Baukultur und Bauen im Bestand,
Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz
Im Projekt «Bauen ohne Material» untersuchen Forschende der HSLU – T&A wie der Gebäudebestand konsequent als Ressource genutzt werden kann. Erste, konkrete Ansätze helfen, graue Emissionen zu reduzieren und das Netto-Null-Ziel zu erreichen.
Die Baubranche steht unter erheblichem Transformationsdruck: Trotz Fortschritten sinken die Treibhausgasemissionen zu langsam, um das Netto-Null-Ziel 2050 zu erreichen. Ein zentrales Problem liegt im linearen Bauverständnis: Materialien werden gewonnen, verbaut und am Ende entsorgt. Bestehende Gebäude werden häufig ersetzt, obwohl ihre Substanz noch nutzbar wäre. Dadurch gehen Materialien verloren, samt der darin gebundenen Energie, und Emissionen.
Das Forschungsprojekt «Bauen ohne Material» der Hochschule Luzern setzt genau hier an – mit einer bewusst radikalen These: 0 % Abfall und 100 % Zirkularität. Im Zentrum steht ein Perspektivenwechsel: Bauen bedeutet nicht primär Neues zu produzieren, sondern mit dem zu arbeiten, was bereits vorhanden ist.
Ein wichtiger Ansatz ist dabei das Handlungsfeld RECOGNIZE, das darauf abzielt, die Qualitäten des Bestands sichtbar zu machen:
«Durch präzise Zustandserfassung schaffen wir fundierte Entscheidungsgrundlagen, um zum Beispiel zu unterscheiden: Welche Bauteile sind wirklich am Lebensende angelangt und welche werden nur aus formalen Gründen ersetzt?», sagt Projektleiterin Susanne Gosztonyi

Für Bauingenieurinnen, Planer und Entscheidungsträgerinnen bedeutet dieser Ansatz einen grundlegenden Wandel. Insbesondere die Planung wird komplexer, aber auch wirkungsvoller. Das heisst zum Beispiel:
«Zirkuläres Bauen erfordert ein Umdenken in Wirtschaftlichkeit und Wertschöpfung», so Gosztonyi. Die zentrale Frage, die es in jedem Projekt zu stellen gibt: Welche Lösungen verursachen den geringsten zusätzlichen Ressourcenbedarf?

Die Forschung an der Hochschule Luzern – Technik & Architektur liefert bereits heute praxisnahe Werkzeuge und Innovationen:
Entscheidend ist nicht nur die Trennbarkeit von Materialien (technische Demontierbarkeit), sondern vor allem die Ebene, auf der eine Wiederverwendung tatsächlich sinnvoll und praktikabel erfolgen kann (strategische Planungsfrage): als einzelne Schichten, als ganze Bauteile, als Baugruppen oder sogar als vollständige räumliche Strukturen. Je höher die Integrationsebene, auf der eine Wiederverwendung gelingt, desto mehr graue Energie, Arbeitsleistung und materielle Qualität bleiben erhalten.

«Trotz grossem Potenzial steht die Umsetzung vor erheblichen Hürden», weiss auch Susanne Gosztonyi. Praktische und organisatorische Herausforderungen sind fehlendes verlässliches Bestandswissen, Zeitdruck in Planungsprozessen, fehlende Logistik, Lagerung und Qualitätssicherung für wiederverwendete Bauteile. Ausserdem sind die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwierig, solange Haftungs- und Gewährleistungsfragen unklar sind, gesetzliche Grundlagen fehlen und die Berücksichtigung grauer Emissionen in Bewertungen und Honorierungen unzureichend ist.
«Der vielleicht grösste Hebel liegt in der Haltung», findet darum Gosztonyi. «Zirkuläres Bauen verlangt einen bewussten Umgang mit Unsicherheiten und einen offenen Dialog zwischen Planung, Ausführung und Politik.» Mit ihrer Forschung will sie einen Teil dazu beitragen, dass der Bestand zur zentralen Ressource der Zukunft wird.
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