Gemeinde-, Stadt- und Regionalentwicklung,
Wie können Siedlungen so geplant und begleitet werden, dass Begegnung und ein gutes Zusammenleben möglich werden? Barbara Emmenegger und Katharina Barandun erklären, weshalb soziale Fragen bereits in die Planung gehören und was es braucht, damit Nachbarschaft entstehen kann.
Barbara Emmenegger: Sich zu Hause fühlen bedeutet ja für jeden Menschen etwas anderes, insbesondere, weil die Lebensstile aufgrund des gesellschaftlichen Wandels vielfältiger werden. Für die einen braucht es Möglichkeiten für Begegnung, für andere ebenso Raum für Rückzug. Eine tragfähige Nachbarschaft trägt dazu bei, dass sich Menschen zu Hause fühlen, und kann Anonymität und Einsamkeit entgegenwirken. In einer Zeit, in der Einsamkeit zunimmt, ist das aus meiner Sicht zentral.
Katharina Barandun: Viele Menschen sind heute mehrfach belastet und haben wenig Zeit für nachbarschaftliches Engagement. Deshalb braucht es Personen, die Kontakte anstossen und die Selbstorganisation unterstützen. Ihr Ziel sollte sein, sich mit der Zeit möglichst überflüssig zu machen.


Barbara: Nähe kann auch verunsichern, gerade wenn Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen und Milieus räumlich näher beieinander wohnen. Manche befürchten Verpflichtungen, andere finden keinen Zugang zu den Nachbar:innen oder zu bestehenden Gruppen. Gute Nachbarschaft bedeutet aber nicht, dass alle eng befreundet sein müssen. Auch ein respektvolles Nebeneinander ist sehr wertvoll.
Barbara: Architektur kann Begegnungen fördern oder erschweren. Aussenräume, Zugangswege, Eingänge und Treppenhäuser können so gestaltet werden, dass spontane Begegnungen unterstützt werden. Multifunktionale Gemeinschaftsräume bilden zum Beispiel eine gute Basis für organisierte Kontakte.
Räume allein genügen aber nicht. Wichtig ist, dass die Bewohner:innen mitgestalten und selbst mitbestimmen können, wie die Räume genutzt werden. So entstehen Angebote, die ihren Bedürfnissen entsprechen und die Mitverantwortung wird gefördert. In einer Siedlung, die ich begleitet habe und in der auch ein Siedlungscoaching tätig war, entstanden so unter anderem eine Gemeinschaftswerkstatt, ein Indoor-Spielplatz für Kinder oder eine Bar für Erwachsene.
Barbara: Partizipation ist nur glaubwürdig, wenn ein echter Handlungsspielraum besteht. Selbst bei einem noch unbewohnten Areal ist Mitwirkung möglich: Menschen aus dem Quartier kennen den Ort. Ihr Wissen sollte früh einbezogen werden.
Katharina: Mit einer schriftlichen Einladung erreicht man längst nicht alle. Es braucht persönliche Ansprache, teilweise aufsuchende Arbeit und interkulturelle Kompetenz. Es müssen aber auch nicht alle aktiv mitmachen. Manche Menschen sind im Alltag stark belastet oder haben andere Prioritäten. Ich arbeite mit jenen, die Zeit und Interesse haben. Viele engagieren sich lieber punktuell für ein konkretes Anliegen. Wichtig ist, die Ergebnisse transparent an alle zurückzumelden.
Katharina: Siedlungscoaching kann Menschen vernetzen, Selbstorganisation fördern und bei Konflikten vermitteln. Es kann aber keine bestimmte Vorstellung von Gemeinschaft durchsetzen. Auch Mediation setzt voraus, dass die Beteiligten bereit sind, ihre Position zu hinterfragen und sich aufeinander zuzubewegen.
Barbara: Weil Raum nicht nur gebauter Raum ist, sondern auch durch soziale Beziehungen und den gelebten Alltag entsteht. Soziale Aspekte gehören bereits in die Konzeption: Für wen wird gebaut? Welche Infrastruktur gibt es im Umfeld? Welche Begegnungsräume braucht es? Werde ich erst beigezogen, wenn das Bauprojekt feststeht, ist es für grundlegende Veränderungen zu spät.
Sozialraumplanung arbeitet auf dieser strategischen Ebene. Siedlungscoaching setzt stärker im Betrieb der Siedlung und bei den Menschen an, die einziehen oder bereits dort wohnen. Beides sollte ineinandergreifen.
Der Mehrwert des SAS Siedlungscoaching und Sozialraumplanung
Das SAS verbindet langjährige Praxiserfahrung mit wissenschaftlich fundiertem Wissen. Barbara Emmenegger und Katharina Barandun bringen ihre Erfahrungen aus der Praxis der Sozialraumplanung und des Siedlungscoachings ein. Stephanie Weiss verbindet die Praxisperspektiven mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen der Hochschule Luzern.
Die Teilnehmenden bearbeiten konkrete Fragestellungen aus ihrem Berufsalltag, profitieren vom interdisziplinären Austausch und können für den Abschluss des SAS ECTS-Credits erwerben.

Katharina: Früher wurde ich meist gerufen, wenn das Zusammenleben bereits schwierig war oder eine Siedlung ein Imageproblem hatte. Heute wird Siedlungscoaching zunehmend als eigenes Arbeitsfeld wahrgenommen. Gute Nachbarschaft trägt auch zur Lebensqualität und Gesundheit bei.
