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20. Juni 2022

Lebendige Quartiere -Vom Stadtteil zur Gemeinschaft

Lebendige Quartiere -Vom Stadtteil zur Gemeinschaft
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Um für die Zukunft gewappnet zu sein, müssen die Städte agiler und ihre Wege kürzer werden. Eine Stadt muss lebendig sein, um Menschen für sich begeistern zu können und an sich zu binden. Die Corona-Pandemie hat den Bewegungsradius vieler Menschen eingeschränkt und die Bewohnenden haben notgedrungen gelernt, das Nahe wertzuschätzen. In den Städten sind die Quartiere in den Fokus gerückt, denn sie spielen eine zentrale Rolle: sie agieren als Wurzeln einer lebendigen Stadt. Doch lebendige Quartiere werden nicht nur von den Bewohnenden und Besuchern und Besucherinnen bevorzugt, auch die Investoren haben ihr Augenmerk darauf gerichtet. Was sind also die Zutaten für das Rezept eines lebendigen Quartiers?

Von Sabine Keller und Fabian Keller

Das (lebendige) Quartier

Während in den 1990er Jahren Menschen aus der Stadt flüchteten, ist heute das Gegenteil, nämlich ein Innenstadt-Hype in den Quartieren festzustellen. Nun sind die Städte und besonders die Innenstädte wieder als Wohnquartiere begehrt, wobei das Thema der Siedlungsentwicklung nach Innen ein wichtiges Thema ist. Gründe für die Wichtigkeit sind der anhaltend hohe Bodenverbrauch und die zunehmende Zersiedlung der Landschaft. Die folgende Darstellung verbildlicht den Dichtebegriff: Bei einem hohen Verdichtungsgrad kann somit auch mehr Freiraum geschaffen werden.

Abb. 1: Hypothetische Siedlungsszenarien in (Jaeger u. a., 2015, S. 20)

Bezüglich einer idealen Dichte kann gesagt werden, dass es diese nicht gibt. Es zeigt sich zudem, dass Menschen jeglicher Altersgruppen höhere Dichten im Sinne einer Steigerung der Lebensqualität schätzen lernen (Hugentobler & Wiener, 2016). Die starke Interaktion von Bewohnerinnen und Bewohnern, die bei niedrigen Mieterfluktuationsraten zustande kommt, erhöht die Akzeptanz von hohen baulichen Dichten. Die verschiedenen Akteure, welche die Siedlungsentwicklung steuern, müssen der Frage nachgehen, was Wohn- und Lebensqualität ausmacht. Wenn Menschen gefragt werden, welche Lebensbedingungen in den Quartieren sie als erstrebenswert bezeichnen, werden Bezahlbarkeit, Sicherheit, leichter Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, nahe gelegene Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen, Schulen, Arbeitsplätze, kulturelle Angebote und attraktive Freiräume sowie Naherholungsgebiete genannt (Hugentobler & Wiener, 2016, S. 4-12).

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde die Frage diskutiert, ob man bereits den Urban Peak erreicht hat und damit die Stadtflucht ins Rollen gebracht wurde. Die im Jahr 2021 publizierten Zahlen vom Bundesamt für Statistik (BfS) zur Binnenwanderung zeigten, dass mehr Menschen aus den Städten weggezogen als zugezogen sind, davon profitieren konnte vor allem die Agglomeration (BFS 2021). Die Pandemie mit der grossflächigen Einführung von Homeoffice hat den Wohn- und Arbeitsort vereint. Dies wiederum hat die Nachfrage nach mehr Fläche in die Höhe getrieben. Entsprechend haben die Wegzüger die Stadt nicht verlassen, weil sie nicht mehr dort leben wollten, sondern weil sie für ihre neuen Bedürfnisse keine geeignete Wohnung finden konnten. Solange aber die Zuwanderung anhält, die Gesellschaft altert und die durchschnittliche Haushaltsgrösse sinkt, bleibt die Nachfrage in den grossen urbanen Zentren weiterhin stark (Schmid 2021). Die Stadtflucht scheint also nach jüngsten Zahlen lediglich ein kurzfristiges Phänomen gewesen zu sein.

