Arbeits- & Organsationspsychologie

Topsharing – geteilte Führung für mehr Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern

Topsharing – geteilte Führung für mehr Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern
Gute Kommunikation ist das A und O beim Topsharing - Foto von Alexander Suhorucov von Pexels

Lesezeit 5′ min // Ein Beitrag von Marius Müller

Unter dem Begriff Topsharing oder geteilter Führung wird das Teilen einer Führungsfunktion verstanden. In diesem modernen Führungsansatz teilen sich zwei oder mehrere Führungskräfte ihre Verantwortlichkeiten und Aufgaben und treffen Entscheidungen unter gemeinsamer Absprache. Die beiden Führungspersonen, die sich eine Führungsfunktion teilen, werden auch als Tandem bezeichnet. Das Konzept des Topsharings erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Laut einer aktuellen Studie interessieren sich zwei Drittel der Befragten für eine Führungsfunktion im Teilzeit-Modell. Bislang wird das Konzept jedoch erst in wenigen Unternehmen umgesetzt. Weshalb dies der Fall ist und wo die Vor- und Nachteile von Topsharing für Arbeitnehmer und Arbeitgeber liegen, erfahren Sie, liebe Leserinnen und Leser, in diesem Beitrag.

Warum lohnt es sich Topsharing einzuführen?

Besonders attraktiv ist das Modell des Topsharing für berufstätige Mütter und Väter. Durch die Reduktion des Arbeitspensums können auch in einer Führungsfunktion die Berufstätigkeit und das Familienleben besser miteinander verbunden werden. Dadurch wird die Chancengleichheit für Frauen und Männer bezüglich ihrer beruflichen Karriere gefördert, inklusive einer gesunden Work-Life-Balance.

Ausserdem wird die Diversität im Unternehmen durch unterschiedliche Führungspersönlichkeiten gesteigert. Durch verschiedene kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Persönlichkeiten, Geschlechter oder Generationen der Tandems entstehen verschiedene Perspektiven auf die Führungsrolle. Die beiden Führungskräfte können fachlich wie auch persönlich während der Arbeit voneinander lernen, wodurch sich die Qualität der Arbeit kontinuierlich verbessert. In der Entscheidungsfindung für wichtige Themen stehen ihnen die doppelte Berufserfahrung und Expertise zur Verfügung, um die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig ist die Planung der Stellvertretung einfach gesichert.

Ein weiterer essentieller Vorteil des Topsharings ist die bessere Work-Life Balance der beiden Führungskräfte. Die reduzierte Arbeitszeit wirkt sich positiv auf die Produktivität, die Leistungsfähigkeit, wie auch auf die Kreativität der Mitarbeitenden aus. Somit profitieren auch Unternehmen von zufriedeneren und leistungsfähigeren Vorgesetzten. Durch die Einführung eines familienfreundlichen Konzepts wie Job- oder Topsharing wird die Attraktivität des Arbeitgebers für potentielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesteigert.

Wo liegen Herausforderungen und Risiken?

Die grösste Herausforderung im Konzept des Topsharings liegt in dem hohen Koordinationsaufwand der beiden Vorgesetzten, welcher elementar für ein funktionierendes Topsharing ist. Idealerweise gibt es bei jeder Übergabe einen kurzen Austausch, damit das Tandem auf dem aktuellen Stand ist. Um die nötigen Entscheidungen im “Daily Business” treffen zu können, ist es wichtig, dass beide dieselbe Wissensgrundlage haben. Bei einem ungenügenden Austausch zwischen den Führungspersonen besteht die Gefahr, dass Entscheide verlangsamt oder sogar zweimal gefällt werden. 

Durch den hohen Koordinationsaufwand und die Übergaben fällt neben den täglichen Aufgaben Zeit für den Austausch zwischen den Vorgesetzten weg. Deshalb ist es möglicherweise nicht realistisch, dass beide ein Arbeitspensum von 50% haben. Die Arbeitspensen der beiden Vorgesetzten müssen realistisch geplant und eventuell erhöht werden, wodurch für das Unternehmen wiederum höhere Lohnkosten anfallen. Eine geteilte Arbeitswoche in einem Topsharing könnte beispielsweise wie folgt aussehen:

Eine Möglichkeit des Topsharings. Eine geteilte Woche mit einem überlappenden Arbeitstag.

