8. Juni 2026
Am 1. Juni 2026 trafen sich an der Hochschule Luzern Fach- und Führungskräfte aus Immobilienwirtschaft, Technologie, Facility Management, Investment und Forschung zur AI@RE Konferenz unter dem Leitmotiv „Reprogramming Real Estate“. Die Veranstaltung zeigte eindrücklich, dass die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz eine neue Phase erreicht hat. Während in den vergangenen Jahren vor allem über Tools, Chatbots und erste Pilotprojekte gesprochen wurde, stand diesmal die Frage im Zentrum, wie Unternehmen AI konkret in ihre Prozesse, Organisationen und Geschäftsmodelle integrieren können.
Ein Artikel von: Jonas Haab
Bereits zur Eröffnung machten Prof. Dr. Markus Schmidiger und Dr. Marc Gille-Sepehri deutlich, dass es nicht um weitere Diskussionen über einzelne Anwendungen gehen soll. Im Fokus standen praxisnahe Erfahrungen, konkrete Umsetzungsansätze und die Frage, wie sich die Immobilienwirtschaft langfristig auf die neue technologische Realität vorbereiten kann.
Die erste Keynote von Dr. Christoph Holzmann widmete sich der Frage, was AI heute noch nicht kann und welche Entwicklungen in den kommenden Jahren zu erwarten sind. Dabei wurde AI als sogenannte General Purpose Technology eingeordnet, vergleichbar mit Elektrizität, Internet oder Eisenbahn. Solche Technologien verändern nicht nur einzelne Arbeitsprozesse, sondern ganze Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme.
Besonders eindrücklich war die Vorstellung der verschiedenen Entwicklungsstufen moderner AI-Systeme. Während Unternehmen heute noch hauptsächlich mit Konversations-AI arbeiten, zeichnen sich bereits agentische Systeme ab, die eigenständig Ziele verfolgen, Entscheidungen vorbereiten und zunehmend komplexe Aufgaben übernehmen können. Die eigentliche Herausforderung liege deshalb nicht in der Technologie selbst, sondern in der Fähigkeit von Organisationen, sich auf die daraus entstehenden Veränderungen einzustellen.

Wie diese Transformation praktisch aussehen kann, zeigten Dr. Marc Gille-Sepehri und Prof. Dr. Michael zur Mühlen im Vortrag zum Agentic Business Process Management.
Ihre zentrale These: AI automatisiert keine Unternehmen, sondern einzelne Aufgaben. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn diese Aufgaben in intelligente Prozesse eingebettet werden. Dabei gewinnen sogenannte AI-Agenten zunehmend an Bedeutung. Sie greifen nicht nur auf Sprachmodelle zurück, sondern verbinden Datenbanken, Suchsysteme, Fachwissen und externe Werkzeuge zu autonomen Prozessketten.
Gerade in der Immobilienwirtschaft eröffnet dies neue Möglichkeiten. Viele Informationen liegen heute noch verteilt in Dokumenten, E-Mails, Excel-Dateien oder im Erfahrungswissen einzelner Mitarbeitender. Agentische Systeme können dieses Wissen künftig strukturieren und für operative Prozesse nutzbar machen.

Einen kritischen Blick auf die vergangenen Jahre warf Stefan Zanetti. Seine Analyse der PropTech-Entwicklung lieferte wichtige Erkenntnisse für die aktuelle AI-Welle.
Viele PropTech-Unternehmen hätten vor allem Softwarefunktionen verkauft, während Immobilienunternehmen eigentlich konkrete Ergebnisse erwarteten. Die Folge seien zahlreiche Lösungen gewesen, die technisch überzeugten, den operativen Nutzen jedoch nicht ausreichend sichtbar machten.
Für die Zukunft prognostiziert Zanetti einen fundamentalen Wandel: Statt Software werden zunehmend Resultate verkauft. Digitale Assistenten und AI-Agenten übernehmen Aufgaben direkt und agieren zunehmend wie virtuelle Mitarbeitende. Entscheidend wird deshalb weniger die Technologie selbst sein als das Verständnis für die tatsächlichen Probleme und Bedürfnisse der Immobilienbranche.

