Die Hochschule Luzern organisiert mit dem Programm «Swiss Balkan Design Bridge» eine Summer School in Bosnien und Herzegowina, bei der Studierende aus beiden Ländern zusammen an realen Projekten arbeiten. Das Ziel ist es, in interdisziplinären und interkulturellen Teams innovative Lösungen für KMU, Organisationen und Behörden in der Region zu entwickeln. Die Verantwortlichen Ivica Petrušić und Aldin Vrškić berichten im Interview, wie dabei wirtschaftliche Zusammenarbeit und soziale Prozesse zusammenwirken, welchen Stellenwert die Diaspora hat – und warum Räume für Austausch und Begegnung in einem Land mit konfliktreicher Vergangenheit besonders wichtig sind.
Aldin Vrškić: Die Hochschule Luzern organisiert in Zusammenarbeit mit der Organisation i-dijaspora und der Universität Sarajevo eine einzigartige Summer School. Studierende beider Hochschulen erhalten die Möglichkeit, während sieben Tagen in Bosnien und Herzegowina gemeinsam an konkreten Projekten zu den Themen wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu arbeiten.
Ivica Petrušić: Während ihres Aufenthalts entwickeln die Studierenden gemeinsam mit ihren Kommiliton:innen aus Bosnien und Herzegowina innovative und nachhaltige Lösungen für Unternehmen, Verwaltungen und Organisationen. Die Studierenden haben die Möglichkeit, verschiedene Unternehmen und Fabriken zu besuchen; anschliessend erarbeiten sie in Gruppen an innovativen Lösungen für ein bestimmtes Projekt. Unter Anleitung von Mentor:innen erstellen die Studierenden Präsentationen als Ergebnis, die zum Abschluss den jeweiligen Unternehmen und anderen Interessengruppen vorgestellt werden.
Aldin: Sehr intensiv. Wir hatten zahlreiche Gespräche mit Partner:innen vor Ort, unter anderem mit der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Sarajevo. Einer ihrer Dozierenden wird im Sommer zum Team stossen. Ausserdem standen wir im Austausch mit der Stadtverwaltung von Travnik, die Fallbeispiele für die Zusammenarbeit zur Verfügung stellen wird. Denn bei der Summer School arbeiten die Studierenden nicht mit Simulationen, sondern an echten Projekten. Auch die Schweizer Botschaft in Sarajevo unterstützt das Projekt, was für uns sehr wertvoll ist.
Ivica: Diese Zusammenarbeit ist für uns zentral. Es gibt seit Jahren enge Verbindungen, etwa mit der Schweizer Botschaft und unseren Netzwerkorganisationen i-Dijaspora und i-platform. Sie unterstützen auch die Idee, die Diaspora stärker einzubeziehen und konkrete Projekte vor Ort zu ermöglichen.
Ivica: Viele Bosnier:innen im Ausland fühlen sich ihrer ursprünglichen Heimat weiterhin sehr verbunden und bringen sich aktiv ein – sei es mit Wissen, Netzwerken oder finanziellen Mitteln. Gleichzeitig stossen sie bei der Umsetzung ihrer Ideen vor Ort oft auf Herausforderungen. Genau hier setzen unsere Projekte an.
Aldin: Dazu muss man wissen: Die weltweite bosnische Diaspora trägt bis zu 20 Prozent zum Bruttoinlandprodukt Bosnien und Herzegowinas bei. Sie ist also nicht nur emotional, sondern auch wirtschaftlich ein zentraler Faktor für die Entwicklung des Landes.
Ivica: Unser Ziel ist es, diese beiden Ebenen stärker miteinander zu verbinden. Die Summer School ist ein Format, in dem genau das passieren kann: Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen arbeiten gemeinsam an konkreten Fragestellungen – und schaffen so Verbindungen, die über einzelne Projekte hinausgehen.
Aldin: Die Studierenden arbeiten in interdisziplinären und interkulturellen Teams an konkreten Fragestellungen – etwa für lokale Start-ups, KMUs, öffentliche Institutionen oder auch Organisationen aus dem sozialen Bereich.
Ivica: Dabei bringen die Teilnehmenden unterschiedliche Perspektiven ein. Einige haben selbst einen Bezug zur Region, andere nicht – das führt zu spannenden Dynamiken. Ziel ist es, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die zu den jeweiligen Kontexten passen.
Aldin: Methodisch kombinieren wir Ansätze aus der Wirtschaft, wie Design Thinking, mit Methoden der Sozialen Arbeit, etwa Co-Creation und partitive Prozesse, bei denen die Beziehung zu den Adressat:innen im Zentrum steht. Die Studierenden führen Interviews mit den Zielgruppen und versuchen, deren Bedürfnisse besser zu verstehen.
