{"id":1927,"date":"2019-08-29T18:07:56","date_gmt":"2019-08-29T16:07:56","guid":{"rendered":"https:\/\/hslu-soziale-arbeit.test\/?p=1061"},"modified":"2026-01-21T15:28:48","modified_gmt":"2026-01-21T14:28:48","slug":"sprachlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hub.hslu.ch\/soziale-arbeit\/sprachlos\/","title":{"rendered":"Sprachlos"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sie, die Protagonistin, hat kaum M\u00f6glichkeiten, sich auszudr\u00fccken&#8230; nicht, weil sie das Franz\u00f6sische nicht fliessend spricht. Sie w\u00fcrde auch dann nicht geh\u00f6rt. Sie ist die Subalterne im Haus der weissen \u00abMaster\u00bb. Diese sind auf eine andere Art sprachlos. Sie finden keine Worte der Humanit\u00e4t; verf\u00fcgen \u00fcber keine Ideen, die von ihnen geschaffenen Verh\u00e4ltnisse zu reflektieren und in eine postkoloniale Kritik \u00fcber zu f\u00fchren. Sie n\u00e4hren weiterhin lediglich die Faszination am \u00abanderen\u00bb. Und vergn\u00fcgen sich erneut an ihrem weissen privilegierten Lifestyle in \u00abAfrika\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein unglaublich eindr\u00fccklicher Film. Deutlicher kann ein Film die Verwobenheit zwischen der Ruhigstellung (Unterdr\u00fcckung) der (weissen) Frau und Menschen of Color wohl kaum darstellen. Der Regisseur Ousmane Semb\u00e8ne braucht dazu lediglich 59 Minuten und ein wachsames und kritisches Auge. Der Film wurde 1966 gedreht und ist ein wichtiges Zeitzeugnis, dessen Kritik noch immer aktuell ist \u2013 falls die Zuschauenden die Zusammenh\u00e4nge erkennen wollen. Und nicht nur das, der Film macht durch eine einfache Handlung deutlich, wie kapitalistisch dieses imperiale Geb\u00e4ren ist. Glauben wir wirklich, dass Zufriedenheit und gar der Verlust eines Menschen mit ein paar Franc gekauft werden kann? Dass ohne Worte die Ungerechtigkeit weggekauft werden kann?<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Worte gefunden haben auch die Leute, die einen anderen Film im Rahmen der Retrospektive \u00abblack light\u00bb anpriesen. Aufgeschlossen und sensibel \u2013 was sich in einem anderen Zusammenhang erfreulicherweise zeigt und dann wieder sprachlos, suchend und damit wieder auf alte Stereotype zur\u00fcck geworfen&#8230; \u00abMulatte!\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Sprechen \u00fcber race begegne ich immer wieder unserer Sprachlosigkeit. Wir wissen nicht, was ad\u00e4quat ist und anstelle davon, diese Sprache zu lernen, sprechen wir lieber gar nicht \u00fcber race. Ja, warum race und nicht \u00abRasse\u00bb? Warum Schwarze Menschen, wenn sie denn braun sind? Warum also nicht \u00abfarbig\u00bb aber \u00abof Color\u00bb? Wir lernen es nicht. Und weshalb haben wir Worte f\u00fcr \u00abdie anderen\u00bb, aber kaum solche f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft? Die Angst vor der braunen Ecke ist zu gross, das Sprechen \u00fcber Rassismus entsprechend unbequem. Nur leider verschwindet dieser nicht, sondern wirkt subtil weiter. Doch das nehmen dann vor allem wiederum nur die einen war \u2013 die grosse Mehrheit muss es nicht zur Kenntnis nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn wir nicht schon fr\u00fch eine rassismuskritische Sprache erlernen, dann fallen wir regelm\u00e4ssig \u2013wider besten Willens \u2013 in eine alte rassistisch-koloniale Sprache zur\u00fcck, welche kreiert wurde, um die Hierarchisierung zwischen weissen und den andern zu festigen. Es ist auch die Sprache, die Wirklichkeit schafft. Umso mehr braucht es diese, Tag f\u00fcr Tag zu \u00fcberdenken und neu einzutrainieren. Desto \u00f6fter ich von Schweizer*innen of Color gesprochen habe, desto fl\u00fcssiger kann ich dies verwenden. Auch in Situationen in denen ich etwas nerv\u00f6s auf einer B\u00fchne stehe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Senegalese Ousmane Semb\u00e8ne hatte die Worte und Kritik bereits 1966 zur Verf\u00fcgung. Ich w\u00fcnschte, ich w\u00e4re dem Film fr\u00fcher begegnet. Er h\u00e4tte mich wohl auf meiner Reise der Kritik unserer Verh\u00e4ltnisse massgeblich unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch hier gilt \u2013 die Kritik ist nur verst\u00e4ndlich, wenn Mensch diese auch h\u00f6ren will und bereit ist, sich damit auseinander zu setzen. Rassismuskritisches Denken gedeiht auf bereits fruchtbarem Boden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehr zum Thema<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Film: <a href=\"https:\/\/www.trigon-film.org\/de\/movies\/La_noire\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00abLa Noire de&#8230;\u00bb<\/a> Senegal, France; 1966; DCP; Black and White; 59\u2019; o.v. French<\/li>\n\n\n\n<li>Glossar: \u201eRassismus ver.w.orten\u201c unterst\u00fctzt zur Reflexion diskriminierungskritischen Sprachegebrauch. Download auf <a href=\"https:\/\/www.el-maawi.ch\/publikationen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">el-maawi.ch\/publikationen.html<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-css-opacity\" \/>\n\n\n\n<p>von: Rahel El-Maawi<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abLa Noire de\u2026\u00bb ist meine Filmperle dieses Jahres \u2013 frisch restauriert und am Locarno Film Festival zu sehen. In nur 59 Minuten legt Ousmane Semb\u00e8ne bereits 1966 die koloniale Sprachlosigkeit offen: die der unterdr\u00fcckten Schwarzen Frau ebenso wie jene der weissen Herrschaft, die Humanit\u00e4t durch Faszination am \u201eAnderen\u201c ersetzt. 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