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22. Februar 2021

Lebendige Quartiere, Wohnform der Zukunft?

Lebendige Quartiere, Wohnform der Zukunft?

Unsere Gesellschaft lebt immer dichter in urbanen Zentren, in denen besonders die Anonymität dieser Lebensform sehr geschätzt wird. Der Mensch weiss jedoch auch den Austausch und die Integration in einer Gesellschaft zu schätzen. Da dies auf Ebene der Stadt begrenzt erlebbar ist, hat sich das Bedürfnis vom Leben in lebendigen Teilstädten bzw. Quartieren entwickelt. Ist dieses Bedürfnis effektiv vorhanden und inwiefern gehen Immobilienentwickler, Bauherren und Gemeinden auch darauf ein?

Von Caroline Hunziker und Fabio Duss

Elemente, welche ein lebendiges Quartier auszeichnen und somit die Wohnqualität steigern

Eine Vielzahl von bereits realisierten Projekten wie beispielsweise das Himmelrich 3 in Luzern oder das Hunziker Areal in Zürich haben gezeigt, dass sich mittels verschiedener Massnahmen die Wohnqualität steigern kann. Cornelia Konieczny hat in einem Gespräch über ihre ersten Erfahrungen im Quartier Himmelrich 3 berichtet. Sie ist sehr glücklich und schätzt den familiären Umgang und das tolle und vielseitige Angebot im Quartier. «Hier findet jeder was er braucht, kann anonym sein oder sich täglich mit der Community austauschen (Konieczny, 2020).»

Frau Konieczny erzählte von der Himmelrich-3-App. Darin könne man sich registrieren und beispielsweise für das Verleihen einer Bohrmaschine zur Verfügung stellen oder sich zur Yogasession auf der grossen Dachterrasse einschreiben. Man greift sich gegenseitig unter die Arme und kann so als Gemeinschaft einfacher durchs Leben gehen. In Gemeinschaftsräumen können Bewohner miteinander kochen und Feste feiern. Für die Nutzung und Bewirtschaftung der Hochbeete im Innenhof könne man sich ebenfalls zur Verfügung stellen und somit gemeinsam mit anderen Bewohnern im urbanen Raum Gemüse und Blumen pflanzen (Konieczny, 2020).

Wenn Cornelia Konieczny vom Leben in ihrem lebendigen Quartier spricht, verwendet Sie ausschliesslich das Wort «können». Sie findet es angenehm, dass es diverse Möglichkeiten gibt, sich innerhalb des Quartieres auszutauschen und sich zu integrieren. Sie hatte jedoch noch nie das Gefühl, dass ein Druck oder eine Pflicht besteht, dies tun zu müssen. Diesen Punkt sieht auch Peter Schmid, welcher als Präsident von verschiedenen Genossenschaften schon diverse lebendige Quartiere initiiert hat, unter anderem auch mit der Baugenossenschaft mehr als wohnen das «Hunziker Areal» in Zürich. Die Bauherrschaft soll möglichst viele Opportunitäten zum Austausch schaffen. In welcher Form die Bewohner diese nutzen, soll jedoch jedem selbst überlassen werden.

Die Schaffung solcher Möglichkeiten beginnt für Herrn Schmid bei der Architektur bzw. beim Städtebau. Nebst der fast schon selbstverständlichen Schaffung von Gemeinschaftsräumen im Aussen-, Dach- und Innenbereich soll bei der Gestaltung eines lebendigen Quartieres auch der Gestaltung von Vorplätzen, Eingangsräumen oder Verkehrsflächen entsprechend Beachtung geschenkt werden. Dabei stets mit dem Fokus, dass sich Nutzer der Liegenschaft so oft wie möglich begegnen (Schmid, 2020).

