8. Mai 2026

KI in Kommunikation und Marketing,

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Wie KI Menschen mit Demenz unterstützen kann?

150'000 Menschen mit Demenz – und noch viel mehr Betroffene: Wie KI im Alltag entlasten und Lebensqualität stärken kann.

Wie KI Menschen mit Demenz unterstützen kann?
Wie KI im Alltag entlastet

Rund 150’000 Menschen leben in der Schweiz mit Demenz. Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln wird (Alzheimer Europe, 2026). Doch diese Zahl greift zu kurz: Demenz betrifft nie nur die erkrankte Person, sondern immer auch ihr soziales Umfeld. Angehörige übernehmen einen Grossteil der Betreuung – häufig über Jahre hinweg und oft parallel zu Beruf und Familie.

Damit wird Demenz zu einer doppelten Herausforderung: einer medizinisch-pflegerischen – und einer gesellschaftlich-emotionalen. Angehörige stehen vor der Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten, den Alltag zu strukturieren und gleichzeitig Würde, Autonomie und Lebensqualität zu erhalten. Genau in diesem Spannungsfeld stellt sich zunehmend die Frage:

Welchen konkreten Beitrag kann Künstliche Intelligenz leisten – nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern zur Verbesserung von Lebensqualität und emotionalem Wohlbefinden?

Dieser Beitrag greift zentrale Erkenntnisse einer 2025 an der Hochschule Luzern entstandenen Masterarbeit von Lukas Lehmann auf und ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein.

Demenz im Versorgungskontext: Zwischen Belastung und Beziehung

Ein grosser Teil der Demenzbetreuung findet in der Schweiz im häuslichen Umfeld statt. Knapp 60% der demenzbetroffenen Menschen leben zu Hause und werden dort wesentlich von Angehörigen betreut (Falk, 2024). Häufig geschieht dies ohne standardisierte Unterstützung oder geeignete Hilfsmittel.

Wer Menschen mit Demenz zu Hause begleitet, bewegt sich in einem anspruchsvollen Spannungsfeld. Es geht um Sicherheit, Tagesstruktur und Orientierung – aber immer auch um Würde, Beziehung und den Erhalt von Lebensqualität. Mit fortschreitender Erkrankung verändert sich der Alltag spürbar. Was früher selbstverständlich war, wird schrittweise zur Herausforderung: Routinen brechen weg, Abstimmungen nehmen zu, Unsicherheiten wachsen.

Für Angehörige bedeutet das nicht nur mehr Organisation, sondern auch eine hohe emotionale Belastung. Niederschwellige Unterstützungsangebote fehlen im häuslichen Umfeld jedoch häufig. Entsprechend zeigen Studien, dass pflegende Angehörige ein signifikant erhöhtes Risiko für Stress, Depressionen und gesundheitliche Beeinträchtigungen aufweisen (Schulz & Sherwood, 2008; WHO, 2021).

Genau an diesem Punkt wird die Frage nach technologischer Unterstützung relevant – nicht, weil Beziehung oder menschliche Begleitung ersetzt werden sollen, sondern weil im Alltag oft Unterstützungslücken entstehen, die Angehörige zusätzlich belasten.

Was kann KI konkret leisten?

Die Diskussion um KI im Gesundheitsbereich kreist häufig um Effizienz, Automatisierung und Kostenreduktion. Die zugrundeliegende Arbeit setzt bewusst einen anderen Schwerpunkt: Nicht die technische Machbarkeit steht im Zentrum, sondern die Frage: Wann wird KI im Alltag als sinnvoll, unterstützend und wertstiftend erlebt?

Dass technologische Unterstützung in der Demenzbetreuung positive Wirkung entfalten kann, zeigt ein bekanntes Beispiel aus Japan: die Roboterrobbe PARO. Sie reagiert auf Berührungen und Geräusche und wird seit Jahren in Pflegekontexten eingesetzt.

Roboterrobbe reagiert auf Berührungen und Geräusche

Positiv sind dabei nicht nur die zahlreichen Reaktionen der Bewohner selbst – eine Studie zeigte, dass sich nach mehrmonatiger Nutzung von PARO signifikante Rückgänge bei Angst und depressiven Symptomen bei demenzbetroffenen Personen einstellten (Petersen et al., 2016).

Ein aktuelles Schweizer Entwicklungsprojekt in diesem Feld ist keeo (www.keeo.ch). keeo verbindet einen KI-gestützten Begleiter in Plüschtierform mit einer App für Angehörige. Im Zentrum stehen personalisierte Gespräche, Erinnerungen und eine bessere Einbindung des Betreuungssystems. Damit greift das Projekt jene Themen auf, die auch in der Masterarbeit untersucht wurden: Sicherheit, Alltagsstruktur und emotionale Unterstützung.

Das Projekt steht noch in der Pilotphase, zielt aber genau auf den hier relevanten Versorgungskontext ab. Gleichzeitig verweist es auf eine zentrale offene Frage: Wie weit darf und soll KI-gestützte Unterstützung in diesem Betreuungsumfeld gehen?

Vor diesem Hintergrund lohnt sich der Blick zurück auf die zentralen Ergebnisse der Masterarbeit. Welche konkreten Mehrwerte wurden aus Sicht von Angehörigen und Fachpersonen erkennbar?

