26. Januar 2026
Serielles Bauen ist ein Ansatz, um den steigenden Bedarf an bezahlbarem und nachhaltigem Wohnraum effizient zu decken. Gleichzeitig ermöglicht es, verbaute Materialien zu katalogisieren und als zukünftige Ressource erkennbar und zugänglich zu machen. Die Herausforderung liegt darin, trotz Standardisierung Gestaltungsfreiheit und individuelle Lösungen zu ermöglichen, damit gesellschaftliche Akzeptanz erreicht werden kann und lebendige, vielfältige Quartiere entstehen können.
Ein Artikel von: Marián Brunzel und Tanja Zulauf
Die Immobilien- und Bauwirtschaft steht vor einer der grössten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte: steigende Baupreise, knappe Ressourcen und eine anhaltende Wohnungsknappheit (BFS (b), 2025; BWO, 2025). Aufgrund der demografischen Entwicklung ist davon auszugehen, dass die Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2045 die Marke von 10 Mio. Personen überschreiten wird (BFS (a), 2025). Hinzu kommt, dass die Baukosten in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen sind – bedingt durch höhere Materialpreise, Fachkräftemangel und strengere regulatorische Anforderungen. Die durchschnittliche Preissteigerung zwischen 2020 und 2025 beträgt 15,8% (BFS (b), 2025).
Mindestens von gleicher Bedeutung ist die Reduktion der Treibhausgasemissionen. Das Klimaschutzgesetz der Schweiz (KlG) ist am 1. Januar 2025 in Kraft getreten (KIG, 2022). Die Schweiz verpflichtet sich damit, ihre Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Netto-Null zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, muss auch die Bauindustrie – als einer der wesentlichen Verursacher von CO2-Emissionen – einen entscheidenden Beitrag leisten (Swissbau, ohne Datum).
Um dieser Herausforderung zu begegnen, braucht es innovative Ansätze, die Effizienz, Qualität und Wirtschaftlichkeit vereinen. Ein solcher Ansatz ist das serielle Bauen, das aktuell wieder verstärkt in den Fokus rückt. Dank industrieller Vorfertigung und standardisierten Prozessen können Bauzeiten erheblich verkürzt und Kosten reduziert werden.
Serielles Bauen basiert auf wiederholenden, standardisierten Prozessen bei der Herstellung von Bauwerken. Einzelne Elemente werden weitgehend im Werk vorgefertigt und anschliessend auf der Baustelle montiert. Dadurch wird die Baustelle zu einem Montageplatz, auf dem die fertigen Bauteile nur noch zusammengefügt werden. Dies stellt eine deutliche Abkehr vom herkömmlichen Bauprozess dar und erfordert völlig neue Abläufe in der Planung.
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass ein Gebäude nicht mehr als individueller Prototyp betrachtet wird, sondern als Produkt. Bereits in der Planungsphase spielen Aspekte wie effiziente Fertigungsprozesse, optimaler Materialeinsatz und optimierte Detailausbildungen eine zentrale Rolle. Der Planungsprozess ist dabei losgelöst von einem einzelnen Projekt. Stattdessen erfolgt eine einmalige, sehr intensive Entwicklung des Systems bis ins kleinste Detail – ein Aufwand, der in einer klassischen Projektplanung nicht wirtschaftlich realisierbar wäre.

Serielles Bauen wird häufig mit modularer Bauweise gleichgesetzt, wobei hier jedoch zu differenzieren ist: Serielles Bauen basiert auf standardisierten Grundrissen und Bauweisen, die mehrfach reproduzierbar sind. Die Bauteile können sowohl vorgefertigt als auch konventionell errichtet werden. Modulares Bauen setzt hingegen auf vollständig vorgefertigte Raummodule, die auf der Baustelle nur noch montiert werden. Jedes modular gebaute Gebäude ist seriell, aber nicht jedes serielle Bauprojekt nutzt eine modulare Bauweise. (Allplan, 2025)
Aktuelle Entwicklungen zeigen hybride Lösungen. So kombiniert Implenia vorgefertigte Raummodule mit 2D-Elementen. Dieses Baukastenprinzip schafft mehr Flexibilität, um die spezifischen Anforderungen jedes Standorts zu erfüllen und gleichzeitig die lokalen Bauvorschriften einzuhalten (Implenia, 2025).