Barbara: Immer mehr Bau- und Wohnträgerschaften erkennen den Nutzen: weniger Konflikte und Wechsel bei den Mietenden sowie eine entlastete Verwaltung. Funktionierende Nachbarschaften tragen zudem zum sozialen Zusammenhalt bei.
Barbara: Die Teilnehmenden lernen die Phasen der Siedlungsentwicklung und die Rollen der vielfältigen Akteursgruppen kennen. Sie reflektieren ihre eigene Rolle und erfahren, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit gelingt. Thematisiert werden unter anderem soziokulturelle, ökonomische, planerische, freiräumliche und architektonische Aspekte. Das SAS richtet sich etwa an Fachpersonen aus Soziokultur, (Landschafts-)Architektur, Planung, Immobilienentwicklung und Verwaltung.
Es ist nicht unser Ziel, in fünf Tagen Siedlungscoaches auszubilden. Wir sensibilisieren die unterschiedlichen Beteiligten in den Siedlungsentwicklungsprozessen für soziale und sozialräumliche Fragen, vermitteln Grundlagen und öffnen den Blick für andere Professionen.
Katharina: Die Weiterbildung ist auch praxisnah. Wir arbeiten mit konkreten Projekten, besuchen Siedlungen und bearbeiten Anliegen, welche die Teilnehmenden aus ihrem Berufsalltag mitbringen.
Ein wichtiger Bestandteil ist auch die interdisziplinäre Zusammensetzung der Gruppe. Die Teilnehmenden tauschen Erfahrungen und Perspektiven aus und entwickeln gemeinsam Ideen für eine sozialräumlich orientierte Siedlungsentwicklung. Damit wird im SAS bereits erlebbar, worum es auch in der Praxis geht: Menschen zusammenzubringen und tragfähige Prozesse gemeinsam zu gestalten.
Was ist Siedlungscoaching?
Siedlungscoaching fördert das Zusammenleben und die Selbstorganisation in einer Siedlung. Siedlungscoaches vernetzen Bewohner:innen, initiieren gemeinsame Projekte und vermitteln zwischen Bewohnerschaft, Verwaltung, Wohnbauträgerschaft und weiteren Beteiligten.
Warum entsteht durch räumliche Nähe nicht automatisch Nachbarschaft?
Viele Menschen haben wenig Zeit für nachbarschaftliches Engagement oder wünschen sich bewusst Abstand. Hinzu kommen unterschiedliche Lebensweisen, sprachliche Hürden und die Sorge vor Verpflichtungen. Deshalb braucht es manchmal Personen, die Begegnungen ermöglichen und Kontakte anstossen.
Wie beeinflusst die bauliche Gestaltung das Zusammenleben?
Gemeinschaftsräume, Aussenbereiche, Treppenhäuser und Wege können spontane Begegnungen fördern. Gleichzeitig braucht es Rückzugsmöglichkeiten. Entscheidend ist, dass Bewohner:innen Räume mitgestalten und entsprechend ihren Bedürfnissen nutzen können.
Wie gelingt Partizipation in einer Siedlung?
Partizipation braucht einen echten Handlungsspielraum und unterschiedliche Möglichkeiten, sich einzubringen. Persönliche Ansprache und aufsuchende Arbeit helfen, verschiedene Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Dabei müssen nicht alle aktiv mitarbeiten. Wichtig ist, dass die Ergebnisse transparent kommuniziert werden.
Was ist der Unterschied zwischen Sozialraumplanung und Siedlungscoaching?
Sozialraumplanung berücksichtigt soziale Fragen bereits bei der Konzeption und Planung eines Areals oder einer Siedlung. Siedlungscoaching setzt stärker bei der Umsetzung und bei den Menschen an, die einziehen oder bereits dort leben. Beide Ansätze ergänzen sich.
An wen richtet sich das SAS Siedlungscoaching und Sozialraumplanung?
Das SAS richtet sich unter anderem an Fachpersonen aus Soziokultur, Architektur, Planung, Immobilienentwicklung und Verwaltung. Die Teilnehmenden erhalten Einblick in das Arbeitsfeld, reflektieren ihre Rolle und bearbeiten konkrete Fragestellungen aus ihrem Berufsalltag.
Beitrag von: Roger Ettlin
Bild: Barbara Emmenegger
Veröffentlichung: 20. Oktober 2026
SAS Siedlungscoaching und Sozialraumplanung
Das SAS vermittelt Grundlagen eines jungen und zunehmend gefragten Arbeitsfelds. Siedlungscoaches stärken Nachbarschaften, initiieren Projekte mit Bewohner:innen und vermitteln zwischen Bewohner:innen, Verwaltung, Wohnbauträgerschaften und weiteren Beteiligten.
Die Teilnehmenden lernen, wie soziale Anliegen frühzeitig in Planungs- und Entwicklungsprozesse einfliessen. Praxisbeispiele, Siedlungsbesuche und die Bearbeitung eigener Fragestellungen sorgen für einen direkten Bezug zum Berufsalltag. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Fachrichtungen ist ein wichtiger Bestandteil.
Dauer: 5 Tage
Start: 17. Juni 2027
Anmeldung: Webseite SAS Siedlungscoaching und Sozialraumplanung
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