an die Menschen gedacht hat. Warum wurde hier keinen Moment an ein partizipatives Verfahren gedacht? Oder zumindest mehr Akteurinnen und Akteure in die Entwicklung einbezogen? Das aktuelle Vorgehen im Kanton Z\u00fcrich beispielsweise ist weit weg von der Situation von hochaltrigen, zuhause lebenden Menschen und ihren Betreuungspersonen. Warum ist man nicht interdisziplin\u00e4r vorgegangen? Warum hat man die Menschen nicht als in einen sozialen Kontext, ein Familiensystem, eine Nachbarschaft eingebunden verstanden?<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Versch\u00e4rfungen der zweiten Welle hat die Romandie, welche vorher schon lokale Einschr\u00e4nkungen vorgenommen hatte, verst\u00e4ndlicherweise darauf pl\u00e4diert, die Massnahmen flexibel nach Fallzahlen und Situation auf den Intensivstationen anzupassen. Allerdings: das Flickwerk an Einschr\u00e4nkungen und Lockerungen f\u00fchrt einerseits zu&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/die-schweiz-braucht-eine-impfstrategie-die-diesen-namen-verdient-ld.1594747\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">grotesken Situationen<\/a>&nbsp;(Kioske und Hofl\u00e4den sind am Sonntag geschlossen, B\u00e4ckereien offen, aber nur unter bestimmten Bedingungen); andererseits jedoch \u2013 und das ist das Bedenkliche \u2013 f\u00fchrt dies zu einem st\u00e4ndigen Wiederaufflackern von Ansteckungsherden. Nicholas Christakis, Medizinsoziologe in Yale, macht einen etwas unappetitlichen, aber sehr gut&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/ein-yale-professor-ueber-die-ausbreitung-des-virus-und-einen-urin-im-pool-vergleich-304936095896\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nachvollziehbaren Vergleich<\/a>: die kantonal unterschiedlichen Regelungen seien etwa so, wie wenn man in einem Swimming Pool das Urinieren ins Wasser an einer Ecke erlauben, an den andern drei aber verbieten w\u00fcrde. Breitet sich das mit Urin versetzte Wasser dann nicht im ganzen Pool aus? Also Impfstrategie und Massnahmen kantonal begrenzen und denken, das Virus mache das mit? Das Gegenteil ist der Fall. Es br\u00e4uchte nicht nur \u00fcberkantonale, sondern \u00fcbernationale Vorgehensweisen, etwa einen europ\u00e4ischen Lockdown (unabh\u00e4ngig davon ob EU oder nicht).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Soziokultur: Demokratie im Alltag, Handeln in der Krise<\/strong><br>Soziokultur sei die t\u00e4gliche Arbeit an der Demokratie, hat&nbsp;<a href=\"https:\/\/blog.hslu.ch\/soziokultur\/2020\/12\/07\/ein-doyen-der-soziokultur-ist-an-corona-gestorben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jean-Claude Gillet<\/a>&nbsp;gesagt. Wie das geht, sollen hier exemplarisch drei Beispiele aufzeigen. Mit der Freiwilligkeit, der Aktivierung, der Partizipation haftet der Soziokulturellen Animation oftmals ein Hauch von Sch\u00f6nwetterprogramm an: Wenn es allen schon gut geht, kann die Soziokultur noch mehr Menschen einbeziehen, das Zusammenleben noch attraktiver machen. In der aktuellen Pandemie-Situation hat die Soziokultur jedoch mehrfach gezeigt, dass sie auch in der Krise funktioniert und es vor allem schafft,&nbsp;<em>schnell<\/em>&nbsp;und&nbsp;<em>koordiniert<\/em>&nbsp;zu handeln. Als Erstes sei hier auf den&nbsp;<a href=\"https:\/\/anchor.fm\/gina-stifani\/episodes\/Soziokultur--Corona-enohn3\/a-a43jdv7\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Podcast<\/a>&nbsp;von Studierenden der Soziokulturellen Animation verwiesen: Unterschiedliche Stimmen der Soziokultur berichten darin, wie sie in der Pandemie-Situation agieren. Als Zweites m\u00f6chte ich auf eine der vielen Initiativen hinweisen, bei welchen Jugendliche Einkaufsdienste f\u00fcr \u00e4ltere Menschen \u00fcbernommen haben, im Lockdown im Fr\u00fchling und dar\u00fcber hinaus. In diesem Fall wurden diese Einkaufsdienste von unterschiedlichen Pfadi- und Jungwacht Blauring-Gruppen sowie einem Jugendchor aus Luzern koordiniert. Sch\u00f6n an diesem Beispiel ist auch, dass es von der Stadt Luzern mit dem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.luzern60plus.ch\/aktuell\/artikel\/anerkennungspreis-quartierleben-2020\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Anerkennungspreis Quartierleben 2020<\/a>&nbsp;ausgezeichnet und im Newsletter Luzern60Plus kommuniziert worden ist. So funktioniert Generationendialog! Last but not least sei der Verein&nbsp;<a href=\"https:\/\/incontro-verein.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Incontro<\/a>&nbsp;von der Z\u00fcrcher Langstrasse erw\u00e4hnt. Angesichts des Elends in der teuersten Stadt der Welt haben Schwester Ariane Stocklin und ihre Mitk\u00e4mpferinnen und Mitk\u00e4mpfer innert k\u00fcrzester Zeit&nbsp;<a href=\"https:\/\/m.srf.ch\/programm\/tv\/sendung\/P940233045527_T834858308812\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">eine t\u00e4gliche Essensabgabe organisiert<\/a>.&nbsp;<em>Wie<\/em>&nbsp;sie das machen, das ist Soziokultur pur.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die geplanten Blogbeitr\u00e4ge der Serie \u00abDie Corona-Situation in der Schweiz\u00bb:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Der Staat und seine B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen (2\/3)<\/li><li>Lehre und Bildung (3\/3)<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>M\u00f6chten Sie die n\u00e4chsten Texte des Soziokulturblogs informiert werden? Schreiben Sie sich in der rechten Spalte mit Namen und E-Mail ein und Sie erhalten bei jedem neuen Beitrag eine Benachrichtigung.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>von: Simone Gretler Heusser<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang letzten Herbst k\u00fcndigte ich der Blog-Redaktion eine neue \u00abCoronavirus-Serie\u00bb an. 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