Die zunehmende Aufmerksamkeit für serielle Bauweise weckt gewisse Assoziationen zur Elektromobilität. Wer kannte Elektroautos, bevor ein kalifornischer Hersteller sie um 2010 massentauglich machte? Dabei waren Elektrofahrzeuge bereits vor über 100 Jahren beliebt und besonders in den Städten verbreitet (EnBW, 2024).
Auch das serielle Bauen ist keine Erfindung der Neuzeit: Bereits in den 1920er-Jahren etablierte sich der Holzbau als geeignetes Material für serielle Fertigung (Klinkenbusch, 2006, S. 20). Einer der Pioniere war der Architekt Konrad Wachsmann (1901–1980), der als Wegbereiter des industriellen Bauens gilt. In Niesky (D) entwarf er eine Mustersiedlung, die moderne Fertigungsmethoden demonstrierte und gleichzeitig die Verringerung des Holzverbrauchs und eine zunehmende Vorfertigung ermöglichte (Klinkenbusch, 2006, S. 23). Zu den prominenten Förderern zählt auch Albert Einstein, der sich 1929 in Caputh bei Berlin ein Sommerhaus in Tafelbauweise errichten liess.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in den Staaten des Warschauer Pakts aufgrund massiver Wohnungsnot Plattenbausiedlungen mit Millionen von Wohnungen. Die Vorteile lagen auf der Hand: schnell und günstig konnte dringend benötigter Wohnraum bereitgestellt werden. Die Nachteile traten später zutage: eintönige Architektur, mangelnde Identifikation, sozialräumliche Brennpunkte. Das negative Image blieb bis heute haften (Hochwarth, 2025).
Die Schweiz setzte die serielle Bauweise ab den 1960er-Jahren ein, als die Wohnungsnachfrage stark anstieg. Anders als in Osteuropa richteten sie sich nicht an die Unterschicht, sondern an eine wachsende Mittelschicht (Furter & Schoeck-Ritschard, 2013).
Die Bauunternehmung Ernst Göhner AG prägte diese Entwicklung massgeblich. Zwischen 1965 und 1975 entstanden die sogenannten „Göhnerbauten“, die einen enormen Bauboom auslösten. Göhner setzte auf renommierte Architekten, gut besonnte und attraktiv geschnittene Grundrisse sowie hochwertige Bau- und Siedlungsqualität. Bis Mitte der 1970er-Jahre entstanden rund 9’000 Wohnungen im Schweizer Mittelland – etwa ein Viertel der damaligen jährlichen Wohnungsproduktion. Der Öl-Schock 1973 und die darauffolgende Wirtschaftskrise führte jedoch zu einem Einbruch der Wohnungsnachfrage. In der Folge schlossen Vorfabrikationswerke und die industriell vorgefertigte Bauweise in der Schweiz kam vorerst zum Erliegen (Furter, 2025).
Nach Jahrzenten geringer Relevanz gewinnt die serielle Bauweise heute wieder an Bedeutung – nicht zuletzt wegen der Vorteile, die sie im aktuellen Umfeld bietet.
Die industrielle Fertigung in Kombination mit einem auf Baukastensystemen basierenden Planungsprozess reduziert die Erstellungsdauer eines Gebäudes erheblich, was sich tendenziell kostensenkend auf das Bauprojekt auswirkt (Allplan, 2025). Ein positiver Nebeneffekt der reduzierten Bauzeit geht damit einher, dass die Akzeptanz bei der Nachbarschaft entsprechend grösser ist: Wenn die Baustelle auf der Nachbarparzelle nicht 18, sondern nur 14 Monate dauert, sorgt das für eine positive Resonanz. Diese wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Bauabläufe deutlich weniger Lärm verursachen.


Ein weiterer Vorteil liegt in der Kostenplanung. Die Standardisierung von Bauteilen und Detaillösungen ermöglicht bereits in frühen Planungsphasen sehr präzise Kostenangaben. Während bei konventionellen Bauweisen die Kostenermittlung zu Projektbeginn oft nur eine Genauigkeit von +/- 25 % erreicht, erlaubt das serielle Bauen bereits in frühen Projektphasen eine deutlich höhere Kostensicherheit. Überraschungen in Form von erheblichen Kostenabweichungen an Phasenabschlüssen können so vermieden werden. Das Bauunternehmen Goldbeck, einer der führenden Anbieter von Systembaulösungen in Deutschland, wirbt damit, bereits in der frühesten Projektphase fixe Kosten garantieren zu können (Goldbeck, ohne Datum, S. 9).
Auch die Qualität wird durch die serielle Bauweise gesteigert: Automatisierte Fertigungsprozesse und standardisierte Abläufe sorgen für einen hohen Qualitätsstandard. Erfahrungen aus realisierten Projekten fliessen kontinuierlich in die Planung zurück und führen zu einer stetigen Verbesserung des Produkts. Klassische Baumängel wie undichte Anschlüsse oder Wärme- und Schallbrücken, die erhebliches Schadenspotenzial bergen, können nahezu vollständig ausgeschlossen werden.
Ebenso relevant ist der Beitrag zur Nachhaltigkeit. Die eingesetzte Planungs- und Fertigungsmethodik definiert exakt, welche Bauteile mit welchen Eigenschaften verwendet werden. Vorgaben zur CO₂-Reduktion lassen sich präzise umsetzen. Darüber hinaus wird es zunehmend wichtiger, die verbauten Materialien und ihre Eigenschaften genau zu kennen um die Zirkularität – also die Wiederverwendung der Materialien zu fördern. Damit Materialien nicht als Abfall enden, müssen sie eine Identität erhalten (Oberhuber & Rau, 2021, S. 143). Auf der Plattform Madaster (www.madaster.ch), die von der gemeinnützigen Madaster Foundation (NL) betrieben wird, können einzelne Bauteile detailliert erfasst werden. Zudem kann geprüft werden, ob sich die eingesetzten Materialien und Produkte für eine Wiederverwendung eignen (Madaster, ohne Datum). Diese Materialtransparenz lässt sich besonders gut durch serielle Bauprozesse sicherstellen.

