22. April 2026
Praxisnahe Forschung lebt vom Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Auf der jährlich stattfindenden CARF bieten wir Forschenden aus den Fachbereichen Controlling, Accounting, Risikomanagement, Finanzen und Lehre eine Plattform, auf der dieser interdisziplinäre Austausch gefördert wird. Wir haben uns im Vorfeld mit dem diesjährigen Gastreferenten Markus Blanka-Graff zum Gespräch getroffen.
Mit seiner langjährigen internationalen Erfahrung in der Finanzführung bietet Markus Blanka-Graff wertvolle Einblicke in aktuelle Herausforderungen und die Zukunft globaler Organisationen.
Zwei Leitgedanken prägen meine Arbeit bis heute sehr stark. Der eine ist die Idee der kontinuierlichen Erneuerung – im Sinne von Schumpeters schöpferischer Zerstörung. Organisationen dürfen nicht statisch sein, sondern müssen bereit sein, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, zu verändern und neu aufzustellen.
Der zweite Leitgedanke ist ein klar soziologischer: Wirtschaft funktioniert nur, wenn wir das Verhalten von Menschen verstehen. Als Dienstleistungsunternehmen sind wir vollständig abhängig vom Verhalten unserer Mitarbeitenden und unserer Kunden. Wenn ich nicht verstehe, wie diese denken, entscheiden und reagieren, kann ich weder sinnvoll steuern noch nachhaltig führen. Controlling und Finanzsteuerung sind deshalb für mich heute vor allem Verhaltenssteuerung – nicht reine Zahlenarbeit.
Sehr prägend war meine internationale Laufbahn. Bereits früh hatte ich die Möglichkeit, in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu arbeiten – etwa in Norwegen, Hongkong, den USA oder später in Grossbritannien. Besonders die Zeit in Asien hat meinen Blick geschärft: Dort habe ich erlebt, wie unterschiedlich Organisationen funktionieren können und wie sehr Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft miteinander verflochten sind.
Ein weiterer Meilenstein waren Integrationsprojekte nach Akquisitionen. Dabei wurde mir klar, dass man Veränderung nicht über Macht oder formale Strukturen erzwingen kann. Erfolgreiche Integration gelingt nur, wenn Menschen den Wandel verstehen und mittragen. Diese Erfahrungen haben mein Verständnis von Führung, Verantwortung und Steuerung nachhaltig geprägt – und wirken bis heute in meiner Rolle als Group CFO nach.
Viele Unternehmen stehen derzeit vor einer Kombination aus strukturellen, technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Vor der Pandemie waren wirtschaftliche Abläufe, Arbeitsmodelle und Marktbedingungen vergleichsweise stabil. Heute ist dieses Umfeld fundamental anders.
Technologische Entwicklungen wie Automatisierung und Künstliche Intelligenz verändern Prozesse, Rollenbilder und Erwartungen. Gleichzeitig stellen geopolitische Spannungen, eingeschränkter freier Welthandel und neue Nachhaltigkeitsanforderungen Unternehmen vor Zielkonflikte – zum Beispiel zwischen Profitabilität und Flexibilität oder auch zwischen wirtschaftlichem Profit und ESG-Ansprüchen.
Unser Ansatz ist es, frühzeitig Strukturen zu schaffen, die Anpassung ermöglichen: durch globalisierte Prozesse, Zentralisierung repetitiver Tätigkeiten, Investitionen in Automatisierung – und vor allem durch offene Kommunikation mit den Mitarbeitenden. Veränderung erzeugt Unsicherheit, und damit muss man ehrlich umgehen. Führung bedeutet hier, Orientierung zu geben und Vertrauen aufzubauen.
Unternehmen können sich nicht darauf verlassen, dass technologische oder gesellschaftliche Veränderungen an ihnen vorbeigehen. Spätestens wenn neue Entwicklungen zur allgemeinen Realität werden, wirken sie von aussen auf jede Organisation ein.
Meine zentrale Botschaft ist, dass Zukunft nicht einfach passiert – sie wird gestaltet.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob man sich vorbereitet, sondern wie. Finanzfunktionen, Controlling und Führung müssen sich vom reinen Rückblick lösen und stärker zukunftsorientiert handeln. Es geht weniger darum, jede Zahl perfekt zu kennen, sondern darum, Menschen zu befähigen, morgen andere – bessere – Entscheidungen zu treffen als heute.
Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben. Wir freuen uns auf Ihre Keynote an der CARF 2026!
Markus Blanka-Graff, geboren in Wien, ist seit 2014 Group Chief Financial Officer (CFO) von Kühne+Nagel. Nach einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium führte ihn ein Praktikum beim Konzern zu einer internationalen Karriere mit Stationen in Norwegen, Hongkong, Großbritannien, in die USA und in die Schweiz.
Seit 2009 prägt er die globale Finanzfunktion des Unternehmens entscheidend mit – zunächst als Head of Controlling, später als Verantwortlicher für Accounting, Reporting, Investor Relations und die Finanz‑IT‑Systemlandschaft.
Seine Arbeitsschwerpunkte liegen auf der Gestaltung zentralisierter Finanzprozesse, globalem Prozessdesign, Integrationsmanagement und organisationalem Wandel.
Dich hat das Interview inspiriert, in einem dieser Themenfelder weiter zu forschen und du bist nun auf der Suche nach Co-Autor:innen? Oder du hast bereits Forschungsergebnisse, die du gerne mit anderen Forschenden diskutieren möchtest? Für die Teilnahme an der Konferenz können noch bis zum 26. Juni 2026 Beiträge eingereicht werden. Je nach Stand der Arbeit kann sowohl ein publikationsfähiges Research Paper als auch ein Extended Abstract eingereicht werden. Genauere Informationen zu den Vorgaben finden sich im Call for Papers. Bei weiteren Fragen schreibe uns gerne eine E-Mail.
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