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Wie beeinflusst das Coronavirus das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung?

Wie beeinflusst das Coronavirus das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung?
Foto von Anna Shvets von Pexels

Lesezeit 5′ Minuten // Ein Beitrag von Lisa Dang

Ende 2019 tauchte in der zentralchinesischen Metropole Wuhan eine mysteriöse Lungenkrankheit auf, die sich rapide auf andere Länder ausbreitete und Ende Februar 2020 die Schweiz erreichte. Am 11. März stufte die Weltgesundheitsorganisation das neuartige Coronavirus als weltweite Pandemie ein. Das SNF NFP 78 «Covid-19» Projekt am Institut für Tourismus und Mobilität ergründet wie Schweizer Reisende das Risiko von Infektionskrankheiten wahrnehmen und wie sich dies auf Entscheidungen bezüglich des touristischen Verhaltens auswirkt.

Internationale Reisen, COVID-19-Forschung & Co

Insbesondere der internationale Tourismus ist ein Grund dafür, dass sich das Virus rasch auf andere Länder ausbreiten konnte. Aus diesem Grund wurde das Reisen weltweit für einen bestimmten Zeitraum eingeschränkt und zahlreiche nicht-pharmazeutische Interventionen (NPIs) eingeführt, die ohne das Vorhandensein eines Impfstoffs die Pandemie grösstmöglich eindämmen sollen. Nach und nach werden diese Massnahmen nun der Situation angepasst, sodass uneingeschränktes Reisen im Jahr 2021 eventuell wieder möglich sein wird.

Für das Forschungsteam des Instituts für Tourismus und Mobilität (ITM) der HSLU-W bestehend aus Prof. Dr. Timo Ohnmacht, Dr. Andreas Hüsser und Lisa Dang stehen folgende Fragen im Vordergrund:

  1. Wie nehmen Schweizer Reisende das Risiko von Infektionskrankheiten wahr?
  2. Wie wirkt sich das auf Entscheidungen bezüglich des touristischen Verhaltens aus?
  3. Wie gross ist die Akzeptanz und Einhaltung von nicht-pharmazeutischen Interventionen wie Abstandhalten, Händewaschen und Maskentragen in den Ferien?

Im Hinblick auf die Forschungsfrage liefern sozio-psychologische Modelle vielversprechende neue Ansätze in der COVID-19-Forschung im Zusammenhang mit Epidemiologie und Krankheitsprävention. Im Rahmen des Forschungsprojekts wird zunächst die Theorie des geplanten Verhaltens (Theory of Planned Behaviour, TPB) mit dem Health Belief Model (HBM) kombiniert. Nachdem durch eine repräsentative Umfrage der Schweizer Bevölkerung die signifikanten Einflussdimensionen identifiziert werden, sollen in einer zweiten, auf einem experimentellen Design basierenden Erhebung verschiedene Massnahmen und Interventionen erforscht werden. Darauf aufbauend werden Strategien und Richtlinien zur Verhütung von Infektionen im Bereich des Tourismus mit Empfehlungen für wirksame Interventionen erarbeitet, die in «Toolboxen» präsentiert werden. Diese «Toolboxen» werden in den Partnernetzwerken, zu denen unter anderem auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) gehört, verbreitet.

Aktueller Stand des Forschungsprojekts

Aktuell haben wir ein Erklärungsmodell entwickelt und fertiggestellt, das sowohl das Health Belief Model (HBM) sowie die Theory of Planned Behavior (TPB) beinhaltet.  Das kombinierte Erklärungsmodell erklärt die Absicht, nicht-pharmazeutische Interventionen (NPIs) im Bereich des Tourismus umzusetzen.

Basierend auf der empirischen Evidenz einer groß angelegten Studie für die Schweizer Bevölkerung verknüpfen wir erfolgversprechende Maßnahmen mit sozio-psychologischen Faktoren, welche die Intention zur Nutzung von NPIs erhöhen sollen. Basierend auf “Toolbox-Broschüren” zielt das Projekt darauf ab, Leitlinien für verschiedene Akteure bereitzustellen, um pandemische Infektionskrankheiten auf Reisen (besser) zu kontrollieren.

Zu Beginn des Jahres 2021 führen wir eine repräsentative Querschnittsbefragung der Schweizer Bevölkerung (1. Welle) zur allgemeinen Akzeptanz von NPIs durch. Ende des Jahres 2021 folgt dann eine repräsentative Befragung mit Fokus auf die Akzeptanz spezifischer NPIs (2. Welle).

Sozialpsychologische Faktoren und Interventionen

Als unabhängige Variablen, welche die Akzeptanz von nicht-pharmazeutischen Interventionen (NPIs) beeinflussen, werden in unserer Studie folgende sozialpsychologische Faktoren getestet:

  • Wahrgenommene Empfänglichkeit (HBM), z.B.: “Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie beim Reisen aktuell dem Coronavirus ausgesetzt sind?”
  • Wahrgenommener Schweregrad (HBM), z. B.: “Hätte eine Ansteckung mit dem Coronavirus ernsthafte Auswirkungen auf Ihr Familienleben?”
  • Wahrgenommener Nutzen (HBM), z.B.: “Inwieweit glauben Sie, dass die Corona-Schutzmassnahmen vor einer Ansteckung beim Reisen schützen?”
  • Wahrgenommene Barrieren (HBM), z. B.: “Inwiefern glauben Sie, dass die Corona-Schutzmassnahmen ein angenehmes Reisen verhindern?”
  • Einstellung zum Verhalten (TPB), z.B.: “Für mich ist die Umsetzung nicht-pharmazeutischer Interventionen auf Reisen schlecht/gut.”
  • Subjektive Norm (TPB), z.B: “Die meisten Personen, die mir wichtig sind, unterstützen die Umsetzung der Corona-Schutzmassnahmen beim Reisen.”
  • Wahrgenommene Verhaltenskontrolle (TPB), z.B.: “Ich habe die Fähigkeit, die Corona-Schutzmassnahmen beim Reisen korrekt umzusetzen.”

