Sozialmanagement und Sozialpolitik,

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«Als Sozialarbeiterin bin ich per se politisch»

«Als Sozialarbeiterin bin ich per se politisch»
15 Jahre engagierte Politik machten sie 2020 zur höchsten Luzernerin: Kantonsrätin und Sozialarbeiterin Ylfete Fanaj

Von Hindernissen hat sie sich nie aufhalten lassen. Als Sozialarbeiterin und Politikerin unterstützt Ylfete Fanaj heute andere Menschen auf steinigen Lebenswegen. Für sie ergänzen und befruchten sich ihre beiden Tätigkeiten optimal.

«Ich will Menschen eine Stimme geben, die selbst keine haben. Deshalb bin ich Sozialarbeiterin und Politikerin geworden. Als Sozialarbeiterin unterstütze ich einzelne, als Politikerin viele Menschen, da soziale Probleme oft strukturell bedingt sind und ich als Politikerin an strukturellen Veränderungen mitwirken kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich als Sozialarbeiterin gar nicht apolitisch sein kann, weil die Soziale Arbeit per se in einem politischen Kontext agiert. Seit 15 Jahren bin ich in der Luzerner Politik aktiv, zuerst als Grossstadträtin und seit 2011 als Kantonsrätin. Ich habe seither die SP-Fraktion geleitet, im Amtsjahr 2020/2021 war ich Kantonsratspräsidentin.

Mein Werdegang
Ich bin im Kosovo geboren und mit neun Jahren in die Schweiz gekommen. Nach drei Wochen Deutschkurs wurde ich in Sursee in die zweite Klasse eingeschult; die einzige Sprache, die ich im Schulzimmer verstand, war die Mathematik. Dort war ich gut und konnte den anderen Kindern helfen, was mir Selbstvertrauen gab. Als Erstes von uns fünf Geschwistern kam ich in die Sekundarschule. Obwohl ich gute Zeugnisse hatte, war es sehr schwierig, eine Lehrstelle zu finden. Als immer mehr <Schulgschpänli> trotz tieferer Noten und weniger Engagement eine Lehrstelle fanden, wurde mir klar, dass es wohl an meiner Herkunft liegen musste. Ich liess mich nicht unterkriegen: Nach einem zehnten Schuljahr und 200 Bewerbungen klappte es endlich und ich absolvierte die KV-Lehre bei ECAP Zentralschweiz, eine Institution, die sich für Bildung und Integration einsetzt. Nach dem Lehrabschluss arbeitete ich bei einer Fachstelle Integration als Sachbearbeiterin und machte nebenher die Berufsmatura, anschliessend absolvierte ich den Bachelor in Sozialer Arbeit an der Hochschule Luzern. Danach war ich als Integrationsbeauftragte des Kantons Nidwalden tätig, bevor ich den Master in Sozialer Arbeit machte.

«Ich will Menschen eine Stimme geben, die selbst keine haben. Deshalb bin ich Sozialarbeiterin und Politikerin geworden.»

Ylfete Fanaj

Mein Ansporn: Jugendliche unterstützen
Heute bin ich Bereichsleiterin Deutschschweiz bei LIFT, einem Integrationsprogramm für Jugendliche, mit erschwerender Ausgangslage beim Übergang von der Schule zum Beruf. Kernelement des Programms sind regelmässige Kurzeinsätze, sogenannte <Wochenarbeitsplätze>, in Gewerbebetrieben der jeweiligen Region. Mit etwas Glück können sich die jungen Leute während ihrer Einsätze gleich für eine Lehrstelle im Betrieb empfehlen. Zudem stärken sie durch Erfolgserlebnisse bei der praktischen Arbeit ihr Selbstwertgefühl und setzen sich aktiv mit der Arbeitswelt und der Berufswahl auseinander. Unser Ziel ist, dass möglichst alle Jugendlichen eine Anschlusslösung haben und Lehrabbrüche, Jugendarbeitslosigkeit und Sozialhilfeabhängigkeit reduziert werden.
Meine eigene Geschichte kann ein Ansporn für die jungen Leute sein, auch wenn ich nicht oft direkt mit ihnen zu tun habe. Meine Arbeit spielt sich hauptsächlich im Büro und auf der strategischen Ebene ab. Ich führe ein Team von zehn Mitarbeitenden, die mit den Schulen, die LIFT angeschlossen sind, in Verbindung stehen. Wie ein typischer Arbeitsalltag aussieht, kann ich gar nicht sagen: Ich habe meine Stelle sechs Wochen vor dem ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 angetreten, und seither war der Arbeitsablauf nie «normal». Da Praktika in der Pandemie oft nicht möglich waren, habe ich mitgeholfen, Online- und Coaching-Angebote zu entwickeln oder die 340 Partnerschulen anzurufen, um zu hören, wie es ihnen in dieser Ausnahmesituation geht.

«Man darf nie vergessen, woher man kommt und welchen Weg man hinter sich hat. Meine Erfahrungen als Seconda helfen mir in Arbeit und Politik.»

Ylfete Fanaj

Meine Berufungen: Politik und Sozialarbeit
Meine Erfahrungen als Seconda helfen mir in Arbeit und Politik. Man darf nie vergessen, woher man kommt und welchen Weg man hinter sich hat. Für mich ist das auch eine Quelle der Inspiration und etwas, was ich meinem kleinen Sohn mitgeben möchte. Neben Familie, Beruf und Politik engagiere ich mich ehrenamtlich, etwa im Vorstand von <Plan C>, wo wir junge Menschen mit Coachings aus blockierten Lebenssituation hinausbegleiten, oder im Vorstand von LISA, dem Luzerner Verein für die Interessen der Sexarbeitenden. Es erfüllt mich, gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln, und aus der Vereinsarbeit schöpfe ich wieder Ideen für die Politik.»

Ylfete Fanaj

Ylfete Fanaj ist Kantonsrätin des Kantons Luzern und Sozialarbeiterin. Im Amtsjahr 2020/2021 war sie Kantonsratspräsidentin. Weitere Informationen unter: ylfetefanaj.ch

Master in Sozialer Arbeit

Das Master-Studium in Sozialer Arbeit ermöglicht eine optimale Positionierung für anspruchsvolle Aufgaben in Praxis, Forschung sowie Lehre und eröffnet neue berufliche Aussichten dank der Kompetenz der drei kooperierenden Fachhochschulen Bern, Luzern und St. Gallen.

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Wettbewerbstipp:
Das Porträt von den Absolventinnen und Absolventen der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit heisst: «Mein sozialer Alltag»

Von: Eva Schümperli-Keller
Bild: Ingo Höhn
Veröffentlicht: 18. Juni 2022

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