Graue Theorie? Bloss nicht! Bereits im zweiten Semester ein reales Projekt aus der Praxis der Sozialen Arbeit anpacken?! Ja klar! Im Modul «Praxisforschung/ Praxisintervention» des Bachelor-Studiengangs Soziale Arbeit mit Schwerpunkt neue Konzepte und Innovation (NKI) lernen die Studierenden in kleinen Projektteams die Grundlagen des Service-Learnings, des Lernens durch Engagement. Dass sie dabei an ihren Aufgaben wachsen, zeigen die überzeugenden Projektergebnisse.
Der Garten des Sentitreffs ist ein niederschwelliger Begegnungsraum im multikulturellen Luzerner Quartier Basel-/Bernstrasse (auch «BaBeL» genannt). Er präsentiert sich als kleine Oase der Ruhe am Rand einer Verkehrshauptachse in die Innenstadt. Hinter der Gartenmauer brausen die Züge vorbei, vor dem Tor stauen sich die Autos. Doch in den Hochbeeten und Kübeln grünt und blüht es, Bienen summen, ein Pingpong-Tisch und Sitzgelegenheiten unter einem schattenspendenden Baum laden zum Verweilen ein.
An diesem heissen Nachmittag haben sich im Sentigarten Studierende und Dozierende sowie Vertreter:innen von Praxisorganisationen und weitere Interessierte versammelt. An der Abschlussveranstaltung des Moduls «Praxisforschung/Praxisintervention» präsentieren die Studierenden ihre Projekte, die sie in den letzten zwei Semestern geplant und durchgeführt haben. Bunte Plakate an der Gartenmauer, an Fenstern und an der zum Bücherschrank umfunktionierten Telefonkabine präsentieren die wichtigsten Fakten zu den Arbeiten. Auf den Tischen warten Snacks und kühle Getränke.
«Der Anlass soll Raum für die Würdigung der Arbeiten, für Austausch und Inspiration bieten», sagen Elisa Fiala und Meike Müller, die beiden Modulverantwortlichen. «Schliesslich haben die Studierenden über 200 Stunden an der Umsetzung ihrer Projekte gearbeitet. Dieses Engagement wollen wir wertschätzen.»
Das Modul «Praxisforschung/Praxisintervention» ist Teil des Bachelors in Sozialer Arbeit neue Konzepte und Innovation. Dieser Studiengang führt zum berufsbefähigenden Bachelor-Abschluss, lädt die Studierenden aber ausdrücklich dazu ein, ihr Studium mit dem Setzen persönlicher Schwerpunkte individuell zu gestalten. Dabei stehen Forschendes Lernen, Praxisbezug, digitale Kompetenzen und Nachhaltige Entwicklung im Zentrum. «Genauso halten wir es mit dem Modul», erklären Müller und Fiala. «Die Student:innen wählen sich ein von einer Praxisorganisation eingegebenes Projekt aus oder schlagen selbst eines vor. Sie organisieren sich in Gruppen von zwei bis vier Personen, wählen eigenständig Schwerpunkte und Herangehensweisen an ihre Projekte und arbeiten selbstständig daran. Wir Dozierenden geben als Coaches gerne Inputs und unterstützen durch Reflexionsschlaufen, halten uns sonst aber im Hintergrund.»
Die Studierenden sind zum Zeitpunkt des Moduls im zweiten und dritten Semester und stehen damit noch am Anfang ihres Studiums. Im Modul sollen sie lernen, wie man in Gruppen und im Austausch mit Praxisorganisationen arbeitet, Hindernisse überwindet, Konsens findet und Konflikte löst. Einzelarbeiten sind explizit nicht vorgesehen. Das wichtigste Ziel des Moduls ist jedoch, dass die Studierenden einen ersten vertieften Einblick in die Praxis erhalten. «Uns ist es wichtig, dass sie schon früh in ihrer Ausbildung in Kontakt mit den Tätigkeitsfeldern der Sozialen Arbeit kommen», sagen Fiala und Müller. «Im Rahmen der Praxisprojekte gelingt das optimal.»
