20. April 2026

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War’s das mit der menschlichen Intelligenz, Stephan Klapproth?

Künstliche Intelligenz formuliert, antwortet und argumentiert in atemberaubendem Tempo. Doch was bleibt dem Menschen, wenn Maschinen immer mehr von dem übernehmen, was lange als Ausdruck von Intelligenz galt? Stephan Klapproth spricht im Interview über die neue Denk-Workshop-Reihe «AIristoteles 4.0», den philosophischen Sprengstoff des Turing-Tests und die Frage, warum menschliche Urteilskraft, Kreativität und Weisheit gerade jetzt neu verhandelt werden müssen. Der Auftakt findet am 29. April 2026 statt.

War’s das mit der menschlichen Intelligenz, Stephan Klapproth?
Interview mit Stephan Klapproth

Mit «AIristoteles 4.0» lanciert die HSLU Hochschule Luzern eine Reihe, die sich nicht mit den üblichen KI-Effizienzfragen begnügt. Im Zentrum steht vielmehr die grössere, unbequemere Frage: War’s das mit der menschlichen Intelligenz? Moderator Stephan Klapproth erklärt im Gespräch, weshalb ihn genau diese Grenzlinie zwischen maschineller Schlagfertigkeit und menschlichem Denken fasziniert, worauf er sich beim ersten Abend mit Miriam Meckel und Léa Steinacker besonders freut – und warum diese Denk-Workshops nicht nur Stoff zum Nachdenken liefern, sondern auch einen konkreten Anlass, sich den

Mittwoch, 29. April 2026, von 18.15 bis 19.45 Uhr bereits jetzt zu reservieren. Im Anschluss lädt ein Apéro zum Weiterdenken ein.

Sie moderieren die AIristoteles Veranstaltungsreihe, die den berühmten Turing-Test philosophisch hinterfragt. Was hat Sie an dieser Idee besonders gereizt?

Stephan Klapproth: Zwei Wochen nach Lancierung von ChatGPT fragte mich im Dezember 22 ein Student an der Uni Genf, ob er seine Masterarbeit mit Hilfe von KI schreiben dürfe. Ich antwortete verblüfft: Hättest du mich vor zwei Wochen gefragt, ob dein Onkel in Amerika – als grosser Spezialist auf dem betreffenden Gebiet – deine Arbeit schreiben dürfe, hätte ich dich nach deinem morgendlichen Alkoholkonsum gefragt. Jetzt ist dein Onkel ein Computer in Amerika, aber die Idee scheint mir immer noch beschwipst, dass man seine Uni-Arbeit von einer dritten Instanz schreiben lässt.

Will sagen: KI putzt gerade Selbstverständlichkeiten hinweg, die wir bis vor kurzem zum Kern des Menschseins gezählt haben. Darum halte ich die philosophische Debatte für faszinierend und dringend, was genau wir zum Kern des Menschseins zählen, jetzt, wo Maschinen uns Menschen dauernd dazwischenplappern.

Sie haben in Ihrer Karriere unzählige Gespräche geführt. Wo merken Sie heute konkret, dass künstliche Intelligenz die Art verändert, wie Menschen kommunizieren, denken oder argumentieren?

Mir scheint, bei vielen Menschen verkümmert das Archimedes-Gen. Sie erstreben nicht mehr, alle Zusammenhänge selbst zu verstehen in der Hoffnung auf das Aha-Erlebnis, das dich vor Begeisterung aus der Badewanne nackt auf die Strasse treibt. Der Wissenshunger nimmt ab , jetzt wo KI jedem Halbschlauen das spezifische Gewicht einer Goldkrone plus die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik sekundenschnell als Spickzettel in die Hand drückt. Dabei ist der Mensch doch der Warum-Affe – das Tier, das wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält und warum.

Prof. Dr. Miriam Meckel & Dr. Léa Steinacker
Prof. Dr. Miriam Meckel & Dr. Léa SteinackerProf. Dr. Miriam Meckel & Dr. Léa Steinacker

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie mit den Gästen dieser Reihe ins Gespräch gehen?

