In den Transfermodulen im Master in Pflege setzen die Studierenden die erlernten Kompetenzen in die Praxis um. Noch wichtiger ist aber, dass sie damit in ihre zukünftige Rolle als Advanced Practice Nurse hineinwachsen können. Studierende wie auch Praxispartner bekommen ein Verständnis dafür, wie die neuen Fachkräfte eingesetzt werden können – eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.
Ein Vormittag in einer Hausarztpraxis in der Zentralschweiz: Die angehende Advanced Practice Nurse (APN) hat gerade die Wunde einer älteren Frau, die vor einigen Wochen gestürzt ist, kontrolliert und neu verbunden. Vorher hat sie im Rahmen des Chronic-Care-Managements Patient:innen mit einem Diabetes betreut, davor eine Physiotherapie-Verordnung geschrieben und ein Gespräch mit den Angehörigen einer Krebspatientin geführt. Nun setzt sie sich mit ihrer Mentorin, selbst Pflegeexpertin APN, für eine Kaffeepause und die Besprechung der nächsten Einsätze an den Tisch.
So oder ähnlich könnte der Alltag im Transfermodul in einer Hausarztpraxis aussehen. Transfermodule sind supervidierte Praktika, die es den Studierenden im Master-Studium Pflege ermöglichen, die in der Ausbildung erworbenen Kompetenzen in der Praxis zu vertiefen und weiterzuentwickeln. Die zukünftigen APNs absolvieren drei Transfermodultage in einem 100-Prozent-Pensum – in Akutspitälern, Rehakliniken, Hausarztpraxen, Alters- und Pflegeheimen oder Spitex-Organisationen.
«Das Ziel der Transfermodule ist, dass die Studierenden in ihre zukünftige Rolle als Clinical Nurse Specialist (CNS) oder Nurse Practitioner (NP) hineinwachsen», sagt Sandra Stalder, die Studiengangleiterin im Master in Pflege. «Sie sollen lernen, sich mit der Rolle zu identifizieren.» Stalder hat selbst einen Master in Pflege abgeschlossen und als APN in der Praxis gearbeitet. Sie weiss, worauf es ankommt: «Die APN ist ein relativ neues Berufsbild in der Schweiz. Beide Seiten – die Organisationen, die das Transfermodul anbieten, und die Studierenden – sollen ein Verständnis davon bekommen, wie diese neuen Fachkräfte eingesetzt werden können.»
Und dafür ist durchaus Pionierarbeit gefragt, denn die Rolle der Advanced Practice Nurse ist auch in der medizinischen Praxis noch für viele unbekannt: «APNs sind nicht Helfer:innen der Ärzte», stellt Stalder klar. «Sie sind akademisch ausgebildete Pflegefachpersonen, die über ausgeprägte analytische Fähigkeiten, erweiterte Kompetenzen in der Patient:innenversorgung und ein vertieftes Verständnis der evidenzbasierten Gesundheitsversorgung verfügen. Sie bieten die Möglichkeit der autonomen Praxis und leisten einen relevanten Beitrag für die Gesundheitsversorgung.»
Praxisinstitutionen, die Transfermodule anbieten, stellen den Studierenden Pfleexpert:innen APN als fachliche Begleitpersonen zur Verfügung. Das Ziel ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Praxispartnern, um die Ausbildung der APN praxisnah zu gestalten. Für die Betriebe seien die Transfermodule zwar ein Aufwand, räumt die Studiengangleiterin ein. Dafür würden sie aber einiges bekommen: eine Person im Betrieb, die topmotiviert und mit hohem Engagement für sie tätig ist. «Zudem lernen sie die Rolle der APN näher kennen und können sie mit diesem Wissen in ihrer Organisation stärken. Man präsentiert sich als attraktiver Arbeitsplatz für künftige Bewerbende. Und die Studierenden hinterfragen mit dem frischen Blick von aussen Dinge, die vielleicht im Betrieb übersehen werden – zum Vorteil der Patient:innennversorgung.»
