Was als Pilotprojekt in Winterthur begann, ist heute ein etabliertes digitales Werkzeug für Fachpersonen in der Jugendarbeit, Jugendförderung und Jugendhilfe. Die Geschichte der Jugendapp zeigt: Innovation entsteht, wenn man Jugendliche ernst nimmt und ein bisschen stur bleibt.
Alles begann 2013 mit ersten Überlegungen, wie man damit umgehen soll, dass plötzlich alle Jugendlichen Smartphones haben. In einem partizipativen Projekt wurden in Workshops und Design-Thinking-Prozessen die Bedürfnisse der Jugendlichen erhoben – daraus entstand bald die Idee der Jugendapp.
Jugendapp – Die digitale Plattform für moderne Jugendarbeit
Die App ist eine digitale Plattform für Jugendarbeit, Jugendförderung und Jugendhilfe. Sie wurde partizipativ mit Jugendlichen entwickelt und unterstützt Gemeinden, Städte und Organisationen dabei, junge Menschen lebensnah, sicher und interaktiv zu erreichen. Zu den Funktionen gehören unter anderem Umfragen, Foren, Wettbewerbe, News, Veranstaltungen, interaktive Karten sowie ein sicherer Chat für Austausch, Beratung und Gruppenkommunikation.
Im Interview mit Smart-up erzählt Mitgründer Rafael Freuler von den Anfängen. Rafael war 2013 bereits in medienpädagogische Projekte involviert, als er angefragt wurde, gemeinsam mit der Jugendarbeit Winterthur die Jugendinformation neu zu gestalten. Die Jugendarbeit Winterthur war bereits sehr aktiv – mit Flyern in Bibliotheken, Jugendhäusern und Beratungsstellen. Aber kaum jemand schaute sie an. Das Konzept der Jugendinformation aus den Nullerjahren funktionierte mit der verbreiteten Nutzung von Smartphones schlicht nicht mehr. Eine andere Lösung musste her.
Mithilfe von öffentlichen Geldern wurde ein partizipativer Prozess gestartet, um gemeinsam mit Jugendlichen ihre Bedürfnisse zu erheben. Daraus entstand die Idee einer App, die eine lebensnahe digitale Kommunikation für Partizipation, Beratung und Jugendarbeit ermöglichen soll.
Die Idee war geboren, die App funktionierte und die Stadt Winterthur wollte sie nach einer erfolgreichen Pilotphase weiterhin betreiben. Es musste aber noch ein Weg gefunden werden, um die App auch in anderen Gemeinden einzusetzen. Wie so oft bei innovativen Ideen mit sozialem Impact stellte sich die Frage nach der langfristigen Finanzierung. Eine Trägerschaft bei bestehenden Organisationen zu finden, gelang nicht.
Um die App «sinnvoll am Leben zu erhalten» und eine Ausweitung auf andere Gemeinden zu ermöglichen, musste ein Verein gegründet werden. «Musste» deshalb, weil Rafael anfangs wenig begeistert war, denn eine Vereinsgründung ist aufwendig. Es wurde auch evaluiert, ob die Gründung einer Firma nicht die bessere Lösung wäre.
Letztlich zeigte sich: Das Mitmachen-Können und der partizipative Geist, aus dem die App entstanden ist, lassen sich in einem Verein besser erhalten – so können Jugendarbeit und Jugendliche mitgestalten. Dieser Geist wird auch heute noch gelebt: Mittlerweile gibt es sechs bis acht digitale Treffen im Jahr, an denen die Weiterentwicklung der App gemeinsam besprochen wird.
Was Smart-up als Förderprogramm für Gründungsvorhaben im Sozialbereich besonders interessiert: Wie kommt es zu Innovation und was steckt hinter den Persönlichkeiten, die im Sozialbereich gründen?
