12. Januar 2026
Unternehmen investieren massiv in künstliche Intelligenz – doch der wirtschaftliche Nutzen bleibt oft weit hinter den Erwartungen zurück. Laut McKinsey (2025) nutzen zwar 88 % der Firmen AI in mindestens einer Funktion, aber nur 6 % erzielen einen spürbaren EBIT-Beitrag. Internationale Studien zeigen ein klares Muster: Wert entsteht nicht durch AI selbst, sondern durch die Organisationsstrukturen, die sie tragen. Erfolgreiche Unternehmen verfügen über ein strategisches Zukunftsbild, robuste Datenqualität, neu gestaltete Prozesse und ein engagiertes Top-Management. Der Weg aus der Pilotfalle führt deshalb nicht über mehr Technologie, sondern über systemische Transformation.
Ein Artikel von: Mark Gille-Sepehri und Markus Schmidiger
Künstliche Intelligenz ist in den Führungsetagen angekommen. Unternehmen haben Chatbots eingeführt, generative AI für Text- oder Bildproduktion aktiviert oder erste Tools zur Automatisierung von Routineaufgaben implementiert. Viele dieser Lösungen erzeugen kurzfristige Effizienzgewinne oder entlasten Mitarbeitende punktuell. Doch auf organisationaler Ebene bleibt der erwartete Durchbruch häufig aus.
Der State of AI Report von McKinsey (2025) bringt dieses Paradox deutlich auf den Punkt: Obwohl der überwiegende Teil der Unternehmen bereits AI nutzt, gelingt es nur einer kleinen Minderheit, diese Technologie wirtschaftlich wirksam zu verankern. Auch andere Untersuchungen – etwa der Stanford AI Index Report (2025), Studien von BCG (2025), Accenture (2025) oder S&P Global (2025) bestätigen diese Diskrepanz.
Die meisten Unternehmen befinden sich in einer Art Zwischenraum: Sie verfügen über AI, aber nicht über die organisatorischen Voraussetzungen, sie strategisch und skalierbar einzusetzen. Pilotprojekte zeigen Potenziale, aber sie entfalten keine Breitenwirkung. Einzelne Mitarbeitende erzielen beeindruckende Quick Wins, doch es fehlen Vision, Struktur und die notwendige Klarheit in Prozessen und Daten, um aus punktuellen Erfolgen eine nachhaltige Transformationslogik zu entwickeln.
In dieser Diskrepanz liegt die eigentliche Herausforderung und auch der Schlüssel zur Lösung. Denn die Forschung zeigt bemerkenswert konsistent, dass die erfolgreichsten Unternehmen nicht jene sind, die am meisten in Technologie investieren, sondern jene, die AI in ihr operatives und strategisches Betriebssystem einbetten: in ihre Prozesse, ihre Governance, ihre Datenarchitektur und nicht zuletzt in die Führungskultur.
Die Studien zeigen klar, dass sich Untenrehmen, die AI erfolgteich einsetzen und daraus auch messbaren Nutzen ziehen in vier Punkten von den anderen unterscheiden.
Unternehmen, die AI erfolgreich skalieren, verfügen über ein konsistentes, nachvollziehbares Verständnis davon, welche Rolle AI in ihrer zukünftigen Wertschöpfung spielen soll. Thomson Reuters (2025) zeigt in einer breit angelegten Untersuchung, dass Organisationen mit einer expliziten AI-Strategie doppelt so häufig Umsatzsteigerungen im Zusammenhang mit AI-Initiativen verzeichnen wie Unternehmen ohne strategische Leitlinien.
Auch BCG (2025) bestätigt, dass erfolgreiche Unternehmen AI nicht als Sammlung einzelner digitaler Projekte verstehen, sondern als strategischen Hebel, der auf die langfristige Ausrichtung des Geschäfts einzahlt. Ein klares Zukunftsbild ermöglicht es ihnen, technologische Entwicklungen proaktiv zu nutzen, statt opportunistisch auf neue Tools zu reagieren.
In der Praxis bedeutet das: Unternehmen mit starker AI-Performance definieren früh, welche Bereiche ihres Geschäftsmodells, ihrer Kundenerlebnisse und ihrer Prozesse grundlegend durch AI verändert werden sollen – und richten ihre Ressourcen entsprechend darauf aus.
