Lernen und Lehren durch die Linse

Bereits einige Wochen ist es her, seit die eigenen vier Wände zum improvisierten Unterrichts- oder Proberaum umfunktioniert wurden. Covid-19 brachte unvorhergesehene Herausforderungen und neue Perspektiven, besonders auch für die Musikbranche und die Musikvermittlung. Letztere wird nun zu Hause gelehrt, geübt und gelernt. Wie sich ein Monat Distance Learning durch die Linsen von Mobiltelefone oder Laptops für unsere Dozierenden und Studierenden anfühlt, liest du hier.

Interfaces, Mikrofone, neue Internetabos, Musikprogramme (DAWs) und, und, und: Die Schweizer Musikstudierenden und -dozierenden sind im Installationsfieber. Eine Blitz-Digitalisierung hat das Land vor ein paar Wochen erlebt, als unzählige Institutionen – unter anderem Kulturhäuser, Dienstleistungssektoren und Bildungseinrichtungen wie die Hochschule Luzern – ihre Tore schlossen. Online-Tutorials und Streaming-Konzerte sind in der Gesellschaft inzwischen keine Kuriositäten mehr, sondern ein schräges Stück Alltag geworden. Geld, räumliche Möglichkeiten und technische Affinität entscheiden hierbei über die Qualität – auch beim Lernen und Lehren mittels Fernunterricht, wie er an der Hochschule Luzern – Musik stattfindet.

WhatsApp, Zoom, Skype, Trello, Google Drive, YouTube… die digitalen Tools ersetzen den Präsenzunterricht: Zelina Hale im Online-Gesangsunterricht bei Hans-Jürg Rickenbacher.

Medienvielfalt à la Academia

Das sogenannte Distance Learning birgt durchaus seine Tücken: Wacklige Bilder sind vergleichsweise verkraftbar, schwieriger wird es aber bei Latenzen (Verzögerungszeit) und Einbussen in der Klangqualität. Trompeten-Dozent Matthias Spillmann findet: «Zwar besser als nichts. Trotzdem bleibt das Prozedere vergleichsweise ineffizient und anstrengend». Ähnlich sieht das Nils Wogram: Der Dozent für Posaune lehrt aktuell via Videocoaching, erklärt also beispielsweise via gefilmten Aufnahmen Songwriting-Konzepte – oder greift auf das Bildtelefonie-Programm Skype zurück, wo er nebst dem virtuellen Face-to-Face-Unterricht alles noch im Chat-Raum protokolliert. Ähnlich geht Klavier- und Bandworkshop-Dozent Hans-Peter Pfammatter vor: In der Piano-Stunde gibt er beispielsweise einer Studentin Feedback, indem er im Musikprogramm Ableton sehen kann, welche Töne sie auf der Tastatur ihres MIDI-Keyboards drückt. Nadja Räss, Dozentin für Jodel, konstatiert: «Das Arbeiten an der Spiel- resp. Stimmtechnik wie auch die Vermittlung von Hintergrundwissen läuft erstaunlich gut!». Dank dem bilateralen Charakter funktioniert der Einzelunterricht allgemein deutlich einfacher als Kurse im Ensemble: Dort wird es schwieriger. Zusammen musizieren ist nämlich über das Internet kaum möglich, ausser, alle Beteiligten besitzen eine hyperschnelle Ethernetverbindung – und selbst dann treten noch diverse und überraschende Herausforderungen auf.

Innovation Improvisation

Von Seiten der Dozierenden kommen dementsprechend andere Aufgabenstellungen zum Einsatz. Bei den Bandworkshops beispielsweise nehmen die Studierenden ihre einzelnen Stimmen von den aufnotierten Songs individuell auf und senden sie an die Mitmusizierenden, welche wiederum ihre eingespielten Tracks hinzufügen. Am Schluss ergibt sich durch das Zusammensetzen ein ganzes Stück. So passiert das beispielsweise bei Roberto Domeniconi oder bei Ricardo Regidor. Letzterer bedient sich für seinen Latin-Geschichtsunterricht bei der Videotelefonie-App Zoom, wo ein Mix aus interner Bildschirm-Projektion, Live-Vorspielen am Klavier und dem erwähnten Prozedere für eine geballte Ladung Musikgeschichte sorgt. Noch mehr Herausforderungen beinhalten Fächer wie die stark auf Interaktion angewiesene Freie Improvisation. Im Improvisationsensemble geben die Dozierenden Magda Mayas und Christian Weber ihren Studierenden deshalb individuelle Hausaufgaben, welche das Hören fördern sollen. Auch Hans-Jürg Rickenbacher, Dozent für klassischen Gesang, hat Wege zum Unterrichten gefunden: Neben den bereits erwähnten Tools oder der bekannten Lernplattform Ilias hat er einen eigenen Home Voice Blog für die Fachschaft Gesang eingerichtet. Auf diesem finden die Studierenden allgemeine Hinweise, Infos und Best Practice-Beispiele, App-Vorschläge sowie ein wöchentliches Motivationsschreiben. Und wenn es bei schlechter Internetverbindung mal hapert, greift Rickenbacher gut und gerne zum Telefon, um Lektionen via Handy abzuhalten.