Eine fertig ausgebildete APN im Team zu haben, bringe viele Vorteile, betont Stalder. APNs coachen die Mitarbeitenden in komplexen Situationen des Pflegealltags, beraten fachlich, führen neue Prozesse und Methoden ein und entwickeln die Pflege als Profession weiter. Zudem bezieht der Shared-Governance-Ansatz Fach-, Bildungs- und Führungspersonal aktiv in Entscheidungsprozesse ein, um die Patientenversorgung und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Dabei werden die Pflegekräfte mit der grössten Expertise am Patientenbett für Entscheidungen hinzugezogen, die ihre Arbeitsbereiche betreffen. Dies erhört die Zufriedenheit der Mitarbeitenden sowie ihr Engagement. Und nicht zuletzt, erinnert Stalder, könnten APNs in Zeiten von alternder Gesellschaft und Fachkräftemangel die Gesundheitsversorgung unterstützen und stärken. «Ein Transfermodul anzubieten», sagt sie, «ist eine Investition in die Zukunft.»
Weitere Informationen zu den Transfermodulen finden interessierte Praxispartner sowie Studierende hier.
Chiara Treute arbeitet als Pflegeexpertin und stellvertretende Leiterin Qualitätsmanagement und Entwicklung und stellvertretende Leiterin Pflege bei der Spitex Kanton Zug. Aldo Kramis ist Facharzt für Allgemeine Innere Medizin im Hausarztzentrum Gersag in Emmenbrücke. Hier sprechen die beiden über ihre Erfahrungen mit den Transfermodulen – und darüber, weshalb diese so wichtig sind.
Sie haben bereits Transfermodule betreut. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Da ich selber ein Master-Studium in Pflege gemacht habe, kenne ich beide Seiten: jene der Mentee und jene der Mentorin. Ich habe auf beiden Seiten nur positive Erfahrungen gemacht. Die Transfermodule sind nicht nur eine Bereicherung für die Studierenden, sondern für das gesamte Team und auch für mich persönlich, denn auch ich entwickle mich dadurch weiter.

Sie engagieren sich in einer Arbeitsgruppe, die verbindliche Minimalstandards für Transfermodule formulieren möchte. Was braucht es, damit ein Praxismodul erfolgreich durchgeführt werden kann?
Es braucht keine starren Vorgaben, sondern qualitative Leitlinien. Das Wichtigste ist, dass nicht jede Organisation für sich allein etwas definiert, sondern dass die Standards von Expert:innen verschiedener Organisationen am Runden Tisch ausgearbeitet werden.
In der Arbeitsgruppe geht es uns einerseits darum, dass die Praxisorganisationen die Transfermodule strukturell einführen und zeitliche Ressourcen dafür freigeben. Andererseits geht es um Anpassungen an das jeweilige Setting des Praxismoduls – zum Beispiel Spitex, Akutspital oder Pflegeheim.
Es herrscht ein breiter Konsens darüber, dass die Transfermodule ein wichtiger Teil der Ausbildung sind. Der zeitliche Aufwand für die Betreuung der Studierenden schreckt jedoch mögliche Mentor:innen ab. Wäre eine finanzielle Entschädigung als Anreiz nötig?
Für ein gutes Mentorat muss man sich Zeit nehmen können. Deshalb sind die fehlenden zeitlichen Ressourcen tatsächlich die grösste Herausforderung als Mentor:in. Wichtiger als finanzielle Anreize scheint es mir deshalb, dass wir als Mentor:innen von den Organisationen, für die wir arbeiten, strukturell anerkannt werden: Die Transfermodule sind eine strategische Investition für die Zukunft. Daher ist eine der Ausbildung entsprechende Finanzierung nicht nur sinnvoll, sondern zwingend notwendig.
Fertig augebildete APN sind eine Chance für die Weiterentwicklung des Gesundheitswesens. Worin sehen Sie die grössten Vorteile dieser neuen Berufsrolle – und welche Stolpersteine müssen bis dahin noch aus dem Weg geräumt werden?
