Soziokultur

Das subkutane Grauen des Zweiten Weltkrieges

Das subkutane Grauen des Zweiten Weltkrieges

Feinde zu konstruieren, gehört zur Gesellschaft wie das Schmieden von Allianzen. Wenn «die Anderen» vernichtet werden sollen, herrscht Krieg. Jeder Krieg ist grausam. Dies alles müssen wir angesichts des Angriffs auf die Ukraine aktuell wieder erfahren. Eine erschreckende Parallele zur Herrschaft des Nationalsozialismus stellt dabei die von Russland betriebene «Entmenschlichung des Gegners» dar. Der Zweite Weltkrieg steht bis heute als Schrecken ohne Vergleich in der Geschichte der Menschheit. Im Holocaust verfolgte und vernichtete das nationalsozialistische Regime die jüdische Bevölkerung, systematisch und kalt. Dazu gehören die Vernichtungslager, die Deportationen, die Berufsverbote: das Entfernen eines Teils der Gesellschaft aus der eigenen Mitte.

Als erwachsene Frau hat Barbara Bonhage, Dozentin an der Hochschule Luzern, Briefe ihrer Grossmutter väterlicherseits gefunden. In der Schweiz aufgewachsen, hat Barbara Bonhage lebhafte Erinnerungen an ihren Grossvater und die Frau, welche er nach dem Tod der Briefeschreiberin geheiratet hatte. Bonhages Grossmutter ist schon 1945 an Tuberkulose verstorben. Bonhage erinnert sich an weitere Familienmitglieder und das Haus der Grosseltern in Deutschland, wo sie in den Schulferien regelmässig zu Besuch war. Die Gespräche drehten sich um Schulerfolge und Ausbildungen, Gartenpflege und Kochrezepte. Nie ging es um den Krieg. Nie kam zur Sprache, was Barbara Bonhage in den Briefen ihrer Grossmutter, die mehrheitlich an deren Schwester und die gemeinsame Mutter gerichtet waren, las: dass die Grossmutter eine glühende Nationalsozialistin der ersten Stunde war. Ebenso ihr Ehemann, der Grossvater aus Barbara Bonhages Kindheit, der nach dem Krieg schnell wieder Fuss gefasst hatte in der Mitte der Gesellschaft.

Das «gnadenlose Irren» wie Barbara Bonhage es bezeichnet, hat viel mit der Suche nach einem modernen, erfüllten Leben als Frau zu tun. Es ist diese Perspektive als Frau in einer Atmosphäre des Aufschwungs, der Modernisierung, die das Buch «Gnadenlos geirrt. Das Leben meiner Grossmutter 1907-1945» aus meiner Sicht besonders lesenswert macht. Das Grauen ist subkutan omnipräsent, obwohl an der Oberfläche kaum ein Wort von Krieg und Vernichtung handelt. Einzig der Grossvater spottet ausdrücklich über die «Nönnchen», welche als Pflegerinnen von Kriegsverletzten den Hitler-Gruss verweigern. Und die Epilepsie eines ihrer Söhne versteckt die Grossmutter vor den Behörden – zu einer Hinterfragung des Systems der Elimination von «minderwertigem Leben» führt die Krankheit des eigenen Kindes in keiner Weise.

Wie in Viola Roggenkamps Roman «Familienleben» sind es die kleinen Details, welche den Irrsinn und die Gewalt des Nationalsozialismus hervortreten lassen. Der rote Nagellack, den sich die jüdische Mutter in Roggenkamps Familienroman mit Aceton entfernt, um ja den Buchprüfer nicht zu provozieren und das Bild einer uneitlen deutschen Frau abzugeben. Begeistert kolportierte Vorschläge, das Weihnachtsfest von seinem christlich-konservativen Touch zu entschlacken und moderne Alternativen vorzuschlagen, die sich mehr an germanischen Traditionen wie dem Feiern der Wintersonnenwende orientieren bei Bonhage. Der gleichsam nachsichtige Spott über Nachbarinnen und Nachbarn, welche keine Hakenkreuzfahne ans Fenster hängen mögen. Dann die Indifferenz gegenüber der Zerstörung des lokalen jüdischen Miederwarengeschäfts – die Wäsche liegt nach der Reichskristallnacht verstreut auf der Strasse. Als nächstes ein verwackeltes Bild eines grossen Hauses im Osten, davor eine Frauenfigur mit Baby. Es ist das Haus im Osten, welches Bonhages Grossmutter mit ihrer Familie annektiert, das Schicksalder ursprünglichen Bewohnerin auf dem Foto ist unbekannt. Nicht ein Wort darüber, dass dieses Haus von einer Familie erbaut und bewohnt wurde, die eine Familie war wie die ihre. Nur die Befriedigung, dank den eigenen Verdiensten im Krieg nun standesgemäss residieren zu können.

