{"id":1762,"date":"2022-01-14T18:01:35","date_gmt":"2022-01-14T17:01:35","guid":{"rendered":"https:\/\/hslu-soziale-arbeit.test\/?p=1762"},"modified":"2026-02-11T14:53:58","modified_gmt":"2026-02-11T13:53:58","slug":"frauenpower-unter-der-bundeshauskuppel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/soziale-arbeit\/frauenpower-unter-der-bundeshauskuppel\/","title":{"rendered":"Frauenpower unter der Bundeshauskuppel"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>Ende Oktober 2021 fand im Bundeshaus die zweite Frauensession statt. 246 gew\u00e4hlte Teilnehmerinnen aus der ganzen Schweiz debattierten \u00fcber die dr\u00e4ngendsten politischen Forderungen der Schweizer Frauen. Nach Bern reisten auch die Soziokulturellen Animatorinnen Irina Studhalter, Mandy Abou Shoak und Caroline Rey.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was war Ihre Motivation f\u00fcr die Teilnahme an der Frauensession?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Ich habe mich spontan eine Stunde vor Anmeldeschluss dazu entschieden, als Teilnehmerin zu kandidieren. Vor dem Soziokultur-Studium habe ich Schreinerin gelernt und festgestellt, dass es noch immer viele H\u00fcrden f\u00fcr Frauen in M\u00e4nnerberufen gibt. Deshalb wollte ich mich an der Frauensession daf\u00fcr einsetzen, dass nicht nur akademische MINT-Berufe f\u00fcr Frauen gef\u00f6rdert werden, sondern auch Handwerksberufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: Ich sitze seit bald f\u00fcnf Jahren f\u00fcr die Jungen Gr\u00fcnen im Luzerner Stadtrat. Gleichstellungsthemen interessieren mich besonders. Die ehemalige gr\u00fcne Nationalr\u00e4tin C\u00e9cile B\u00fchlmann hat mich dazu ermuntert, mich f\u00fcr die Frauensession zu bewerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: Ich komme aus einer sehr politischen Familie; beide Eltern sind parteipolitisch engagiert. In meinem Herkunftsland Sudan sind die Politik und die Fehltritte der politischen Elite an jeder Ecke Thema. Weshalb das in der Schweiz anders ist, weiss ich nicht. Vielleicht haben wir hier einfach das Privileg, uns mit gewissen Fragen nicht auseinandersetzen zu m\u00fcssen, weil die unmittelbare Betroffenheit nicht so gross ist. Bis jetzt habe ich mich eher im Bereich Communitybuilding und alternative Formen der Meinungsbildung engagiert. Die Frauensession und meine Mitwirkung in der Kommission Freiwilligen- und Care-Arbeit waren eine erste M\u00f6glichkeit f\u00fcr mich, formelle politische Luft zu schnuppern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und Sie, Frau Studhalter und Frau Rey, in welcher Kommission haben Sie mitgearbeitet?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: In der Kommission f\u00fcr sexuelle Gesundheit und Gendermedizin. Ich nahm im Vorfeld der Session an zwei Kommissionssitzungen teil. In diesen erarbeiteten wir drei Vorst\u00f6sse. Alle wurden nach der Frauensession als Petition ans eidgen\u00f6ssische Parlament \u00fcberwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Leider konnte ich in keiner Kommission mitarbeiten, weil aufgrund des grossen Interesses nicht alle Teilnehmerinnen einen Platz bekamen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind alle drei Soziokulturelle Animatorinnen. Wo konnten Sie sich mit diesem Hintergrund besonders gut einbringen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Als Soziokulturelle Animatorin muss ich vernetzen, auf Menschen zugehen k\u00f6nnen, Kontakte kn\u00fcpfen. Ich denke, das ist mir auch w\u00e4hrend der Frauensession zugutegekommen. Nach der Session habe ich mich \u00abempowered\u00bb und inspiriert gef\u00fchlt. Es ist toll, was man gemeinsam erreichen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: Kimberl\u00e9 Crenshar, eine US-amerikanische Professorin, die sich auf institutionalisierten Rassismus im Recht und feministische Rechtstheorie spezialisiert hat, sagte einmal, dass wir die besten L\u00f6sungen f\u00fcr alle erhalten, wenn wir die Probleme aus Sicht der am meisten leidenden Personen l\u00f6sen. Davon waren wir in der Frauensession meiner Ansicht nach weit entfernt und haben die Perspektive mittelst\u00e4ndischer weisser Frauen ins Zentrum gestellt. Armutsbetroffene, Gefl\u00fcchtete oder Menschen mit Behinderungen wurden oft nicht mitgedacht. Diese wollte ich vertreten.