APNs ermöglichen dem Gesundheitswesen, das durch immer älter werdende Menschen und fehlende Fachkräfte stark gefordert ist, einen Paradigmenwechsel. Wir arbeiten in Schlüsselpositionen und sind Systemveränder:innen, die zukunftsfähige Versorgungsszenarien neu denken und mitgestalten können. Als Stolperstein sehe ich vor allem die fehlende gesetzliche Verankerung unserer Handlungsautonomie. Ausserdem muss das Verständnis für die APN-Rolle innerhalb der Systeme geklärt werden. Dafür braucht es viel Pionierarbeit, Aufklärung und politische Unterstützung. Ich sehe uns aber auf einem guten Weg dorthin.
In Ihrer Hausarztpraxis arbeiten zwei Pflegeexpertinnen APN und Sie bieten Transfermodule für Studierende im Master in Pflege an. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Die Arbeit unserer eigenen zwei APNs ist ein Gewinn für uns. Sie kümmern sich um das Chronic-Care-Management, um die korrekte Einnahme und Compliance von Medikamenten, schreiben Verordnungen für Physio- oder Ergotherapie, betreuen eigenständig Patient:innen im Altersheim, machen Hausbesuche oder führen schwierige Gespräche mit Angehörigen. Sie erledigen sämtliche nicht-ärztliche Arbeiten und halten uns Ärzt:innen damit den Rücken frei. Unsere APNs betreuen auch hauptsächlich die angehenden APNs in den Transfermodulen. Das kostet Zeit und Ressourcen. Ob es sich rentiert, weiss ich heute nicht, aber ich sehe es als Investition in die Zukunft.

Bräuchte es eine finanzielle Entschädigung für das Anbieten der Transfermodule?
Assistenzärzt:innen absolvieren ihre Facharztausbildung an Spitälern und Institutionen, die dafür CHF 15’000 pro Studierende:n und Jahr aus dem Ausbildungsfonds erhalten. Das wäre vielleicht auch ein Ansatz für die APN-Ausbildung. Denn die Betreuung ist aufwendig und sie kostet. Die Finanzierung ist insgesamt ein grundlegendes Problem, auch für die bei uns angestellten APNs, die ihre Leistungen nicht selbst abrechnen können, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür fehlen.
Worin sehen Sie die grössten Vorteile der APN-Rolle – und welche Stolpersteine müssen noch beseitigt werden?
Es gibt einen Mangel an Hausärzt:innen. APNs können einen bedeutenden Beitrag zur Patientenversorgung durch ihre erweiterten Kompetenzen leisten und uns somit entlasten und können uns mehr Zeit verschaffen, um mehr Patient:innen mit komplexen medizinischen Krankheitsbildern zu betreuen.
Nachteilig sind die aktuell fehlenden Rahmenbedingungen für das Abrechnen und autonome Arbeiten der APNs sowie die Tatsache, dass viele meiner Berufskolleg:innen die Rolle der APN nicht richtig kennen und noch von den Vorteilen überzeugt werden müssen.
Beitrag von: Eva Schümperli-Keller
Veröffentlicht: 20. Januar 2026
Neue Pflege-Studiengänge an der Hochschule Luzern
Die Hochschule Luzern trägt mit ihren innovativen Ausbildungen dazu bei, den Bedarf an hochqualifizierten Pflegefachpersonen in der Region zu decken. Der Bachelor of Science in Pflege bereitet Maturand:innen auf vielseitige Karrieren im Gesundheitswesen vor. Diplomierte Pflegefachpersonen bauen ihre Kenntnisse in Praxis und Wissenschaft mit einem berufsbegleitenden, verkürzten Bachelor in Pflege weiter aus. Der Master of Science in Pflege vertieft diese Kompetenzen weiter, um Pflegefachpersonen gezielt auf erweiterte und spezialisierte Rollen in der Gesundheitsversorgung vorzubereiten.
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