Das Dorf in der Stadt

Auch wenn die Leute in der Stadt wohnen, wünschen sie sich doch eine entschleunigte Urbanität. Urbanität besteht mittlerweile darin, das Beste aus dem Stadt- und Landleben zu kombinieren. Stadtbewohner sehnen sich nach der “ländlichen Idylle”, möchten aber nicht auf den Komfort einer Stadt verzichten müssen und versuchen diese nun in den städtischen Raum zu integrieren. Die Corona-Pandemie hat ein stärkeres Bewusstsein für globale und wirtschaftliche Abhängigkeit geschaffen und damit auch den Wunsch nach Regionalität und vor allem auch nach lokaler, städtischer Autarkie vorangetrieben. Den Leuten wurde bewusst, wie zerbrechlich globale Wertschöpfungsketten sein können, im Zuge dessen wurde vermehrt der lokale Handel und das Gewerbe unterstützt. Nicht wenige Konsumenten haben festgestellt, dass die örtlichen Anbieter genauso zuverlässig ausliefern. Der Konsum-Radius hat sich verringert und die Verantwortung des lokalen Handels wurde gestärkt (Schneidewind et al. 2020).

Abb. 2: Freiraum für Begegnungen im Quartier, Hallwylplatz Zürich (Quelle: Eigenes Foto, Sabine Keller, 2022)

Während des Lockdowns lernten Stadtbewohner ihre direkte Umgebung auf eine völlig neue Weise zu sehen und daran knüpft das Konzept der 15-Minuten-Stadt an. Carlos Moreno, Professor an der Pariser Universität Sorbonne und Kreateur des Modells, möchte damit lebendige Quartiere fördern und tote Zonen vermeiden. Alltagsstationen sollen in maximal 15 Minuten zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichbar sein, dies entspricht etwa einem Kilometer Fussstrecke oder drei bis vier Kilometer Fahrradweg. Zu den relevanten Stationen zählen die Nahversorgung (Einkaufen, Post etc.), die Gesundheit (Ärzte, Krankenhaus, Apotheke etc.), die Bildung (Schulen, Kindergärten etc.), die Freizeit (Sport, Kino, Gastronomie etc.), die Naherholung (Parks, Spielplätze etc.) und der Arbeitsplatz (Schöberl 2022).

Abb. 3: Das Konzept der 15-Minuten-Stadt (Quelle: Eigene Darstellung, Sabine Keller, 2022)

In diesem Stadt-Modell sparen die Bewohner nicht nur mehr Zeit, sondern der Stadtverkehr und der Lärmpegel werden abnehmen, während die Luftqualität zunimmt und mehr Flächen für Begegnungszonen geschaffen werden können. Die Pandemie hat die Bedeutung von Wohnen und unmittelbarem Umfeld zurück in den Fokus geholt. Sie sorgt für eine Beschleunigung des stadtplanerischen Bestrebens danach, das Quartier als städtische Verwaltungseinheit wahrzunehmen und ihr enormes Potential zu nutzen.

Quartiere sind die Wurzeln einer lebendigen Stadt

In einem Quartier muss nicht alles “schön” sein und vorallem ist es auch nicht nötig, dass es viele formal aufwendige und auffällige Gebäude aufweist. Belebte Strassen und Plätze ziehen Passanten und Beobachter an, wodurch sie noch belebter werden. Denn andere Menschen in der städtischen Öffentlichkeit zu beobachten, mit ihnen Blickkontakt aufzunehmen und in nonverbale Kommunikation zu treten sowie umgekehrt die Reaktion auf das eigene Verhalten wahrzunehmen, ist immernoch eine der spannendsten Aktivitäten in der Stadtgesellschaft (Bott, Grassl, Anders 2018, S. 46-47). Um Städte für die Zukunft fit zu machen, stehen folgende Punkte im Fokus: “Die Stärkung von Quartieren, um Wege zu reduzieren, die Gestaltung mit mehr öffentlichen Räumen, wobei es zu einer Mehrfachnutzung der Flächen für Begegnungen und andere Nutzungen geben wird und muss, die Umnutzung von Bestandesimmobilien zu anpassungsfähigeren und stärker gemischt genutzten Gebäuden und damit einhergehend die Flexibilisierung des Bauplanrechts” (ULI und IRE|BS, 2021).