Eine der konsistentesten Erkenntnisse aller Studien lautet: Wert entsteht nicht durch Technologie, sondern durch Prozessgestaltung.
Accenture (2025), deren Studie sich intensiv mit den sogenannten „Front-Runners“ beschäftigt, formuliert diese Erkenntnis präzise: Unternehmen, die AI erfolgreich skalieren, gestalten zunächst ihre Prozesse neu und integrieren erst dann AI. Organisationen, die scheitern, tun das Gegenteil – sie versuchen, AI über bestehende Strukturen zu stülpen.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Ein Beispiel verdeutlicht das:
Ein Unternehmen, das den bestehenden Rechnungsfreigabeprozess beibehält und lediglich die Dokumentenprüfung automatisiert, spart einige Minuten pro Vorgang. Ein Unternehmen, das jedoch den gesamten Workflow hinterfragt, von der Datenextraktion über die Verantwortlichkeiten bis zum Genehmigungsmodell, kann Bearbeitungszeiten halbieren und den Prozess vollständig digitalisieren. Erst in einem solchen Umfeld entfaltet AI ihr volles Potenzial.
McKinsey (2025) bestätigt, dass Prozess-Redesign der häufigste Unterschied zwischen Organisationen in der Pilotphase und solchen, die AI skaliert einsetzen. Die Produktivitätssteigerungen sind erheblich: Front-Runner berichten laut Accenture von durchschnittlich 13 Prozent höherer Produktivität und 11 Prozent niedrigeren Kosten innerhalb eineinhalb Jahren.
Über alle Studien hinweg findet sich ein Befund, der sich besonders hartnäckig hält: Die größte Barriere für produktive AI ist nicht die Technologie, sondern die Datenbasis.
Der Stanford AI Index Report (2025) nennt Datenqualität, Datenzugänglichkeit und Datenintegration als die drei häufigsten Hindernisse für AI-Skalierung. Iconiq Capital (2025) weist zudem darauf hin, dass viele Unternehmen zwar ihre AI-Budgets stark erhöhen, aber nicht in die notwendige Infrastruktur investieren, um Daten konsistent, verlässlich und strukturiert nutzbar zu machen.
Im KMU-Bereich zeigt sich dieselbe Dynamik: Die Studie von Agbaakin (2025) stellt fest, dass 91 Prozentder KMU, die signifikante AI-Erfolge erzielen, zuvor gezielt ihre Datenmodelle, Datenverantwortlichkeiten und Datenaufbereitungsprozesse professionalisiert haben.
Datenqualität ist nicht nur ein technisches Thema. Sie schafft Vertrauen und Vertrauen ist die Grundlage für Adoption. Wenn Mitarbeitende wissen, dass Empfehlungen eines AI-Modells auf konsistenten Daten beruhen, steigt die Bereitschaft, diese Empfehlungen im Alltag tatsächlich anzuwenden.
BCG (2025) bezeichnet die „Leadership Readiness“ als stärksten Einzelprädiktor für erfolgreiche AI-Wertschöpfung. Auch McKinsey (2025) kommt zu dem Ergebnis, dass Unternehmen mit starkem Leadership-Engagement viermal so häufig zu den High-Performern gehören wie Unternehmen mit rein technikgetriebenem Ansatz.
Diese Befunde decken sich mit einer Studie von Li & Zhang (2025), die zeigt, dass AI-Erfolg eng mit der Fähigkeit des Top-Managements zusammenhängt, die technologische Entwicklung in eine kohärente Organisationslogik einzubetten. Führungskräfte müssen nicht technische Experten sein, aber sie müssen bewerten können, welche organisatorischen Voraussetzungen nötig sind.
Dazu gehören u. a.:
Quick Wins einzelner Mitarbeitender, etwa die Nutzung generativer AI zur Textproduktion oder Recherche, sind wertvoll und steigern die digitale Kompetenz. Doch sie sind kein Ersatz für eine strukturierte organisatorische Entwicklung.
Auch zu den Gründen, die dazu führen, dass Unternehmen es nicht schaffen, AI erfolgreich einzuführen, sind klare Muster erkennbar.
