Krisen bringen uns vom Pfad zur Nachhaltigkeit ab – oder doch nicht? Erkenntnisse aus einer IKM-Langzeitstudie

Krisen bringen uns vom Pfad zur Nachhaltigkeit ab – oder doch nicht? Erkenntnisse aus einer IKM-Langzeitstudie

Steht Ihr Velo seit Ende der Corona-Pandemie nur noch im Keller? Ihre extra gekauften Backzutaten haben inzwischen eine Staubschicht? Und den eigentlich tollen Bauernhofladen kennen Sie nur noch vom Vorbeifahren? Ein IKM-Forschungsteam untersuchte nachhaltige Verhaltensweisen während Corona und ging der Frage nach, was es braucht, damit nachhaltige Verhaltensweisen langfristig erhalten bleiben. Nun liegt der Schlussbericht der Studie vor.

Ein Rückblick auf drei seltsame Jahre

Ist es nicht erstaunlich, wie sich das Leben seit Ende 2019 verändert hat? Aus einer hektischen und lauten Welt sind wir in einen stillen, beunruhigenden Schatten eingetaucht. Den Schatten der Corona-Pandemie. Unsere Gewohnheiten und Überzeugungen wurden auf den Kopf gestellt. Wir konnten in den Medien und im eigenen Umfeld beobachten, wie Menschen sich an eine Krise angepasst haben, angetrieben von einer Mischung aus Sorge und Optimismus. Manche haben für Risikopatient:innen eingekauft, andere haben Wirbel für gerechtere Arbeitsbedingungen in der Pflege gemacht, während viele ihren Arbeitsweg mit dem Auto gegen Homeoffice eingetauscht haben. Gleichzeitig schauten wir auf Berge von Toilettenpapier und Einwegverpackungen in privaten Haushalten. Die Krise hat eindeutig unsere soziale, finanzielle, und ökologische Nachhaltigkeit beeinflusst. Und selbst nach Corona blieben Krisen uns nicht fern: Kaum flachte die Corona-Pandemie ab, wurden die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auch hier in der Schweiz spürbar.

Krisen: Ein Hindernis auf dem Pfad zur Nachhaltigkeit?

Selbst in «normalen Zeiten» ist nachhaltiges Verhalten oft leichter gesagt als getan. Etwa finden viele Menschen Nachhaltigkeit wichtig. Wenn wir dann aber vor dem Supermarktregal stehen und das lokale Bio-Gemüse teurer ist, oder wir die Einkaufstasche mal wieder zu Hause vergessen haben, fällt uns das Umsetzen unserer positiven Einstellungen in Bezug auf Nachhaltigkeit oftmals gar nicht so leicht. Da es vielen Menschen in ihrem Alltag so geht und dieses «Phänomen» zu den grossen Herausforderungen auf dem Pfad zu mehr Nachhaltigkeit zählt, gibt es hierzu viel Forschung und auch einen passenden Namen: «Attitude-Behavior-Gaps», bzw. «Einstellungs-Verhaltenslücken».

Wenn uns nachhaltiges Verhalten also schon unter gewöhnlichen Umständen oft schwerfällt, dann sieht es in Krisenzeiten, in denen kurzfristige Bedürfnisse im Vordergrund stehen, bestimmt noch schlechter aus für die Nachhaltigkeit. Oder bieten Krisen trotz ihrer zahlreichen negativen Konsequenzen auch Chancen für mehr Nachhaltigkeit?

«Never waste a good crisis»

“Gut” sind Krisen natürlich nicht. Trotzdem passt das berühmte Zitat von Winston Churchill zu den Erkenntnissen, die das IKM-Forschungsteam, bestehend aus Dominik Georgi, Marcel Zbinden, Larissa Dahinden und Laura Oswald aus sechs schweizweit repräsentativen Messungen mit jeweils rund 1’000 Personen während Corona gewann. Nämlich beobachteten die Forschenden, dass neben all dem Mühseligen, das uns in der Pandemie begleitete, wie Abstandsregeln und Maskenpflicht, die Krise in einigen Bereichen zu mehr Nachhaltigkeit führte. Beispielsweise achteten viele Menschen häufiger auf die Regionalität von Produkten. Vermehrtes von zu Hause aus arbeiten führte zu einer Abnahme des Berufsverkehrs. Zudem kochten und backten viele Menschen häufiger. Dies lässt sich etwa auf die viele Zeit, die man zu Hause verbrachte und Restaurantschliessungen zurückführen. Ausserdem ist ein gesteigertes Bedürfnis nach Selbstversorgung typisch in Krisenzeiten.

Krisen führen zu drastischen Veränderungen des menschlichen Verhaltens

Im Anschluss an die Erhebungen kombinierten die Forschenden die während der Corona-Krise gewonnenen Erkenntnisse mit Theorien des Konsumentenverhaltens und Krisenliteratur. Der nun veröffentlichte Schlussbericht beantwortet zahlreiche Fragen, wie etwa:

  • Mit welchen verhaltenspsychologischen Erklärungsansätzen lässt sich das menschliche Verhalten in Krisen nachvollziehen?
  • Welche Arten von Krisen gibt es?
  • Wie verhalten sich Menschen typischerweise während den einzelnen Phasen einer Krise?
  • Was braucht es, damit (erzwungene) angepasste Verhalten auch längerfristig erhalten bleiben?
  • Wie können die Lehren vergangener Krisen, wie etwa der Corona-Pandemie, genutzt werden, um zukünftige Krisen besser zu bewältigen und nachhaltiges Verhalten in Krisen aufrechtzuerhalten und zu fördern?

Zudem enthält der Bericht zahlreiche Best Practice-Beispiele aus der Corona-Krise.

Über die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurde in zahlreichen Medien berichtet, darunter die NZZ, SRF und die Luzerner Zeitung.

Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre sowie neue Impulse,

das Forschungsteam

Marcel Zbinden

Dozent, Hochschule Luzern – Wirtschaft am Institut für Kommunikation und Marketing

Larissa Dahinden

Senior Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule Luzern – Wirtschaft am Institut für Kommunikation und Marketing

Laura Oswald

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hochschule Luzern – Wirtschaft am Institut für Kommunikation und Marketing

Prof. Dr. Dominik Georgi

Leiter Competence Center Marketing Management
Dozent, Hochschule Luzern – Wirtschaft am Institut für Kommunikation und Marketing

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