Achtsamkeitskurse, Burn-out-Seminare, Resilienztrainings, und trotzdem wachsen Erschöpfung und Belastung am Arbeitsplatz. Woran liegt das? Die Antwort steckt nicht nur in gut gemeinten Massnahmen, sondern vor allem in der Art, wie Arbeit täglich gestaltet wird.
Der Beitrag wurde von Valentina Smajli, Absolventin des MAS Betriebliches Gesundheitsmanagement, verfasst.
Stellen Sie sich vor: Eine erfahrene Sozialarbeiterin betreut täglich Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Die Arbeit ist fordernd, doch sie geht nach Hause mit dem Gefühl, etwas bewegt zu haben. Eine Kollegin im gleichen Team hingegen fühlt sich zunehmend erschöpft und ausgebrannt.
Solche Unterschiede begegnen uns in vielen Organisationen. Doch was macht den Unterschied? Selten ist es allein die Belastung. Entscheidend ist, ob Arbeit als verständlich, bewältigbar und sinnvoll erlebt wird.
Viele Organisationen investieren in Gesundheitsprogramme. Gleichzeitig berichten Mitarbeitende von Druck, Unklarheit und zunehmender Erschöpfung. Entscheidend ist daher nicht primär, welche zusätzlichen Angebote geschaffen werden, sondern wie Arbeit strukturell gestaltet ist.
Kohärenz beschreibt, wie verständlich, bewältigbar und sinnvoll Arbeit erlebt wird – ein zentraler Faktor für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky beschreibt mit dem Kohärenzgefühl eine zentrale Voraussetzung für Gesundheit. Menschen bleiben insbesondere dann handlungsfähig, wenn sie ihre Arbeit als verständlich, bewältigbar und sinnvoll erleben.
Damit wird deutlich: Diese drei Dimensionen sind keine individuellen Eigenschaften, sondern Ausdruck organisationaler Rahmenbedingungen und Führungsentscheidungen. Kohärenz ersetzt keine guten Arbeitsbedingungen. Wo Orientierung fehlt, Einfluss eingeschränkt ist oder Sinn nicht erkennbar wird, kann persönliche Widerstandskraft strukturelle Defizite nicht dauerhaft ausgleichen.
Anforderungen sind nicht per se gesundheitsschädlich. Belastend werden sie vor allem dann, wenn passende Ressourcen fehlen oder inkonsistent verteilt sind. Nicht primär die Höhe der Belastung ist ausschlaggebend, sondern ob im Arbeitsalltag Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinn erhalten bleiben.
Ressourcen entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie in ein kohärentes Arbeitsumfeld eingebettet sind. Das bestätigt auch eine Studie der Universität Oxford (De Neve, Kaats & Ward, 2024). Unternehmen mit hoher Mitarbeitergesundheit erzielen langfristig bessere wirtschaftliche Ergebnisse. Wohlbefinden ist kein «weiches» Konzept, sondern ein messbarer Erfolgsfaktor.
Wie stark diese Faktoren wirken, zeigt sich besonders im Arbeitsalltag von Teams. Erfahrungen aus Organisationen machen dies deutlich.
Rollenklarheit schafft Orientierung: In einem Sozialdienst führte die Klärung von Zuständigkeiten und Entscheidungswegen zu spürbar weniger Reibungsverlusten. Mitarbeitende erlebten mehr Kontrolle über ihre Aufgaben, Verstehbarkeit und Handhabbarkeit stiegen.
Wirkung sichtbar machen: Teams, die regelmässig Rückmeldung zu ihrem Beitrag und den Ergebnissen ihrer Arbeit erhielten, berichteten von höherer Identifikation und Sinnwahrnehmung. Sie verstanden, wie ihre Tätigkeit zum Gesamterfolg beitrug.
Psychologische Sicherheit als Grundlage: Dort, wo Fehler offen angesprochen und Lernprozesse unterstützt wurden, äusserten sich Mitarbeitende früher zu Risiken und brachten häufiger Verbesserungsvorschläge ein. Verdeckte Belastungen nahmen ab.