Grüner werden die Quartiere gemäss der Studie ohnehin, weil es der Klimawandel erzwingt. Ein interessantes Quartier trägt dazu bei, dass die Qualität verbessert wird und damit die Attraktivität gesteigert werden kann. Die Gefahren liegen allerdings in den gesetzlichen Bestimmungen, welche das Potential hemmen können und bei zu starren Immobilienkonzepten, da sich die Städte schneller als je zuvor wandeln und die Nutzung der Liegenschaft flexibel sein sollte. Auch der Verlust von Urbanität birgt ein Risiko. Dies geschieht, wenn die Investoren aneinander vorbei planen und bauen und kein Konzept erkennbar ist  (ULI und IRE|BS, 2021).

Quartierentwicklung in der Schweizer Praxis

Wie können nun lebendige und lebenswerte Quartiere in der Praxis gefördert werden? Ein Beispiel dazu ist das Netzwerk “Lebendige Quartiere”. Es versteht sich als die “Drehscheibe im Bereich Quartierentwicklung”. Während acht Jahren wurden Ergebnisse des «Projets urbains – Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten» gesichert und interessierten Akteuren zugänglich gemacht. Im Netzwerk können Involvierte die Themen zur Quartierentwicklung, wie Wohnen, Partizipation und soziale Durchmischung diskutieren. Geführt wird das Netzwerk Lebendige Quartiere vom Schweizerischen Städteverband, in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Raumentwicklung ARE und dem Bundesamt für Wohnungswesen BWO (NLQ 2022).

Mit den Modellvorhaben fördert der Bund eine Reihe innovativer Projekte von Gemeinden, Regionen, Agglomerationen und Kantonen. Die Modellvorhaben werden jeweils in ca. 5-Jahres-Blöcke eingeteilt (2002-2007, 2007-2011, 2014-2018, 2020-2024), wobei jeweils verschiedene Fokusthemen gesetzt werden (ARE 2022a). Der Bund unterstützt von über 100 eingereichten Projekten 31. Diese Modellvorhaben haben zum Ziel mit innovativen Ansätzen und in Kombination mit dem Raumkonzept Schweiz hauptsächlich die Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Weiter soll auch die Solidarität zwischen und innerhalb der Regionen verstärkt werden. Von diesen ausgewählten Projekten und Erfahrungen sollen weitere in die Quartierentwicklung involvierten Akteure profitieren (ARE 2022a).

Ein Beispiel für ein solches Modellvorhaben ist das Netzwerk Westfeld – Neuer Wohn- und Lebensraum in Basel-West. Auf dem ehemaligen Spitalareal entsteht ein genossenschaftlicher und sozial durchmischter Wohnraum mit 530 Wohnungen für ca. 1’200 Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen und -situationen. Das Netzwerk Westfeld hat in frühen Phasen der Entwicklung gestartet und besteht aus verschiedenen Partnern. So konnte früh und breit abgestützt abgeschätzt werden, wie zukünftig auf dem Westfeld gewohnt und gelebt werden soll. Es wird darauf geachtet, dass besonders der Austausch und die Zusammenarbeit unter den Akteuren sichergestellt wird (ARE 2022b). Mit dem Instrument der Modellvorhaben sowie weiteren Instrumenten die der Stadt- und Quartierentwicklung zur Verfügung stehen, können die nötigen Schritte vollzogen werden, um gemeinschaftliche, dichte und lebendige Quartiere zu schaffen und zu beleben.

Städte sind aufgrund ihrer Dichte und Diversität krisenanfällig, aber sie wappnen sich für die Zukunft. Zukunftsfähige Städte werden widerstandsfähiger, indem sie flexible Wohn-, Arbeits- und Bildungsmodelle entwickeln, die bei Bedarf schnell an neue Situationen angepasst werden können. Die Stadt von morgen ist dynamisch und adaptiv und das Quartier wird zum zentralen Element der lebendigen Stadt (Zukunftsinstitut, o.J.).

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