<\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: Als Politikerin, Soziokulturelle Animatorin und Mensch hat mich die Motion zum Einwohner*innenstimmrecht besonders ber\u00fchrt. Dabei geht es um Inklusion und Diversit\u00e4t, also um Themen, f\u00fcr die ich mich auch in meinem Beruf engagiere. F\u00fcr mich war das die wichtigste Forderung, welche von der Frauensession ans eidgen\u00f6ssische Parlament \u00fcberwiesen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau Rey, welches war f\u00fcr Sie die wichtigste \u00fcberwiesene Forderung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Die Petition zur Gleichstellung im Alter. Dabei geht es auch um den Koordinationsabzug, der sich vor allem f\u00fcr Angestellte in Teilzeitarbeit \u2013 und das sind oft Frauen \u2013 bei der Pensionskasse nachteilig auswirkt. Es freut mich sehr, dass in der Wintersession 2021 der Nationalrat als Erstrat den Koordinationsabzug halbiert hat, was den Frauen entgegenkommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und f\u00fcr Sie, Frau Abou Shoak?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: Die Herausforderungen sind komplex und h\u00e4ngen alle zusammen; deshalb sind auch alle wichtig. Weil wir aber niemals alle gleichzeitig angehen k\u00f6nnen, stellt sich die Frage, welche dieser Antr\u00e4ge am wichtigsten und dringendsten sind, und da gehen die Meinungen auseinander. Aus meiner Sicht als Schwarze und muslimische Sozialarbeiterin mit einem klaren Menschenrechtsbezug ist die Forderung nach politischer Teilhabe von Einwohner*innen der Schweiz ohne Schweizer Staatsb\u00fcrgerschaft eine sehr wichtige Forderung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was war Ihr ganz pers\u00f6nlicher H\u00f6hepunkt an der Frauensession?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: So viele engagierte Menschen, wie zum Beispiel auch Caroline Rey, wiederzusehen oder neu kennenzulernen, zu entdecken, woran sie arbeiten, und uns gegenseitig zu feiern, zu inspirieren und Kraft zu tanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Das \u00abOpen Mic\u00bb am Abend. Man konnte \u00fcber das Mikrofon des Nationalratssaals drei Minuten zu Themen sprechen, die zwar nicht auf der offiziellen Agenda standen, einem aber gerade unter den N\u00e4geln brannten. Mandy zum Beispiel sprach in einem starken Auftritt \u00fcber die Wichtigkeit von Solidarit\u00e4t und Zusammenhalt unter den Frauen, um mit vereinten Kr\u00e4ften Ziele zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: Ich war am Freitagmorgen schon sehr fr\u00fch im Bundeshaus. Draussen war es noch dunkel. Ich ging durch die Wandelhalle und blickte in den fast noch leeren Nationalratssaal hinein. Dort sah ich eine Freundin, die eben dabei war, ihren Platz zu beziehen. Ich konnte sie ungesehen beobachten. Sie sah sich staunend im Saal um und brach dann vor lauter R\u00fchrung, als gew\u00e4hlte Parlamentarierin hier Platz nehmen und mitreden zu d\u00fcrfen, in Tr\u00e4nen aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Ihnen eine gute Fee einen Wunsch erf\u00fcllen w\u00fcrde, was w\u00fcrden Sie sich f\u00fcr die Frauen w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: Es f\u00e4llt mir ganz generell auf, dass oft M\u00e4nner die Diskussionen dominieren. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir Frauen uns getrauen, unsere Stimme zu erheben und zu sagen, was wir wollen und wie wir es wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass wir endlich so weit sind, dass wir nicht mehr \u00fcber Lohnungleichheiten bei Mann und Frau diskutieren m\u00fcssten. Da w\u00e4re ich gerne optimistischer f\u00fcr die n\u00e4here Zukunft, als ich es derzeit sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: Ich m\u00f6chte mir von der guten Fee nicht nur f\u00fcr die Frauen etwas w\u00fcnschen, sondern f\u00fcr die FINTA, also die Frauen, die Nichtbin\u00e4ren, die Agender-, Inter- und Transmenschen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass es f\u00fcr sie Strukturen und Gef\u00e4sse gibt, in denen sie voneinander lernen k\u00f6nnen, damit nicht jeder Mensch f\u00fcr sich immer wieder bei null starten muss. Es macht mich traurig, dass sie in der Schule immer noch die gleichen abwertenden Erfahrungen machen m\u00fcssen wie ich damals vor 25 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Frau Studhalter, Sie sitzen im Luzerner Parlament. Hat Ihnen die Frauensession Lust darauf gemacht, auf Bundesebene politisch t\u00e4tig zu werden?