17. Juni 2026

AI@RE Webinare,

AI@Real Estate

AI in Kernprozessen der Immobilienwirtschaft

Künstliche Intelligenz hat sich in den vergangenen Jahren von einer technologischen Spielerei zu einem ernstzunehmenden Werkzeug für Unternehmen entwickelt. Insbesondere in der Immobilienwirtschaft eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten, Prozesse effizienter zu gestalten, Entscheidungen fundierter zu treffen und Mitarbeitende von zeitaufwendigen Routinetätigkeiten zu entlasten. Im Rahmen eines Webinars der Hochschule Luzern zeigte Marc Gille, Dozent und Forscher im Bereich Artificial Intelligence in Real Estate, wie AI heute bereits in Kernprozessen der Immobilienwirtschaft eingesetzt werden kann und warum die eigentliche Transformation erst dann beginnt, wenn AI nicht mehr nur einzelnen Mitarbeitenden hilft, sondern direkt in Unternehmensprozesse integriert wird.

AI in Kernprozessen der Immobilienwirtschaft

Ein Artikel von: Dr. Mark Gille-Sepehri

Die Aufzeichnung des Webinars finden Sie hier:

Die erste Stufe: AI als persönlicher Assistent

Die meisten Anwenderinnen und Anwender nutzen AI heute über Chatbots wie ChatGPT, Claude, Gemini oder Copilot. Dabei werden Dokumente hochgeladen, Informationen analysiert oder Texte erstellt. In der Immobilienwirtschaft eignen sich diese Anwendungen beispielsweise für:

  • die Analyse von Mietverträgen
  • die Erstellung von Mieterlisten für Bewertungen
  • die Auswertung von Ausschreibungen
  • die Prüfung von Offerten
  • die Vorbereitung von Transaktionen
  • die Unterstützung bei Angebotskalkulationen

Besonders bei grossen Dokumentenmengen kann AI erhebliche Zeitersparnisse erzielen. Statt hunderte Seiten manuell zu prüfen, lassen sich relevante Informationen innerhalb weniger Minuten extrahieren und strukturieren.

Dabei handelt es sich jedoch vor allem um eine Verbesserung der individuellen Produktivität. Die Verantwortung für die Einordnung der Ergebnisse, die Weiterverarbeitung der Informationen und die Einbindung in bestehende Abläufe bleibt weiterhin beim Menschen.

Moderne Chatbots sind längst mehr als Sprachmodelle

Viele Nutzerinnen und Nutzer nehmen Chatbots noch immer als einfache Frage-Antwort-Systeme wahr. Tatsächlich arbeiten moderne AI-Systeme inzwischen deutlich komplexer.

Hinter den Kulissen orchestrieren sogenannte agentische Systeme verschiedene Werkzeuge. Dazu gehören beispielsweise:

  • Internetrecherchen
  • Dokumentenanalysen
  • Tabellenkalkulationen
  • Datenextraktionen
  • Berechnungen
  • Dateisynthesen

Das Sprachmodell selbst dient dabei zunehmend als Koordinator, der entscheidet, welche Werkzeuge zur Lösung einer Aufgabe eingesetzt werden müssen.

Dadurch können heute Aufgaben bearbeitet werden, die noch vor wenigen Jahren kaum automatisierbar erschienen. So lassen sich beispielsweise umfangreiche Ausschreibungsunterlagen analysieren, Mietvertragsdaten extrahieren oder Investitionsrechnungen erstellen.

Unternehmenswissen als Wettbewerbsvorteil nutzen

Der nächste Entwicklungsschritt besteht darin, die AI nicht nur mit einzelnen Dokumenten zu versorgen, sondern mit dem gesamten Wissensbestand eines Unternehmens.

Hier kommen sogenannte Retrieval-Augmented-Generation-Systeme (RAG) zum Einsatz. Dabei werden grosse Mengen an Unternehmensdokumenten so aufbereitet, dass die AI gezielt auf relevante Informationen zugreifen kann.

Für Immobilienunternehmen bedeutet dies beispielsweise Zugriff auf:

  • historische Ausschreibungen
  • Angebotsunterlagen
  • Mietverträge
  • Datenräume vergangener Transaktionen
  • Präsentationen und Pitch Decks
  • interne Richtlinien

Dadurch kann die AI nicht nur einzelne Dokumente analysieren, sondern auf Erfahrungen und Wissen aus vielen Jahren Unternehmensgeschichte zurückgreifen.