Rafael beschreibt sich als «Fan des Internets» und spricht von dessen Potenzial für die Menschen – jenseits rein kommerzieller Ziele. Nach seinem Abschluss in Interaction Design am Institut Hyperwerk kam er durch die Arbeit in einer eigenen Webagentur früh mit sozialen Projekten in Kontakt. Als Quereinsteiger machte er später den Master in Sozialer Arbeit. Die Gründer:innen-Haltung hat er sowohl im Studium als auch im Elternhaus mitbekommen: Seine Eltern haben als Seriengründer:innen vorgelebt, wie man aus einer Mischung aus Non-Profit- und kommerziellen Organisationen innovative Vorhaben ins Leben ruft. Das war für ihn schon in der Kindheit Normalität.
Neben einer positiven Haltung zum Gründen – die man erlernen oder durch Vorbilder verinnerlichen kann – braucht das Gründen aber auch Zeit und Energie. Rafael selbst nennt das einen Luxus, der stark von der persönlichen Lebenssituation abhängt. Und auf persönlicher Ebene? Hier braucht es ein bisschen Sturheit und Gestaltungsbedürfnis.
Die Jugendapp zeigt, dass digitale Jugendarbeit dann gelingt, wenn Partizipation, Innovation und soziales Engagement von Anfang an zusammengedacht werden. Wer im Sozialbereich gründen will, braucht nicht nur eine gute Idee – sondern auch die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und dabei die Zielgruppe von Anfang an mitzunehmen.
Was ist digitale Jugendarbeit?
Digitale Jugendarbeit bezeichnet den Einsatz digitaler Medien und Tools in der professionellen Arbeit mit Jugendlichen. Sie ergänzt die klassische Jugendarbeit und begegnet jungen Menschen dort, wo sie heute kommunizieren und sich informieren – online und auf dem Smartphone.
Welche Rolle spielen Apps in der Jugendarbeit?
Apps ermöglichen eine niederschwellige, direkte und jugendgerechte Kommunikation. Sie können Partizipation fördern, Beratungsangebote zugänglicher machen und Jugendliche aktiv in die Gestaltung ihres Sozialraums einbeziehen – unabhängig von kommerziellen Plattformen wie Instagram oder TikTok.
Wie unterscheidet sich die Jugendapp von kommerziellen Social-Media-Plattformen?
Die Jugendapp ist gemeinnützig, DSGVO-konform und wird von der lokalen Jugendarbeit moderiert. Jugendliche behalten die Kontrolle über ihre Daten, die Kommunikation kann anonym stattfinden und es entsteht keine Abhängigkeit von gewinnorientierten Unternehmen.
Warum ist Partizipation in der Jugendarbeit so wichtig?
Partizipation bedeutet, Jugendliche ernst zu nehmen und ihnen echte Mitgestaltungsmöglichkeiten zu geben. Das stärkt nicht nur das Vertrauen in Institutionen, sondern fördert auch demokratisches Denken, Selbstwirksamkeit und gesellschaftliches Engagement – zentrale Ziele der Sozialen Arbeit.
Wie kann Soziale Arbeit von digitalen Tools profitieren?
Digitale Tools erleichtern den Zugang zu Zielgruppen, die über klassische Kanäle schwer erreichbar sind. Sie ermöglichen flexiblere Beratungsformen, effizientere Vernetzung und neue Formen der Partizipation – vorausgesetzt, sie werden partizipativ entwickelt und sorgfältig eingesetzt.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Digitalisierung in der Sozialen Arbeit?
Neben technischen Fragen stellen sich vor allem strukturelle und finanzielle Herausforderungen: Wie wird digitale Innovation langfristig finanziert? Wie bleibt der Mensch im Mittelpunkt? Und wie stellt man sicher, dass digitale Angebote alle Jugendlichen erreichen – auch jene ohne gute Internetverbindung oder eigenes Gerät?
Von: Anja Thöni
Bilder: Rafael Freuler
Veröffentlicht: 21. April 2026

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