Methoden und Verfahren,

Soziale Sicherheit,

Weiterbildung

Warum Gesprächsführung im juristischen Berufsalltag zentral ist

Ob Anhörungen, Beratungen oder das Übermitteln schwieriger Entscheide: Juristinnen und Juristen müssen täglich komplexe Gespräche führen. Elena Lanfranconi Jung und Patrick Zobrist erklären, warum Gesprächsführung im juristischen Berufsalltag so zentral ist und wie sie sich gezielt trainieren lässt.

Warum Gesprächsführung im juristischen Berufsalltag zentral ist

In welchen Situationen wird Gesprächsführung für Juristinnen und Juristen besonders herausfordernd?

Elena Lanfranconi Jung: Anspruchsvoll wird es dann, wenn negative Entscheidungen kommuniziert werden müssen, mit denen Betroffene nicht einverstanden sind, oder wenn ein hohes Konfliktpotenzial besteht. Auch psychische Belastungen oder kulturelle Unterschiede können Gespräche erschweren. Hinzu kommt, dass viele Betroffene sich in solchen Gesprächen in einer schwächeren Position fühlen. Dieses empfundene Ungleichgewicht prägt Gespräche stark und macht eine sorgfältige Gesprächsführung umso wichtiger.

Welche Rolle spielt eine gute Gesprächsführung – neben dem juristischen Fachwissen – im Berufsalltag?

Elena Lanfranconi Jung: Juristinnen und Juristen sind darauf geschult, rechtlich korrekt und präzise zu informieren. Die juristische Sprache ist stark verdichtet, jedes Wort hat eine klare Bedeutung. Wenn Informationen zwar korrekt, aber für die Betroffenen nicht verständlich oder nachvollziehbar sind, ist jedoch wenig gewonnen. Gute Gesprächsführung trägt dazu bei, dass Menschen das Verfahren als fair erleben, Zusammenarbeit möglich wird und bessere Lösungen entstehen.

Patrick Zobrist: In vielen Bereichen reicht es nicht, dass ein Entscheid rechtlich korrekt ist. Er muss auch von den Betroffenen akzeptiert werden. Die Forschung zeigt zudem, dass das Fairnesserleben der Betroffenen einen grossen Einfluss darauf hat, ob sie Entscheide akzeptieren und mittragen.

Was verändert sich, wenn Juristinnen und Juristen in Gesprächen mehr kommunikative Sicherheit gewinnen?

Patrick Zobrist: Es führt letztlich dazu, dass Gespräche verständlicher, konstruktiver und entspannter werden.

Elena Lanfranconi Jung: Das Ziel ist es, Selbstsicherheit zu gewinnen und in Gesprächen authentischer auftreten zu können. Die Teilnehmenden reflektieren im Fachkurs ihre eigenen Gesprächsmuster und Rollenbilder. Viele kommen aus Bereichen wie der KESB, der Jugendanwaltschaft, dem Strafvollzug oder aus Gerichten an unseren Fachkurs. Sie bringen eigene Fälle aus ihrem Alltag mit und können so sehr gezielt an den Gesprächssituationen arbeiten, die in ihrem Berufsalltag vorkommen.

Viele kennen Mediation. Worin unterscheidet sich eine Weiterbildung in Gesprächsführung davon?

Elena Lanfranconi Jung: Es gibt durchaus Überschneidungen – in beiden Bereichen geht es um gute Kommunikation. Während in der Mediationsausbildung Methoden der Konfliktbearbeitung vertieft werden, setzt unser Fachkurs gezielt bei den kommunikativen Grundlagen an. Juristinnen und Juristen müssen zum Beispiel schwierige Behördenentscheide vermitteln und dabei mit sehr unterschiedlichen Reaktionen umgehen. Manche Gesprächspartner verstummen völlig, andere reagieren sehr fordernd oder sogar bedrohlich. Der Kurs unterstützt Fachleute dabei, solche Gespräche bewusst zu führen und auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Warum richtet sich der Kurs gezielt an Juristinnen und Juristen und nicht auch an andere Berufsgruppen?

Patrick Zobrist: Die Gesprächsführung spielt im juristischen Berufsalltag eine grosse Rolle, gehört aber kaum zum klassischen Ausbildungscurriculum. Viele Juristinnen und Juristen führen regelmässig Gespräche, ohne auf die psychosoziale Dimension vorbereitet worden zu sein. Der Kurs richtet sich gezielt an diese Berufsgruppe, damit wir auf ihre spezifischen Situationen und die juristische Ausbildung eingehen können.

Elena Lanfranconi Jung: Ein wichtiger Bestandteil des Kurses ist die Reflexion der eigenen Rolle. Viele Teilnehmende stellen sich Fragen wie: Wer bin ich eigentlich in meiner Funktion als Juristin oder Jurist? Welche Erwartungen sind mit dieser Rolle verbunden? Es geht also nicht nur um Gesprächstechniken, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig spielt die Arbeitsbeziehung eine zentrale Rolle: Gute Gesprächsführung hilft, Vertrauen aufzubauen und eine tragfähige Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Von Ismail Osman
Bild: Adobe Stock
Veröffentlicht: 7. April 2026

Fachkurs «Gesprächsführung für Juristinnen und Juristen»

Juristinnen und Juristen führen täglich anspruchsvolle Gespräche – ob im Kindes- und Erwachsenenschutz, in der Sozialhilfe, der Jugendanwaltschaft oder im Justizvollzug. Der Fachkurs der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit vermittelt wissenschaftlich fundierte Kommunikations- und Gesprächstechniken und verbindet juristisches Denken mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen. In acht Kurstagen lernen die Teilnehmenden, Gespräche strukturiert zu führen, professionelle Arbeitsbeziehungen aufzubauen und schwierige Situationen konstruktiv zu meistern.

Start: 28. Oktober 2026

Mehr Infos: Webseite zum Fachkurs

Profilbild Elena Lanfranconi Jung

Elena Lanfranconi Jung

Elena Lanfranconi Jung ist Rechtsanwältin, Mediatorin sowie Dozentin und Projektleiterin im Kompetenzzentrum Kindes- und Erwachsenenschutz am Institut für Sozialarbeit und Recht der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen insbesondere in der Mediation sowie in rechtlichen Verfahren im Kindes- und Familienrecht.
Profilbild Patrick Zobrist

Patrick Zobrist

Prof. Dr. Patrick Zobrist, Sozialarbeiter, ist Dozent und Projektleiter am Institut für Sozialarbeit und Recht der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Sozialen Arbeit in Zwangskontexten, in der Jugendstrafverfolgung sowie im Straf- und Massnahmenvollzug.

Kommentare

0 Kommentare

Kommentar verfassen

Danke für Ihren Kommentar, wir prüfen dies gerne.