Behinderung und Lebensqualität,
Erziehung, Bildung und Betreuung,
Kann die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) ein Ort sein, an dem junge Menschen mit und ohne Behinderungen selbstverständlich zusammen sind? Melea Graber hat diese Frage in ihrer Bachelorarbeit untersucht und kommt zu einem klaren Befund: Das Potenzial ist da, aber es wird kaum genutzt.
Jugendtreffs, Spielplätze, offene Nachmittage – die OKJA lebt nach dem Prinzip der offenen Tür. Doch wie offen ist diese Türe wirklich? Junge Menschen mit Behinderungen fehlen in vielen Angeboten schlicht – nicht, weil sie nicht willkommen wären, sondern weil die nötigen Voraussetzungen fehlen: Wissen, Haltung, Struktur. Was es braucht, damit Inklusion in der OKJA nicht beim guten Vorsatz bleibt, hat Melea Graber in ihrer Bachelorarbeit untersucht.
Die Bachelorarbeit von Malea Graber «Inklusive Offene Kinder- und Jugendarbeit für junge Menschen mit und ohne Behinderungen» kann über Soziothek.ch heruntergeladen werden.
Für Melea Graber war Inklusion kein abstraktes Thema. Während ihres Praktikums bei Blindspot, Inklusion und Vielfaltsförderung Schweiz, erlebte sie bei einer inklusiven Karaoke-Party, was möglich ist, wenn ein gemischtes Team aus Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam etwas auf die Beine stellt. Als sie danach feststellte, wie wenig in der OKJA in diese Richtung geschieht, war ihr Entscheid gefasst: «Was, wenn nicht einmal ein offenes, niederschwelliges Setting inklusiv gestaltet wird – wie soll es dann in anderen Bereichen geschehen?» Für Melea Graber war damit klar: Da muss sich etwas ändern.
Die OKJA bringt von Natur aus gute Voraussetzungen für Inklusion mit. Partizipation, Niederschwelligkeit, Ressourcenorientierung und Lebensweltbezug sind Grundprinzipien, die im Kern bereits inklusiv gedacht sind. Hinzu kommt das informelle Setting: voneinander lernen, gemeinsam erleben, ohne Leistungsdruck – das begünstigt echte Begegnung.
Trotzdem fehlt es in der Praxis massiv an Erfahrungswissen. Was Melea Graber dabei am meisten schockierte: In der ganzen Schweiz existieren kaum Pilotprojekte, und die Forschungslage ist dünn. Viele Fachpersonen sind unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderungen und wissen nicht, wie sie ihre Angebote anpassen sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Thema Inklusion in der Ausbildung kaum vorkommt – ein Defizit, das Melea Graber aus eigener Erfahrung kennt. Die Folge: Inklusion bleibt ein guter Vorsatz, der selten konsequent umgesetzt wird.
Für ihre Bachelorarbeit hat Melea Graber vier Expert:inneninterviews mit zwei Fachpersonen aus der OKJA und zwei Inklusionsfachpersonen geführt. Die Auswertung zeigt ein differenziertes Bild davon, welche Kompetenzen zentral sind.
Allen voran steht die Reflexionsfähigkeit. Wer inklusiv arbeiten will, muss die eigenen Vorurteile, Privilegien und Glaubenssätze kennen und hinterfragen. Dazu gehört auch eine konstruktive Fehlerkultur: Inklusion ist ein Lernprozess, und Scheitern gehört dazu. Was die Sachkompetenz betrifft, braucht es keine fachspezifische Expertise zu allen Behinderungsformen. Vielmehr geht es um alltagsnahes Wissen: Wie kommuniziere ich barrierefrei? Wie erkenne ich diskriminierende Dynamiken, und wo frage ich nach, wenn ich etwas nicht weiss? Direkt bei den betroffenen Personen selbst.
Inklusion gelingt nicht allein durch engagierte Einzelpersonen. Organisationen der OKJA müssen Inklusion verbindlich in ihren Leitbildern und Zielsetzungen verankern – mit klaren Zuständigkeiten und ohne sie als Zusatzprojekt zu behandeln.
Melea Graber benennt das offen als Frustrationspunkt: Im Alltag scheitert Inklusion oft an fehlenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Dabei sei das keine Option, sondern eine klare Verpflichtung: «Themen wie Inklusion müssen wir gemäss der UN-Behindertenrechtskonvention Bedeutung und Aufmerksamkeit schenken.» Fachpersonen brauchen deshalb Raum und Zeit für gemeinsame Reflexion – im Team, in Supervisionen, in Weiterbildungen, etwa zu leichter Sprache. Das sind keine Extras, sondern strukturelle Notwendigkeiten. Auch die Teamzusammensetzung spielt eine Rolle: Mehr Diversität, einschliesslich Fachpersonen mit eigenen Inklusionserfahrungen, bringt breitere Perspektiven in die tägliche Arbeit.
Was bedeutet Inklusion im Arbeitsalltag ganz konkret? Leichte Sprache öffnet Türen – in der schriftlichen Kommunikation genauso wie im direkten Gespräch. Das Prinzip des Zurückstehens meint: Nicht zu früh eingreifen, den Jugendlichen zutrauen, selbst Lösungen zu finden. So entstehen inklusive Dynamiken aus der Gruppe heraus. Das Normalisierungsprinzip ergänzt diesen Ansatz: Es geht nicht darum, Sonderangebote für Menschen mit Behinderungen zu schaffen, sondern bestehende Angebote so zu gestalten, dass alle gleichberechtigt teilhaben können.
Bauliche Barrieren, knappe Ressourcen und fehlendes Wissen in der Ausbildung sind reale Hindernisse. Doch die Bachelorarbeit von Melea Graber zeigt: Die Offene Kinder- und Jugendarbeit hat das Fundament. Was es jetzt braucht, sind mutige Schritte. Ihr Appell an alle Fachpersonen ist klar: «Mit Mut einen Schritt wagen, ein inklusives Pilotprojekt initiieren und damit Erfahrungswerte sammeln. Denn ohne Vorbildprojekte werden wir noch lange brauchen, bis Inklusion in der alltäglichen Realität der OKJA und der Gesellschaft ankommt.»
Von Roger Ettlin
Bild: Adobe Stock
Veröffentlicht: 19. Mai 2026
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