Für das Unternehmen selbst entstehen vor allem auch im Rekrutierungsprozess höhere Kosten. Die Anforderungen sind sehr hoch, deshalb ist es womöglich schwierig geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, welche die Job-Description erfüllen und gut miteinander harmonieren

Was braucht es, damit Topsharing tatsächlich funktioniert?

Entscheidend dafür, ob eine Topsharing-Stelle überhaupt entstehen kann, ist die Teilbarkeit der Position. Ein Topsharing ist nur dann möglich, wenn die Aufgaben zeitlich und optimalerweise auch inhaltlich aufgeteilt werden können. Bei dieser Voraussetzung gehen die Meinungen der Expertinnen und Experten weit auseinander. In der Praxis ist die Ansicht weit verbreitet, dass Führungsaufgaben weder teilbar noch teilzeitfähig sind. Deshalb werden in den meisten Grossunternehmen Führungspositionen erst ab einem Arbeitspensum von 80% ausgeschrieben. 

Des weiteren ist die Akzeptanz von allen internen KundInnen gegenüber dem Führungsmodell wichtig. Die Geschäftsleitung, Vorgesetzte und Mitarbeitende sollen vom Konzept überzeugt sein. Diese Überzeugungsarbeit kann beispielsweise von einem Projektteam geleistet werden. Einen grossen Stellenwert für ein funktionierendes Topsharing hat die Unternehmenskultur. Für die Unternehmen gilt es, Mut zur Veränderung und Risikobereitschaft zu zeigen. Es gilt bestehende Prozesse und Strukturen zu hinterfragen, zu analysieren und allenfalls zu optimieren.

 

Sind die betrieblichen Voraussetzungen gegeben, dann sind die beiden Führungspersönlichkeiten der nächste elementare Teil, für ein funktionierendes Topsharing. Die Bereitschaft für einen intensiven Austausch mit dem Tandem und ein ähnlicher Führungsstil sind essentiell für den Erfolg. Ausserdem ist es wichtig, dass sich die beiden Führungspersonen nach aussen hin geschlossen präsentieren. Ansonsten kann dies zu Irritationen bei den Mitarbeitenden führen. Generell ist es wichtig, dass unterstellte Mitarbeiter eine positive Einstellung zum Führungskonzept haben und eine hohe Selbstständigkeit aufweisen. 

Fazit

Das Konzept des Topsharings klingt in der Theorie vielversprechend und bringt viele positive Aspekte für das Unternehmen, wie auch für die beiden Tandems, mit sich. In der Praxis entstehen vor allem im Rekrutierungsprozess hohe Mehrkosten. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis kann im Verlaufe des Topsharings durch eine geringere Anzahl an Absenzen, eine höhere Produktivität und eine tiefere Fluktuation verbessert werden. Solange jedoch die betrieblichen Voraussetzungen nicht für das Topsharing nicht erfüllt sind, kann das Arbeitsmodell nicht funktionieren. Für eine erfolgreiche Umsetzung müssen traditionelle Unternehmenswerte und -philosophien abgelegt werden, um Raum für eine innovative Unternehmenskultur zu schaffen. 

Es wird spannend sein zu sehen, wie sich das Modell weiterentwickelt und ob es vermehrt Anwendung in der Praxis findet. Was denken Sie?

Interessen Sie die Themen der Arbeits- und Organisationspsychologie? Dann schauen Sie doch beispielsweise in unseren Beitrag über “Choking under Pressure” oder über bewusstes Sprachmanagement in Organisationen.

Die Dozentin Dr. Julia Kuark ist Expertin auf dem Gebiet Topsharing und unterrichtet an der HSLU Wirtschaft.


Referenzen


Informationen zum Autor

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Moduls “Kommunikationskompetenz: Mit Bildern und Texten informieren” an der Hochschule Luzern – Wirtschaft.

Marius Müller studiert berufsbegleitend im dritten Semester Business Psychology. Nebenher arbeitet er im HR Bereich der Schindler Aufzüge AG, weshalb ihn besonders Themen wie Arbeitsmotivation und -zufriedenheit der Arbeits- und Organisationspsychologie interessieren. Er schätzt insbesondere die Praxisnähe des Studienganges der HSLU, welche es ihm ermöglicht die erlernten psychologischen Phänomene direkt in der Arbeitswelt zu beobachten und anzuwenden.

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