Dass diese Entwicklung längst begonnen hat, zeigten die Praxisbeispiele am Vormittag.
Helvetia präsentierte gemeinsam mit QAECY ihren Ansatz für AI-gestütztes Wissensmanagement. Ausgangspunkt waren die typischen Herausforderungen grosser Immobilienorganisationen: tausende Dokumente, heterogene Datenbestände und fehlende Transparenz über vorhandenes Wissen.
Die Lösung basiert auf sogenannten Knowledge Graphs. Dokumente werden dabei nicht mehr lediglich gespeichert, sondern in strukturierte Wissenselemente zerlegt und miteinander verknüpft. Dadurch kann AI Zusammenhänge erkennen, Due-Diligence-Prozesse unterstützen, Risiken identifizieren oder automatisch Management-Dashboards erstellen.
Ein weiteres eindrückliches Praxisbeispiel lieferten Peter Halter Immobilien und ailean.io. Anhand von über tausend realen Mieteranfragen wurde gezeigt, wie AI die Bearbeitung standardisierter Kundenanliegen unterstützen kann. Die Präsentation verdeutlichte, dass AI insbesondere dort Mehrwert schafft, wo grosse Mengen wiederkehrender Aufgaben effizient verarbeitet werden müssen.
Auch der Beitrag von Jörg Jungedeitering zeigte, wie sich regulatorische Anforderungen und Richtlinien im Facility Management in operative Prozesse übersetzen lassen. Dabei wurde deutlich, dass erfolgreiche AI-Projekte immer eine Kombination aus Technologie, Datenqualität und organisatorischer Verankerung erfordern.
Am Nachmittag vertieften die Teilnehmenden die Diskussion in drei parallelen Workshop-Tracks.
Der Track „Operations & Data Intelligence“ beschäftigte sich mit der Frage, welche Voraussetzungen Unternehmen schaffen müssen, bevor AI überhaupt produktiv eingesetzt werden kann.
Die Referierenden waren sich einig: Datenqualität ist wichtiger als die Wahl des AI-Modells. Ohne strukturierte Daten, integrierte Prozesse und ein gemeinsames Verständnis von Informationen können selbst modernste AI-Systeme keinen nachhaltigen Mehrwert erzeugen.
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung durchgängiger Datenmodelle über den gesamten Immobilienlebenszyklus hinweg. Erst wenn Gebäude-, Betriebs- und Nutzungsdaten miteinander verbunden sind, entstehen die Voraussetzungen für skalierbare AI-Anwendungen.

Im Track „Market Intelligence“ stand die Zukunft datenbasierter Entscheidungen im Mittelpunkt.
Die Referierenden zeigten, dass die Immobilienbranche künftig nicht mehr unter Datenmangel leiden wird. Die eigentliche Herausforderung besteht vielmehr darin, aus einer Vielzahl von Informationen belastbare Entscheidungen abzuleiten.
Neue Anwendungen ermöglichen bereits heute die Analyse tausender Entwicklungsszenarien, die Optimierung ganzer Immobilienportfolios oder die automatisierte Bewertung von Investitionsoptionen. Dennoch blieb eine Botschaft konstant: AI kann Entscheidungen vorbereiten, die Verantwortung bleibt beim Menschen.
Vertrauen, Validierung und Plausibilisierung wurden als zentrale Erfolgsfaktoren hervorgehoben.
Der dritte Track „Human & Organization“ rückte die menschliche Seite der Transformation in den Fokus.
Die Referierenden machten deutlich, dass die grössten Herausforderungen der AI-Einführung nicht technischer, sondern organisatorischer Natur sind. Neue Technologien verändern Aufgaben, Rollen, Führungsverständnisse und Unternehmenskulturen gleichzeitig.
Besonders intensiv diskutiert wurden Fragen der Veränderungsfähigkeit, der mentalen Gesundheit sowie der Kompetenzentwicklung. Unternehmen müssen künftig nicht nur neue Technologien einführen, sondern gleichzeitig Lernfähigkeit, Vertrauen und Resilienz stärken.
Die Luzerner Kantonalbank zeigte dabei eindrücklich, wie AI systematisch über Schulungen, AI-Champions und organisatorische Verankerung eingeführt werden kann. Gleichzeitig wurde deutlich, dass erfolgreiche Transformation weit mehr erfordert als einzelne Pilotprojekte.
Ein besonderer Höhepunkt der AI@RE Konferenz 2026 war die Verleihung des AI@RE Best Use Case Award. Der Preis wird gemeinsam von der Hochschule Luzern, dem ImmobilienBusiness und der Immobilien Zeitung vergeben und zeichnet Unternehmen aus, die Künstliche Intelligenz nicht nur testen, sondern bereits erfolgreich und messbar in ihre Geschäftsprozesse integriert haben.
Die fünf nominierten Unternehmen zeigten eindrücklich, wie vielfältig die Einsatzmöglichkeiten von AI entlang der Immobilienwertschöpfungskette inzwischen sind. Die Bandbreite reichte von automatisierter Gebäudedokumentation über datengetriebenes Asset Management bis hin zu vollständig neu gedachten Bewirtschaftungs- und Maklerprozessen.
Den diesjährigen Award gewann Avendo.

