Eine schlechte Work-Life-Balance, ein knallharter Dienstplan, das Sozialleben wegen Wochenend- und Nachtschichten verpassen: Dies sind gängige Vorurteile über das Arbeiten in der Pflege. Aber stimmen sie? Jessica Wiler und Norina Tausend sind junge Frauen, die mitten im Leben stehen und mit viel Engagement in der Pflege tätig sind. Und sie räumen mit den veralteten Klischees auf.
Jessica Wiler ist mit ihren 27 Jahren bereits Abteilungsleiterin bei der Residio AG, einem Alters- und Pflegeheim in Hochdorf. Sie ist diplomierte Pflegefachfrau mit Berufserfahrung im Akutspital wie auch in der Langzeitpflege, leitet ein Team von zwanzig Mitarbeitenden und ist gemeinsam mit ihrem Team zuständig für 38 Bewohnende. Von ihrem 100-Prozent-Pensum arbeitet sie rund 30 Prozent in der direkten Pflege, 70 Prozent sind der Administration und Personalführung gewidmet. Darunter fallen Aufträge wie die Rekrutierung und das Begleiten der Mitarbeiter:innen, das Organisieren von Weiterbildungen für das Team, das Abrechnungssystem BESA oder die Qualitätssicherung und Hygiene in Zusammenarbeit mit der Pflegeexpertise.
Viel Aufwand betreibt Wiler mit dem Schreiben der Dienstpläne: «Ich investiere viel Zeit dafür, den Wünschen der Mitarbeitenden entgegenzukommen. Das ist auch in geschätzt 95 Prozent aller Fälle möglich.» Sie berücksichtigt etwa die Hobbys ihrer Mitarbeitenden: Wer am Montagabend fix Handballtraining hat, muss dann nicht arbeiten. Überhaupt könnten die Team-Mitglieder flexibel und selbstständig Dienste tauschen; da müsse sie als Vorgesetzte nicht direkt informiert werden, da sie ihrem Team viel Handlungsspielraum in diesem Bereich gewähre, sagt Wiler. Und wer nachts arbeite, tue dies freiwillig: «Mein Team ist ein Tag-Team. Wir arbeiten zwischen 7 und 22 Uhr. Daneben gibt es ein Nacht-Team. Die Mitarbeitenden schätzen die Flexibilität der Dienstzeiten und -tage und die unterschiedlichen Arbeitspensen.» Nach einem abendlichen Konzert könnten sie beispielsweise am Folgetag einfach die Spätschicht übernehmen, während andere einen Ferientag opfern müssten, um auszuschlafen. So könnten sie und ihr Team die Arbeit gut mit dem Privatleben vereinen.
Und was ist der grösste Vorteil, wenn man in der Pflege tätig ist? «Die Interaktion mit den Menschen», erklärt Wiler, ohne zu zögern. «Man kann die Lebensqualität von Menschen positiv beeinflussen. Die Arbeit ist somit äusserst bereichernd und abwechslungsreich.»
Die Sinnhaftigkeit des Pflegeberufs betont auch Norina Tausend. Die 32-Jährige ist Mutter von drei Kindern und arbeitet als Pflegeexpertin APN bei der Spitex Stadt Luzern. Vor zwei Jahren hat Norina den Master in Pflege abgeschlossen und kurz darauf das dritte Kind bekommen. Seit sie 16 Jahre alt ist, ist sie in der Pflege tätig. «Der Beruf hat mich auch persönlich stark weitergebracht», erklärt Tausend. «Gerade in der Konfrontation mit Krankheit und Tod lernt man viel über sich selbst und auch vieles ganz neu zu schätzen.»
«Gerade in der Konfrontation mit Krankheit und Tod lernt man viel über sich selbst und auch vieles ganz neu zu schätzen.»
Die junge Mutter arbeitet in einem selbstorganisierten Team, das heisst, die Aufgaben einer Teamleitung – so etwa auch das Schreiben der Dienstpläne – sind auf die Teammitglieder verteilt. Die Mitarbeitenden können wünschen, ob sie ins Team Tagdienst, Abenddienst oder Nachtdienst möchten und sind dann dauerhaft fix für diese Schichten eingeteilt. Norina Tausends Aufgabenspektrum ist breit gefächert: Einerseits unterstützt sie als Pflegeexpertin die Teams in komplexen Pflege-Situationen, macht Fallbesprechungen, Assessments oder begleitet bei herausfordernden Einsätzen. Andererseits bearbeitet sie strategische Themen wie die Implementierung neuer Prozesse, die Weiterentwicklung der Pflege, den Austausch mit der KESB, Hausärzt:innen, anderen Spitex-Organisationen oder den Krankenkassen. Sie organisiert Schulungen für die Mitarbeitenden und begleitet Master-Thesen und Praktika.
Während sie früher im Akutspital Schichtdienst leistete, hat sie heute fixe Arbeitstage. Das habe natürlich auch Vorteile, sagt Tausend. Zum Beispiel seien die Kitas mit ihren festen Betreuungstagen und den starren Öffnungszeiten schlecht für schichtarbeitende Eltern geeignet. Andererseits habe sie bis vor zwei Jahren Schicht gearbeitet und kaum externe Betreuung für die Kinder gebraucht, da sie ihre Arbeitstage nicht nur auf fünf, sondern auf sieben Tage verteilen und sich mit ihrem Mann abstimmen konnte. Das sei ein grosser Vorteil gewesen. «Manchmal vermisse ich die Schichtarbeit», sagt sie lachend. «An einem Wochentag einen Behördengang erledigen oder in einer leeren Gondel in die Berge fahren, weil alle anderen arbeiten: Das war schon praktisch.»
Von: Eva Schümperli-Keller
Bilder: Ina Amenda, Jessica Wiler, Norina Tausend
Veröffentlicht: 20. Februar 2025
Neue Pflege-Studiengänge an der Hochschule Luzern
Die Hochschule Luzern hat im September 2024 ihren ersten Pflege-Studiengang lanciert. 36 Studierende sind in den verkürzten Bachelor-Studiengang in Pflege für dipl. Pflegefachpersonen gestartet. Aufgrund der hohen Nachfrage gab es einen zusätzlichen Studienstart im Frühling 2025. Der nächste verkürzte Bachelorstudiengang beginnt im Herbst 2025 – es sind noch Plätze verfügbar.
Berufs-, Fach- und gymnasiale Maturand:innen können im Herbst 2025 das reguläre Bachelor-Studium in Pflege beginnen. Ebenfalls ab Herbst 2025 bietet die Hochschule Luzern zudem das Master-Studium in Pflege an.
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