Soziokultur

Eine Antwort auf Rassismusvorwürfe, Blackfacing und beleidigte weisse Männer

Eine Antwort auf Rassismusvorwürfe, Blackfacing und beleidigte weisse Männer

Derzeit ist das Thema Rassismus äusserst präsent und es ist von grosser Bedeutung, dass wir uns alle damit auseinandersetzen. Rahel El-Maawi, Mani Owzar und Tilo Bur haben dazu das Buch «No to Racism» verfasst, eine wertvolle Reflexionshilfe auch für die Soziale Arbeit. Es kommt darauf an, antirassistisch zu handeln!

Im Vorwort zu «No To Racism» schreibt Tupoka Ogette: «Die meisten Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sind keine Rassist*innen. Alle Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind rassistisch sozialisiert.» Wir alle sind in eine Welt geboren, «die sich seit vielen Jahrhunderten in einer rassistischen Schieflage befindet.» (El Maawi et al. 2022:5)

Blackfacing am Zürcher Sechseläuten, Rassismusvorwürfe beim Schweizer Fernsehen und ein Mundartsänger, den es «verletzt», wenn ihm «Homophobie, Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit» vorgeworfen werden. Beim Blättern und Scrollen in der schweizerischen Medienlandschaft ist das Thema Rassismus gerade sehr präsent. Und zwar in einer bestimmten Form: die Bühne gehört durch ihren Beruf relativ bekannten weissen Männern, die Rassismusvorwürfe entsetzt von sich weisen. Selbsternannte journalistische Schiedsgerichte suchen «Kontext». Der Kontext, den sie finden: Etwas, was rassistisch verstanden werden könnte (zum Beispiel die Aussage, der Captain der Schweizer Fussballnationalmannschaft sei kein Schweizer) sei positiv gemeint im Sinn von «er ist kein Spiesser und Kleinkarierter». «Spiesser» und «Tüpflischiisser» als Synonyme für «Schweizer». Aha! Wie gut! Ja, klar!, raunt es alsdann unter den etablierten Journalist*innen (von denen wahrscheinlich nicht wenige denken, zum Glück ist das dem passiert und nicht mir), war ja positiv gemeint. Alles gut, gehen wir zur Tagesordnung über, war ja ein Kompliment, kein Rassismus. Als einziges Problem bleibt noch zu klären, was der betroffene Journalist seinem neunjährigen Sohn sagen soll, falls dieser beispielsweise in der Schule hören sollte, sein Vater sei dann im Fall ein Rassist?

Alles klar? Eben nicht. Das Verhalten von Mundartsänger Gölä und Sportkommentator Sascha Ruefer, die Protagonisten der beiden oben genannten Beispiele, illustrieren ganz gut, was mit white fragility gemeint ist: wer Rassismus benennt, wird eingeschüchtert und lächerlich gemacht. Menschen, die keinem Rassismus ausgesetzt sind, erhalten so implizit «weisse Solidarität (…) aufrecht». Anstatt sich «gegenseitig in die Verantwortung (zu nehmen), was Rassismus betrifft», gilt «die unausgesprochene Abmachung, dass weisse Privilegien beschützt werden müssen», schreibt Tupoka Ogette in ihrem wegweisenden Buch Exit Racism. Die aktuelle Kampagne der Migros macht es besser. Sie spielt auch mit Klischees. Auf dem «Tüpflischiisser»-Plakat sieht man eine Hand mit Kugelschreiber und eine Liste auf einem Klemmbrett; das «Paradies für Streber»-Plakat zeigt einen Stapel Bücher und ein lachendes, weisses, männlich gelesenes Gesicht. Die Kampagne überlässt es den Betrachter*innen, ob sie sich zugehörig fühlen wollen oder nicht. Also kann jede*r selbst entscheiden, ob mensch sich auch ein wenig streberisch oder pingelig fühlt oder nicht.