Frau mit Plüschtier

Drei zentrale Mehrwertdimensionen von KI

1. Sicherheit als Grundlage von Lebensqualität

Sicherheit ist eine zentrale Voraussetzung für Autonomie – sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

KI-basierte Funktionen wie:

  • Sturzerkennung
  • Bewegungs- und Aufenthaltsmonitoring
  • Automatisierte Benachrichtigungen

können dazu beitragen, Risiken frühzeitig zu erkennen und schneller zu reagieren.

Entscheidend ist jedoch weniger die Technologie selbst als deren Wirkung: ein subjektives Gefühl von Sicherheit, das Angehörige entlastet und Betroffenen mehr Bewegungsfreiheit ermöglicht. Beide Parteien können so im Idealfall von mehr Ruhe im Alltag profitieren.

2. Struktur kann Selbständigkeit verlängern

Demenz geht häufig mit Orientierungsverlust und Unsicherheit im Alltag einher. KI kann hier zum Beispiel durch folgende Funktionen unterstützen:

  • Adaptive Erinnerungssysteme
  • Kontextbezogene Hinweise
  • Dialogbasierte Assistenz

Diese Funktionen tragen dazu bei, alltägliche Routinen aufrechtzuerhalten – ein zentraler Faktor für Selbstwirksamkeit und Würde (Kitwood, 1997).

Wert entsteht hier nicht durch «mehr Technologie», sondern durch Stabilität im Alltag.

3. Emotionale Resonanz: Kann KI Freude schaffen?

Ein besonders relevanter und bislang wenig erforschter Aspekt ist die emotionale Wirkung von KI-Systemen.

Die Interviews zeigen:

  • Personalisierte Inhalte (Musik, Fotos, biografische Erinnerungen) können positive Emotionen aktivieren.
  • Sprachbasierte Interaktionen können beruhigend wirken.
  • KI kann in Momenten von Unruhe oder Angst eine niederschwellige Begleitung bieten.

Hier stellt sich eine zentrale Frage für Forschung und Praxis:

Kann KI nicht nur unterstützen – sondern aktiv zur Lebensfreude beitragen?

Erste Studien im Bereich sozialer Robotik und digitaler Begleiter deuten darauf hin, dass technologiegestützte Interaktionen tatsächlich positive emotionale Effekte haben können (Broadbent et al., 2009; Bemelmans et al., 2012).

Essentiell in diesem Kontext ist, dass ethische sowie rechtliche Aspekte eingehalten und Normen berücksichtigt werden.

Akzeptanz als Schlüssel: Wann KI tatsächlich genutzt wird

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Arbeit ist:
Potenzial allein führt nicht zur Nutzung.

Akzeptanz entsteht nur unter bestimmten Bedingungen:

  • Klar erkennbarer Alltagsnutzen
  • Benutzerfreundlichkeit und geringe kognitive Belastung
  • Vertrauen in Datenschutz und Systemzuverlässigkeit
  • Individuelle Passung zur Lebenssituation
  • Aktive Einbindung von Angehörigen als Vermittler:innen

Damit wird deutlich:
KI ist in diesem Kontext nicht als isoliertes Produkt zu verstehen, sondern als Teil eines sozialen Systems.

KI und Verantwortung: Eine offene Gestaltungsfrage

Mit der zunehmenden Integration von KI in sensible Lebensbereiche wächst auch die Verantwortung:

  • Wie transparent müssen Systeme sein?
  • Wo liegen Grenzen automatisierter Unterstützung?
  • Wie lassen sich Datenschutz und Würde gewährleisten?

Gerade im Kontext von Demenz gilt:

 Technologie darf Beziehung nicht ersetzen – sondern soll sie unterstützen.

Fazit: Wert entsteht im Zusammenspiel

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Wert von KI in der Demenzbetreuung nicht primär technologisch bestimmt ist, sondern relational:

KI schafft dann Wert, wenn sie:

  • Sicherheit vermittelt
  • Alltag strukturiert
  • Emotionale Stabilität unterstützt
  • Und im besten Fall Momente von Freude ermöglicht

Am Ende geht es nicht um eine Maschine, welche die Pflege übernehmen soll. Es geht um ergänzende Unterstützung in jenen Momenten, in denen Angehörige nicht vor Ort sein können, Orientierung verloren geht oder ein vertrauter Impuls Sicherheit gibt. Wenn KI dort hilft, Beziehung zu erhalten, statt sie zu ersetzen, kann sie einen Beitrag zu mehr Lebensqualität im Alltag leisten.

Transzparenzhinweis: Der Autor ist an diesem Projekt beteiligt. Für Fragen oder eine mögliche Zusammenarbeit steht er unter lukas.lehmann@keeo.ch zur Verfügung.

Buchtipp

Zum “Happy End” noch ein möglicher “Tipp zur Freude” ausserhalb des wissenschaftlichen Kontextes und dafür mit Unterhaltungswert in einem schwierigen Thema: Das Buch “Der alte König in seinem Exil   : ist ein Buch, von dem viele Angehörige von Menschen mit Demenz berichten, es sei eine wertvolle und berührende Lektüre, die ihnen einen Perspektivenwechsel ermöglicht hätte. In diesem Buch schreibt der Autor Arno Geiger mit viel Einfühlungsvermögen und Humor über die persönliche Beziehung mit seinem an Demenz erkrankten Vater.

Lukas Lehmann

Lukas Lehmann

MSc in Business Administration

Senior Finance Consultant at Arcwide
Ingo Gächter

Ingo Gächter

Professor for AI & Communication



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