Mit seiner Lösung demonstrierte Avendo, wie sich das traditionelle Maklergeschäft durch Künstliche Intelligenz grundlegend neu gestalten lässt. Statt einzelne Prozessschritte zu optimieren, verfolgt das Unternehmen einen ganzheitlichen Ansatz: Von der Akquise über die Immobilienbewertung bis hin zur Vermarktung, dem Lead-Management und der Verkaufsabwicklung wird der gesamte Prozess digital unterstützt und intelligent orchestriert.
Besonders beeindruckte die Jury die konsequente Integration verschiedener AI-Komponenten in ein durchgängiges Ökosystem. Predictive Analytics, intelligente Agenten und automatisierte Workflows greifen nahtlos ineinander und ermöglichen erhebliche Effizienzsteigerungen sowie eine deutlich höhere Skalierbarkeit. Gleichzeitig profitieren Kundinnen und Kunden von schnelleren Abläufen und einer verbesserten Servicequalität.
Avendo zeigt exemplarisch, wie AI nicht nur einzelne Aufgaben automatisieren, sondern ganze Geschäftsmodelle transformieren kann. Damit steht das Unternehmen sinnbildlich für die Entwicklung, die sich während der gesamten Konferenz als roter Faden durch viele Vorträge zog: Der grösste Mehrwert entsteht dort, wo Prozesse, Daten und AI zu einem integrierten Gesamtsystem zusammenwachsen.
Neben dem Gewinner präsentierten vier weitere Unternehmen innovative Lösungen mit hohem Praxisnutzen.
Bewy zeigte, wie sich die Immobilienbewirtschaftung mit AI-Agenten, Voice Bots und intelligenten Workflows neu organisieren lässt. Dabei bleibt der Mensch bewusst Teil des Prozesses und übernimmt Kontrolle sowie Qualitätssicherung. Das Ergebnis ist ein skalierbares Betriebsmodell mit deutlich höherer Effizienz und verbessertem Kundenservice.
Flint demonstrierte das Potenzial von Computer Vision für die automatisierte Erfassung von Gebäude- und Anlagendaten. Dokumente, Pläne, Fotos und Videos werden automatisiert analysiert und in strukturierte Datensätze überführt. Dadurch lassen sich Bestandsaufnahmen und Dokumentationsprozesse erheblich beschleunigen.
Scandens überzeugte mit einer Plattform zur datenbasierten Sanierungs- und Investitionsplanung. Durch die Verknüpfung von Gebäude-, Energie- und Zustandsdaten können verschiedene Entwicklungsszenarien simuliert und hinsichtlich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und regulatorischer Anforderungen bewertet werden.
Vyzn wiederum zeigte, wie AI und BIM die Projektentwicklung verändern können. Die Plattform analysiert digitale Gebäudemodelle automatisiert und optimiert Varianten gleichzeitig hinsichtlich Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und technischer Machbarkeit. Entscheidungen, die bisher Wochen benötigten, können dadurch innerhalb weniger Minuten vorbereitet werden.
Die Verleihung des AI@RE Best Use Case Award machte deutlich, wie stark sich die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz in der Immobilienwirtschaft verändert hat. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr einzelne Tools oder technologische Möglichkeiten, sondern konkrete Geschäftsergebnisse und messbarer Nutzen.
Die Finalisten zeigten eindrücklich, dass AI bereits heute produktiv eingesetzt wird und reale Mehrwerte schafft. Gleichzeitig wurde sichtbar, dass erfolgreiche Lösungen fast immer auf derselben Grundlage beruhen: qualitativ hochwertige Daten, integrierte Prozesse und ein tiefes Verständnis der jeweiligen Geschäftsanforderungen.
Der diesjährige Gewinner Avendo verkörpert diese Entwicklung besonders konsequent und setzte damit ein starkes Zeichen für die Zukunft der digitalen Immobilienwirtschaft.

Über sämtliche Vorträge und Workshops hinweg zog sich eine gemeinsame Erkenntnis: Der entscheidende Wettbewerbsvorteil entsteht künftig nicht durch den Zugang zu AI allein. Erfolgreich werden jene Organisationen sein, die es schaffen, Daten, Prozesse, Wissen und Menschen intelligent miteinander zu verbinden.
Die AI@RE 2026 hat gezeigt, dass die Immobilienwirtschaft die Experimentierphase zunehmend hinter sich lässt. Die Diskussion verschiebt sich von der Frage, ob AI eingesetzt werden soll, hin zur Frage, wie Unternehmen ihre Organisationen für eine zunehmend agentische und datengetriebene Zukunft neu gestalten können.
Damit wurde deutlich: Reprogramming Real Estate ist weit mehr als ein Konferenzmotto. Es beschreibt die zentrale Herausforderung, vor der die gesamte Branche steht.
Viele Unternehmen experimentieren mit AI. Nur wenige integrieren sie systematisch in ihre Wertschöpfung.
Der AI Transformation Circle bietet den strukturierten Rahmen dafür. Sie arbeiten gemeinsam mit anderen Unternehmen an:
Klare strategische Organisationsentwicklung. Und konkrete Umsetzung mit sofort nutzbaren Resultaten.
Der Circle hilft Ihnen, AI aus der Pilotphase zu führen und dauerhaft produktiv zu machen.
Unsere Webinarreihe beleuchtet regelmässig aktuelle Fragestellungen an der Schnittstelle von AI und Immobilienwirtschaft.
Nächstes Webinar:
9. Juni 2026
„AI in Kernprozessen der Immobilienwirtschaft“
In unseren Seminaren und Workshops vertiefen wir die Themen praxisnah und mit konkreter Transferunterstützung für Ihr Unternehmen.
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