Es ist bekannt, dass viele physisch Überlebende des Holocaust keine Worte für das Erlebte fanden, oft bis zu ihrem Tod nicht. «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch» schrieb Theodor W. Adorno in seinem Aufsatz «Kulturkritik und Gesellschaft», der im Jahr 1949 geschrieben und 1951 erstmals veröffentlicht wurde. Schweigen kann auch eine Erzählung sein. Dass auch auf der anderen Seite geschwiegen wurde, aber aus anderen Gründen, das wird durch Bücher wie jenem von Barbara Bonhage erst langsam klar. Dieses Schweigen hat viel zu lange gedauert. Mit ihrem Buch hat Barbara Bonhage das Totschweigen gebrochen. Es ist höchste Zeit dafür. In diesen Jahren sterben die letzten Zeitzeug:innen des Holocaust, aber auch jene, die den Nationalsozialismus gelebt und getragen haben als aktive Nationalsozialist:innen. Barbara Bonhage legt Zeugnis ab über ihr Erbe, trägt es weiter. Es geht nicht um Erklären, nicht um Verstehen, schon gar nicht um Rechtfertigung oder Entschuldigung. Es geht darum, diese Stimmen zu hören, die gefehlt haben nach dem Krieg, in der Kindheit und Jugend von Barbara Bonhage und allen anderen ihrer Generation. Es geht um das Zeugnis, das Bekenntnis aller Nachgekommenen: nie mehr Antisemitismus. Niemals mehr gnadenlos irren. Gesichert ist dies in keiner Weise.


Und hier noch eine aktuelle Auseinandersetzung mit der politischen Situation. Ein Beitrag von Gabi Hangartner, ehemalige Dozentin am Institut für Soziokulturelle Entwicklung.

Kunst in der Werkstatt vom 20. bis 22. Mai 2022

Die Ausstellung findet jedes Jahr in den Räumen der Schreinerei Lützelschwab an der Hauptstrasse 1 in Möhlin statt.

Mehr Info im Flyer.

Das Plakat «Nie wieder Krieg» (1924) von Käthe Kollwitz und ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Kriegen waren für mich Trost und Inspiration.
So versuchte ich, durch das Zeichnen mit den Menschen im Krieg in der Ukraine mitzufühlen und still ihr Leid wahrzunehmen. Ich fand einen Weg, die äussere und innere Bilderflut während der Arbeit «anzuhalten» und einen Raum zu schaffen. Video

Dieser Artikel wurde am 19. Mai 2022 von Simone Gretler Heusser verfasst und auf dem Soziokulturblog veröffentlicht.

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    2 Kommentare

    Annette Dietrich

    Liebe Simone. Vielen Dank für deinen interessanten, tollen Beitrag. Ich habe im Rahmen meiner CAS Abschlussarbeit des CAS Lebensgeschichten/ Lebenserzählungen die Autorin Barbara Bonhage interviewt und über ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte im Kontext von Scham und Schuld geschrieben, was für mich als Zugewanderte mit deutschen Wurzeln besonders berührend war. Vielleicht hast du mal Lust bei einem Kaffee dazu auszutauschen. Herzlicher Gruss Annette

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    Tom Steiner

    Liebe Simone Wieder mal ein grossartiger Beitrag von Dir. Danke! Herzliche Grüsse Tom

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