Unser Pool an NPIs für die 2. Welle besteht aus den folgenden Interventionen:

  • Reisewarnungen für bestimmte Reisedestinationen und Länder.
  • Der Nachweis eines negativen Coronatests vor Reiseantritt.
  • Nachweis einer Impfung bei Reiseantritt.
  • Verzicht auf Gruppenreisen.
  • Gestuftes Boarding am Flughafen.
  • Quarantäne nach Einreise in die Feriendestination.
  • Der Nachweis eines negativen Coronatests beim Einchecken in Hotels.
  • Ressorttourismus in kontrollierten Umgebungen.
  • Kontingentierung / Buchung von Zeitfenstern für touristische Attraktionen (Museen, Bäder, Theater, Konzerte).
  • Isolation: Kontakt zu anderen Touristen und zur lokalen Bevölkerung reduzieren.
  • Quarantäne nach Einreise aus dem Ausland.
  • Das Tragen von Masken auf öffentlichen Plätzen (z.B. Sehenswürdigkeiten) und öffentlichen Räumen (z.B. Rezeption im Hotel).
  • Das Tragen von Masken in Verkehrsmitteln.
  • Die Aufforderung Abstand zu anderen Menschen zu halten.
  • Die Aufforderung insbesondere den physischen Kontakt mit älteren Menschen und Risikogruppen zu vermeiden.
  • Die Aufforderung regelmässig die Hände zu waschen.
  • Die Aufforderung regelmässig die Hände zu desinfizieren.
  • Installation der Tracing-App.
  • Die Aufforderung öffentliche Plätze und Menschenansammlungen zu meiden.
  • Die Aufforderung Zuhause zu bleiben.

Wir werden bis zu vier dieser NPIs auswählen, um diese in der 2. Welle zu testen.

Unsere Ergebnisse und Learnings

  • Ergebnis 1: Für unser empirisches Feld haben wir die Adressdaten der Schweizer Wohnbevölkerung vom Bundesamt für Statistik erhalten.
  • Ergebnis 2: Wir haben den ersten Pretest abgeschlossen und Anpassungen in unserem Fragebogen vorgenommen. Mitte Januar werden wir einen zweiten Pretest durchführen.
  • Ergebnis 3: Der erste Pretest lieferte gute Ergebnisse für die Skalenreliabilität und -validität. 
  • Ergebnis 4: Alle drei Modelle (HBM + TPB, HBM, TPB) passen gut zu den Pretest-Daten. Die Ergebnisse des ersten Pretests zeigen generell, dass im Vergleich zum kombinierten Modell das HBM und die TPB separat modelliert am besten die Absicht, nicht-pharmazeutische Interventionen beim Reisen umzusetzen, erklären können. 

Learning 1: Ein Learning ist, dass der Verlauf der Pandemie dazu geführt hat, dass die NPIs einen verpflichtenden Charakter haben (müssen). Zum gegenwärtigen Zeitpunkt besteht eine bindende Wirkung der Politik auf die individuelle Akzeptanz von NPIs beim Reisen. Die hohe Akzeptanz von NPIs auf Reisen ist anhand unserer Pretestdaten (n=300) zu beobachten. Dies wirkt den individuellen Entscheidungsprozessen entgegen, da der politische Kontext die Wahlfreiheit überlagert.

Learning 2: Deshalb haben wir uns dazu entschieden, die Absicht, NPIs auf Reisen umzusetzen, aus drei Perspektiven abzufragen:

  • Freiwillig (“kann, endogene Bedingung”): Stellen Sie sich zuerst bitte vor, die Corona-Schutzmassnahmen (z.B. Maskentragen, Quarantäne bei der Einreise, Abstandhalten, etc.) sind völlig freiwillig.
  • Empfehlung durch staatliche Institutionen (“sollte, exogene Bedingung”): Stellen Sie sich nun bitte vor, die Corona-Schutzmassnahmen (z.B. Maskentragen, Quarantäne bei der Einreise, Abstandhalten, etc.) werden lediglich seitens des Bundes und der Kantone empfohlen.
  • Obligatorisch (“muss, exogene Bedingung”): Stellen Sie sich nun bitte vor, die Corona-Schutzmassnahmen (z.B. Maskentragen, Quarantäne bei der Einreise, Abstandhalten, etc.) sind verpflichtend und Verstösse gegen die Umsetzung werden mittels stichprobenartiger Kontrolle geahndet.

Diese Dreiteilung der abhängigen Variable «Intention zur Umsetzung von NPIs beim Reisen» werden wir – unter anderem – in unserem zweiten Pretest testen.

Learning 3: Aufgrund der Modellierung sind wir zuversichtlich, dass wir die Effekte der sozialpsychologischen Faktoren auf die Akzeptanz von nicht-pharmazeutischen Interventionen (NPIs) im Tourismusbereich für die Schweizer Bevölkerung empirisch bestimmen können.


Haben Sie Fragen zum Forschungsprojekt? Kontaktieren Sie unsere Autorin oder schreiben Sie uns gerne einen Kommentar.

Informationen zur Autorin

Lisa Dang
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tourismus und Mobilität (ITM) der Hochschule Luzern – Wirtschaft

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