Baukultur und Bauen im Bestand,

Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz

«Zirkuläres Bauen wird viel günstiger werden» 

Alexandra Stamou ist Leiterin Innovation und Produkte bei der Halter Gruppe, welche sich für die Kreislaufwirtschaft in der Bau- und Immobilienbranche einsetzt. Sie ist ausserdem Beirätin der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Ein Gespräch über den Mehrwert von Zirkularität, Widerstände aus der Praxis und die Rolle der HSLU.

«Zirkuläres Bauen wird viel günstiger werden» 

Alexandra, was ist deine Rolle bei der Halter Gruppe

Alexandra Stamou: Ich verstehe meine Rolle als verbindendes Element zwischen Strategie und Umsetzung. Meine Aufgabe ist es, unsere Vision einer integrierten Kreislaufwirtschaft in der Bau- und Immobilienbranche mit dem Netto-Null-Ziel in konkrete, umsetzbare Schritte zu übersetzen. Ich arbeite über Projekte hinweg und bereite sozusagen den Boden für alle unsere Unternehmungen. Dabei geht es stark um die Integration von neuen Prozessen, neuen Technologien und neuen Partnern. 

Welche Technologien sind für dich gerade besonders relevant? 

Wichtiger als die Technologien ist deren Grundlage: ein durchgängiges Informationsmanagement. Ohne eine strukturierte Datenbasis und eine gemeinsame Sprache über alle Beteiligten hinweg kann Technologie ihren Mehrwert nicht entfalten. Deshalb sind Ansätze wie Ontologien oder Knowledge Graphs für uns zentral – sie schaffen die Voraussetzung, um Daten besser nutzbar und die Analysen nachvollziehbar zu machen. Es geht es darum, Wissen strukturiert und standardisiert von abgeschlossenen Projekten mitzunehmen in neue Projekte. Wir nennen das «Upstream-Informationen». Diese helfen uns kreislauffähigen Prozessen näher zu kommen.

Wie nah seid ihr den kreislauffähigen Prozessen? 

Im Bereich Neubau sind wir weit, insbesondere weil wir dort von Anfang an neu denken können. Zentral ist für uns das Design-Build-Modell, also ein integrativer Ansatz, bei dem Planung und Bau nicht getrennt, sondern gemeinsam gedacht werden. 

Unsere Überzeugung ist: Nur wenn Ausführungs- und Betriebswissen früh in die Planung integriert werden, können tatsächlich kreislauffähige Lösungen entstehen. Sonst ist Zirkularität nur ein Lippenbekenntnis.

Was ist der Mehrwert von kreislauffähigem Bauen? 

Kreislaufwirtschaft ist für uns ein Weg, damit unsere Kundschaft das Netto-Null-Ziel erreicht. Gleichzeitig hat sie einen zweiten, sehr wichtigen Effekt: Sie steigert die Produktivität. Der Mehrwert entsteht vor allem durch die Art, wie Projekte organisiert sind. Wenn man integrativ arbeitet und den Fokus auf das Endergebnis und den Nutzen legt – und nicht auf Materialvolumen oder einzelne Leistungen –, verändert sich automatisch das Verhalten aller Beteiligten. Das führt dann zu weniger Aufwand, zu weniger Materialverbrauch. Prozesse werden effizienter, weil Entscheidungen früher und auf besserer Informationsbasis getroffen werden. Gleichzeitig entsteht eine höhere Kostensicherheit. Wenn man das skaliert, verändert sich eine ganze Industrie.

Alexandra Stamou im Gespräch mit Marvin King über Zikularität im Bau.
Alexandra Stamou im Gespräch mit Marvin King über Zikularität im Bau am Abend der Wirtschaft der Hochschule Luzern – Technik & Architektur.

Also ist zirkuläres bauen gar nicht teurer? 

Nein, zirkuläres bauen wird viel günstiger werden. Die oft gehörte Aussage, Kreislaufwirtschaft kostet mehr, Nachhaltigkeit kostet mehr, reflektiert die heutige nicht skalierte Situation und die Hoffnung der Branche auf mehr Geld. Solche pauschalen Aussagen haben keinen Platz, wenn wir die Lösungen von Anfang an in unsere Projekte integrieren.

Warum ist die Umsetzung in der Praxis so schwierig? 

Die Branche arbeitet nach wie vor in fragmentierten, linearen Strukturen. Und es besteht einfach zu wenig Interesse an einer Veränderung. 

Ich zitiere hier gerne die Dannemiller-Formel. Demnach wird Wandel erst möglich, wenn das Produkt aus Unzufriedenheit, Vision und ersten Erfolgen grösser ist als die Widerstände gegen die Veränderung. Ich würde sagen, wir haben die Vision und wir haben erste Projekte, die zeigen, dass es geht. Zum Beispiel auf auch dem Campus der Hochschule Luzern. Aber die Frage ist: sind wir genug unzufrieden? Und ich sage: Nein. Weil das Geschäftsmodell der meisten Firmen in der Branche funktioniert. Wieso sollten sie dann etwas ändern und die ganzen Prozesse neu aufbauen, das Wissen neu aufbauen und ihre Partnerschaften neu aufbauen?

Ja, warum sollten sie? 

Weil die Wettbewerbs- und Marktkräfte sie schlicht dazu zwingen werden, wenn sie erfolgreich bleiben und überleben wollen. Kreislaufwirtschaft ist eine Möglichkeit, Mehrwert zu schaffen – für die Umwelt, die Kunden und die Firmen selbst. In unseren Projekten, die wir mit dem Design-Build-Modell machen, kommen die Kundinnen und Kunden anschliessend wieder. Also die machen das nicht mehr nur, weil wir ihnen erzählen, dass es eine gute Story ist. Sondern einmal gemacht, sehen sie die Vorteile und damit kommt auch diese Skalierbarkeit für unsere Partner.

Welche Rolle kann die HSLU spielen, um die Zirkularität im Bau voranzubringen? 

Die HSLU kann eine zentrale Rolle spielen, weil sie dort ansetzt, wo Wissen entsteht und vermittelt wird.

Sie hat die Möglichkeit – und auch die Freiheit –, den Status Quo zu hinterfragen und Silos aufzubrechen. Die HSLU könnte beim Thema Integration vorangehen und die Schnittstellen bearbeiten, die es in den Fachbereichen gibt. In der Forschung und – vielleicht noch wichtiger – in der Ausbildung. So dass zukünftige Fachkräfte den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes verstehen und wissen, wie ihre Entscheidungen andere Bereiche beeinflussen. In dieser Integration liegt die Chance für die HSLU, sich nicht nur gut zu positionieren, sondern auch Wirkung zu erzielen und eine Branche zu verändern. 

Zirkularität im Bau

Die Hochschule Luzern beschäftigt sich in verschiedenen Forschungsprojekten mit Kreislaufwirtschaft und Ressourceneffizienz in Bau und Technik. Mehr erfahren Sie auf unserer Themenseite.

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