Ein Beispiel: Geht eine neue Ausschreibung ein, kann die AI automatisch ähnliche Projekte aus der Vergangenheit identifizieren, passende Leistungsbeschreibungen finden und erste Angebotsentwürfe erstellen.

Der wahre Mehrwert entsteht in den Prozessen

Nach Ansicht von Marc Gille liegt das grösste Potenzial jedoch nicht in einzelnen Tools oder Chatbots, sondern in der Neugestaltung von Geschäftsprozessen.

Viele Unternehmen verfügen heute über ERP-, CRM- oder Bewirtschaftungssysteme, die zentrale Prozesse unterstützen. Gleichzeitig existieren zahlreiche manuelle Arbeitsschritte zwischen diesen Systemen.

Genau hier kann AI ansetzen.

Statt einzelne Aufgaben zu automatisieren, können komplette Prozessketten digitalisiert werden. Beispielsweise könnte ein Ausschreibungsprozess künftig folgendermassen ablaufen:

  1. Eingang einer Ausschreibung per E-Mail
  2. Automatische Analyse der Unterlagen
  3. Zusammenfassung relevanter Anforderungen
  4. Bewertung durch eine verantwortliche Person
  5. Übernahme ins CRM-System
  6. Erstellung erster Angebotsentwürfe
  7. Vorbereitung der Kalkulation

Der Mensch bleibt dabei weiterhin Teil des Prozesses und trifft die entscheidenden Entscheidungen. Die zeitintensive Vorarbeit übernimmt jedoch die AI.

Human in the Loop bleibt unverzichtbar

Ein zentrales Thema des Webinars war die Bedeutung des sogenannten „Human in the Loop“.

Auch wenn AI immer leistungsfähiger wird, können Verantwortung und Haftung nicht vollständig an Maschinen delegiert werden. Deshalb wird es auch künftig Prozessschritte geben, bei denen Menschen Entscheidungen überprüfen, freigeben oder korrigieren.

Gerade in der Immobilienwirtschaft, wo es um Verträge, Investitionen oder regulatorische Anforderungen geht, bleibt diese menschliche Kontrolle unverzichtbar.

Die Rolle der Mitarbeitenden verändert sich dadurch jedoch grundlegend: Statt Informationen zu sammeln und aufzubereiten, konzentrieren sie sich stärker auf Beurteilung, Steuerung und Entscheidungsfindung.

Neue Möglichkeiten durch vernetzte Systeme

Eine wichtige technologische Entwicklung sind standardisierte Schnittstellen, über die AI-Systeme mit anderen Anwendungen kommunizieren können.

Dadurch lassen sich künftig nicht nur interne Systeme integrieren, sondern auch externe Datenquellen wie:

  • Marktanalysen
  • Standortdaten
  • GIS-Daten
  • Bewertungsdatenbanken
  • Unternehmensinformationen
  • öffentliche Register

Für Bewertungs-, Portfolio- oder Investitionsentscheidungen können so verschiedenste Informationsquellen automatisiert zusammengeführt und ausgewertet werden.

Die Zukunft gehört intelligenten Geschäftsprozessen

Die zentrale Botschaft des Webinars war eindeutig: Der Einsatz von AI sollte nicht auf einzelne Chatbots oder Produktivitätsgewinne beschränkt bleiben.

Während die individuelle Nutzung von AI heute bereits zum Arbeitsalltag gehört, liegt das eigentliche Transformationspotenzial in der intelligenten Verknüpfung von Daten, Systemen und Prozessen.

Unternehmen, die frühzeitig lernen, ihre Geschäftsprozesse mit AI neu zu denken, können nicht nur effizienter arbeiten, sondern auch schneller auf Marktveränderungen reagieren und nachhaltige Wettbewerbsvorteile aufbauen.

Gerade in einer Branche, die traditionell stark von Dokumenten, Informationen und komplexen Abläufen geprägt ist, eröffnet die Kombination aus menschlicher Expertise und künstlicher Intelligenz völlig neue Möglichkeiten für die Zukunft der Immobilienwirtschaft.

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