Auch positive Zuschreibungen sind rassistisch

Und das ist das Problem der «positiv gemeinten» Aussagen: sie sprechen Menschen etwas zu oder ab. Tupoka Ogette bezeichnet solche Zuschreibungen («Du hast die Musik im Blut!»), Absprachen («Du kannst aber gut Deutsch!») oder Kulturalisierungen («Die Eltern machen sicher viel Druck!») als Mikroaggressionen (El Maawi et al. 2022:64). Es ist das, was «Generationen von Menschen seit Jahrzehnten tagtäglich zu spüren bekommen – sei es beim Schulübertritt oder bei der Stellen- oder Wohnungssuche, um nur eine grobe Aufzählung struktureller Diskriminierung zu machen», wie Albina Muhtari schreibt, Gründerin und Chefredaktorin des Online-Magazins baba news. Manchmal ist es eine für sich gesehen kleine Begebenheit, welche der eine kleine Stich zu viel ist. Die Schwarze Frau, welcher der Bus vor der Nase wegfährt, empfindet diese Begebenheit eher als rassistisch, wenn sie schon viele Mikroaggressionen über sich ergehen lassen musste. So kann es dazu kommen, dass sie Rassismus empfindet, wo nur der Fahrplan eingehalten wurde (zugegeben, etwas «tüpflischiisserisch»).

Gegen Rassismus aktiv werden, eine rassismuskritische Haltung entwickeln, das hat also auch ganz viel mit Interaktion und Reflexion zu tun. Und mit der Art und Weise, wie wir diese gestalten. Die Schriftstellerin Iljemona Oluo bringt es auf den Punkt: «Das Schöne an Antirassismus ist, dass Sie nicht so tun müssen, als wären Sie frei von Rassismus, um Antirassist zu sein. Antirassismus ist die Verpflichtung, Rassismus zu bekämpfen, wo immer Sie ihn finden, auch in sich selbst. Und das ist der einzige Weg nach vorne.» (El-Maawi 2022:73)

Gegen Rassismus angehen, auch in der Hochschule

Die Soziokulturelle Animatorin Rahel El-Maawi hat zusammen mit Mani Owzar und Tilo Bur das Buch No to Racism. Grundlagen für eine rassismuskritische Schulkultur geschrieben. «No To Racism» ist für den Schulkontext geschrieben. Es gehört nämlich zum Berufsauftrag von Lehrpersonen, «ein inklusives Lernumfeld zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche Respekt gegenüber anderen und ‘Andersartigen’ lernen können.» (El-Maawi et al. 2022:10). Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren hält schon 2015 fest, dass Rassismuskritik und -prävention, wie jede Form von Diskriminierungssensibilisierung, «entscheidend für die soziale Nachhaltigkeit» seien (ebda.). Geschrieben ist «No to Racism» für die Schule. Der Inhalt lässt sich jedoch problemlos übertragen in die Hochschule oder auch in den Arbeitskontext generell, insbesondere in Lehrbetriebe. «No to Racism» richtet sich an Lehrende und wartet mit zahlreichen Checklisten, Handlungsanleitungen und Reflexionsübungen auf. Auch Definitionen und Herleitungen von Begriffen und Konzepten rund um eine rassismuskritische Haltung sowie ein Glossar sind im Buch enthalten. So gibt das Buch eine pragmatische Hilfestellung im Alltag, ohne die grosse strukturelle Dimension auszulassen.

Durch das ganze Werk, das sich sowohl nach einzelnen Kapiteln als auch klassisch von vorne nach hinten lesen lässt, ziehen sich zwei Grundbotschaften:

  1. Unsere Welt und damit wir alle sind von Rassismus geprägt.
  2. Wir alle können und müssen gegen Rassismus ankämpfen.

Antirassistisches Handeln und eine Haltung gegen Diskriminierung sind in der Sozialen Arbeit – glücklicherweise – nicht ganz neu; aber auch noch lange nicht etabliert. Im letzten Jahr wurde der RAKSA-Appell für eine rassismuskritische Weiterentwicklung der Lernkultur in der Sozialen Arbeit lanciert. Und diesen Januar fand an der HSLU die internationale Studienwoche zum Thema «Diaspora» statt. Diskutiert wurden dabei auch transkulturelle Verflechtungen und Prozesse des Othering, Konstruktionen der abgewerteten «Anderen»; abgewertet, weil sie nicht ganz dazugehören. Eine Erfahrung, die migrantisierte Menschen tagtäglich machen. «No To Racism» nimmt bezüglich der Beurteilung und Schulselektion Bezug auf den SCALA-Ansatz. In diesem Forschungsprojekt der Fachhochschule Nordwestschweiz erfahren Lehrpersonen, welche Bedeutung die verbreitete, (teilweise unbewusste) niedere Erwartungshaltung von Lehrpersonen gegenüber Schwarzen Schüler*innen hat. Dieser Ansatz lässt sich m.E. auf den Hochschulkontext übertragen und zeigt: es gibt noch viel zu tun.

Eine rassismuskritische Haltung entwickeln ist ein Prozess

Rahel El-Maawi, Mani Owzar und Tilo Bur halten in ihrem Buch fest, dass sich die Entwicklung einer rassismus- und diskriminierungskritischen Haltung (wiederum nach Tupoka Ogette) in fünf idealtypische Phasen unterteilt:

  1. In der ersten Phase wird Rassismus negiert, «bei uns gibt es keinen Rassismus»;
  2. Die zweite Phase ist durch Widerstand geprägt. Die eigene Verletzlichkeit wird priorisiert, es findet ein derailing statt. Das bedeutet so viel wie umleiten, ablenken. Es wird von Rassismus abgelenkt mit Aussagen wie: «die Unterdrückung von Frauen ist noch das viel grössere Problem»;
  3. Im dritten Schritt folgt die Scham. Typische Aussagen in dieser Phase sind etwa: «Ich habe es mir nicht ausgesucht, weiss zu sein, ich sage jetzt nichts mehr.» Das rassistische System, in welchem wir alle leben, wird durch Nicht-Intervenieren aufrechterhalten und stabilisiert (siehe auch die aktuellen Beispiele am Anfang dieses Textes);
  4. Es folgt die Phase der Schuld: «Ich kann ja auch nichts dafür, dass ich nichts über Rassismus gelernt habe. Meine Familie hat nichts gehabt vom Sklavenhandel.»;
  5. In Phase fünf schliesslich erfolgt die Anerkennung von Rassismus. Es bildet sich ein Verständnis für die rassistische Strukturierung unserer Gesellschaft. Typische Aussagen dieser Phase sind: «Ich bin bereit, mein Handeln zu reflektieren und mich antirassistisch zu positionieren.»

Als weisse Menschen (weiss und schwarz sind im Kontext von Antirassismus übrigens als soziale Kategorien zu verstehen) können wir Verbündete rassifizierter Menschen sein, Allianzen bilden (Allyship). (El-Maawi et al. 2022:23)

Im Buch von Rahel El-Maawi, Mani Owzar und Tilo Bur gibt es eine Reihe von Zitaten und prägnanten Aussagen, so auch diese der bekannten Schriftstellerin Audre Lorde. Sie sagt: «Dein Privileg ist kein Grund für Schuld. Es ist Teil deiner Macht, die du zur Unterstützung der Dinge nutzen kannst, an die du glaubst.» (El-Maawi et al. 2022:116)

Die Checkliste für rassismuskritisches Handeln für Schulakteur*innen (El-Maawi et al. 2022:111) ist problemlos auf den Hochschulkontext und damit die Ausbildung der Sozialen Arbeit übertragbar:

  • Überprüfe Deine eigene Position. Werde dir der Perspektiven bewusst.
  • Verstehe, dass (rassistische) Gesellschaftsstrukturen auch im (Hoch-) Schulkontext wirkmächtig sind.
  • Verstehe, dass Intention nicht gleich Wirkung ist.
  • Fehler passieren. Lerne mit ihnen umzugehen und sie zu vermeiden.
  • Berücksichtige Schulakteur*innen, die von Diskriminierungsformen betroffen sind, aber gib deine Verantwortung nicht ab.

Nutzen wir unser Privileg und packen wir’s an!

Von: Simone Gretler Heusser
Bild: Adobe Stock
Veröffentlicht: 8. Mai 2023

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