Alle Projekte, welche die Studierenden im Modul bearbeiten, stammen aus der realen Welt und sollen einen Mehrwert für die Gesellschaft bieten. Im Garten des Sentitreffs wird den Gästen an diesem Nachmittag beispielsweise das Projekt «Sentipost» vorgestellt. Diese Intervention zielte darauf ab, die «Sentipost», die als Quartierzeitung des BaBeL-Quartiers fungiert, partizipativer zu gestalten. Die Quartierbevölkerung soll sich vermehrt einbringen. Dafür stellten die drei Studierenden eine Tafel im Quartier auf, auf der die Menschen notieren konnten, was sie beschäftigt. Ausserdem schufen die drei Studierenden als neue Rubrik eine fotografische Bildergeschichte. Die Fotos werden von Quartierbewohnenden zusammen mit kurzen Texten eingereicht. Um die Multikulturalität des Stadtteils zu würdigen, druckt die «Sentipost» die Kurztexte in der jeweiligen Muttersprache der Fotograf:innen ab.
Mittlerweile steht die Sonne an diesem Frühsommertag bereits tiefer. Für die Gäste im Sentigarten wird es immer schwieriger, ein schattiges Plätzchen zu finden, während sie den Präsentationen der Studierenden lauschen. Vorgestellt wird nun ein Projekt, das sich mit der Entwicklung einer ambulanten Wohnbegleitung für suchtbetroffene Menschen im Kanton Zug befasst. Dort fehlt bislang ein solches Angebot, unter anderem auch aufgrund des angespannten Wohnungsmarktes im Kanton. Die beiden Studierenden, von denen einer beim auftraggebenden Verein «Anker» tätig ist, erarbeiteten auf der Grundlage eines schon länger vorliegenden Grobkonzepts und im Austausch mit Suchterkrankten und Fachpersonen ein Feinkonzept. Sie blickten aber auch über den Tellerrand hinaus, indem sie vorschlugen, mittels fachlicher Begleitung auch dafür zu sorgen, dass Suchtbetroffene erst gar nicht ihre eigene Wohnung verlieren und plötzlich auf ein Wohnangebot angewiesen sind, um nicht in die Obdachlosigkeit abzurutschen.
Ein drittes Projekt aus dem Modul erfasste im Auftrag des SRK Uri den Bedarf für ein Mitwirkungsgremium für Migrant:innen. In ihrer Präsentation im Sentigarten erzählen die Studierenden davon, wie viele Diskussionen allein schon der Begriff «Mitwirkungsgremium» auslöste, da zahlreiche Gesprächspartner:innen darauf hinwiesen, dass Migrant:innen eigentlich kaum «mitwirken» oder «mitbestimmen» könnten. Das Interesse und die Teilnahme an den Workshops seitens der Zielgruppe waren aber dennoch gross. Herausforderungen stellten sich den Studierenden auch mit der Organisation der Anlässe, die von diversen Übersetzer:innen begleitet werden mussten, damit alle Teilnehmenden mitarbeiten konnten. Passend zu den überwundenen Hindernissen stellten die Studierenden ihr Praxisprojekt auf ihrem Plakat als Bergwanderung dar. Darauf sieht man, wie sie auf dem Gipfel verschwitzt, aber glücklich die Handlungsempfehlungen an das SRK Uri in den Händen halten. Dieses wird das Projekt bis ins Jahr 2029 weiter ausarbeiten.
«Uns beeindrucken immer wieder die intrinsische Motivation und das grosse Engagement der Studierenden», sagen die Modulverantwortlichen Meike Müller und Elisa Fiala zum Abschluss. «Es ist toll, mitzuerleben, wie sie an ihren Projekten wachsen.» Und während vor dem Tor des Sentitreffs der Feierabendverkehr anrollt, stossen Studierende, Dozierende und Gäste im Garten auf die gelungenen Ergebnisse der Praxisprojekte an.
Bachelor in Sozialer Arbeit mit Schwerpunkt neue Konzepte und Innovation
Die Zukunft der Sozialen Arbeit braucht Fachpersonen, die selbstorganisiert neue Konzepte entwickeln und Wissen effizient und zielgerichtet erschliessen. Der Studiengang führt zum anerkannten und berufsbefähigenden Bachelor in Sozialer Arbeit. Er lädt ausdrücklich zu individuellen Ausprägungen und dem Setzen persönlicher Schwerpunkte ein. Die Studierenden entscheiden in der Lerngruppe und individuell, gemeinsam mit Lernbegleiter*innen aus Hochschule und Praxis, wie sie ihr Studium gestalten möchten.
