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Ist der Ausbruch von COVID-19 ein Schwarzer Schwan oder die neue Normalität?

Ist der Ausbruch von COVID-19 ein Schwarzer Schwan oder die neue Normalität?


von Dr. Philipp Henrizi, Dozent und Studienleiter am Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Während wir das Ausmass dieser Pandemie erst noch vollständig begreifen müssen, weisen die neuen Herausforderungen auf dauerhaftere Veränderungen hin – nämlich der Frage, wie wir unsere Lebensweise und die Art Business zu machen langfristig verändern müssen.

Nassim Taleb bezeichnet mit der Metapher «Schwarzer Schwan» (in Anlehnung an Karl Popper) ein Ereignis, das selten und höchst unwahrscheinlich ist, allerdings häufig extreme Konsequenzen nach sich zieht. Und im Nachhinein findet der Mensch einfache und verständliche Erklärungen dafür, wodurch die zunächst angenommene extreme Unwahrscheinlichkeit wieder plausibel wird.

Aber ist die aktuelle Corona-Krise als höchst unwahrscheinlich einzustufen? Es ist ja auch nicht das erste Virus, das weltweit viral geht. Wir erinnern uns an SARS, MERS, Vogel- oder Schweinegrippe. Ebenso hatte sich der Bund mit der Sicherheitsverbundsübung 2014 (SVU 14) bereits einem Pandemie-Szenario gestellt. An der Übung hatten 26 Kantone, Bundesstellen aller sieben Departemente, Armee, Krisenorganisationen und Privatwirtschaft teilgenommen. Der Schwerpunkt der Übung lag auf der politisch-strategischen Ebene, vom Krisenmanagement bis zur politischen Entscheidungsfindung. Der damalige Berner Regierungsrat Hans-Jürg Käser bezeichnete das geübte Szenario als «echte nationale Krise seit Menschengedenken», von der die Schweiz in einem solchen Ausmass noch nie getroffen wurde.

Nun ist dieses Szenario Realität und trifft uns mit voller Wucht, auch wenn nicht völlig unvorbereitet. Dennoch bewegt es sich mit einer noch nie dagewesenen Dynamik und exponentiellen Geschwindigkeit durch die Gesellschaft, begünstigt durch die Globalisierung und den Klimawandel. Sind die wirtschaftlichen Folgen derzeit noch schwer zu fassen und abzuschätzen, werden diese jedoch immens sein. Dadurch unterscheidet sich COVID-19 von anderen bisherigen Pandemien oder auch konstruierten Szenarien und liesse sich somit durchaus als «Schwarzer Schwan» einstufen, sogar als einen, der sich schneller bewegt als andere zuvor.

Es ist auch noch viel zu verfrüht, um über «gelernte Lektionen» zu sprechen, während wir alle noch damit beschäftigt sind, den Alltag zu organisieren. Aber so manch ein Aspekt zeichnet sich bereits jetzt ab.

Die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber «Schwarzen Schwänen» erfordert von den Unternehmen eine andere Vorgehensweise.

Unser gegenwärtiges Wirtschaftsmodell basiert auf dem Streben nach Effizienz: Finden Sie den schnellsten und billigsten Weg, etwas zu tun oder zu machen, und Sie haben wahrscheinlich einen Zeit- oder Kostenvorteil. Aber globale Lieferketten, die auf Zentralisierung und Kostensenkung optimiert sind, haben ernsthafte potenzielle Schwächen.

Eine Analyse der globalen Lieferketten Anfang dieses Monats errechnete, dass die 1’000 grössten Unternehmen der Welt und ihre Zulieferer über 12’000 Einrichtungen in Quarantänegebieten in China, Korea und Italien verfügen. Wir haben so etwas schon einmal gesehen. Der Tsunami in Japan und die Katastrophe von Fukushima im 2011 hatten bereits eine sehr grosse Auswirkung auf die globalen Wertschöpfungsnetzwerke, was zu massiven Einbrüchen vor allem in der produzierenden Industrie führte.

Nichts kann den Nachfragerückgang verhindern, der sich aus der sozialen Distanzierung und den starken Einschnitten bei Reisen und allen Dienstleistungen ergeben wird. Aber ganz allgemein gibt es einige Dinge, die Unternehmen tun können, um die Risiken für den Betrieb zu verringern. Sie können in ihre Wertschöpfungsketten eine gewisse Duplizierung und Vielfalt – Schlüsselprinzipien der Widerstandsfähigkeit in der Natur (wir haben nicht umsonst zwei Nieren) – in der Produktion und bei den Lieferanten einbauen. Kurzfristig mögen mehrere Lieferketten- und Produktionswege weniger effizient erscheinen, aber in einem Notfall sind sie sehr nützlich. Unternehmen sollten in ihren Plänen und Investitionsberechnungen auf Belastbarkeit und Risikominderung Wert legen, und nicht nur auf das, was ihnen heute die geringsten Kosten verursacht.

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