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Studhalter: Ich bin schon seit zehn Jahren bei den Jungen Gr\u00fcnen politisch aktiv. Im Moment bin ich sehr gl\u00fccklich mit meinem Mandat als Luzerner Grossstadtr\u00e4tin, weil ich mit den momentanen Mehrheitsverh\u00e4ltnissen im Rat vieles bewegen kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und Sie, Frau Abou Shoak, Frau Rey, hat die Frauensession Ihre Lust auf ein politisches Amt geweckt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abou Shoak: Ich bin bereits politisch aktiv, n\u00e4mlich im regionalen Vorstand des Berufsverbands Avenir Social und im Vorstand von Bla*Sh, einem Netzwerk von schwarzen Frauen in der Deutschschweiz. Parteipolitisch bin ich (noch) nicht t\u00e4tig. Ich muss erst noch herausfinden, wo ich meine St\u00e4rken und F\u00e4higkeiten am besten einbringen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Rey: Ich politisiere in der SP und bin seit Kurzem Urnenb\u00fcropr\u00e4sidentin in Luzern. In dieser Funktion leite ich bei Wahlen und Abstimmungen die Ausz\u00e4hlung der Stimmen. 2020 habe ich f\u00fcr den Grossen Stadtrat von Luzern kandidiert, bin aber nicht gew\u00e4hlt worden. Ich k\u00f6nnte mir gut vorstellen, es noch einmal zu versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Interview Eva Sch\u00fcmperli-Keller<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><strong>Mandy Abou Shoak&nbsp;<\/strong>(32) hat 2016 an der Hochschule Luzern den Bachelor in Soziokultur und k\u00fcrzlich den Master in Sozialer Arbeit als Menschenrechtsprofession abgeschlossen. Als selbstst\u00e4ndige Diversit\u00e4tsberaterin ber\u00e4t sie unter anderem aktuell das Schauspielhaus Z\u00fcrich in der Produktion \u00abBullestress\u00bb zu Racial Profiling. Zudem arbeitet sie als Gastdozentin zu den Themen Rassismus, Sexismus und Adultismus \u2013 intersektional. Sie ist Social Entrepreneurin und Podcasterin und hat 2021 das Label \u00ab<a href=\"https:\/\/www.justhis.ch\/\">justhis<\/a>\u00bb gegr\u00fcndet, das sich gegen institutionelle und strukturelle Formen der Diskriminierung engagiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Caroline Rey&nbsp;<\/strong>(34) hat nach ihrer Erstausbildung zur Schreinerin ein Soziokultur-Studium an der Hochschule Luzern absolviert und es 2016 abgeschlossen. Sie arbeitet bei&nbsp;<a href=\"https:\/\/luniq.ch\/\">LUNIQ.ch<\/a>, einem Projekt f\u00fcr selbstbestimmtes Wohnen f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Ausserdem ist sie Moderatorin f\u00fcr Medienkompetenz bei Pro Juventute sowie bei einem Programm gegen Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen, hat einen Lehrauftrag an der H\u00f6heren Fachschule f\u00fcr Gemeindeanimation und hilft bei einem Schreiner und in einem Caf\u00e9 aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Irina Studhalter&nbsp;<\/strong>(28) studiert im 5. Semester Soziokultur an der Hochschule Luzern, nachdem sie zuvor ein Bachelor-Studium in Politikwissenschaft und Soziologie an der Universit\u00e4t Luzern abgeschlossen hat. Zudem ist sie bereits im f\u00fcnften Jahr als Grossstadtr\u00e4tin der Jungen Gr\u00fcnen im Luzerner Stadtparlament. Nach Abschluss ihres Studiums m\u00f6chte sie als Soziokulturelle Animatorin im Bereich St\u00e4dteplanung arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Artikel wurde am 14. Januar 2022 von Eva Sch\u00fcmperli-Keller verfasst und auf dem Soziokulturblog ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frauensession 2021: Die HSLU-Absolventinnen Caroline Rey und Mandy Abou Shoak sowie die Studentin Irina Studhalter waren dabei, als es darum ging, den Anliegen der Schweizerinnen Geh\u00f6r zu verschaffen.<\/p>\n","protected":false},"author":111,"featured_media":2258,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[20],"tags":[96,103,27],"class_list":["post-1762","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-soziokultur","tag-bachelor-in-sozialer-arbeit","tag-politik","tag-soziokulturelle-animation"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Frauenpower unter der Bundeshauskuppel &#8211; 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