Die überwältigende Mehrheit der AI-Initiativen bleibt in der Pilotphase. Das liegt nicht daran, dass die Technologien nicht funktionieren würden, sondern daran, dass Unternehmen sie nicht in die Breite tragen.
S&P Global (2025) stellt fest, dass weniger als ein Viertel der Unternehmen systematisch misst, welchen Beitrag AI leistet. Ohne Messbarkeit gibt es keine Legitimation für Skalierung und viele Pilotprojekte werden als punktuelle Experimente behandelt, statt als Bausteine einer Gesamttransformation.
Stanford HAI (2025) zeigt, dass die häufigsten Engpässe nicht algorithmischer Natur sind, sondern in Infrastruktur und Integration liegen. Wenn Daten isoliert, unvollständig oder widersprüchlich sind, bleibt AI entweder unzuverlässig oder wird von Mitarbeitenden nicht akzeptiert.
In vielen Fällen funktionieren Modelle im Testbetrieb hervorragend, scheitern aber im Alltag, weil notwendige Daten nicht automatisiert verfügbar sind. Unternehmen benötigen daher integrierte Datenlandschaften, in denen die Daten nicht nur gesammelt, sondern gepflegt und verantwortet werden.
BCG (2025) weist darauf hin, dass rund 60 Prozent der Unternehmen keine formal definierten Rollen für AI-Verantwortlichkeiten besitzen. Das führt dazu, dass AI-Initiativen als „Projekt“ verstanden werden und nicht als Teil der Unternehmensarchitektur.
Wenn unklar ist, wer Modelle überwacht, wer Datenqualität sicherstellt und wer Workflows aktualisiert, verliert AI nach kurzer Zeit ihre operative Wirksamkeit. Die Folge ist ein Vertrauensverlust und eine sinkende Nutzung.
McKinsey (2025) konstatiert, dass Unternehmen, die primär Effizienzsteigerungen anstreben, deutlich geringere wirtschaftliche Wirkung erzielen als Unternehmen, die AI auch für Innovation, neue Geschäftsmodelle oder Kundenlösungen einsetzen.
Effizienzprojekte sparen Kosten – aber sie verändern die Organisation nicht. Innovationsorientierte Projekte schaffen zusätzliche Wertschöpfung. Erfolgreiche Unternehmen verfolgen deshalb beide Perspektiven und verbinden sie zu einer integrierten Transformationslogik.
Die systematische Analyse der SEC-Berichte durch Uberti-Bona Marin et al. (2025) zeigt, dass die Anzahl der Unternehmen, die AI-Risiken benennen, in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Dennoch sind Governance-Strukturen selten klar definiert. Unternehmen wissen, dass Risiken existieren, aber nicht, wie sie ihnen begegnen sollen.
Die Folge ist eine oft kontraproduktive Vorsicht, die Innovation hemmt, statt Risiken aktiv zu managen.
Die Auswertung der Studien ergibt ein konsistentes Bild: AI-Erfolg entsteht dort, wo Unternehmen ihre Transformation entlang eines systemischen Pfades gestalten. Ein solcher Pfad umfasst sechs Phasen.
Transformation beginnt mit Klarheit. Unternehmen benötigen ein gemeinsames Zukunftsbild, das den Rahmen für alle nachfolgenden Entscheidungen bildet. Es beschreibt, wo AI echten Mehrwert erzeugen kann, und dient als Grundlage für die Priorisierung der ersten Projekte.
Priorisierung folgt dabei drei Kriterien, die in mehreren Studien betont werden: strategischer Wert, technische Machbarkeit und Datenverfügbarkeit. Unternehmen, die diese Logik konsequent anwenden, vermeiden, sich in zu vielen Projekten zu verzetteln.
Bevor AI eingeführt wird, müssen Prozesse neu gedacht werden. Accenture (2025) zeigt, dass erfolgreiche Unternehmen ihre Prozesse systematisch neu aufbauen: Sie entfernen redundante Schritte, definieren Verantwortlichkeiten neu und integrieren AI in jene Abschnitte, in denen sie den größten Nutzen stiftet.
Dieses Vorgehen verhindert, dass AI nur als „digitales Pflaster“ auf bestehenden Problemen eingesetzt wird.
