Freiwilligenarbeit und Caring Communities gewinnen an Bedeutung. Doch ohne klare Rollen und kommunale Unterstützung bleibt das Versprechen einer sorgenden Gesellschaft uneingelöst.
Die Grossmutter wohnte früher um die Ecke. Die Nachbarin brachte Suppe vorbei, der Sohn erledigte die Bankgeschäfte. Was über Generationen hinweg als familiäre Selbstverständlichkeit funktionierte, trägt heute vielerorts nicht mehr. Die Bevölkerung wird älter, Familien werden kleiner, Kinder leben weiter weg. Gleichzeitig setzt staatliche Unterstützung erst dann ein, wenn jemand offiziell als pflegebedürftig gilt. Dazwischen klafft eine Lücke, die grösser wird: Es geht um Menschen, die Hilfe beim Einkaufen brauchen, beim Arztbesuch oder beim Ausfüllen eines Formulars. Es geht um Alltagsbetreuung. Politisch ist sie kaum geregelt, finanziert wird sie selten.
An einer Podiumsdiskussion der Hochschule Luzern diskutierten der Soziologe Riccardo Pardini (HSLU), der Sozialpolitikprofessor Carlo Knöpfel (FHNW) und die Luzerner Stadträtin Melanie Setz, was freiwilliges Engagement in dieser Lücke leisten kann und wo staatliche Verantwortung beginnt. Die Antwort war klar: Es braucht beides. Freiwilliges Engagement ist zentral, aber es funktioniert nicht im luftleeren Raum. Die Gemeinde spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Das Konzept der Caring Communities beschreibt eine Gesellschaft, in der Sorgearbeit breiter verteilt wird. Nicht nur die Kernfamilie soll Verantwortung tragen, sondern auch Nachbarschaften, Vereine und zivilgesellschaftliche Initiativen. Das klingt überzeugend. Doch das Podium machte deutlich: Solche Gemeinschaften entstehen nicht einfach von selbst. Sie brauchen Koordination, professionelle Begleitung und eine verlässliche Finanzierung.

Die Stadt Luzern bietet dafür ein konkretes Beispiel. Sie unterstützt Initiativen wie Vicino und Zeitgut Luzern dauerhaft, stellt niederschwellige Unterstützungsbeiträge bereit und denkt Quartierarbeit über Generationen hinweg: vom Kleinkindalter bis ins hohe Alter. Besonders bemerkenswert ist das Projekt «Quartierarbeit für alle». Die Idee dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Nicht die Betroffenen müssen zuerst Angebote suchen und einfordern. Die Gemeinde geht aktiv auf sie zu. Sie wartet nicht ab, bis sich Menschen melden, sondern arbeitet aufsuchend.
Gleichzeitig warnte das Podium vor einem Missverständnis, das in politischen Diskussionen immer wieder mitschwingt. Freiwilligenarbeit ist wertvoll. Aber sie darf nicht als günstiger Ersatz für professionelle Versorgung verstanden werden.
Denn wer keine Familie in der Nähe hat, kein Geld für private Hilfe und keinen Zugang zu organisierten Angeboten, fällt schnell durch alle Raster. Dass Betreuung sozial ungleich zugänglich ist, ist kein individuelles Schicksal. Es ist ein kommunalpolitisches Problem.
Die Diskussion zeigte: Gute Ansätze gibt es bereits. Entscheidend ist, was Gemeinden daraus machen.
Erstens müssen sie Betreuung früher mitdenken, bevor Pflege notwendig wird. Zweitens brauchen Freiwilligenorganisationen strukturelle Unterstützung, wenn sie verlässliche Partner sein sollen. Wohlwollende Begleitung reicht nicht. Drittens müssen Gemeinden aktiver werden und auf Menschen zugehen, statt auf deren Eigeninitiative zu warten.
Am Ende geht es um politischen Willen. Um die Bereitschaft, Verantwortung nicht einfach weiterzureichen, sondern sie dort zu organisieren, wo Menschen leben: in den Gemeinden, in den Quartieren, im Alltag.
Dieser Beitrag entstand im Rahmen des HSLU-Masterstudiengangs Business Administration, Major Public und Nonprofit Management. Autorinnen und Autoren: Mia Jenni, Sara Petrovic, Laslo Niffeler und Inthuyan Nagamuththu. Begleitender Dozent: Lukas Lehmann.
Veröffentlicht am: 27.05.2026
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