Abb.1: Dachterrasse zur gemeinsamen Nutzung im Himmelrich 3, Luzern (Bild von Fabio Duss, 27.07.2020)

Beim Bundesprogramm «Projet urbain» steht die «Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten» im Fokus. Hierbei sorgten verschiedene Massnahmen in total 22 Quartieren in der ganzen Schweiz für eine positive Dynamik. Massnahmen wie die Aufwertung des Aussenraums mit Sitzbänken und Quartiertischen oder den Bau eines Quartiertreffs sorgten für eine Verbesserung der Lebensqualität. Julia Imfeld, Leiterin des Netzwerks Lebendige Quartiere sagt: «Wollen wir eine glückliche Bevölkerung, so müssen wir uns noch stärker auf die Steigerung der Lebensqualität fokussieren.» Insbesondere in dicht bebauten Städten, in welchen Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit nahebeieinander liegen, trägt die zwischenmenschliche Interaktion einen wichtigen Teil zu unserem Glück bei (Bundesamt für Raumentwicklung, Montreux – Projet urbain, 2020).

Katharina Atlas erklärt im kurzen Artikel «Stadtplanung von unten – lebendige Quartiere», wie wichtig der Zwischennutzungsartikel in der Bauordnung ist. Dieser erlaubt die zonenfremde Nutzung von Gebieten, die noch nicht für eine Neunutzung oder Überbauung reif sind. Diese können für die Quartierbevölkerung einen Mehrwert darstellen. Die Bewohner des Quartiers können so, einen Anteil am Entstehungsprozess nehmen und sich besser mit dem identifizieren, was in der Nachbarschaft entsteht. Pop-Up-, Instant-Stores oder kulturelle oder sportliche Aktivitäten würden einen besonderen Reiz haben (Altas, 2019).

Bedürfnisgerechte Entwicklung und Umsetzung lebendiger Quartiere

Das Konzept eines lebendigen Quartieres soll einerseits dem Interesse für das Engagement im Gemeinwesen sowie kollektiven Quartierleben gerecht werden und die Partizipation und Integration der Bewohner ermöglichen, andererseits auch den Wunsch nach Anonymität erfüllen. Das Vorzeigequartier Himmelrich 3 der Allgemeinen Baugenossenschaft Luzern ABL bezog die Mieter bereits vor Bezug mittels Kennenlernapéro in die Entwicklung ein und organisierte einige Workshops zur Ausgestaltung des Innenhofes. Somit soll der Grundstein für den Betrieb des lebendigen Quartieres gelegt werden. Das Wort der Bewohner erhält von Anfang an Gewicht, weshalb sie sich automatisch integrieren und bereit sind, ihre Freizeit für Aktivitäten rund um den Betrieb des Quartiers einzusetzen (Konieczny, 2020; Allgemeine Baugenossenschaft Luzern, In 5 Schritten zur guten Nachbarschaft, 2020).

Peter Schmid sieht dies als Initiant von diversen lebendigen Quartieren als kritischer Erfolgsfaktor, wobei oft Fehler entstehen. Die Bauherrschaft soll den Betrieb des Quartieres starten und entsprechende Grundvoraussetzungen schaffen. In einem zweiten Schritt soll jedoch der Liegenschaftsbesitzer in den Hintergrund treten und den Bewohnern innerhalb von definierten Spielregeln Raum zur freien Entfaltung lassen. Diese Spielregeln sollen auch Möglichkeiten zur Schaffung neuer Projekte seitens der Bewohner beinhalten, wobei die Bauherrschaft unter gewissen Bedingungen solche Projekte finanziell unterstützt. So kann das Quartier beispielsweise um ein eigenes Bienenhaus oder das Quartierleben um ein jährlich stattfindendes Samichlaus-Apéro erweitert werden (Schmid, 2020).