Ich freue mich diebisch darauf, unser zunächst technologisch geschmiertes Thema mit herausragenden Köpfen von den verschiedensten Feldern her einkreisen zu können. Von Miriam Meckel, der originellsten Kommunikations-Professorin im deutschsprachigen Raum, über den Hirnforscher Lutz Jäncke bis zu zwei zurecht gefeierten Schweizer Star-Federn unterschiedlichster Generation, nämlich Franz Hohler und Nelio Biedermann.

Computer formulieren Texte, beantworten Fragen und diskutieren erstaunlich klug mit. Wann denken Sie, das ist nur eine Maschine – und wann beginnt es sich nach echter Intelligenz anzufühlen?

Das war in meinen Augen just Turings folgenschwerer Irrtum: zu definieren , dass das, was intelligent tönt, auch intelligent sei. Wir müssen einen neuen und viel umfassenderen Intelligenz-Begriff herausmeisseln, der – mit den Worten aus Goethes «Prometheus»-Gedicht – nur auf das Tun von Wesen zutrifft, die fähig sind, «zu leiden, zu weinen, geniessen und zu freuen sich“. Also von Menschen oder Affen oder meinetwegen auch Katzen und Elefanten. Aber Leben sollte in der Intelligenz schon drin sein.

Wenn alles immer schneller wird: Was droht dabei verloren zu gehen – Tiefe, Zweifel, vielleicht sogar Sinn?

Ja genau, der Sinn geht flöten! Denn der Homo sapiens fand diesen Sinn just im Ergründen, Erforschen, im Machen. Der Homo zappens aber am TV- oder TikTok-Bildschirm schaut nur noch zu. Und dabei wird man auf seinem Sofa schnell depressiv.

Beim ersten Anlass sprechen Sie mit Miriam Meckel über unser Leben im permanenten Jetzt. Welche Frage möchtent Sie ihr unbedingt stellen?

Miriam Meckel gehört zu den spannenden Köpfen, die mit gleicher Präzision und Lust die Chancen UND die Risiken der neuen Wahnsinnstechnologien auf den Radar nehmen. Mich wird brennend interessieren, wie sie selbst im Alltag neue Möglichkeiten und alte Weisheiten zu kombinieren weiss.

Welche Fähigkeit des Menschen würden Sie gegen jede technologische Beschleunigung verteidigen?

Siehe Goethe: Zu leiden und zu freuen sich.

Wenn Sie in zehn Jahren auf diese KI-Debatte zurückblicken, worüber werden wir dann vermutlich schmunzeln, und worüber vielleicht erschrecken?

Ich hoffe, wir werden selbstzufrieden darüber lächeln, dass wir uns noch rechtzeitig ein Herz gefasst haben, das Projekt Menschsein prioritär weiter zu treiben.

Braucht das Publikum für diese Abende ein bestimmtes Vorwissen über KI – oder reicht die Lust, sich auf neue Gedanken und Perspektiven einzulassen?

KI ist ja so verwegen in unserem Alltag gegrätscht, dass allen, die nicht gerade seit November 22 verschollen auf einer Robinsoninsel waren, das nötige Vorwissen schon in den eigenen Knochen steckt. Die Lust, sich unerschrocken und von allen Seiten auf das Thema zu stürzen, genügt voll für unsere Abende.

Die Reihe richtet sich an Menschen, die über KI und menschliche Intelligenz nachdenken wollen. Was sollten die Zuhörerinnen und Zuhörer mitbringen – Neugier, Skepsis oder vielleicht sogar Widerspruch?

Neugier halte ich schon mal für die wichtigste Triebfeder promethischen Menschseins. Und Leute, die Skepsis oder sogar Widerspruch mitbringen, was unser philosophisches Paradigma in Bezug auf KI angeht, sind natürlich auch höchst willkommen im Saal. Denn wie der eben abgetretene Jürgen Habermas 1001-mal zeigte: Wahrheit findet sich nur im deliberativen Streit mündiger Individuen.

AIristoteles 4.0 Event

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