Kein Perkussionsinstrument zu Hause? Ricardo Regidor erklärt seinem Latin-Workshop anhand einer Espresso-Tasse den Cowbell-Pattern im Son Montuno.

Zwischen Spezialisierung und Überforderung

Viele Dozierende betonen die Eigenverantwortung, die auf den Studierenden lastet. Das überfordert einige, weil die gewohnten Strukturen und das, was Spass macht – das gemeinsame Musizieren, aber auch der persönliche Austausch –, wegfallen. Man lernt zugleich sehr schnell sehr viel über Technologie und ist gezwungen, spontan, flexibel und kreativ zu sein. Eigenschaften, die im Musiker und Musikerinnenleben eh gebraucht werden. Ob am Ende des Lockdowns die Schweizer Musiklandschaft wohl aus lauter Computerspezialisten/innen besteht? Mögliche wäre es, gerade in Anbetracht der vielen Tools, welche die Dozierenden nutzen: Chatprogramme (WhatsApp, Telegram), digitale Speicherclouds (Dropbox, Trello, Google Drive), Videotelefonie-Programme (Skype, Zoom), Videoplattformen (YouTube) und schlicht Telefonanrufe oder Mails. Bei dieser grossen Auswahl, leidet dann durchaus mal die Übersicht. Aber immer noch besser, als gar keinen Unterricht!

Ein Musikstudium ohne direkte zwischenmenschliche Interaktion fühlt sich einfach falsch an.

Linus Meier, Student

Ungewohnte Vorteile

Gerade das individuelle Aufnehmen ist eine Herausforderung: Annika Granlund, Tuba-Studentin meint, dass es mehr Zeit koste als der reguläre Unterricht: «Man analysiert das eigene Spiel halt zuerst gründlich, und zensiert sich dadurch vielleicht wohl ein wenig, bevor man den Senden-Button drückt». Die Fehlerkultur wirkt dementsprechend ganz anders durch die Permanenz von solchen Aufnahmen, bringt jedoch einen gewissen Studio-Charakter mit sich – etwas, das immer von Nutzen sein wird. Dieses Reflektieren beschreibt Nadja Räss als besonders wertvoll – ihr senden die Jodel-Studierenden ebenfalls Videos zu. Gabriela Glaus und Tobias Wurmehl, beide sind im Master mit Hauptfach klassischem Gesang, arbeiten ebenfalls mit Aufnahmen: Sie können Stückwünsche anbringen, die dann von Dozierenden in der Rolle als Korrepetitoren/innen aufgenommen werden. So erhalten die Gesangsstudierenden individuelle Übe-Playbacks. Leider fehlt aber auch hier das interaktive Spiel. Glaus sieht noch weitere Herausforderungen: «Via technischer Betreuung kommt beispielsweise die Körperarbeit viel zu kurz». Darauf seien ihr zufolge vor allem neuere Studierende angewiesen – sie als Masterstudentin im letzten Semester hat hier bereits eine Sensibilisierung entwickelt. E-Bass-Student Linus Meier fasst die Situation wie folgt zusammen: «Momentan funktioniert eigentlich alles. Ich nehme neuen Lernstoff auf, verarbeite ihn und widme mich weiterhin den Dingen, welche für’s Studium und den Alltag wichtig sind», meint er und fährt fort: «Grundsätzlich wäre ich aber ganz klar lieber unmittelbar vis-à-vis vom Dozenten. Selbst wenn man sich per Video sieht und hört, ist da doch immer ein Medium im Weg und nimmt der Beziehung ein wenig von der Natürlichkeit. Ein Musikstudium ohne direkte zwischenmenschliche Interaktion fühlt sich einfach falsch an.» Laut ihm erzwingt die aktuelle Situation aber auch eine Entschleunigung und führt dazu, bisherige Praktiken sowie Verhaltensweisen zu überdenken. Und Gitarren-Dozent Roberto Bossard probiert ebenfalls, dem Umstand etwas Positives abzugewinnen: «Wenigstens fallen aktuell die Arbeitswege weg, was der Umwelt wohl gut tut».

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