Aufgrund der historischen Entwicklung assoziieren viele immer noch triste Plattenbausiedlungen mit seriellem Bauen (Hochwarth, 2025). Zudem überzeugt ein grosser Teil der derzeit realisierten Projekte gestalterisch nur bedingt und trägt somit wenig zum Mentalitätswandel bei. Für die breite Akzeptanz serieller Bauweisen ist jedoch die Zustimmung von Nutzern und Gemeinden entscheidend. Bestehende Vorbehalte durch qualitativ überzeugende Beispiele abzubauen, gehört daher zu den zentralen Aufgaben, um die serielle Bauweise weiter zu etablieren.
Jüngste Erfahrungen zeigen, dass Mieter seriell gefertigte Gebäude durchaus schätzen, wenn Standardisierung mit hoher Wohn- und Aufenthaltsqualität kombiniert wird (Dräger, 2025). Eine sorgfältige Integration in den städtebaulichen Kontext ist dabei essenziell: Seriell gefertigte Bauten müssen an die spezifischen Eigenheiten der Parzelle und ihrer Umgebung anpassbar sein. Moderne Systembauweisen – etwa hybride Ansätze aus Raummodulen und 2D-Elementen – bieten hierfür die notwendige Flexibilität. Entscheidend ist, dass Standardisierung nicht als gestalterische Einschränkung verstanden wird, sondern als Grundlage für vielfältige architektonische Lösungen. Eine frühzeitige Einbindung von Gemeinden und Nutzern kann zudem Vorbehalte reduzieren und die Akzeptanz erhöhen.

Ein gelungenes Beispiel dafür, wie serielles Bauen einen relevanten Beitrag zur verdichteten Stadtentwicklung leisten kann, ohne die gestalterische Qualität zu vernachlässigen, ist die Überbauung „Woodie“ von Sauerbruch Hutton Architekten. Dieses innovative Wohnbauprojekt in Hamburg-Wilhelmsburg, welches in Modulbauweise errichtet wurde, bietet 371 Microapartments für Studierende. Die Architektur greift den Massstab der Umgebung auf und kombiniert eine Stahlbetonbasis mit vorgefertigten Holzmodulen aus Brettschichtholz. Die Fassade besteht aus vorvergrauter Lärche (Sauerbruch Hutton, ohne Datum).
Serielles Bauen bietet die Chance, den steigenden Wohnraumbedarf effizient, ressourcenschonend und qualitativ hochwertig zu decken. Die Kombination aus standardisierten Prozessen und industrieller Vorfertigung verkürzt Bauzeiten, erhöht die Kostensicherheit und verbessert die Bauqualität. Gleichzeitig ermöglicht die systematische Erfassung von Materialien ihre Wiederverwendung – eine wichtige Voraussetzung für Zirkularität.
Allerdings zeigt die historische Erfahrung, dass Effizienz allein nicht genügt. Die gesellschaftliche Akzeptanz hängt wesentlich von gestalterischer Qualität und einer überzeugenden Einbindung in den städtebaulichen Kontext ab. Moderne Ansätze wie hybride Bauweisen belegen, dass sich Standardisierung und architektonische Vielfalt grundsätzlich vereinbaren lassen, doch machen bislang realisierte Projekte deutlich, dass gestalterisch noch Potenzial besteht.Damit steht die Branche an einem Wendepunkt: Gelingt es, die Vorteile industrieller Bauprozesse mit hoher Wohn- und Aufenthaltsqualität zu verbinden, könnte das serielle Bauen – ähnlich wie die Elektromobilität – seinen „Tesla-Moment“ erleben und zu einem entscheidenden Baustein für die Bauweise der Zukunft werden.
Das Literaturverzeichnis finden Sie hier.
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