Arbeits- & Organisationspsychologie,
In der Gruppenarbeit redet sie viel, er sagt kaum etwas. Wer ist hier der bessere Student? Die Psychologie hat darauf eine überraschende Antwort. Ob du introvertiert oder extrovertiert bist, sagt fast nichts darüber aus, wie erfolgreich du studierst.
Lesezeit 7′ min // Ein Beitrag von Jill Mulder
Dienstagmorgen, Gruppenarbeit. Lea hat schon drei Ideen in den Raum geworfen, bevor alle überhaupt ihren Laptop aufgeklappt haben. Jonas hört zu, macht Notizen und sagt erst etwas, als die Diskussion ins Stocken gerät. Am Ende des Semesters fragen sich aber beide heimlich dasselbe: Ist die Art, wie ich bin, eigentlich ein Vorteil oder ein Nachteil im Studium?
Vielleicht kennst du das von dir selbst. Vielleicht hast du schon einmal gehört, du solltest «mehr aus dir herauskommen». Oder du hast dich gefragt, warum andere in grossen Runden förmlich aufblühen, während du lieber im kleinen Kreis diskutierst. Zeit, genauer hinzuschauen und herauszufinden, was die Psychologie zu Introversion und Extraversion sagt.
In der Persönlichkeitspsychologie werden Unterschiede zwischen Menschen heute meist mit den sogenannten Big Five beschrieben. Das sind fünf breite Persönlichkeitsdimensionen: Extraversion, Neurotizismus, Offenheit für neue Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit (Asendorpf, 2024). Extraversion beschreibt dabei, wie gesellig, gesprächig und aktiv jemand ist. Ihr Gegenstück ist die Introversion. Wichtig ist: Extraversion ist kein Entweder-oder, sondern ein Spektrum. Niemand ist zu hundert Prozent introvertiert oder extravertiert, und viele Menschen liegen irgendwo dazwischen. Wie gesellig jemand ist, beschreibt ausserdem zunächst nur eine Vorliebe und keine Fähigkeit. Ob das für das Studium einen Unterschied macht, zeigt der nächste Abschnitt.
Man könnte meinen, wer sich in Diskussionen schnell zu Wort meldet und leicht Kontakte knüpft, hat es im Studium einfacher. Die Forschung zeigt aber ein anderes Bild. Poropat (2009) hat in einer gross angelegten Metaanalyse Daten aus Dutzenden Studien mit mehreren zehntausend Studierenden zusammengefasst. Sein Ergebnis: An Hochschulen hängt Extraversion praktisch nicht mit der Studienleistung zusammen. Deutlich wichtiger ist eine andere der Big Five: die Gewissenhaftigkeit. Wer organisiert, sorgfältig und ausdauernd arbeitet, erzielt im Schnitt bessere Leistungen, und zwar auch dann, wenn man die Intelligenz berücksichtigt (Poropat, 2009). Ob du in der Vorlesung lieber still mitschreibst oder dich jede Woche meldest, entscheidet also nicht über deinen Studienerfolg. Wie du dranbleibst, allerdings schon eher.
Was heisst das konkret? Gewissenhaft zu arbeiten, bedeutet zum Beispiel, Abgaben früh einzuplanen, Lernstoff regelmässig, statt erst kurz vor der Prüfung zu wiederholen und Absprachen in Gruppen einzuhalten. Das Schöne daran: Solche Gewohnheiten kannst du dir aneignen, ganz egal, ob du lieber allein oder in der Gruppe lernst. Die stille Studentin in der letzten Reihe und der Kommilitone, der jede Diskussion anführt, starten also mit denselben Chancen.
Auch in der Arbeitswelt gilt Extraversion oft als Erfolgsrezept, etwa im Verkauf. Grant (2013) hat das bei 340 Mitarbeitenden eines Callcenters überprüft und ihren Umsatz über drei Monate verfolgt. Am meisten verkauften weder die stark Extravertierten noch die stark Introvertierten, sondern die Personen dazwischen, sogenannte Ambivertierte. Grant erklärt das so: Wer in der Mitte liegt, findet leichter das Gleichgewicht zwischen Reden und Zuhören. Der Effekt war in dieser Studie zwar klein und stammt aus einem einzigen Unternehmen. Er zeigt aber schön, dass «mehr Extraversion» nicht automatisch «besser» bedeutet.
Für dich heisst das: Ob im Praktikum, im Kontaktgespräch oder beim Berufseinstieg, du musst nicht die lauteste Person im Raum werden. Zuhören, nachfragen und auf andere eingehen gehören genauso dazu wie reden. Und wer von Natur aus gern spricht, gewinnt, wenn er oder sie auch einmal still bleibt und zuhört.
Vielleicht fragst du dich jetzt, wo du selbst stehst. Die folgenden Fragen sind kein wissenschaftlicher Test, sondern eine kleine Anregung zur Selbstreflexion:
Wahrscheinlich fällt deine Antwort nicht bei jeder Frage gleich aus. Genau das zeigt, dass Extraversion ein Spektrum ist: Die meisten von uns haben Anteile von beiden Seiten, und je nach Situation zeigt sich mal die eine, mal die andere stärker. Wer im Freundeskreis gesellig ist, kann in einer neuen Lerngruppe trotzdem zurückhaltend sein.
Du musst dich also nicht verbiegen. Da Extraversion ein Spektrum ist und sich kaum jemand in jeder Situation gleich verhält, sind die folgenden Tipps nicht nach Typen sortiert, sondern nach Situationen. Nimm dir einfach das, was gerade zu dir passt.
Da die Gewissenhaftigkeit für den Studienerfolg die grössere Rolle spielt, lohnen sich diese Gewohnheiten für alle, egal wo du auf dem Spektrum stehst:
Ob du eher still oder eher gesprächig bist, sagt wenig darüber aus, wie gut du studierst. Für den Studienerfolg zählt viel mehr, wie organisiert und ausdauernd du arbeitest. Und Persönlichkeit ist nicht in Stein gemeisselt: Sie ist zwar relativ stabil, verändert sich aber im Laufe des Lebens (Asendorpf, 2024). Zurück zu Lea und Jonas: Die beste Gruppenarbeit entsteht vermutlich, wenn beide ihre Art einbringen. Sie bringt den Stein ins Rollen, er sorgt dafür, dass er in die richtige Richtung rollt.
Und du? Bist du eher Lea, eher Jonas oder irgendwo dazwischen? Mehr über Persönlichkeitspsychologie und das Business-Psychology-Studium an der Hochschule Luzern erfährst du unter hslu.ch/psychologie (https://www.hslu.ch/psychologie).
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Jill Mulder
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