Aldin: Vertrauen wieder aufzubauen und Verbindungen zu schaffen – das ist das Wichtigste und zugleich das Schwierigste in Post-Konflikt-Gesellschaften.
Ivica: Wenn ein Land stark fragmentiert ist, ist kaum noch etwas wirklich wertfrei. Auch Symbole oder Farben können eine Bedeutung haben. Deshalb haben wir für das Logo unserer i-platform bewusst ein neutrales Violett gewählt. Und genau aus diesem Grund versuchen wir auch mit Initiativen wie i-dijaspora oder i-platform Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven und Lebenswelten zusammenkommen können.
Ivica: Es bedeutet «und». Es war uns wichtig, einen Namen zu finden, der verbindend wirkt – auch in Anlehnung an das «und» in Bosnien und Herzegowina. Gerade in einem Land mit Konflikterfahrung geht es darum, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen können.
Aldin: Gleichzeitig zeigt unsere Erfahrung, dass solche Begegnungen oft nicht einfach so entstehen.
Ivica: Genau. Zusammenarbeit kommt häufig dort zustande, wo es auch ein gemeinsames Interesse gibt und einen konkreten Nutzen. Rein auf Austausch ausgerichtete Formate stossen schnell an Grenzen.
Aldin: Wir kommen beide aus der Jugendarbeit und sind seit vielen Jahren in der non-formalen Bildung tätig. Ich habe 2016 damit begonnen, internationale Jugendprojekte zu koordinieren. Aber so sehr ich es schätze, wie sich die Teilnehmenden dabei entwickeln – der Austausch bleibt oft begrenzt. Nach kurzer Zeit geht man wieder auseinander. Es zeigte sich, dass wir das weiterdenken müssen. Die zentrale Frage war, wie sich non-formale und formale Lernmethoden verbinden lassen. Als wir mit Oliver Kessler von der HSLU – Wirtschaft ins Gespräch kamen, entstand die Idee, die beiden Departemente Soziale Arbeit und Wirtschaft zusammenzubringen.
Ivica: In diesem Austausch wurde auch deutlich, dass soziale Projekte oft nur dann nachhaltig umgesetzt werden können, wenn wirtschaftliche Aspekte mitgedacht werden. Daraus entstand der Ansatz, die beiden Perspektiven bewusst zu verbinden.
Ivica: Eine wichtige Erfahrung war für uns, dass wirtschaftliche Projekte oft einen Rahmen bieten, in dem Zusammenarbeit überhaupt möglich wird. Sie erlauben es den Beteiligten, sich einzubringen und auf Gegenparteien zuzugehen, ohne etwa lokal das Gesicht zu verlieren.
Aldin: Die erste Summer School vom vergangenen Jahr war ein Pilot. Aber sie hat gezeigt, dass das funktioniert. Die Studierenden konnten an ganz unterschiedlichen Projekten mitarbeiten – von der Produktion von Matratzen und Bettwaren über Naturprodukte bis hin zu Ökotourismus-Häuschen. Ein wichtiger Schritt war dann die Formalisierung, etwa dass die Beteiligten heute dafür ECTS-Punkte erwerben können.
Aldin: Für uns sind die Rückmeldungen der Teilnehmenden am wichtigsten. Viele berichten, dass sie in dieser Woche mehr gelernt haben als in einem ganzen Jahr Studium – insbesondere im Bereich Selbst- und Sozialkompetenz. Einige hatten anfangs wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, konnten aber im Verlauf der Woche Projekte präsentieren oder weiterverfolgen. Einzelne Gruppen konnten ihre Ideen über die Summer School hinaus weiterentwickeln – etwa durch Crowdfunding-Kampagnen oder neue Kooperationen.
Aldin: Studierende mit bosnischen Wurzeln erleben oft, dass sie eine Brückenfunktion einnehmen können. Einer sagte: «Weil ich beide Mentalitäten verstehe, kann ich Verbindungen schaffen.» Genau dieses Mindset wollen wir stärken – auch über die Summer School hinaus.
Ivica: Wichtig war auch, was in der Zusammenarbeit mit den Praxispartner:innen entstanden ist. Am Ende entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen mit den Kundinnen und Kunden. Die Studierenden fanden Wege zu kommunizieren, selbst wenn nicht alle Englisch sprachen.
Ivica: Ja, die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Disziplinen ist zentral. Neben Studierenden der Wirtschaft und der Sozialen Arbeit werden dieses Jahr auch Studierende vom Departement Technik & Architektur teilnehmen.