Daten brauchen klare Verantwortlichkeiten. Stanford HAI (2025) betont, dass Unternehmen Daten als strategisches Asset begreifen müssen – nicht als Nebenprodukt operativer Systeme. Das schließt ein:
Je klarer diese Grundlagen sind, desto stabiler sind AI-Anwendungen.
Technologie muss architektonisch sinnvoll verknüpft sein. Iconiq Capital (2025) zeigt, dass erfolgreiche Unternehmen zunehmend modulare, API-basierte Infrastrukturen bevorzugen, die sich nahtlos in bestehende Systeme integrieren lassen. Unternehmen können dadurch Innovation schneller in die Breite tragen und Systeme flexibel erweitern.
Die wichtigste Voraussetzung für AI-Skalierung ist die Entwicklung von Führung und Kompetenzen. BCG (2025) betont, dass Transformation immer organisationsbezogen ist. Es geht darum:
Viele Unternehmen unterschätzen den psychologischen und organisatorischen Teil der Transformation und verlieren deshalb Momentum.
S&P Global (2025) zeigt, dass viele Unternehmen zwar AI einsetzen, aber kaum prüfen, welche Wirkung sie entfaltet. Ohne systematische Messung bleibt Transformation unscharf und schwer steuerbar.
Unternehmen brauchen daher definierte Kennzahlen, regelmäßige Überprüfungen und eine transparente Erfolgskommunikation. AI muss im Alltag sichtbar und nachvollziehbar wirken, damit sie Vertrauen und Akzeptanz erzeugt.
Die Studien lassen keinen Zweifel: Der Unterschied zwischen Unternehmen, die AI produktiv nutzen, und jenen, die hinter ihren Erwartungen zurückbleiben, ist selten technologisch. Er ist strukturell, kulturell und strategisch.
Unternehmen, die AI erfolgreich einsetzen, teilen fünf Eigenschaften:
Die empirischen Ergebnisse zeigen, dass Unternehmen, die diesen systemischen Weg gehen, drei- bis fünfmal höhere wirtschaftliche Wirkung erzielen (BCG 2025, Accenture 2025) als jene, die sich auf einzelne Pilotprojekte beschränken.
Damit wird klar: AI ist kein Werkzeug, das man „einführt“ sondern ein Entwicklungspfad, der die strategische Ausrichtung, die Prozesse, die Kultur und die Dateninfrastruktur eines Unternehmens gleichermaßen betrifft.
Organisationen, die diesen Pfad bewusst gestalten, schaffen die Voraussetzungen, um das Potenzial von AI langfristig zu nutzen. Diejenigen, die ihn ignorieren, riskieren, trotz hoher Investitionen in der Pilotphase stecken zu bleiben.
Das Quellenverzeichnis finden Sie hier.
Viele der oben beschriebenen Erfolgsfaktoren entstehen nicht zufällig, sondern durch ein bewusst gestaltetes Vorgehen. Hier setzt der AI Transformation Circle der Hochschule Luzern an. Das Programm richtet sich an Unternehmen, die AI nicht nur testen, sondern systematisch in ihre Wertschöpfung integrieren möchten.
In einem mehrstufigen, praxisorientierten Rahmen arbeiten Führungskräfte und Fachverantwortliche gemeinsam an einem klaren Zukunftsbild, definieren priorisierte Anwendungsfelder, analysieren Prozesse und Datenstrukturen, entwickeln Governance-Modelle und erarbeiten konkrete Umsetzungsschritte für die eigene Organisation. Durch den Austausch mit anderen Unternehmen, die ähnliche Herausforderungen bearbeiten, entsteht zudem ein wertvoller Lernraum, der den Transfer in den Alltag erleichtert.
Für Unternehmen, die AI nicht als isolierte Technologieeinführung, sondern als strategische Organisationsentwicklung begreifen möchten, bietet der Transformation Circle eine fundierte, strukturierte und praxisnahe Begleitung. Er schafft genau jene Klarheit, Tiefe und Systematik, die in den Studien als entscheidend identifiziert wurden und unterstützt Organisationen dabei, AI aus der Pilotphase herauszuführen und langfristig produktiv zu machen.
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