Infoveranstaltung: Mittwoch 1. Juli von 18:00 – 19:30 Uhr
Zur Webseite: Bachelor in Sozialer Arbeit neue Konzepte und Innovation
Studierenden-Projekte aus dem Modul «Praxisforschung/Praxisintervention»
Partizipation im Sentigarten – Ein Lernprozess im Quarter: Medea Gnes und Jamil Koller leisteten in ihrer Projektarbeit einen Beitrag zur Entwicklung partizipativer Quartierkultur im Garten des Sentitreffs. Ihr Fokus lag auf der Erprobung wirksamer Interventionen, die den Garten im Sommer als lebendigen Quartier-Treff etablieren und Entwicklungsimpulse für weitere Nutzungen setzen.
Mothers Together – ein sozialer Vernetzungsanlass für Mütter im Raum Luzern: Vielen Müttern fehlen tragende soziale Netzwerke. Eliska Kralikova, Melanie Guntern und Samira Zweifel schufen in ihrer Gruppenarbeit mit einem Töpfer-Kurs im «Chinderkafi» einen niederschwelligen Begegnungsraum zur Stärkung sozialer Teilhabe junger Mütter und eröffneten ihnen damit neue Perspektiven im Hinblick auf vernetzte Unterstützungsangebote.
Inklusion am B-Sides: Unter dem Motto «Inklusion ist mehr als eine Rampe» verfolgten Rachel Bösch, Stefanie Sixt und Jace Zwyssig mit ihrem Projekt das Ziel, Barrieren für Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen und konkrete Massnahmen für die gleichberechtigte Teilnahme am Luzerner Musikfestival B-Sides für Menschen mit Behinderungen umzusetzen.
Poschte a de Baselstross: Michaela Kaldis, Victor Felder und Samuel Bühler stärkten mit ihrem Praxisprojekt international geprägte, lokal geführte Lebensmittelläden als Akteure im BaBeL-Quartier. Dafür entwickelten sie ein diskriminierungssensibles Praxisformat mit partizipativ erarbeiteten Ladenportraits, einer Social-Media-Kampagne sowie einem Kulinarik-Event als zentrale Elemente.
Careleaver: Noah Agatiello und Jan Kroeni analysierten, weshalb die Schlichtungsstelle der Luzerner Dienststelle Soziales und Gesellschaft, die bei Streitigkeiten zwischen Kindern und Jugendlichen und den jeweiligen sozialen Einrichtungen vermittelt, nur selten genutzt wird. Ihre Interviews mit elf Careleaver:innen sowie Fachpersonen der Kinder- und Jugendhilfe zeigte: Die Schlichtungsstelle ist zu wenig bekannt. Handlungsempfehlungen rundeten die Arbeit ab.
Mitbestimmung? Mal ehrlich – Eine Bedarfsanalyse für das SRK Uri: In ihrer Gruppenarbeit entwickelten Lea Ouldbelaid und Nicolas Schintzig im Auftrag des SRK Uri Ideen für ein Mitwirkungsgremium für Migrant:innen. Die beiden Studierenden erfassten in Workshops mit der Zielgruppe den Bedarf und leiteten Handlungsempfehlungen zu Handen des SRK Uri ab.
Ambulante Wohnbegleitung – ein Evaluationsprojekt mit dem Verein ANKER: Philip Hofer und Florian Kronschnabl entwickelten auf der Grundlage eines bestehenden Grobkonzepts und im Austausch mit Betroffenen und Fachpersonen ein Feinkonzept für ein Wohnangebot für Sucherkrankte im Kanton Zug, wo bis anhin ein vergleichbares Angebot fehlt.
Sentipost: Ein partizipatives Projekt zur Sichtbarmachung der Perspektiven von Quartierbewohnenden: Sabina Bobst, Nina Töngi und Sven Trefny machten sich darüber Gedanken, wie die Quartierzeitung «Sentipost» partizipativer gestaltet werden könnte. Dafür riefen sie die neue Rubrik «Bildergeschichte» mit Fotos und Texten von Quartierbewohnenden ins Leben und stellten dazu gleich noch einen Foto-Workshop auf die Beine. Auf einer Tafel im Quartier konnten die Menschen zudem Anliegen und relevante Themen notieren.
Beitrag von: Eva Schümperli-Keller
Bilder: Judit Wolf
Veröffentlicht: 16. Juni 2026
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