Aldin: Die Studierenden der Sozialen Arbeit hatten zunächst Sorge, dass die wirtschaftlichen Aufgabenstellungen zu anspruchsvoll sein könnten. Am Ende sind es aber oft gerade die Studierenden der Wirtschaft, die sehr sozialarbeiterisch an die Fragestellungen herangehen.
Aldin: Meine Arbeit an der HSLU ist direkt mit dem Projekt verbunden. Meine zentrale Forschungsfrage ist, ob und wie sich non-formale und formale Bildung verbinden lassen und wie sich solche Ansätze in einen regulären Lehrplan überführen lassen. Dafür untersuche ich die Summer School und führe Gespräche mit Studierenden und Mitarbeitenden.
Ivica: Gleichzeitig ist die Diaspora für die künftige Entwicklung der Projekte ein wichtiger, wenn nicht zentraler Faktor. Wir möchten junge Menschen, die an zwei oder mehreren Orten zuhause sind, stärker in die Weiterentwicklung einbeziehen – transnational und transkulturell. Diaspora als Entwicklungsfaktor und Ressource ist aus unserer Sicht nach wie vor zu wenig berücksichtigt. Das wären sehr spannende Forschungsfragen. Aldin hat sich in seiner Master-Arbeit auch intensiv damit beschäftigt.
Aldin: Eng mit dem Thema Diaspora ist auch das Thema Migration verbunden. Man ist geneigt, Migration eindimensional zu betrachten. Aber wir glauben, dass sie auch zirkulär sein kann – wir leben im 21. Jahrhundert und in einer globalisierten Welt. Sarajewo lässt sich schnell erreichen. Man kann sich also von überall her gegenseitig unterstützen.
Aldin: Entscheidend ist, dass Vertrauen aufgebaut wird – gerade in Post-Konflikt-Gesellschaften.
Ivica: Wichtig ist auch, dass Menschen überhaupt zusammenkommen und gemeinsam an konkreten Fragestellungen arbeiten. Daraus können sich Prozesse entwickeln, die über einzelne Projekte hinausgehen und vertrauensbildend sind. Das Wesentliche an Soziokultureller Animation aus meiner zwanzigjährigen Jahren Erfahrung ist: Man muss den Menschen nicht sagen, wie sie Probleme lösen sollen. Es geht darum, ihr Potenzial und ihre Selbstwirksamkeit zu stärken und Räume zu schaffen, in denen sie gemeinsame Ideen und Perspektiven entwickeln können. Daraus können wiederum neue Verbindungen und Brücken entstehen.
Text Anette Eldevik
Bild Albion Osaj
Veröffentlicht am 27. Mai 2026

Ivica Petrušić ist u. a. Dipl. Sozialarbeiter FH, Systemischer Organisationsberater und Coach. Seit 2020 ist er als Dozent und Projektleiter an der HSLU – Soziale Arbeit tätig. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Kinder- und Jugendförderung, Partizipation, Migration, Integration sowie in der Entwicklungszusammenarbeit.

Aldin Vrškić verfügt über einen Master of Science in Social Innovation und Management der Wirtschaftsuniversität Wien sowie über mehr als zehn Jahre Erfahrung im Jugendsektor – vom ehrenamtlichen Engagement und aktiver Mitgliedschaft bis hin zur Leitung internationaler Jugendprojekte. Seit 2025 ist er als wissenschaftlicher Assistent an der HSLU – Soziale Arbeit tätig. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen internationale Projekte, transnationale Zusammenarbeit sowie Projektmanagement im NGO-Bereich.
Zur Summer School
Die Hochschule Luzern (Departemente Wirtschaft und Soziale Arbeit) organisiert gemeinsam mit der Organisation i-dijaspora und der Universität Sarajevo die Summer School «Swiss Balkan Design Bridge». Im August 2026 nehmen Studierende aus der Schweiz und Bosnien und Herzegowina zum zweiten Mal daran teil.
In interdisziplinären und interkulturellen Teams arbeiten sie vor Ort in Travnik an konkreten Projekten für Start-ups, KMU, Behörden und Organisationen. Ziel ist es, wirtschaftliche und soziale Perspektiven zu verbinden und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
Unterstützt wird das Projekt von der Schweizer Agentur für Mobilität und Austausch Movetia sowie den Netzwerkorganisationen i-dijaspora und i-platform. Der Name «Swiss Balkan Design Bridge» steht sinnbildlich für das Ziel, Verbindungen zu schaffen – zwischen Disziplinen und Bildungsmethoden, vor allem aber zwischen Menschen, Lebenswelten und Kulturen. Hier Impressionen von 2025.
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Interdisziplinarität an der HSLU
Inter- und transdisziplinäre Kooperationen haben an der HSLU eine grosse Bedeutung. Hier mehr über ihre Interdisziplinären Netzwerke (IDN) erfahren.
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