Für Fachpersonen in der Sozialen Arbeit, im Betrieblichen Gesundheitsmanagement und in HR, die Organisationen und Menschen in Veränderungsprozessen begleiten, ergibt sich daraus ein klarer Auftrag. Vier Ansätze lassen sich direkt umsetzen.
Kohärenz entsteht nicht zufällig. Sie entwickelt sich im Zusammenspiel zwischen Menschen und organisationalen Rahmenbedingungen. Organisationen entscheiden täglich durch ihre Strukturen und Kommunikationsformen darüber, ob Arbeit stärkt oder erschöpft.
Gerade in Phasen von Veränderung zeigt sich, ob diese strukturelle Qualität vorhanden ist. Menschen akzeptieren hohe Anforderungen eher, wenn sie Zusammenhänge verstehen und sich nicht ausgeliefert fühlen. Wo Arbeit verständlich, bewältigbar und sinnvoll gestaltet ist, steigen Engagement, Kooperationsbereitschaft und Innovationsfähigkeit.
Arbeit wird nicht weniger komplex. Entscheidend ist jedoch, unter welchen Bedingungen sie gestaltet wird. Organisationen, die Arbeit verständlich, bewältigbar und sinnvoll gestalten, stärken nicht nur Gesundheit, sondern auch Engagement, Kooperation und Innovationsfähigkeit. Zukunftsfähige Organisationen entstehen deshalb nicht zufällig – sie sind das Ergebnis bewusster struktureller Entscheidungen.
Gesunde Arbeitsgestaltung ist ein zentraler Hebel, um psychische Gesundheit am Arbeitsplatz zu stärken, Stress zu reduzieren und die Mitarbeiterzufriedenheit nachhaltig zu verbessern.
1. Was bedeutet gesunde Arbeitsgestaltung?
Gesunde Arbeitsgestaltung beschreibt, wie Arbeit so organisiert wird, dass sie die psychische Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitenden unterstützt. Entscheidend sind klare Strukturen, ausreichende Ressourcen und ein erlebbarer Sinn in der Arbeit.
2. Warum sind viele Mitarbeitende trotz Gesundheitsprogrammen erschöpft?
Erschöpfung entsteht oft nicht durch fehlende Angebote, sondern durch belastende Arbeitsbedingungen im Alltag. Wenn Arbeit unklar, schwer beeinflussbar oder sinnentleert erlebt wird, können auch gute Gesundheitsprogramme ihre Wirkung nur begrenzt entfalten.
3. Was ist das Kohärenzgefühl und warum ist es wichtig?
Das Kohärenzgefühl beschreibt, ob Menschen ihre Arbeit als verständlich, bewältigbar und sinnvoll erleben. Es ist ein zentraler Faktor für psychische Gesundheit und entscheidet mit darüber, ob Arbeit Energie gibt oder erschöpft.
4. Wie kann man Stress am Arbeitsplatz nachhaltig reduzieren?
Stress lässt sich nachhaltig reduzieren, wenn Arbeitsbedingungen verbessert werden: klare Rollen, realistische Anforderungen, ausreichend Ressourcen, Mitgestaltungsmöglichkeiten und eine offene Feedbackkultur sind entscheidend.
5. Welche Rolle spielt Führung für die Mitarbeitergesundheit?
Führungskräfte beeinflussen massgeblich, wie Arbeit erlebt wird. Sie schaffen Orientierung, setzen Prioritäten und gestalten Rahmenbedingungen. Gute Führung stärkt psychologische Sicherheit, Sinn und Handlungsfähigkeit im Arbeitsalltag.
6. Was können HR und BGM konkret tun?
HR und BGM können Arbeitsbedingungen aktiv gestalten, indem sie Belastungen analysieren, Ressourcen stärken und Mitarbeitende einbeziehen. Ziel ist es, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das Gesundheit, Motivation und Leistung langfristig fördert.
Von: Valentina Smajli
Bild: Adobe Stock
Datum: 24. März 2026
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