Die Gemeinde Montreux entschied sich beim «Projet urbain» für einen partizipativen Arbeitsstil und gab der Quartierbevölkerung eine Stimme. Die Menschen im Quartier hatten die Möglichkeit, ihre Wünsche und Anliegen zum geplanten Quartierzentrum zu äussern. Die Gemeinde realisierte im Quartierzentrum zudem einen Schalter der Stadtverwaltung, um die Behörden besser im Quartier zu integrieren. Um auch die Bevölkerung mit Migrationshintergrund zu erreichen, wurden Wettbewerbe, Feste und altersgerechte Anlässe organisiert.

Im Quartier Gyrischachen-Lorraine-Einunger in Burgdorf stand neben der Sanierung der Bausubstanz und Aufwertung der Aussenräume die Partizipation und Integration im Vordergrund. Im Vergleich zu anderen Quartieren wies dieses Quartier einen höheren Anteil von Personen mit Migrationshintergrund auf. Mittels verschiedener Veranstaltungen und Befragungen wurden die Bedürfnisse der Bevölkerung abgeholt. Der meist genannte Wunsch nach einem Quartiertreff wurde realisiert und Sprachkurse, Treffen zur Förderung des interkulturellen Austauschs sowie Spielnachmittag werden nun im neuen Zentrum durchgeführt (Bundesamt für Raumentwicklung, Montreux – Projet urbain, 2020).

In den beiden Quartieren Meierhof und Kappelerhof in Baden waren aktive Quartiervereine bereits vorhanden. Mithilfe der Quartiervereine und Bevölkerung wurden beispielsweise im Quartier Meierhof Massnahmen wie Sitzbänke für spontane Treffen, einen neuen Quartiertreffpunkt sowie die Sanierung eines Spielplatzes umgesetzt und eine neue Feuerstelle mit Sitzgelegenheiten gebaut. Im Kappelerhof standen neue Angebote für Kinder und Jugendliche im Vordergrund und es wurden neu Quartiertische für Migrantinnen und Migranten als Austauschplattform angeboten. Die beiden Quartiervereine haben in Baden eine lange Tradition und geben der Bevölkerung der Quartiere eine Stimme. Ein grosser Teil der Projekte wurden auch nach dem Ende des «Projet urbain» weitergeführt (Bundesamt für Raumentwicklung, Montreux – Projet urbain, 2020).

Kritische Erfolgsfaktoren für die Entwicklung eines lebendigen Quartiers

Als kritische Erfolgsfaktoren fasst Peter Schmid symbolisch das Setzen und Giessen der richtigen Samen ins Zentrum. Mit dem Setzen von Samen meint er beispielsweise, dass Plätze geschaffen und diesen Leben eingehaucht werden. Es sollen Betreibergruppen für einzelne Räume oder Anlagen ins Leben gerufen werden, welche möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen sollen. Falls solche gewachsenen Pflanzen drohen umzuknicken, sollen diese durch die Liegenschaftsbesitzer gestützt oder falls nötig wieder neu initiiert werden. Dabei ist vor allem dem Übergang zwischen Initiierung und dauerhaftem Betrieb besonders Aufmerksamkeit zu schenken (Schmid, 2020).

Über diesen Punkt ist beispielsweise beinahe auch die ABL gestolpert. Als wichtiges Instrument der Überbauung Himmelrich 3 dient die App, welche den Austausch unter den Bewohnern fördert. Die Bewohnerin des Himmelrich 3 Cornelia Konieczny erzählt, dass die App jedoch nicht von der Bauherrin und Besitzern ABL Luzern initiiert wurde, sondern von einem Bewohner. Er hat die App zuerst in Eigenregie entwickelt und dann in einem zweiten Schritt mit der Genossenschaft zusammengearbeitet. Die App sei sauber durchdacht und fördere die Gemeinschaft innerhalb der Überbauung enorm. Es wird von allen sehr geschätzt, dass die ABL neue Ideen der Bewohner prüft und berücksichtig (Konieczny, 2020).

Ebenfalls als wichtig schätzt Herr Schmid die langfristige Betrachtungsweise ein. Dabei soll die Verwaltung bei Anfragen seitens der Bewohner nicht die kurzfristigen Kosten in den Vordergrund stellen, sondern die langfristige Identifikation der Bewohner mit dem Quartier, was zu weniger Fluktuation und später zu tieferen Bewirtschaftungskosten führt (Schmid, 2020).

Vorbeugung gegen den Leerstand

Lebendige Quartiere wurden bis anhin meist in urbanen Zentren realisiert und vorwiegend durch Genossenschaften initiiert. Da Genossenschaften zudem durch ihr nicht gewinnorientiertes Handeln auch Mieten in einem fairen Rahmen aufweisen, weisen Projekte wie das Hunziker Areal in Zürich oder das Himmelrich 3 in Luzern auch einen sehr tiefen Leerstand sowie eine tiefe Fluktuation auf. Inwiefern sich durch eine «Belebung» und Sozialisierung eines Projektes Auswirkungen auf den Leerstand entstehen, ist aufgrund von fehlenden Referenzwerten nur schwer abzuleiten. Jedoch glaubt Peter Schmid, dass dieses Konzept durchaus auch im ländlicheren Gebieten mit höherem Leerstand funktionieren könnte. In einem lebendigen Quartier identifizieren sich die Bewohner mit ihrem zu Hause, dieses aufzugeben fällt Ihnen schwerer, wodurch die Fluktuation abnimmt. Des Weiteren tragen die Bewohner die gute Stimmung des Quartieres auf andere Menschen der Region, wobei ein gutes Image entsteht. Dieses positive Image kann zudem neue Bewohner ins Quartier locken. Deshalb behauptet Peter Schmid, dass ein gut initiiertes und moderiertes «lebendiges Quartier» durchaus auch in Regionen mit höherem Leerstand funktionieren und somit gegen den Leerstand vorbeugen kann (Schmid, 2020).

Dieser Beitrag ist während eines Projektes der Studierenden des MAS Immobilienmanagement entstanden.

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Quellenverzeichnis:

Allgemeine Baugenossenschaft Luzern. (2020). In 5 Schritten zur guten Nachbarschaft. Von https://www.abl.ch/_Resources/Persistent/68cce0de7a1c71c03df9bb3e523e0313a0cb9171/In%20f%C3%BCnf%20Schritten%20zur%20guten%20Nachbarschaft%20magazin%2005_2019.pdf abgerufen

Allgemeine Baugenossenschaft Luzern. (25. September 2020). Neue Nachbarn feiern unter sich. Von https://www.abl.ch/_Resources/Persistent/01694d8b598a42288bd19968a10d1f3fd5c3f370/Neue%20Nachbarschaft%20feiert%20unter%20sich%20%28magazin%2010%202019%29.pdf abgerufen

Altas, K. (2019). Stadtplanung von unten – Lebendige Quartiere. Von sp-bern-nord.ch: https://www.sp-bern-nord.ch/wp-content/uploads/201605-.pdf abgerufen

Bundesamt für Raumentwicklung. (2020). Baden- Quartierentwicklung im Prozess. Von https://www.are.admin.ch/are/de/home/staedte-und-agglomerationen/programme-und-projekte/programm-projets-urbains—gesellschaftliche-integration-in-wohn/liste-der-projekte/baden-_–quartierentwicklung-im-prozess-.html abgerufen Bundesamt für Raumentwicklung. (20.08 2020). Montreux – Projet urbain. Von https://www.are.admin.ch/are/de/home/staedte-und-agglomerationen/programme-und-projekte/programm-projets-urbains/liste-der-projekte/montreux—projet-urbain–clarensemble-.html abgerufen

Konieczny, C. (27. Juli 2020). Besichtigung Himmelrich3 und Interview. (C. H. Fabio Duss, Interviewer)

Schmid, P. (14. Dezember 2020). Zoominterview. (F. Duss, Interviewer)

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